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70_IV_157

BGE 70 IV 157

Bundesgericht (BGE) · 1944-01-01 · Deutsch CH
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Volltext (verifizierbarer Originaltext)

156

Strafgesetzbuch. Ni> 40.

besonders betont, insbesondere wenn es ihn einschränkend

bezeichnet, dann bedeutet dles, dass di~ Tat straflos zu

bleiben hat, wenn sich· ihre Ausführung nicht gegen einen

Gegenstand in diesen Schranken richtet, und darum kann

sie nicht dennoch als Versuch am untauglichen Objekt

strafbar sein. So liegt, wenn der Beischlaf mit dem Kinde

unter sechzehn Jahren strafbar erklärt ist (Art. 191), darin

die negative Entscheidung, dass der Beischlaf mit der

Sechzehnjährigen nicht als untauglicher Versuch bestraft

werden darf, der Beischläfer mag noch so fest der Über-

zeugung und willens gewesen sein, es mit einem Kinde

unter sechzehn Jahren zu tun zu haben. Oder würde der

Gesetzgeber die Tötung am lebenden Kind als Kindestötung

(Art. 116) unter Strafe gestellt haben, so hätte er damit

betont, dass der Tötungsversuch am totgeborenen nicht

als Versuch am untauglichen Objekt bestraft werden

dürfe. Genau so liegt eine negative Entscheidung gegen

die Strafbarkeit des untauglichen Versuchs der Abtreibung

darin, dass die Schwangerschaft als Tatbestandsmerkmal

hervorgehoben ist (ebenso THORMANN-0VERBECK, Komm.

StGB Art. ll9 N. 7). Es wäre übrigens ein erstaunlicher

Widerspruch, die Selbstabtreiberin gemäss dem eindeu -

tigen Text von Art. Il8 bei bloss vermeintlicher Schwan-

gerschaft straflos zu lassen, aber den Dritten, dessen. sie

sich zur Abtreibung bedient, z. ~-den Arzt, der nach den

Regeln der Kunst vorgeht, zu bestr~fen.

In gleicher Weise folgerte die obzitierte französische

·Gerichtspraxis aus gleichem Gesetzestext (femme enceinte)

die Strafloi;;igkeit des Abtreibungsversuchs bei fehlender

Schwangerschaft und bedurfte es in Frankreich einer

Gesetzesänderung (decret du 29 juillet 1939, art. 82 :

femme enceinte ou supposee enceinte), um seine Strafbar-

keit herzustellen. Anderseits kann die Rechtsprechung des

deutschen Reichsgerichts, welche den Abtreibungsversuch

an der Nichtschwangern schon immer bestrafte, obschon

die frühere Fassung des § 218 RStGB ebenfalls die« Schwan-

gere>> nannte (heute bezeichnenderweise abgeändert in

Strafgesetzbuch. N<> 41.

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<<Frau))), nicht zum Vergleiche herangezogen werden, denn

sie geht gerade von der für das StGB oben abgelehnten

Auffassung aus, dass der Ausdruck

cc Schwangere)) im

Text des deutschen Gesetzes keine andere Bedeutung als

<c Frauensperson)) habe (RGE 47 66). Wohl huldigt im

übrigen das deutsche Reichsgericht einem Begriff des Ver-

suchs, der nicht einmal vor einem eigens betonten gesetz-

lichen Tatbestandsmerkmal Halt macht, sondern auch

hier genügen lässt, dass es in der Vorstellung des Täters

vorhanden ist, so dass sogar der Beischläfer im obigen Bei-

spiel des untauglichen Versuchs schuldig wird (RGE 39

316). Allein diese logisch bis ins Extrem befolgte subjek-

tive Auffassung des Versuchs widerspricht allzusehr dem

Rechtsgefühl, um sie Art. 23 StGB zugrunde zu legen.

