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77_IV_169

BGE 77 IV 169

Bundesgericht (BGE) ·IV · 1951-07-10 · Deutsch CH
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Sachverhalt

X. hat sich im Jahre 1950 wiederholt mit seiner 13-jährigen Halbschwester geschlechtlich vergangen, indem er sein erregtes Glied zwischen ihre Oberschenkel stiess und damit etwas in ihren Scheidenvorhof eindrang. B. - Am 2. Mai 1951 sprach ihn das Kriminalgericht des Kantons Aargau der wiederholten Unzucht mit einem Kinde (Art. 191 Ziff. 1 und 2 je Abs. 1 StGB) in Idealkon- kurrenz mit wiederholter Blutschande (Art. 213 Abs. 1 StGB, in einem Falle § 501 Abs. 1 österr. StGB) schuldig und verurteilte ihn zu einer bedingt vollziehbaren Gefäng- nisstrafe von 7 Monaten. 170 Strafgesetzbuch. N• 38.

0. - Der Verurteilte führt Nichtigkeitsbeschwerde mit dem Antrag, er sei nur der wiederholten Unzucht mit einem Kinde schuldig zu erklären, dagegen von der Anklage der wiederholten Blutschande freizusprechen und demge- mäss milder zu bestrafen. Er macht geltend, das blosse Einführen des Gliedes zwischen die äusseren Schamlippen falle nicht unter den Begriff des Beischlafes im Sinne des Art. 213 StGB. Nur das Eindringen in die eigentliche Scheide könne als Beischlaf gewertet werden. D. - Die Staatsanwaltschaft des Kantons Aargau be- antragt die Abweisung der Nichtigkeitsbeschwerde. Der Kassationshof zieht

Erwägungen (3 Absätze)

E. 1 Beischlaf ist -

nach der Rechtsprechung des

Kassationshofes des Bundesgerichtes -

die naturgemässe

Vereinigung der Geschlechtsteile (nicht veröffentlichter

Entscheid vom 14. Juli 1944 i. S. Peter). Wie weit das

männliche Glied in den weiblichen Geschlechtsteil eindringt

und ob der Samen in die Scheide ausgestossen wird, ist

demnach unerheblich; es genügt, wenn das Glied so weit

eindringt, dass die Scheide den Samen aufnehmen könnte.

Bei dieser Begriffsumschreibung handelte es sich . aller-

dings um die Anwendung des Art. 191 Ziff. 1 StGB. Allein

es ist kein zwingender Grund ersichtlich, den Begriff des

Beischlafes unter dem Gesichtspunkte des Art. 213 StGB

anders zu fassen, umso weniger, als diese Bestimmung trotz

des Randtitels cc Blutschande » jedenfalls nicht bloss die

Reinheit des Blutes und der Rasse schützen will, sondern

vor allem auch die Reinheit der Geschlechtsbeziehungen

innerhalb einer Familie wahren und damit auch Gefahren

einer schweren Störung des Familienfriedens abwenden soll

(liAFrER: Besonderer Teil Il, S. 427, 429).

Diesem Schutzzweck würde die Rechtsprechung nicht

gerecht, wenn als Beischlaf im Sinne des Art. 213 StGB nur

das Eindringen in die eigentliche Scheide anerkannt würde.

Wie zum Schutze der Kinder im Bereiche der Sittlichkeit

gemäss Art. 191Ziff.1 StGB wegen Missbrauches zum Bei-

I

Strafgesetzbuch. N• 38.

171

schlaf schon eingeschritten werden kapn, ohne dass eine

vollständige Vereinigung der Geschlechtsteile stattgefunden

hätte, muss auch unter dem Gesichtspunkt der Wahrung

der Reinheit der Geschlechtsbeziehungen innerhalb einer

Familie für die Annahme des Beischlafes genügen, dass eine

Vereinigung der Geschlechtsteile überhaupt -

wenn auch

noch so lose -

eingetreten ist. Denn im einen wie im andern

Falle ist das geschützte Rechtsgut schon damit verletzt.

