Sachverhalt
Frau Marie Schürch-Müller war Eigentümerin
zweier Heimwesen im Grundbuchkreis Pfäffikon (Kanton
Zürich). Das eine Heimwesen bestand aus 12, das andere
aus 16 Grundstücken. Auf jenen 12 Grundstücken lastete
im 2. Rang ein Inhaberschuldbrief von Fr. 8000.-, auf
den 16 letztern ein Namenschuldbrief von Fr. 13,000.-,
welche beide der Klägerin gehörten. Am 6. Dezember 1930
gingen die zwei Heimwesen zufolge Kaufes auf Johann
Wüthrich über. Die Klägerin nahm ihn als neuen Schuld-
ller für die Schuldbriefforderungen an, verlangte aber die
Solidarbürgschaft der Verkäuferin und deren Ehemannes
-
der Beklagten des vorliegenden Rechtsstreites -, die
am 29. Dezember 1930 geleistet wurde.
B. -
Die zwei Heimwesen wurden in eine Güterzusam-
menlegung gemäss Art. 703/803 ZGB einbezogen. Daplach
erhielt Wüthrich an Stelle der 28 Grundstücke 9 Kataster-
grundstücke des Güterzusammenlegungs- und Vermes-
sungswerks. Der neue Bestand wurde bereits am 1. Oktober
Sachenrecht. No 34.
153
1933 rechtskräftig zugeteilt, jedoch erst am 30. Juni 1938
nach durchgeführter Vermessung in das Grundbuch ein-
getragen. Inzwischen nahm Wüthrich das amtliche bäuer-
liche Sanierungsverfahren nach dem Bundesbeschluss vom
28. September 1934 in Anspruch. Die Nachlassbehörde
(Bezirksgericht Pfäffikon) genehmigte am 1. Oktober 1935
die vom Sachwalter vorgeschlagenen Sanierungsmass-
nahmen. Der Zürcher Bauernhülfskasse war nach Art. 20
des Bundesbeschlusses eine Sanierungshypothek zu er-
richten für ein Darlehen, soweit dieses zur Tilgung ge-
deckter Zinse diente, unmittelbar hinter den gedeckten
Kapitalien, d. h. nach dem Ergebnis der Schätzung den
Kapitalien des ersten Ranges. Das Grundbuchamt trug
nun für die Bauernhülfskasse ein Gesamtpfandrecht auf
allen 28 Grundstücken des Schuldners im 2. Rang ein und
vereinigte die dadurch in den 3. Rang gedrängten Schuld-
briefe der Klägerin in einen einzigen Namenschuldbrief
von Fr. 21,000.- gleichfalls mit Gesamtpfandrecht auf
den 28 Grundstücken. Es teilte der Klägerin am 27. De-
zember 1935 darüber mit: « Die beiden ungedeckten
Schuldbriefe per Fr. 13,000.- und Fr. 8000.- wurden
heute in einen Schuldbrief per Fr. 21,000.- vereinigt, da
aus grundbuchtechnischen Gründen ein nachgehendes
Pfandrecht nicht weniger Grundpfande haben darf, als
die vorgehenden Schuldbriefe ». Am 18. Januar 1936
wurden die alten Schuldbriefe im Grundbuch gelöscht und
die Pfandtitel durch Zerschneiden entkräftet, und am
9. Mai 1936 erhielt die Klägerin den vom 27. Dezember
1935 datierten neuen Schuldbrief .von Fr. 21,000.-.
G .. -
Nach Ansicht der Beklagten bewirkte die Lö-
schung der alten Schuldbriefe den Untergang der von
ihnen verbürgten Hauptschuld und damit den Hinfall
der Bürgschaftsverpflichtungen. Sie zahlten mit Berufung
darauf die am 1. Mai 1938 verfallenen Schuldbriefzinse
nicht und forderten die in den Vorjahren gezahlten Zinse
als Nichtschuld zurück.
D. -
Die Klage auf Feststellung des Fortbestandes der
154
Sachenrecht. N° 34.
