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76_IV_259

BGE 76 IV 259

Bundesgericht (BGE) ·IV · 1950-12-01 · Deutsch CH
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Sachverhalt

Das Obergericht des Kantons Thurgau verurteilte

Schmucki am 11. September 1947 wegen fahrlässiger Tö-

tung und Übertretung des Motorfahrzeuggesetzes zu drei

Monaten Gefängnis, schob den Vollzug bedingt auf und

setzte dem Verurteilten fünf Jahre Probezeit. Am 25. Sep-

tember 1947 liess Schmucki an der Bezirksviehschau in

Gommiswald ein Rind prämieren; das unberechtigterweise

eine Ohrmarke trug, die ihm Frau Schmucki eingesetzt

hatte, und erschwindelte dadurch einen Gutschein für eine

Barprämie von Fr. 4.-. Am 13. April 1950 büsste ihn

daher das Kantonsgericht von St. Gallen wegen Betruges

mit Fr. 100.-. Gestützt auf diese Verurteilung erklärte

das Obergericht des Kantons Thurgau am 19. Oktober

1950 die am 11. September 1947 ausgesprochene Gefäng-

nisstrafe als vollziehbar. Es führte aus, der Richter sei

nach Art. 41 Ziff. 3 StGB zur Anordnung des Vollzuges

verpflichtet, wenn der Verurteilte, wie das hier zutreffe,

während der Probezeit vorsätzlich ein Verbrechen oder ein

Vergehen begangen habe.

B. -

Schmucki führt Nichtigkeitsbeschwerde mit den

Anträgen, der Entscheid vom 19. Oktober 1950 sei aufzu-

heben, eventuell seien die Akten zu neuer Beurteilung an

das thurgauische Obergericht zurückzuweisen, subeven-

tuell sei das Urteil bis zum Inkrafttreten des Bundesge-

setzes vom 5. Oktober 1950 betreffend Abänderung des

schweizerischen Strafgesetzbuches aufzuschieben. Er ver-

tritt die Auffassung, dass der Kassationshof mit Rücksicht

auf das bevorstehende Inkrafttreten dieses Gesetzes auf

die strenge Rechtsprechung zu Art. 41 Ziff. 3 zurückkom-

men sollte. Das würde zur Aufhebung des angefochtenen

Verfahren. N• 55.

261

Entscheides führen, weil der Betrug vom 25. September

194 7 ein besonders leichter Fall im Sinne des neuen

Art. 41 Zifi. 3 Abs. 2 StGB sei. Die subsidiär beantragte

Verschiebung der Beurteilung würde erlauben, nach dem

Inkrafttreten dieser Bestimmung das mildere neue Recht

anzuwenden.

Der Kassationshof zieht

Erwägungen (2 Absätze)

E. 1 Nach Art. 41 Ziff. 3 StGB lässt der Richter die Strafe vollziehen, wenn der Verurteilte während der Probe- zeit vorsätzlich ein Verbrechen oder Vergehen begeht. Nach ständiger Rechtsprechung des Bundesgerichts ist diese Voraussetzung auch erfüllt, wenn das während der Probezeit begangene Verbrechen oder Vergehen bloss mit Haft oder Busse gesühnt wird (BGE 72 IV 51; 74 IV 15). Die neue Fassung der Bestimmung durch Bundesgesetz vom 5. Oktober 1950 kann, solange sie nicht in Kraft getreten ist, nicht angewendet werden, noch vermag sie an der nach dem alten Wortlaut einzig möglichen Aus- legung etwas zu ändern. Der angefochtene Entscheid ver- letzt das zur Zeit geltende Gesetz nicht; der Beschwerde- führer hat während der ihm auferlegten Probezeit vorsätz- lich ein Verbrechen begangen, hat also die bedingt aufge- schobene Strafe vom 11. September 1947 zu verbüssen.