Dazu kommt, dass jede andere Lösung zu unüberwindlichen

Beweisschwierigkeiten führen und die Strafbestimmung

auch des Art. 213 StGB entwerten würde.

Wenn daher im vorliegenden Falle feststeht, dass der

Beschwerdeführer mit seinem Gliede in den Scheidenvorhof

eingedrungen ist, so war das eine Vereinigung der Ge-

schlechtsteile, die genügt, um als Beischlaf betrachtet zu

werden (nicht veröffentlichter Entscheid des Kassations-

hofes vom 25. November 1950 i.S. Solothurn c. Glutz) und

somit den Tatbestand der Blutschande zu erfüllen. Ob der

Beschwerdeführer eine vollständige Vereinigung der Ge-

schlechtsteile anstrebte -

was 'er verneint -

oder nicht,

ist unerheblich; es genügt für die Verurteilung nach Art.213

StGB, dass er die vollzogene partielle Vereinigung wollte,

und dies bestreitet er selber nicht.

E. 2 Demgegenüber ist auch der Hinweis auf BGE

76 IV 108 unbehelflich, da die Erwägungen dieses Ent-

scheides nicht bezweckten, die beischlafsähnliche Handlung

vom Beischlaf zu unterscheiden, sondern jene gegen ge-

wöhnliche Unzuchtshandlungen abzugrenzen. Wenn somit

bei Einführung des männlichen Gliedes in eine andere als

die geschlechtliche Körperöffnung gesagt wurde, dass die

Innigkeit der Vereinigung in solchen Fällen für eine bei-

schlafsähnliche Handlung spreche, so ist damit über den

für die Annahme von Beischlaf erforderlichen Grad der

Vereinigung der Geschlechtsteile noch nichts festgelegt.

Zutreffend weist die Beschwerde darauf hin, dass der

Kassationshof in BGE 70 IV 159 und 71IV191 angenom-

men habe, es liege eine beischlafsähnliche Handlung vor,

172

Strafgesetzbuch. N° 39.

wenn der Täter versuche, mit seinem Gliede in die Scheide

eines Mädchens einzudringen, ihm dies jedoch nicht ge-

linge, weil das Mädchen nicht genügend entwickelt ist.

Aber auch diese beiden Entscheide stehen der Annahme

von Beischlaf im vorliegenden Falle keineswegs entgegen,

da es -

anders als hier -

weder im einen noch im andern

dieser beiden Fälle von beischlafsähnlichen Handlungen zu

einer, wenn auch nur losen, Verbindung bzw. Vereinigung

der Geschlechtsteile gekommen ist; jedenfalls lässt sich

den angeführten Entscheiden nicht entnehmen, dass der

Täter mit seinem Gliede auch nur in den Scheidenvorhof

eingedrungen sei.

Entgegen der Annahme des Beschwerdeführers wird auch

der Begriff der beischlafsähnlichen Handlung nicht gegen-

standslos, wenn schon die lose Vereinigung -

nicht aber

die äusserliche Berührung -

der Geschlechtsteile als Bei-

schlaf betrachtet wird. Es bleibt dann immer noch übrig,

das Einführen des Gliedes in eine andere Körperöffnung,

das Stossen inter femora und die blosse Berührung der

Geschlechtsteile als beischlafsähnliche Angriffe zu verfol-

gen, während ohne diesen Begriff die eben erwähnten Ver-

fehlungen als einfache Unzuchtshandlungen gelten müss-

ten.

E. 3 J?ie Anwendung von Art. 213 StGB verletzt also eidg. Recht nicht. Demnach erkennt der KassationtJhof : Die Nichtigkeitsbeschwerde wird abgewiesen.

Volltext (verifizierbarer Originaltext)

38. Urteil des Kassationshofes vom 10. Juli 1951 i. S. X.

gegen Staatsanwaltschaft des Kantons Aargau.

