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74_I_420

BGE 74 I 420

Bundesgericht (BGE) ·I · 1948-01-01 · Deutsch CH
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Sachverhalt

Das Zivilstandsamt von Selzach, dem Heimat-

und Wohnort des Bräutigams, verweigerte den Beschwerde-

führern nach durchgeführtem Verkündverfahren am 27.

März 1948 die Trauung. Der Regierungsrat des Kantons

Solothurn bestätigte diese Verfügung am 16. Juli 1948

wegen Verdachtes einer Scheinehe. Er wies darauf hin,

dass die Braut, eine in Deutschland aufgewachsene Deut-

sche 30 Jahre jünger ist als der Bräutigam, und dass sie,

vor der Bekanntschaft mit diesem, verschiedene Heirats-

schwindeleien begangen hatte und deshalb (wie auch

wegen eines Diebstahls) vom Strafgericht des Kanto~

Zug am 23. April 1948 mit Gefangnis bestraft wurde. DabeI

hatte ihr das Strafgericht den bedingten Strafvollzug

zugebilligt, weil sie den Schaden zum grössten Teil vergütet

hatte und von einer Landesverweisung abgesehen. Doch

verf~ der Regierungsrat des Kantons Solothurn die

Ausweisung dann von sich aus am 14. Mai 1948 auf Grund

der fremdenpolizeilichen Vorschriften (Bundesgesetz vom

26. März 1931), und das eidgenössische Justiz- und Polizei-

departement bCstätigte diese Massnahme am 7. Juni 1948,

worauf die kantonale Behörde ihr Frist zur Ausreise bis

zum 20. Juni setzte und die Ausschaffung am 12. Juli

erfolgte, vier Tage vor Beurteilung der Beschwerde wegen

der Verweigerung der Trauung.

B. -

Mit

der vorliegenden Verwaltungsgerichtsbe-

schwerde halten die Brautleute daran fest, dass die anbe-

gehrte Trauung in Selzach vorzunehmen sei. Der Regie-

rungsrat beantragt Abweisung der Beschwerde. D~

eidgenössische Justiz- und Polizeidepartement beantragt

deren Gutheissung.

421

VerwaltUDgS.und Disziplinarreoht.

Das Bundesgericht zieht in ErwtJ,gung :

1. -

Der vom Regierungsrat bestätigte Grund zur

Abweisung des Trauungsgesuches trifft nicht zu. Die

~uung ist nach Art. 114 ZGB zu verweigern, wenn

em Grund vorliegt, « aus dem die Verkündung verweigert

werden muss ». Das Vorhaben einer blossen Scheinehe

steht aber in dieser Hinsicht den andern Ehenichtigkeits-

gründen nicht gleich. Es gibt nur Veranlassung zu einem

~ufschub der Trauung unter Benachrichtigung der im

Smne von Art. 109 ZGB und 167 ZStV zum Einspruch von

Amtes wegen zuständigen Behörde (BGE 67 I 273). Der

Regierungsrat des Kantons Solothurn hat denn auch am

23. November 1943 die Zivilstandsämter unter Hinweis

auf diese Entscheidung zu entsprechender Beh~ndlung

solcher Fälle angewiesen. Um·so mehr muss es befremden

dass er im vorliegenden Fall die Verfügung eines Amte~

geschützt hat, wonach den Beschwerdeführern die Trauung

kurzerhand verweigert wurde, ohne Vorbehalt des Ein~

spruchs- und Klageverfahrens gemäss den erwähnten Vor-

schriften. Übrigens fehlt es hier an jeder Glaubhaftmachung

eines Scheinehevorhabens, auch wenn man davon absieht

dass die Braut schwanger ist und der Bräutigam sich a~

Urheber der Schwangerschaft. bekennt.

2. -

Indessen kann der angefochtene Entscheid nicht

aufgehoben werden und die von den Beschwerdeführern

begehrte W~isung an das Zivilstandsamt nicht ergehen,

nachdem die Braut rechtskräftig aus Schweizergebiet

ausgewiesen ist. Die Trauung in der Schweiz setzt die

Anwesenheit beider Brautleute voraus. Und zwar wäre sie

abzulehnen, auch wenn sich die Brait dazu einfinden

sollte, sofern dies unter Bannbruch uld nicht etwa auf

Grund eines inzwischen erlangten Widerrufes der Auswei-

sung oder mindestens eines für die Trauung erhaltenen

Dispenses geschähe (BGE 73 1330). Unter Vorbehalt einer

solchen Bewilligung der für die Rücknahme der Ausweisung

zuständigen Behörde kommt nur eine Trauung im Ausland

l

4113

in Frage. Zu deren Vorbereitung hätten die Solothurner

Zivilstandsämter grundsätzlich (unter Benachrichtigung

der zum Einspruch nach Art. 109 ZGB zuständigen Behörde,

deren Einspruch und allIallige Klage sowie das rechts-

kräftige Urteil abzuwarten wäre) Hand zu bieten (vgl.

