Erwägungen (1 Absätze)
E. 3 Da die Rechtsmissbräuchlichkeit des Eheschlusses
(Scheinehe) als Ehenichtigkeitsgrund in der Aufzählung
dieser Gründe im Gesetz (Art. 120 ZGB) nicht enthalten,
sondern erst durch die Rechtsprechung in Anwendung
Registersa.chen. N0 41.
215
'des Art. 2 ZGB als solcher anerkannt worden ist (BGE
6511 133, 6611 225), enthält auch weder das Gesetz noch
die Vo über den Zivilstandsdienst Vorsc~ten darüber,
wie sich die Zivllstandsbeamten gegenüber Gesuchen um
Verkündung von Eheversprechen, hinter welchen sie die
Absicht auf Scheinehe zu erkennen glauben, zu verhalten
haben. Es kommen zwei Lösungen in· Frage : die nach
Art. 107 ZGB und 150 Vo, wonach der Zivilstandsbeamte
von sich aus die Verkündung verweigert, und diejenige
nach Art. 109 ZGB und Art. 167 :ff Vo, gemäss welcher
der Zivilstandsbeamte die Verkündung vorzunehmen,
jedoch durch Vermittlung seiner Aufsichtsbehörde der
nach Art. 109 ZGB zuständigen Behörde von dem ent-
deckten Einsprnchsgrund Mitteilung zu machen hat,
worauf die Behörde innert 10 Tagen Einspruch erheben
kann, der bei Bestreitung im Wege der gerichtlichen
Klage geltend gemacht werden muss (Art. 1l0-1l2 ZGB,
Art. 167, 165/60 Vo).
Durch Analogieschluss würde man allerdings zur An-
wendbarkeit des ersteren Verfahrens gelangen; denn der
Nichtigkeitsgrund der Scheinehe wird von der Praxis den
in Art. 120 ZGB aufgezählten Nichtigkeitsgründen gleich-
gestellt (BGE 65 11 140 E. 2), und diese berechtigen,
wenn schon zur Zeit der Anmeldung des Eheversprechens
entdeckt, den Zivilstandsbeamten zur Verweigerung der
Verkündung. Trotzdem empfiehlt es sich im Falle des
Verdachts der Scheinehe, von der Zwischenschaltung des
Administrativverfahrens nach Art. 107 ZGB (mit Be-
schwerde an die Aufsichtsbehörden) abzusehen und direkt
zur Verkündung mit anschllessendem Einspruchsverfahren
von Amtes wegen zu schreiten. Das Recht zur Ehe steht
unter dem Schutz des Bundes (Art. 54 Abs. I BV). Seine
Ausübung vom Entscheid der Verwaltungsbehörde abhän-
gen zu lassen, würde eine Abschwächung desselben bedeu-
ten. Das Administrativverfahren eignet sich zur zuverläs-
sigen Abklärung der Sache beim hier in Frage stehenden
Nichtigkeitsgrunde weniger als bei den in Art. 120 ZGB
:!1"6
Vcrwnltun!!". und DisziplinaITPchtspfiege.
genamlten. Schon wegen der letztem (bezw. allgemein
wegen Eheunfähigkeit oder Ehehindernis) darf, wie EGGER,
Komm. Art. 107 Nr. 2 richtig bemerkt, die Ablehnung
der Verkündung nur erfolgen, welm der Zivilstands-
beamte sie selbst mit aller Bestimmtheit feststellen kann;
bereitet diese Feststellung tatsächliche oder rechtliche
Schwierigkeiten, so darf er die Verkündung nicht verwei-
gern, da es dalm gerade Aufgabe des Verkünd- und Ein-
spruchsverfahrens ist, allfällige Ehehindernisse ans Licht
zu bringen. Die Absicht, eine Scheinehe zu schliessen,
wird nur in den seltensten Fällen ohne weiteres mit der
nötigen Sicherheit feststellbar sein; sie wird sich -
mehr
als die übrigen Nichtigkeitsgrunde -
in der Regel nur
auf Grund der sorgfältigen Würdigung von Indizien
ermitteln lassen. Dazu ist das gerichtliche Verfahren
geeigneter. Das zu dessen Einleitung dienende Vorgehen
nach Art. 167 Vo, wonach der leitende Zivilstandsbeamte
(ev. auf Mitteilung des mitwirkenden hin, Art. 168) seiner
Aufsichtsbehörde und diese der zum Einspruch zuständigen
Behörde (Art. 109 ZGB) von seinem Verdacht Mitteilung
zu machen hat, ist dazu angetan, das Recht des Gemein-
wesens, sich dem Abschluss von Scheinehen zu wider-
setzen, völlig hinreichend zu wahren.
Der Zivilstandsbeamte, der bei der Anmeldung eines
Eheversprechens Anlass zum Verdacht einer Scheinehe
hat, soll mithin nicht gemäss Art. 107 ZGB die Verkündung
verweigern, sondern sie vornehmen und nach Art. 167
Vo vorgehen.