Art. 191 Ziff. 1 AbB. 1, Art. 213 StGB. Begriff des Beischlafes.

Art. 191 eh. 1 al. 1 et 213 OP. Notion de l'acte sexuel.

Art. 191 cifra 1 cp. 1 e art. 213 OP. Nozione della congiunzione

carnale.

A. -

X. hat sich im Jahre 1950 wiederholt mit seiner

13-jährigen Halbschwester geschlechtlich vergangen, indem

er sein erregtes Glied zwischen ihre Oberschenkel stiess und

damit etwas in ihren Scheidenvorhof eindrang.

B. -

Am 2. Mai 1951 sprach ihn das Kriminalgericht

des Kantons Aargau der wiederholten Unzucht mit einem

Kinde (Art. 191 Ziff. 1 und 2 je Abs. 1 StGB) in Idealkon-

kurrenz mit wiederholter Blutschande (Art. 213 Abs. 1

StGB, in einem Falle § 501 Abs. 1 österr. StGB) schuldig

und verurteilte ihn zu einer bedingt vollziehbaren Gefäng-

nisstrafe von 7 Monaten.

170

Strafgesetzbuch. N• 38.

0. -

Der Verurteilte führt Nichtigkeitsbeschwerde mit

dem Antrag, er sei nur der wiederholten Unzucht mit

einem Kinde schuldig zu erklären, dagegen von der Anklage

der wiederholten Blutschande freizusprechen und demge-

mäss milder zu bestrafen. Er macht geltend, das blosse

Einführen des Gliedes zwischen die äusseren Schamlippen

falle nicht unter den Begriff des Beischlafes im Sinne des

Art. 213 StGB. Nur das Eindringen in die eigentliche

Scheide könne als Beischlaf gewertet werden.

D. -

Die Staatsanwaltschaft des Kantons Aargau be-

antragt die Abweisung der Nichtigkeitsbeschwerde.

Der Kassationshof zieht in Erwägung :

1. -

Beischlaf ist -

nach der Rechtsprechung des

Kassationshofes des Bundesgerichtes -

die naturgemässe

Vereinigung der Geschlechtsteile (nicht veröffentlichter

Entscheid vom 14. Juli 1944 i. S. Peter). Wie weit das

männliche Glied in den weiblichen Geschlechtsteil eindringt

und ob der Samen in die Scheide ausgestossen wird, ist

demnach unerheblich; es genügt, wenn das Glied so weit

eindringt, dass die Scheide den Samen aufnehmen könnte.

Bei dieser Begriffsumschreibung handelte es sich . aller-

dings um die Anwendung des Art. 191 Ziff. 1 StGB. Allein

es ist kein zwingender Grund ersichtlich, den Begriff des

Beischlafes unter dem Gesichtspunkte des Art. 213 StGB

anders zu fassen, umso weniger, als diese Bestimmung trotz

des Randtitels cc Blutschande » jedenfalls nicht bloss die

Reinheit des Blutes und der Rasse schützen will, sondern

vor allem auch die Reinheit der Geschlechtsbeziehungen

innerhalb einer Familie wahren und damit auch Gefahren

einer schweren Störung des Familienfriedens abwenden soll

(liAFrER: Besonderer Teil Il, S. 427, 429).

Diesem Schutzzweck würde die Rechtsprechung nicht

gerecht, wenn als Beischlaf im Sinne des Art. 213 StGB nur

das Eindringen in die eigentliche Scheide anerkannt würde.

Wie zum Schutze der Kinder im Bereiche der Sittlichkeit

gemäss Art. 191Ziff.1 StGB wegen Missbrauches zum Bei-

I

Strafgesetzbuch. N• 38.