E. 2 -Nichtigkeitsbeschwerden, die nach geltendem Recht unbegründet sind, hat der Kassationshof abzuweisen. Es fehlt eine rechtliche Grundlage, mit der Beurteilung bis nach Inkrafttreten eines neuen Gesetzes zuzuwarten. Die Verschiebung würde zudem dem Beschwerdeführer nichts nützen, weil auch dann das Bundesgericht nicht nach neuem Recht urteilen dürfte. Der Kassationshof ist nicht Sachrichter, sondern hat bloss zu prüfen, ob die kantonale Behörde auf den von ihr festgestellten Tatbestand das damals geltende Recht richtig angewendet hat. Dem ent- spricht, dass die Nichtigkeitsbeschwerde nicht von Ge- setzes wegen aufschiebende Wirkung hat. Trotz Einlegung des Rechtsmittels bleibt der kantonale Entscheid voll- 262 Verfahren. No 56. streckbar, wenn nicht der Kassationshof oder dessen I>rä- sident die Vollstreckung aufschiebt (Art. 272 letzter Ab- satz BStP). Eine Vollstreckung, die danach zulässig war, kann aber nicht nachträglich dadurch ungerechtfertigt werden, dass zur Zeit der Beurteilung der Nichtigkeits- beschwerde anderes Recht gilt als bei der Beurteilung durch den Sachrichter. Die Rechtslage ist in dieser Be- ziehung ähnlich wie bei der Verfolgungsverjährung, die mit der Fällung des kantonalen Urteils aufhört (BGE 72 IV 106, 164; 73 IV 13). Anders wäre es nur, wenn das neue Gesetz rückwirkende Kraft auch gegenüber Entscheiden beanspruchen würde, die unter der Herrschaft des alten Rechts gefällt wurden. Das trifft nicht zu. Demnach erkennt der Ka.ssationshof : Die Nichtigkeitsbeschwerde wird abgewiesen.

Volltext (verifizierbarer Originaltext)

55. Auszug aus dem Urteil des Kassationshofes vom 1. Dezem-

ber 1950 i. S. Sehmueki gegen Staatsanwaltschaft des Kantons

Thurgau.

Art. 2 Abs. 2 StGB, Art. 269 Abs. 1 BStP. Wenn das kantonale

Urteil unter altem Recht gefällt worden ist, kann der Kassa-

tionshof auf Nichtigkeitsbeschwerde hin nicht milderes neues

Recht anwenden.

260

Verfahren. No 55.

Art. 2 al. 2 OP et 269 al. 1 PPF. Lorsque le jugement canton'll a.

ete rendu SOUS }'empire de l'ancien droit, Ja Cour de cassation

saisie d'un pourvoi en nullit6 ne peut appliquer le droit nou-

veau plus favorable au condamne.

Art. 2 cp. 2 OP e art. 269 cp. 1 PPF. Quando la sentenza cantonale

e stata prolata in base al vecchio diritto, la Corte di cassazione

non puo applicare, su ricorso del oondannato, il nuovo diritto

ehe gli e piu favorevole.

A. -

Das Obergericht des Kantons Thurgau verurteilte

Schmucki am 11. September 1947 wegen fahrlässiger Tö-

tung und Übertretung des Motorfahrzeuggesetzes zu drei

Monaten Gefängnis, schob den Vollzug bedingt auf und

setzte dem Verurteilten fünf Jahre Probezeit. Am 25. Sep-

tember 1947 liess Schmucki an der Bezirksviehschau in

Gommiswald ein Rind prämieren; das unberechtigterweise

eine Ohrmarke trug, die ihm Frau Schmucki eingesetzt

hatte, und erschwindelte dadurch einen Gutschein für eine

Barprämie von Fr. 4.-. Am 13. April 1950 büsste ihn

daher das Kantonsgericht von St. Gallen wegen Betruges

mit Fr. 100.-. Gestützt auf diese Verurteilung erklärte

das Obergericht des Kantons Thurgau am 19. Oktober

1950 die am 11. September 1947 ausgesprochene Gefäng-

nisstrafe als vollziehbar. Es führte aus, der Richter sei

nach Art. 41 Ziff. 3 StGB zur Anordnung des Vollzuges

verpflichtet, wenn der Verurteilte, wie das hier zutreffe,

während der Probezeit vorsätzlich ein Verbrechen oder ein

Vergehen begangen habe.