Sie ist auch von der I. Expertenkommission anlässlich der

Beratung des Art. 14 VE 1893 = 19 StGB unmissverständ-

lich abgelehnt worden (Prot. 1 82 /88, 98, 2 385 /6).

Nicht entscheidend ist, dass der Kassationshof heute an

der Auffassung nicht festhält, dass es ohne Gegenstand, an

dem die Ausführung versucht wird, einen strafbaren un-

tauglichen Versuch überhaupt nicht gebe. Es gibt Fälle

des Angriffs auf einen fehlenden Gegenstand, die allge-

mein als untaugliche Versuche bezeichnet werden und von

denen mit Gewissheit feststeht, dass der Gesetzgeber sie

erfassen wollte, wenn er einmal den objektiven Versuchs-

begriff aufgab. Das verbietet, die gesetzliche Definition

des Versuchs am unta~glichen Gegenstande in Art. 23

wörtlich zu nehmen.

41. Auszug aus dem Urteil des Kassationshofes

vom 14. Juli 1944 i. S. Bachmann gegen Staatsanwaltschaft

des Kantons Solothurn.

Art. 191 Zifj. 1 Abs. 1.

Wer das Glied an die Scheide de;; Kinde;; führt, um den Beischlaf

auszu.üben, jedoch wegen u,ngenügender Entwicklung des

Kindes nicht eindringen kann, ist der beischlaf;;ähnlichen

Handlung, nicht des BeischlafsYPrsuchs,,;chnldig:.

158

Strafgesetzbuch. :;o.:o 41.

Eine Handlung ist nicht beischlafsähnlich, wenn der Geschlechts-

teil des männlichen Täters das Kind nicht berührt.

Art. 191 eh. al. 1 CP.

.

Cehü quj approche son membre du vagin de la fillette, mais ne

peu.t accomplir l'acte sexu.el a cau.se du. developpement insuffi-

sant de l'enfant, se rend coupablc d'u.n acte analogue a l'acte

sexuel, et non pas d'u.ne tentative d'acte sexu.el.

On n'est pas en presence d'u.n acte analogue a l'acte sexu,el lors-

que Ies parties de l'at\teur male n'ont pas tou.che l'enfant.

Art. 191, cifra 1, cp. 1 CP.

.

Chi ayvicina _il su.o membro alla vagina d'u~a fanciulla, ma non

puo compiere l'atto sessu.aie per l'insu.fficiente sviluppo della

fanciu.lla, commette u,n atto anaiogo a qu,ello sessu.ale e non

u,n tentativo d'atto sessuale.

Non !Ji e ·in presenza d'u,n atto analogo a quello sessu.ale se il

membro non ha toccato Ja fanciulla.

Aus den Erwägungen:

l. -

Art. 191 Ziff. l StGB stellt die beischlafsähnlichen

Handlungen mit einem Kinde dem Beischlaf gleich.

Welche Handlungen als beischlafsähnlich aufzufassen

sind, sagt das Gesetz nicht. Dass der Gesetzgeber den

Begriff im weitesten Sinne verstanden habe, so dass als

beischlafsähnlich jede Handlung gelten müsste, die sich

mit Beischlaf auch nur entfernt vergleichen lässt, etwa

wegen der Bewegungen, welche der Täter dabei ausführt,

oder wegen der Befriedigung, die er in seiner Tat findet,

kann schon deshalb nicht angenommen werden, weil

Art. 191 StGB unter Ziffer 2 eine Bestimmung gegen

<< andere unzüchtige Handlungen)) enthält, also sämtliche

Abarten und Entartungen des geschlechtlichen Genusses

an einem Kinde auch bei einschränkender Auslegung des

Begriffs der beischlafsähnlichen Handlung strafrechtlich

zu erfassen erlaubt. Zurückhaltung ist am Platze, weil

die beischlafsähnliche Handlung mit einem Kinde auch

den unbescholtensten Täter Inindestens für ein Jahr ins

Zuchthaus bringt, während andere unzüchtige Handlungen

eine wesentlich mildere Bestrafung (Gefängnis) und die

Gewährung des bedingten Strafvollzuges gestatten, ohne

in schweren Fällen Zuchthaus überhaupt aus;~chliessen.