Bürgschaftsverpflichtungen . vom 29. Dezember 1930 für
die nun vereinigten Schuldbriefforderungen und auf Ver-
urteilung der Beklagten zur Zahlung der am 1. Mai 1938
verfallenen Zinse samt Mahnspesen ·und Betreibungs-
kosten wurde vom Appellationshof des Kantons Bern am
14. März 1940 abgewiesen. Die Klägerin hat ihr Begehren
mit der vorliegenden Berufung erneuert.
Erwägungen (3 Absätze)
E. 1 Nach Art. 855 ZGB wird mit der Errichtung eines
Schuldbriefes oder einer Gült das Schuldverhältnis, das
der Errichtung zu Grunde liegt, durch Neuerung getilgt.
An die Stelle des betreffenden Schuldverhältnisses, sei es
Kauf, Darlehen oder etwas anderes, tritt also die Schuld-
brief- oder Gültforderung, die weder Bedingung noch Ge-
genleistung verträgt (Art. 854), und der gegenüber die
Einreden gemäss Art. 872 ZGB beschränkt sind. Abwei-
chende Abreden können einem gutgläubigen Erwerber
nicht entgegengehalten werden (Art. 855 Abs. 2 ZGB).
Auf die Bedeutung dieser Neuerung als einer Einrede-
beschränkung weisen auch die Erläuterungen zu den ent-
sprechenden Bestimmungen der Art. 836 ff. des Vorent-
wurfs hin, und es ist dort im übrigen bemerkt, die Auf-
nahme einer solchen Vorschrift, wie sie nun Art. 855 ent-
hält, empfehle sich, um Zweifeln vorzubeugen, obschon
sich der Grundsatz gewissermassen schon aus der Natur
dieser näher zu ordnenden Grundpfandforderungen ergebe.
All dies bezieht sich auf den Fall der Umwandlung einer
auf irgendeinem Rechtsgrund beruhenden Forderung in
eine abstrakte Grundpfandforderung. Auch der Randtitel
von Art. 855 «< Verhältnis zur ursprünglichen Forderung »)
hat nur dies im Auge; unter der ursprünglichen ist die am
Anfang jeweilen vorhandene kausale Forderung zu ver-
stehen. Für den Fall der Umwandlung eines bereits be-
stehenden in einen neuen Schuldbrief ist damit nichts
gesagt. Natürlich tritt solchenfalls der neue Schuldbrief
an die Stelle des alten und ist hinfort für den grundbuch-
Sachenrecht. No 34.
155
lichen Verkehr im gleichen Sinne massgebend wie bisher
der alte. Die Frage ist aber, ob damit die Identität der
Forderung aufgehoben sei oder der neue Schuldbrief ein-
fach die bisherige Forderung neu zu verkörpern habe, sei
es unverändert oder, wenn er Änderungen enthält, eben
nach Massgabe des geänderten Inhalts. Solch formale
Erneuerung eines Schuldbriefeintrags- und -pfandtitels,
ohne Neuerung des materiellen Forderungsverhältnisses,
kann dem Willen der Beteiligten entsprechen und wird
jedenfalls durch die Art. 854 und 855 ZGB nicht ausge-
schlossen; denn die ursprüngliche Forderung steht nicht
mehr in Frage, und den Bestimmungen des Schuldbrief-
rechts ist durch die Forderung, wie sie als Schuldbrief-
forderung bereits vorhanden war, genügt. Freilich fällt
noch Art. 801 ZGB in Betracht, wonach das Grundpfand
untergeht « mit der Löschung des Eintrages, sowie mit
dem vollständigen Untergang des Grundstückes». Allein
diese Bestimmung betrifft nur die Löschung zwecks Auf-
hebung, nicht auch die Löschung zwecks Ersetzung durch
einen die nämliche Forderung betreffenden neuen Eintrag.