Dispositiv
- - Die Beschwerde wird gutgeheissen und der Ent- scheid des Justizdepartementes des Kantons Solothurn vom 10. April 1941 aufgehoben. Streitigkeiten zwischen Bund und Kantonen. No 42. II!. STREITIGKEITEN ZWISCHEN BUND UND KANTONEN LITIGES ENTRE LA CONFEDERATION ET LES CANTONS
Volltext (verifizierbarer Originaltext)
41. Auszug aus dem Urteil der 11. Zivilabteilung vom 3. Juli 19U
,i. S. Sprenger gegen Frei und Justiz- und Polizeidepartement
des Kantons Solothurn.
Der Zivilstandsbeamte, der bei der Anmeldung eines Ehever·
sprechens Anlass zum Verdacht einer Scheinehe hat, soll nie~t
gemäss Art. 107 ZGB die Verkündung verweigern, sondern Sle
vornehmen und nach Art. 167 der Vo über den Zivilstands-
dienst vorgehen.
L'offieier de l'etat eivil qui, Iors de l'annonee d'une promesse <;le
mariage, a Iieu de soup<}onner qu'il s'agit d'un m~riage fictIf,
ne doit pas refuser la pubIication (art. 107 CC), malS l'ordonner
et ensuite proceder eonformement a l'art. 167 de l'ordonnance
sur l'etat civil.
L'ufficiale di stato civiIe ehe, allorche gli e communicata ~a pro:
messa di un matrimonio, ha motivo di sospettare ehe ~l t~attl
di un matrimonio fittizio, non deve rifiutarne la pubb~l?aZlOne
a' sensi deU'art. 107 CC, ma ordinarla e procedere pOl m eon-
formita dell'art. 167 dell'ordinanza sullo stato eivile.
Am 21. März 1941 erschien J. Frei in Grenchen beim
dortigen Zivilstandsamt und verlangte die Verkiindung
seines Eheversprechens mit Frl. L. Weyermann daselbst.
AS 67 I -
1941
l8
274
Verwaltungs- und Disziplinarrechtspflege.
Am 24. März sprach ein Frl. Agnes Sprenger, liechtenstei-
nische Staatsangehörige und wohnhaft in Zürich, beim
Zivilstandsamt Grenchen vor und wollte gegen das Ehe-
versprechen Frei-Weyermann Einspruch erheben mit der
Begründung, Frei habe ihr die Ehe versprochen und sie
geschwängert. Der Zivilstandsbeamte lehnte den Einspruch
mangels zulässigen Grundes ab. Am folgenden Tage
erschienen Frei und Frl. Sprenger zusammen und unter-
zeichneten ihr Eheversprechen. In der Folge schrieb der
Zivilstandsbeamte an das Justizdepartement des Kantons
Solothurn, er sei dieser Sache etwas nachgegangen und
habe in Erfahrung bringen können, « dass die Braut FrL
Sprenger ihrem Verlobten vorgeschlagen haben soll, sie
zu heiraten, damit sie das Kind nicht ausserehelich gebären
müsse. Nachher sei sie mit einer Scheidung einverstanden,
wenn· er doch eine andere heiraten wolle. Wir glauben
fest, es hier mit einer regelrechten Scheinehe zu tun zu
haben ... ». Darauf annullierte das Justizdepartement die
bereits erteilte Verkünd- und Trauermächtigung, weil von
den Nupturlenten nicht die Begründung einer dauernden
ehelichen Gemeinschaft gewollt sei.
Gegen diese Verfügung erhob Frl. Sprenger die vor-
liegende verwaltungsrechtliche Beschwerde mit dem Be-
gehren um Aufhebung derselben und Anweisung an den
Regierungsrat, einen allfälligen Einspruch gegen den
geplanten Eheabschluss im gesetzlichen Verfahren nach
Art. 108 :ff ZGB zu behandeln. Sie bestreitet, dass keine
dauernde eheliche Gemeinschaft gewollt und eine baldige
Scheidung nach der Geburt des Kindes beabsichtigt sei;
auch habe sie an der Erwerbung des Schweizerbürgerrechts
kein Interesse ...
Das Bundesgericht zieht in Erwägung :
3. -
Da die Rechtsmissbräuchlichkeit des Eheschlusses
(Scheinehe) als Ehenichtigkeitsgrund in der Aufzählung
dieser Gründe im Gesetz (Art. 120 ZGB) nicht enthalten,
sondern erst durch die Rechtsprechung in Anwendung
Registersa.chen. N0 41.