171

schlaf schon eingeschritten werden kapn, ohne dass eine

vollständige Vereinigung der Geschlechtsteile stattgefunden

hätte, muss auch unter dem Gesichtspunkt der Wahrung

der Reinheit der Geschlechtsbeziehungen innerhalb einer

Familie für die Annahme des Beischlafes genügen, dass eine

Vereinigung der Geschlechtsteile überhaupt -

wenn auch

noch so lose -

eingetreten ist. Denn im einen wie im andern

Falle ist das geschützte Rechtsgut schon damit verletzt.

Dazu kommt, dass jede andere Lösung zu unüberwindlichen

Beweisschwierigkeiten führen und die Strafbestimmung

auch des Art. 213 StGB entwerten würde.

Wenn daher im vorliegenden Falle feststeht, dass der

Beschwerdeführer mit seinem Gliede in den Scheidenvorhof

eingedrungen ist, so war das eine Vereinigung der Ge-

schlechtsteile, die genügt, um als Beischlaf betrachtet zu

werden (nicht veröffentlichter Entscheid des Kassations-

hofes vom 25. November 1950 i.S. Solothurn c. Glutz) und

somit den Tatbestand der Blutschande zu erfüllen. Ob der

Beschwerdeführer eine vollständige Vereinigung der Ge-

schlechtsteile anstrebte -

was 'er verneint -

oder nicht,

ist unerheblich; es genügt für die Verurteilung nach Art.213

StGB, dass er die vollzogene partielle Vereinigung wollte,

und dies bestreitet er selber nicht.

2. -

Demgegenüber ist auch der Hinweis auf BGE

76 IV 108 unbehelflich, da die Erwägungen dieses Ent-

scheides nicht bezweckten, die beischlafsähnliche Handlung

vom Beischlaf zu unterscheiden, sondern jene gegen ge-

wöhnliche Unzuchtshandlungen abzugrenzen. Wenn somit

bei Einführung des männlichen Gliedes in eine andere als

die geschlechtliche Körperöffnung gesagt wurde, dass die

Innigkeit der Vereinigung in solchen Fällen für eine bei-

schlafsähnliche Handlung spreche, so ist damit über den

für die Annahme von Beischlaf erforderlichen Grad der

Vereinigung der Geschlechtsteile noch nichts festgelegt.

Zutreffend weist die Beschwerde darauf hin, dass der

Kassationshof in BGE 70 IV 159 und 71IV191 angenom-

men habe, es liege eine beischlafsähnliche Handlung vor,

172

Strafgesetzbuch. N° 39.

wenn der Täter versuche, mit seinem Gliede in die Scheide

eines Mädchens einzudringen, ihm dies jedoch nicht ge-

linge, weil das Mädchen nicht genügend entwickelt ist.

Aber auch diese beiden Entscheide stehen der Annahme

von Beischlaf im vorliegenden Falle keineswegs entgegen,

da es -

anders als hier -

weder im einen noch im andern

dieser beiden Fälle von beischlafsähnlichen Handlungen zu

einer, wenn auch nur losen, Verbindung bzw. Vereinigung

der Geschlechtsteile gekommen ist; jedenfalls lässt sich

den angeführten Entscheiden nicht entnehmen, dass der

Täter mit seinem Gliede auch nur in den Scheidenvorhof

eingedrungen sei.

Entgegen der Annahme des Beschwerdeführers wird auch

der Begriff der beischlafsähnlichen Handlung nicht gegen-

standslos, wenn schon die lose Vereinigung -

nicht aber

die äusserliche Berührung -

der Geschlechtsteile als Bei-

schlaf betrachtet wird. Es bleibt dann immer noch übrig,

das Einführen des Gliedes in eine andere Körperöffnung,

das Stossen inter femora und die blosse Berührung der

Geschlechtsteile als beischlafsähnliche Angriffe zu verfol-

gen, während ohne diesen Begriff die eben erwähnten Ver-

fehlungen als einfache Unzuchtshandlungen gelten müss-

ten.

3. -

J?ie Anwendung von Art. 213 StGB verletzt also

eidg. Recht nicht.

Demnach erkennt der KassationtJhof :

Die Nichtigkeitsbeschwerde wird abgewiesen.