Das erhellt aus Art. 977 Abs. 2, wo vorgesehen ist, dass
sich eine blosse Berichtigung, welche das Rechtsverhältnis
keineswegs aufheben soll, auf dem Wege der Löschung des
bestehenden Eintrages und dessen Ersetzung durch einen
neuen erzielen lässt. Angesichts dieser Bestimmung er-
weist sich die Ansicht als unhaltbar, die Löschung eines
Grundpfandrechts könne überhaupt nur im Sinne der
Aufhebung vorgenommen werden. Vielmehr ist darnach
möglich, dass ein neuer Eintrag an die Stelle eines alten,
gelöschten tritt, ohne dem Fortbestand des materiellen
Rechtsverhältnisses Abbruch zu tun. Wenn die blosse auf
Versehen beruhende Unrichtigkeit eines Eintrages Veran-
lassung zu einer Löschung und zu einer neuen Eintragung
sein kann, so auch die vertragliche Änderung des Inhalts
eines fortbestehenden RechtsverhältnisSe8. Es ist allge-
mein anerkannt, dass ein Rechtsverhältnis, ohne dass es
deshalb aufgehoben und durch ein neues ersetzt werden
156
Sachenrecht. No 34.
müsste, Änderuhgen erfahren kann (v. TUHR OR 573), und
für Schuldbrief und Gült sind derartige Änderungen in
Art. 874 ZGB i~ Betracht gezogen. Dabei ist unter anderm
der Fall einer Pfandentlassung genannt; gleich muss es
sich verhalten mit einer Pfandvermehrung sowie mit der
Ersetzung bestehender Pfänder durch andere, was ja
nichts anderes als eine Verbindung von Pfandentlassung
und Pfandvermehrung ist. All dies lässt sich also ohne
Aufhebung der bisherigen Schuldbrief- oder Gültforderung
bewirken, natürlich nur auf Grund des allenfalls erforder-
lichen Rechtsgrundausweises. Werden dabei die Eintra-
gungen unübersichtlich, so mag nach Art. 64 Abs. 3 GBV
für den bestehenden Pfandtitel ein neuer ausgestellt wer-
den, ohne Beeinträchtigung der materiellen Ansprüche.
Es kann sich aber auch die Löschung des bestehenden
Grundbucheintrages zwecks Ersetzung durch einen neuen
als angebracht erweisen, gleichfalls nur im Sinne formaler
Verbesserung, ohne Aufhebung des materiellen Rechtsver-
hältnisses. Das verdient ebenso zugelassen zu werden wie
die erörterte Löschung zwecks Berichtigung nach Art. 977
Abs. 2 ZGB. Solchenfalls liegt eine Löschung des Eintrags
zwecks Aufhebung des Rechts im Sinne von Art. 801
nicht vor, ist daher die bestehende Schuldbriefforderung
nicht im Sinne von Art. 501 OR erloschen und frägt sich
nur, ob die allfällige materielle Änderung des Rechtsver-
hältnisses irgendwelche Folgen bezüglich der Rechtsstel-
lung der Bürgen mit sich bringe.
E. 2 Das Gesagte wird durch das vom Appellationshof
angerufene Urteil der I. Zivilabteilung (BGE 64 II 284 ff.)
nicht in Frage gestellt. In jenem Falle liess der Gläubiger
mit Zustimmung des Schuldners einen neuen Schuldbrief
errichten, ohne dass ein Grund zu formaler Ersetzung vor-
gelegen hätte, vielmehr gerade zum Zweck, ein völlig neues
Rechtsverhältnis erstehen zu lassen und die Spuren des
bisherigen zu verwischen; somit konnte ein das Rechts-
verhältnis selbst betreffender Neuerungswille angenommen
und an diese Machenschaft die strenge Folge des Hinfalles
Sachenrecht. No 34.