Trotz dieser Zurückhaltung, welche den Kassationshof

Strafgeset.zbuch. ::ii 0 41.

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veranlasst hat, eine Handlung mit einem Kinde jedenfalls

dann nicht als beischlafsähnlich zu betrachten, wenn sie

der natürlichen Vereinigung von Mann und Frau im

Zeugungsakte nicht wenigstens dadurch gleicht, dass der

männliche Täter das Kind mit dem Geschlechtsteil berührt

(Urteil vom 26. Mai 1944 i. S. Nägeli), ist im vorliegenden

Falle die Beischlafsähnlichkeit zu bejahen. Der Beschwerde-

führer, der den Beischlaf ausüben wollte, hat versucht,

mit seinem Gliede in die Scheide des Mädchens einzu -

dringen. Dies gelang ihm lediglich deshalb nicht, weil das

Mädchen nicht genügend entwickelt war.

Gerade solche

Fälle weisen selbst bei weitester Einschränkung des

Begriffs der beischlafsähnlichen Handlung. alle Merkmale

einer solchen auf, denn der Täter macht alles, was bei

normaler Beschaffenheit des Opfers zum Beischlaf führen

müsste (vgl. Protokoll der II. Expertenkomtnission 4 S.

41 Votum RoHR). Hier in erster Linie hat jener Begriff

und die Gleichstellung der beischlafsähnlichen Handlung

Init dem Beischlaf einen Sinn, weil sonst die Anwend-

barkeit des Art. 191 Ziff. 1 von der Entwicklung des

Opfers abhinge und der Täter gerade in den Fällen, wo

das Kind wegen unvollendeter Entwicklung am wirk-

samsten geschützt werden muss, am günstigsten wegkäme.

Wo im übrigen die Grenze zwischen den beischlafs-

ähnlichen und den anderen unzüchtigen Handlungen zu

ziehen ist, kann für heute dahingestellt bleiben. Insbe-

sondere braucht nicht entschieden zu werden, ob auch

die Einführung des Gliedes des Täters in den After oder

den Mund des Opfers beischlafsähnlich ist, wie in der

zweiten Expertenkommission gesagt wurde (Protokoll 4

41) und auch das Militärkassationsgericht bei der Aus-

legung des Art. 156 Ziff. l MStG annimmt (MKGE 3

Nr. 70).

2. -

Die Gleichstellung der beischlafsähnlichen Hand-

1 ung mit dem Beischlaf schliesst in Fällen wie dem vor-

liegenden die Anwendung der Bestimmungen über den

Versuch aus. Der versuchte Beischlaf weist hier alle

160

Strafgesetzbuch.·N° 42.

Merkmale der vollendeten beischlafsähnlichen Handlung

auf. Die Anwendung der Bestimmung über den Versuch

hätte zur Folge, da"ss der Täter, der es auf den Beischlaf

~bgesehen hat, milder bestraft werden könnte als einer,

dessen Absicht nur auf Vornahme einer beischlafsähnlichen

Handlung geht.

42. Extrait de l'arret de la Cour de eassation penale du 15 sep-

tembre 1.944 en la cause Iseher c. Proeureur generaI du Canton

de Fribourg.

Attentat a la pudeur de mineurs tiges de plus de seize ans (art. 192

CP). Erreur de d!roit (art. 20 CP).

1. L'acte demeure punissable lorsque l'auteur a promis le mariage

a la personne mineure.

2. L 'opinion regnant dans certains milieux et dans certaines regiom;;

du pays d'apres laql\elle les relatiom; intimes entre fiances sont

permises peut, le cas echeant, induire en erreur cel-ui qui oommet

l'acte sexuel, dans les conditions de l'art. 192 CP, avec m1e

mine11re de pln,s de seize ans qui est sa fiancee.