BGE 72 I 354).

Erwägungen (2 Absätze)

E. 1 Der vom Regierungsrat bestätigte Grund zur Abweisung des Trauungsgesuches trifft nicht zu. Die ~uung ist nach Art. 114 ZGB zu verweigern, wenn em Grund vorliegt, « aus dem die Verkündung verweigert werden muss ». Das Vorhaben einer blossen Scheinehe steht aber in dieser Hinsicht den andern Ehenichtigkeits- gründen nicht gleich. Es gibt nur Veranlassung zu einem ~ufschub der Trauung unter Benachrichtigung der im Smne von Art. 109 ZGB und 167 ZStV zum Einspruch von Amtes wegen zuständigen Behörde (BGE 67 I 273). Der Regierungsrat des Kantons Solothurn hat denn auch am

23. November 1943 die Zivilstandsämter unter Hinweis auf diese Entscheidung zu entsprechender Beh~ndlung solcher Fälle angewiesen. Um·so mehr muss es befremden dass er im vorliegenden Fall die Verfügung eines Amte~ geschützt hat, wonach den Beschwerdeführern die Trauung kurzerhand verweigert wurde, ohne Vorbehalt des Ein~ spruchs- und Klageverfahrens gemäss den erwähnten Vor- schriften. Übrigens fehlt es hier an jeder Glaubhaftmachung eines Scheinehevorhabens, auch wenn man davon absieht dass die Braut schwanger ist und der Bräutigam sich a~ Urheber der Schwangerschaft. bekennt.

E. 2 Indessen kann der angefochtene Entscheid nicht aufgehoben werden und die von den Beschwerdeführern begehrte W~isung an das Zivilstandsamt nicht ergehen, nachdem die Braut rechtskräftig aus Schweizergebiet ausgewiesen ist. Die Trauung in der Schweiz setzt die Anwesenheit beider Brautleute voraus. Und zwar wäre sie abzulehnen, auch wenn sich die Brait dazu einfinden sollte, sofern dies unter Bannbruch uld nicht etwa auf Grund eines inzwischen erlangten Widerrufes der Auswei- sung oder mindestens eines für die Trauung erhaltenen Dispenses geschähe (BGE 73 1330). Unter Vorbehalt einer solchen Bewilligung der für die Rücknahme der Ausweisung zuständigen Behörde kommt nur eine Trauung im Ausland l 4113 in Frage. Zu deren Vorbereitung hätten die Solothurner Zivilstandsämter grundsätzlich (unter Benachrichtigung der zum Einspruch nach Art. 109 ZGB zuständigen Behörde, deren Einspruch und allIallige Klage sowie das rechts- kräftige Urteil abzuwarten wäre) Hand zu bieten (vgl. BGE 72 I 354).

Dispositiv
  1. Die Beschwerde wird im Sinne der Erwägungen gutge- heissen.
Volltext (verifizierbarer Originaltext)

73. Urteil der 11. ZlvllabtelluBg vom 18. ~vember 1948 i. S.

Dem und Baum gegen Reglerungsr'{ Solothurn.

ZivilBtandswesen. Wie ist ein Verkünd- oder Trsu1Ulg8begehren zu

behandeln :

a) beim Verdacht einer Scheinehe t (Erw. 1).

b) wenn die B1'8ut Ausländerin und aus der Schweiz ausge·

wiesen ist ? (Erw. 2).

Etat eivil. Comment faut-il t1'8iter u,ne dema.nde de publiea.tion

d'une promesse de mariage ou une dema.nde de 06leb1'8tion da

mariage:

a) lorsqu'on 80 des 1'8isons de souPQonner qu'il s'agit d'u,n

mariage fictif ? (consid. 1).

Registersaohen. N° '13.

421

b) lorsque la fia.no6e est etrangere et expuIsee de Suisse?

(consid. 2).

Seato eWik. Come dev'esser t1'8ttata una. domanda. di pubb~iea.­

zione di una. promesse. nuziale 0 uns. doma.nda di celebrazlOne

del matrimonio:

.

. di

a) quando esistono dei motivi di sospettare ehe 81 t1'8ttl

un

matrimonio fittizio ? (consid: 1).

.

b) quando la fida.nza.ta e straniem ed espulsa dalla SVlZZe1'8 !

(consid. 2).

A. -

Das Zivilstandsamt von Selzach, dem Heimat-

und Wohnort des Bräutigams, verweigerte den Beschwerde-

führern nach durchgeführtem Verkündverfahren am 27.