B. -

Schmucki führt Nichtigkeitsbeschwerde mit den

Anträgen, der Entscheid vom 19. Oktober 1950 sei aufzu-

heben, eventuell seien die Akten zu neuer Beurteilung an

das thurgauische Obergericht zurückzuweisen, subeven-

tuell sei das Urteil bis zum Inkrafttreten des Bundesge-

setzes vom 5. Oktober 1950 betreffend Abänderung des

schweizerischen Strafgesetzbuches aufzuschieben. Er ver-

tritt die Auffassung, dass der Kassationshof mit Rücksicht

auf das bevorstehende Inkrafttreten dieses Gesetzes auf

die strenge Rechtsprechung zu Art. 41 Ziff. 3 zurückkom-

men sollte. Das würde zur Aufhebung des angefochtenen

Verfahren. N• 55.

261

Entscheides führen, weil der Betrug vom 25. September

194 7 ein besonders leichter Fall im Sinne des neuen

Art. 41 Zifi. 3 Abs. 2 StGB sei. Die subsidiär beantragte

Verschiebung der Beurteilung würde erlauben, nach dem

Inkrafttreten dieser Bestimmung das mildere neue Recht

anzuwenden.

Der Kassationshof zieht in Erwägung:

1. -

Nach Art. 41 Ziff. 3 StGB lässt der Richter die

Strafe vollziehen, wenn der Verurteilte während der Probe-

zeit vorsätzlich ein Verbrechen oder Vergehen begeht.

Nach ständiger Rechtsprechung des Bundesgerichts ist

diese Voraussetzung auch erfüllt, wenn das während der

Probezeit begangene Verbrechen oder Vergehen bloss mit

Haft oder Busse gesühnt wird (BGE 72 IV 51; 74 IV 15).

Die neue Fassung der Bestimmung durch Bundesgesetz

vom 5. Oktober 1950 kann, solange sie nicht in Kraft

getreten ist, nicht angewendet werden, noch vermag sie

an der nach dem alten Wortlaut einzig möglichen Aus-

legung etwas zu ändern. Der angefochtene Entscheid ver-

letzt das zur Zeit geltende Gesetz nicht; der Beschwerde-

führer hat während der ihm auferlegten Probezeit vorsätz-

lich ein Verbrechen begangen, hat also die bedingt aufge-

schobene Strafe vom 11. September 1947 zu verbüssen.

2. -Nichtigkeitsbeschwerden, die nach geltendem Recht

unbegründet sind, hat der Kassationshof abzuweisen. Es

fehlt eine rechtliche Grundlage, mit der Beurteilung bis

nach Inkrafttreten eines neuen Gesetzes zuzuwarten.

Die Verschiebung würde zudem dem Beschwerdeführer

nichts nützen, weil auch dann das Bundesgericht nicht nach

neuem Recht urteilen dürfte. Der Kassationshof ist nicht

Sachrichter, sondern hat bloss zu prüfen, ob die kantonale

Behörde auf den von ihr festgestellten Tatbestand das

damals geltende Recht richtig angewendet hat. Dem ent-

spricht, dass die Nichtigkeitsbeschwerde nicht von Ge-

setzes wegen aufschiebende Wirkung hat. Trotz Einlegung

des Rechtsmittels bleibt der kantonale Entscheid voll-

262

Verfahren. No 56.

streckbar, wenn nicht der Kassationshof oder dessen I>rä-

sident die Vollstreckung aufschiebt (Art. 272 letzter Ab-

satz BStP). Eine Vollstreckung, die danach zulässig war,

kann aber nicht nachträglich dadurch ungerechtfertigt

werden, dass zur Zeit der Beurteilung der Nichtigkeits-

beschwerde anderes Recht gilt als bei der Beurteilung

durch den Sachrichter. Die Rechtslage ist in dieser Be-

ziehung ähnlich wie bei der Verfolgungsverjährung, die

mit der Fällung des kantonalen Urteils aufhört (BGE 72 IV

106, 164; 73 IV 13). Anders wäre es nur, wenn das neue

Gesetz rückwirkende Kraft auch gegenüber Entscheiden

beanspruchen würde, die unter der Herrschaft des alten

Rechts gefällt wurden. Das trifft nicht zu.

Demnach erkennt der Ka.ssationshof :

Die Nichtigkeitsbeschwerde wird abgewiesen.