Unzucht rtvit unmündigen Pfiegebejohle;nen von mehr als sechzehn

Jahren (Art. 192 StGB). Rechtsirrtwm (Art. 20 StGB).

1. Die Tat ist auch strafbar, wenn der Täter der Pflegebefohlenen

die Ehe versprochen hat.

2. Die in gewissen Kreisen u.nd Landesgegenden herrschende

Auffassm1g, der Beischlaf unter Verlobten sei erlaubt, kann

gegebenenfalls den, der unter den Vorau.ssetzu,ngen des Art. 192

StGB seiner minderjährigen Braut beiwohnt, in Irrtu,m ver-

setzen.

Atti di lib'idine B'lt minori d'oltre sedici anni (art. 192 CP). Errore

di, diritto (art. 20 CP).

·

l. L'atto e punibile anche se l'autore 'ha promesso il matrimonio

alla minorenne.

2. L'opinione professata in certi ambienti e in certe regioni del

paese, secondo la quale le relazioni intime tra fidanzati sono

permesse, puo eventualmente indurre in errore chi oomm~tte

l'atto sess1,ale, nelle condizioni dell'art. 192 CP, con una mmo-

rPnne di oltre sedici anni ehe sia la sua fidanzata.

.A. -

Le 4 avril 1937, Frieda Scheurer, nee le 9 juillet

1921, est entree comme apprentie chez le coifieur Hans

Ischer, a Morat, sur la base d'un contrat d'apprentissage

conclu pour trois ans.

Une liaison se noua entre Ischer et son apprentie et,

des le debut de l'annee 1939, lscher eut avec Frieda

Strafgesetzbuch. No 42.

161

Scheurer, alors agee de 17 ans et demi, des relations

sexuelles. Apres les premieres relations, il lui promit Je

mariage, mais celui-ci n'eut pas Iieu.

Au cours de l'annee 1939, puis une seconde fois en 1940,

Frieda Scheurer, enceinte des reuvres de Ischer, se fit

avorter a l'instigation de ce dernier. Les relations de

Ischer et de Frieda Scheurer cesserent en automne 1940.

Mais ils se retrouverent en mars 1941 a Berne, ou ils

etaient tous deux en place. Les relations intimes reprirent.

En juin 1941, Frieda Scheurer se sentit de nouveau

enceinte. Elle se fit. avorter par Ischer lui-meme.

B. -

Au debut de l'annee 1943, une instruction penale

fut ouverte a Berne du chef de ce dernier avortement

(l'action penale etant prescrite en ce qui concerne les

avortements pratiques en 1939 et en 1940). L'affaire fut

ensuite transmise aux autorites judiciaires fribourgeoises,

competentes pour connaitre des faits de cohabitation de

Ischer avec son apprentie mineure.

Par jugement du 14 avril 1944, le Tribunal du district.

du Lac a condamne Hans Ischer, pour attentat a la

pudeur d'une mineure de plus de seize ans (art. 192 CP)

et pour avortement (art. 119 CP), a huit mois d'empri-

sonnement sans sursis.

Ischer a recouru a la Cour de cassation penale du can-

ton de Fribourg. Statuant le 7 juin 1944, celle-ci a rejete

le recours.

C. -

Contre cet arret, Ischer se pourvoit en nullite

aupres de la Cour de cassation penale föderale.

II conteste que l'art. 192 CP lui soit applicable, car

c'est avec une fiancee qu'il a eu des rapport.s intimes,

non avec une apprentie .

II pretend en out.re s'etre trouve dans une erreur de

droit. (art. 20 CP).

Considerant en droit :

l. -

Le premier moyen invoque par le recourant. doit

etre rejete pour cette raison deja que, lorsqn'il eut des

11

AS 70 IY -

l!l-14