157
der Bürgschaften geknüpft werden. Es mag ungeprüft
bleiben, ob bei der Ersetzung eines Schuldbriefs durch
einen andern zunächst zu vermuten sei, es handle sich um
die Begründung eines neuen Rechtsverhältnisses, oder
nicht. Die grundbuchlichen Massnahmen, woraus die
Beklagten den Hinfall ihrer Bürgschaft herleiten, beruhen
gar nicht auf einer rechtsgeschäftlichen Verfügung von
Gläubiger und Schuldner, sondern auf einer vom Grund-
buchverwalter im Anschluss an das Sanierungsverfahren
von Amtes wegen getroffenen Anordnung, welcher sich die
Beteiligten bloss unterzogen haben, der Schuldner durch
Unterzeichnen des neuen Pfandtitels, die Klägerin durch
Einsenden der alten, zu entkräftenden Titel. Die Anord-
nung geschah keineswegs im Sinne der Aufhebung der
bestehenden Forderungen, wozu das Grundbuchamt gar
nicht befugt gewesen wäre. Das Amt liess sich einzig von
« grundbuchtechnischen Gründen) leiten und nahm auch
darauf Bedacht, die Verzinsungs- und Rückzahlungsbe-
stimmungen für jeden der den Summen der alten Schuld-
briefe entsprechenden Teilbeträge des neuen Schuldbriefes
getrennt fortbestehen zu lassen. Sowohl die Pfandaus-
dehnung wie auch die Vereinigung der beiden Schuldbriefe
und die dadurch bedingte Vinkulierung des Inhabertitels
sind als Änderungen identisch gebliebener Schuldbrief-
forderungen verstanden. über diese Änderung als solche
haben sich die Beklagten nicht beschwert und auch
gegenüber der vorliegenden Klage keinen Anspruch auf
Wiederherstellung geltend gemacht. übrigens dürfte gegen
die den Beklagten denn auch nicht nachteilige Pfandaus-
dehnung nichts einzuwenden sein, zumal mit Rücksicht
auf die Güterzusammenlegung, womit eben ein einziges
Heimwesen geschaffen werden sollte. Dagegen hätte sich
die Pfandvermehrung sehr wohl getrennt für jeden Schuld-
brief vornehmen lassen, so dass beide Schuldbriefe neben-
einander im gleichen Rang stünden, womit auch die er-
wähnte Vinkulierung unnötig wäre.
E. 3 Der Zinsanspruch der Klägerin ist der Höhe nach 158 Obligationenrecht. No 35. nicht bestritten~ Verzugszinse werden jedoch, statt wie verlangt vom Verfall an, erst von der Anhebung der Be- treibung an, somIt seit 8. Oktober 1938 geschuldet (Art. 105 OR).
Dispositiv
- Dezember 1930 für Beträge von Fr. 13,000.- und Fr. 8000.-, je nebst Zinsen und Kosten, zu Gunsten der Klägerin für deren Schuldbriefforderungen von Fr. 13,000.- und Fr. 8000.-, nunmehr vereinigt in einen Schuldbrief von Fr. 21,000.- gegenüber Johann Wüthrich, Landwirt, eingegangenen Solidarbürgschaften noch zu Recht be- stehen; b) die Beklagten solidarisch verurteilt werden, der Klägerin einen am 1. Mai 1938 fällig gewordenen Zins- betrag von Fr. 945.- nebst Fr. 2.- Mahnspesen, beides mit Verzugszins vom 8. Oktober 1938 an, und Fr. 11.20 Betreibungskosten zu zahlen. V.OBLIGATIONENRECHT DROIT DES OBLIGATIONS
Volltext (verifizierbarer Originaltext)
34. Urteil der II. Zivilabteilung vom 20. September 1940
i. S. Spar- und Lelltkasse HuttwU A.-G. gegen Schfireh -MüDer,
Eheleute.
Ein Schuldbriel oder eine Gült kann im Grundbuch gelöscht und
neu eingetragen werden:
-
zwecks Aufhebung des bisherigen und Begründung eines neuen
Schuldverhältnisses (Novation)
-
oder einfach zwecks neuer Darstellung des im bisherigen Pfand-
titel verkörperten Schuldverhältnisses: insbesondere berich-
tigtmgShalber (Art. 977 Abs. 2 ZGB) oder zur Erzielung besserer
übersicht, etwa wegen inhaltlicher Änderungen gemäss Art.