März 1948 die Trauung. Der Regierungsrat des Kantons

Solothurn bestätigte diese Verfügung am 16. Juli 1948

wegen Verdachtes einer Scheinehe. Er wies darauf hin,

dass die Braut, eine in Deutschland aufgewachsene Deut-

sche 30 Jahre jünger ist als der Bräutigam, und dass sie,

vor der Bekanntschaft mit diesem, verschiedene Heirats-

schwindeleien begangen hatte und deshalb (wie auch

wegen eines Diebstahls) vom Strafgericht des Kanto~

Zug am 23. April 1948 mit Gefangnis bestraft wurde. DabeI

hatte ihr das Strafgericht den bedingten Strafvollzug

zugebilligt, weil sie den Schaden zum grössten Teil vergütet

hatte und von einer Landesverweisung abgesehen. Doch

verf~ der Regierungsrat des Kantons Solothurn die

Ausweisung dann von sich aus am 14. Mai 1948 auf Grund

der fremdenpolizeilichen Vorschriften (Bundesgesetz vom

26. März 1931), und das eidgenössische Justiz- und Polizei-

departement bCstätigte diese Massnahme am 7. Juni 1948,

worauf die kantonale Behörde ihr Frist zur Ausreise bis

zum 20. Juni setzte und die Ausschaffung am 12. Juli

erfolgte, vier Tage vor Beurteilung der Beschwerde wegen

der Verweigerung der Trauung.

B. -

Mit

der vorliegenden Verwaltungsgerichtsbe-

schwerde halten die Brautleute daran fest, dass die anbe-

gehrte Trauung in Selzach vorzunehmen sei. Der Regie-

rungsrat beantragt Abweisung der Beschwerde. D~

eidgenössische Justiz- und Polizeidepartement beantragt

deren Gutheissung.

421

VerwaltUDgS.und Disziplinarreoht.

Das Bundesgericht zieht in ErwtJ,gung :

1. -

Der vom Regierungsrat bestätigte Grund zur

Abweisung des Trauungsgesuches trifft nicht zu. Die

~uung ist nach Art. 114 ZGB zu verweigern, wenn

em Grund vorliegt, « aus dem die Verkündung verweigert

werden muss ». Das Vorhaben einer blossen Scheinehe

steht aber in dieser Hinsicht den andern Ehenichtigkeits-

gründen nicht gleich. Es gibt nur Veranlassung zu einem

~ufschub der Trauung unter Benachrichtigung der im

Smne von Art. 109 ZGB und 167 ZStV zum Einspruch von

Amtes wegen zuständigen Behörde (BGE 67 I 273). Der

Regierungsrat des Kantons Solothurn hat denn auch am

23. November 1943 die Zivilstandsämter unter Hinweis

auf diese Entscheidung zu entsprechender Beh~ndlung

solcher Fälle angewiesen. Um·so mehr muss es befremden

dass er im vorliegenden Fall die Verfügung eines Amte~

geschützt hat, wonach den Beschwerdeführern die Trauung

kurzerhand verweigert wurde, ohne Vorbehalt des Ein~

spruchs- und Klageverfahrens gemäss den erwähnten Vor-

schriften. Übrigens fehlt es hier an jeder Glaubhaftmachung

eines Scheinehevorhabens, auch wenn man davon absieht

dass die Braut schwanger ist und der Bräutigam sich a~

Urheber der Schwangerschaft. bekennt.

2. -

Indessen kann der angefochtene Entscheid nicht

aufgehoben werden und die von den Beschwerdeführern

begehrte W~isung an das Zivilstandsamt nicht ergehen,

nachdem die Braut rechtskräftig aus Schweizergebiet

ausgewiesen ist. Die Trauung in der Schweiz setzt die

Anwesenheit beider Brautleute voraus. Und zwar wäre sie

abzulehnen, auch wenn sich die Brait dazu einfinden

sollte, sofern dies unter Bannbruch uld nicht etwa auf

Grund eines inzwischen erlangten Widerrufes der Auswei-

sung oder mindestens eines für die Trauung erhaltenen

Dispenses geschähe (BGE 73 1330). Unter Vorbehalt einer

solchen Bewilligung der für die Rücknahme der Ausweisung

zuständigen Behörde kommt nur eine Trauung im Ausland

l

4113

in Frage. Zu deren Vorbereitung hätten die Solothurner

Zivilstandsämter grundsätzlich (unter Benachrichtigung

der zum Einspruch nach Art. 109 ZGB zuständigen Behörde,

deren Einspruch und allIallige Klage sowie das rechts-

kräftige Urteil abzuwarten wäre) Hand zu bieten (vgl.

BGE 72 I 354).

Demnach erkennt das Bundesgericht:

Die Beschwerde wird im Sinne der Erwägungen gutge-

heissen.