215
'des Art. 2 ZGB als solcher anerkannt worden ist (BGE
6511 133, 6611 225), enthält auch weder das Gesetz noch
die Vo über den Zivilstandsdienst Vorsc~ten darüber,
wie sich die Zivllstandsbeamten gegenüber Gesuchen um
Verkündung von Eheversprechen, hinter welchen sie die
Absicht auf Scheinehe zu erkennen glauben, zu verhalten
haben. Es kommen zwei Lösungen in· Frage : die nach
Art. 107 ZGB und 150 Vo, wonach der Zivilstandsbeamte
von sich aus die Verkündung verweigert, und diejenige
nach Art. 109 ZGB und Art. 167 :ff Vo, gemäss welcher
der Zivilstandsbeamte die Verkündung vorzunehmen,
jedoch durch Vermittlung seiner Aufsichtsbehörde der
nach Art. 109 ZGB zuständigen Behörde von dem ent-
deckten Einsprnchsgrund Mitteilung zu machen hat,
worauf die Behörde innert 10 Tagen Einspruch erheben
kann, der bei Bestreitung im Wege der gerichtlichen
Klage geltend gemacht werden muss (Art. 1l0-1l2 ZGB,
Art. 167, 165/60 Vo).
Durch Analogieschluss würde man allerdings zur An-
wendbarkeit des ersteren Verfahrens gelangen; denn der
Nichtigkeitsgrund der Scheinehe wird von der Praxis den
in Art. 120 ZGB aufgezählten Nichtigkeitsgründen gleich-
gestellt (BGE 65 11 140 E. 2), und diese berechtigen,
wenn schon zur Zeit der Anmeldung des Eheversprechens
entdeckt, den Zivilstandsbeamten zur Verweigerung der
Verkündung. Trotzdem empfiehlt es sich im Falle des
Verdachts der Scheinehe, von der Zwischenschaltung des
Administrativverfahrens nach Art. 107 ZGB (mit Be-
schwerde an die Aufsichtsbehörden) abzusehen und direkt
zur Verkündung mit anschllessendem Einspruchsverfahren
von Amtes wegen zu schreiten. Das Recht zur Ehe steht
unter dem Schutz des Bundes (Art. 54 Abs. I BV). Seine
Ausübung vom Entscheid der Verwaltungsbehörde abhän-
gen zu lassen, würde eine Abschwächung desselben bedeu-
ten. Das Administrativverfahren eignet sich zur zuverläs-
sigen Abklärung der Sache beim hier in Frage stehenden
Nichtigkeitsgrunde weniger als bei den in Art. 120 ZGB
:!1"6
Vcrwnltun!!". und DisziplinaITPchtspfiege.
genamlten. Schon wegen der letztem (bezw. allgemein
wegen Eheunfähigkeit oder Ehehindernis) darf, wie EGGER,
Komm. Art. 107 Nr. 2 richtig bemerkt, die Ablehnung
der Verkündung nur erfolgen, welm der Zivilstands-
beamte sie selbst mit aller Bestimmtheit feststellen kann;
bereitet diese Feststellung tatsächliche oder rechtliche
Schwierigkeiten, so darf er die Verkündung nicht verwei-
gern, da es dalm gerade Aufgabe des Verkünd- und Ein-
spruchsverfahrens ist, allfällige Ehehindernisse ans Licht
zu bringen. Die Absicht, eine Scheinehe zu schliessen,
wird nur in den seltensten Fällen ohne weiteres mit der
nötigen Sicherheit feststellbar sein; sie wird sich -
mehr
als die übrigen Nichtigkeitsgrunde -
in der Regel nur
auf Grund der sorgfältigen Würdigung von Indizien
ermitteln lassen. Dazu ist das gerichtliche Verfahren
geeigneter. Das zu dessen Einleitung dienende Vorgehen
nach Art. 167 Vo, wonach der leitende Zivilstandsbeamte
(ev. auf Mitteilung des mitwirkenden hin, Art. 168) seiner
Aufsichtsbehörde und diese der zum Einspruch zuständigen
Behörde (Art. 109 ZGB) von seinem Verdacht Mitteilung
zu machen hat, ist dazu angetan, das Recht des Gemein-
wesens, sich dem Abschluss von Scheinehen zu wider-
setzen, völlig hinreichend zu wahren.
Der Zivilstandsbeamte, der bei der Anmeldung eines
Eheversprechens Anlass zum Verdacht einer Scheinehe
hat, soll mithin nicht gemäss Art. 107 ZGB die Verkündung
verweigern, sondern sie vornehmen und nach Art. 167
Vo vorgehen.
Demnach erkennt das Bundesgericht :
1. -
Die Beschwerde wird gutgeheissen und der Ent-
scheid des Justizdepartementes des Kantons Solothurn
vom 10. April 1941 aufgehoben.
Streitigkeiten zwischen Bund und Kantonen. No 42.
II!. STREITIGKEITEN ZWISCHEN BUND
UND KANTONEN
LITIGES ENTRE LA CONFEDERATION
ET LES CANTONS