874 ZGB.
Ob das eine oder das andere zutreffe, bestimmt sich nach
Sinn und Tragweite der rechtsgeschäftlichen Venügung oder
152
Sachenrecht. N° 34.
der behördlic~n Anordnung, worauf sich die Grundbuch-
operation stützt.
Art. 703/803, 801, 855, 874, 977 ZGB, 501 OR.
Une ceduZe hypothecaire ou une Zettre de rente peut etre radiee
et nouvellement inscrite au registre foneier :
-
en vue d'operer novation du droit incorpore clans Ie titre de
gage,
-
ou simplement pour donner a. ce droit une nouvelle forme
en vue d'operer une rectification (art. 977 aI. 2 CC), par exemple,
ou une simplification, en particulier dans le cas des changements
vises a. l'art. 874 CC.
L'existence ou l'inexistence d'une novation ressortit du
contenu de l'acte juridique ou de la decision administrative
sur la base desquels Ia radiation er; la reinscripr;ion onti lieu.
Art;. 703/803, 801, 855, 874, 977 CC; art. 501 CO.
Una carteJla ipotecaria 0 una carleUa di rendita jondiaria puo
essere cancellaua e nuovamenre iscritta nel registro fondiario :
-
allo scopo di novare il diritto incorporato nel titolo di pegno,
-
0 semplicemente per dare a questo diritto una nuova forma :
in partico1are a motivo di una rettifica (art. 977 cp. 2 CC)
o in vista di una chiarificazione, soprattutto nei casi di modi-
ficazione previsti dall'art. 874 CC.
Che esista 0 no novazione risulta dal contenuto dell'atto
giuridico 0 della decisione amministrativa, sulla cui base Ia
cancellazione e la reinscrizione sono operate.
Art. 703/803, 801, 855, 874, 977 CC, art. 501 CO.
A. -
Frau Marie Schürch-Müller war Eigentümerin
zweier Heimwesen im Grundbuchkreis Pfäffikon (Kanton
Zürich). Das eine Heimwesen bestand aus 12, das andere
aus 16 Grundstücken. Auf jenen 12 Grundstücken lastete
im 2. Rang ein Inhaberschuldbrief von Fr. 8000.-, auf
den 16 letztern ein Namenschuldbrief von Fr. 13,000.-,
welche beide der Klägerin gehörten. Am 6. Dezember 1930
gingen die zwei Heimwesen zufolge Kaufes auf Johann
Wüthrich über. Die Klägerin nahm ihn als neuen Schuld-
ller für die Schuldbriefforderungen an, verlangte aber die
Solidarbürgschaft der Verkäuferin und deren Ehemannes
-
der Beklagten des vorliegenden Rechtsstreites -, die
am 29. Dezember 1930 geleistet wurde.
B. -
Die zwei Heimwesen wurden in eine Güterzusam-
menlegung gemäss Art. 703/803 ZGB einbezogen. Daplach
erhielt Wüthrich an Stelle der 28 Grundstücke 9 Kataster-
grundstücke des Güterzusammenlegungs- und Vermes-
sungswerks. Der neue Bestand wurde bereits am 1. Oktober
Sachenrecht. No 34.
153
1933 rechtskräftig zugeteilt, jedoch erst am 30. Juni 1938
nach durchgeführter Vermessung in das Grundbuch ein-
getragen. Inzwischen nahm Wüthrich das amtliche bäuer-
liche Sanierungsverfahren nach dem Bundesbeschluss vom
28. September 1934 in Anspruch. Die Nachlassbehörde
(Bezirksgericht Pfäffikon) genehmigte am 1. Oktober 1935
die vom Sachwalter vorgeschlagenen Sanierungsmass-
nahmen. Der Zürcher Bauernhülfskasse war nach Art. 20
des Bundesbeschlusses eine Sanierungshypothek zu er-
richten für ein Darlehen, soweit dieses zur Tilgung ge-
deckter Zinse diente, unmittelbar hinter den gedeckten
Kapitalien, d. h. nach dem Ergebnis der Schätzung den
Kapitalien des ersten Ranges. Das Grundbuchamt trug
nun für die Bauernhülfskasse ein Gesamtpfandrecht auf
allen 28 Grundstücken des Schuldners im 2. Rang ein und
vereinigte die dadurch in den 3. Rang gedrängten Schuld-
briefe der Klägerin in einen einzigen Namenschuldbrief
von Fr. 21,000.- gleichfalls mit Gesamtpfandrecht auf
den 28 Grundstücken. Es teilte der Klägerin am 27. De-
zember 1935 darüber mit: « Die beiden ungedeckten
Schuldbriefe per Fr. 13,000.- und Fr. 8000.- wurden
heute in einen Schuldbrief per Fr. 21,000.- vereinigt, da
aus grundbuchtechnischen Gründen ein nachgehendes
Pfandrecht nicht weniger Grundpfande haben darf, als
die vorgehenden Schuldbriefe ». Am 18. Januar 1936
wurden die alten Schuldbriefe im Grundbuch gelöscht und
die Pfandtitel durch Zerschneiden entkräftet, und am
9. Mai 1936 erhielt die Klägerin den vom 27. Dezember
1935 datierten neuen Schuldbrief .von Fr. 21,000.-.
G .. -
Nach Ansicht der Beklagten bewirkte die Lö-
schung der alten Schuldbriefe den Untergang der von
ihnen verbürgten Hauptschuld und damit den Hinfall
der Bürgschaftsverpflichtungen. Sie zahlten mit Berufung
darauf die am 1. Mai 1938 verfallenen Schuldbriefzinse
nicht und forderten die in den Vorjahren gezahlten Zinse
als Nichtschuld zurück.
D. -
Die Klage auf Feststellung des Fortbestandes der
154
Sachenrecht. N° 34.
Bürgschaftsverpflichtungen . vom 29. Dezember 1930 für
die nun vereinigten Schuldbriefforderungen und auf Ver-
urteilung der Beklagten zur Zahlung der am 1. Mai 1938
verfallenen Zinse samt Mahnspesen ·und Betreibungs-
kosten wurde vom Appellationshof des Kantons Bern am
14. März 1940 abgewiesen. Die Klägerin hat ihr Begehren
mit der vorliegenden Berufung erneuert.
Das Bundesgericht zieht in Erwägung :
1. -
Nach Art. 855 ZGB wird mit der Errichtung eines
Schuldbriefes oder einer Gült das Schuldverhältnis, das
der Errichtung zu Grunde liegt, durch Neuerung getilgt.
An die Stelle des betreffenden Schuldverhältnisses, sei es
Kauf, Darlehen oder etwas anderes, tritt also die Schuld-
brief- oder Gültforderung, die weder Bedingung noch Ge-
genleistung verträgt (Art. 854), und der gegenüber die
Einreden gemäss Art. 872 ZGB beschränkt sind. Abwei-
chende Abreden können einem gutgläubigen Erwerber
nicht entgegengehalten werden (Art. 855 Abs. 2 ZGB).
Auf die Bedeutung dieser Neuerung als einer Einrede-
beschränkung weisen auch die Erläuterungen zu den ent-
sprechenden Bestimmungen der Art. 836 ff. des Vorent-
wurfs hin, und es ist dort im übrigen bemerkt, die Auf-
nahme einer solchen Vorschrift, wie sie nun Art. 855 ent-
hält, empfehle sich, um Zweifeln vorzubeugen, obschon
sich der Grundsatz gewissermassen schon aus der Natur
dieser näher zu ordnenden Grundpfandforderungen ergebe.
All dies bezieht sich auf den Fall der Umwandlung einer
auf irgendeinem Rechtsgrund beruhenden Forderung in
eine abstrakte Grundpfandforderung. Auch der Randtitel
von Art. 855 «< Verhältnis zur ursprünglichen Forderung »)
hat nur dies im Auge; unter der ursprünglichen ist die am
Anfang jeweilen vorhandene kausale Forderung zu ver-
stehen. Für den Fall der Umwandlung eines bereits be-
stehenden in einen neuen Schuldbrief ist damit nichts
gesagt. Natürlich tritt solchenfalls der neue Schuldbrief
an die Stelle des alten und ist hinfort für den grundbuch-
Sachenrecht. No 34.
155
lichen Verkehr im gleichen Sinne massgebend wie bisher
der alte. Die Frage ist aber, ob damit die Identität der
Forderung aufgehoben sei oder der neue Schuldbrief ein-
fach die bisherige Forderung neu zu verkörpern habe, sei
es unverändert oder, wenn er Änderungen enthält, eben
nach Massgabe des geänderten Inhalts. Solch formale
Erneuerung eines Schuldbriefeintrags- und -pfandtitels,
ohne Neuerung des materiellen Forderungsverhältnisses,
kann dem Willen der Beteiligten entsprechen und wird
jedenfalls durch die Art. 854 und 855 ZGB nicht ausge-
schlossen; denn die ursprüngliche Forderung steht nicht
mehr in Frage, und den Bestimmungen des Schuldbrief-
rechts ist durch die Forderung, wie sie als Schuldbrief-
forderung bereits vorhanden war, genügt. Freilich fällt
noch Art. 801 ZGB in Betracht, wonach das Grundpfand
untergeht « mit der Löschung des Eintrages, sowie mit
dem vollständigen Untergang des Grundstückes». Allein
diese Bestimmung betrifft nur die Löschung zwecks Auf-
hebung, nicht auch die Löschung zwecks Ersetzung durch
einen die nämliche Forderung betreffenden neuen Eintrag.
Das erhellt aus Art. 977 Abs. 2, wo vorgesehen ist, dass
sich eine blosse Berichtigung, welche das Rechtsverhältnis
keineswegs aufheben soll, auf dem Wege der Löschung des
bestehenden Eintrages und dessen Ersetzung durch einen
neuen erzielen lässt. Angesichts dieser Bestimmung er-
weist sich die Ansicht als unhaltbar, die Löschung eines
Grundpfandrechts könne überhaupt nur im Sinne der
Aufhebung vorgenommen werden. Vielmehr ist darnach
möglich, dass ein neuer Eintrag an die Stelle eines alten,
gelöschten tritt, ohne dem Fortbestand des materiellen
Rechtsverhältnisses Abbruch zu tun. Wenn die blosse auf
Versehen beruhende Unrichtigkeit eines Eintrages Veran-
lassung zu einer Löschung und zu einer neuen Eintragung
sein kann, so auch die vertragliche Änderung des Inhalts
eines fortbestehenden RechtsverhältnisSe8. Es ist allge-
mein anerkannt, dass ein Rechtsverhältnis, ohne dass es
deshalb aufgehoben und durch ein neues ersetzt werden
156
Sachenrecht. No 34.
müsste, Änderuhgen erfahren kann (v. TUHR OR 573), und
für Schuldbrief und Gült sind derartige Änderungen in
Art. 874 ZGB i~ Betracht gezogen. Dabei ist unter anderm
der Fall einer Pfandentlassung genannt; gleich muss es
sich verhalten mit einer Pfandvermehrung sowie mit der
Ersetzung bestehender Pfänder durch andere, was ja
nichts anderes als eine Verbindung von Pfandentlassung
und Pfandvermehrung ist. All dies lässt sich also ohne
Aufhebung der bisherigen Schuldbrief- oder Gültforderung
bewirken, natürlich nur auf Grund des allenfalls erforder-
lichen Rechtsgrundausweises. Werden dabei die Eintra-
gungen unübersichtlich, so mag nach Art. 64 Abs. 3 GBV
für den bestehenden Pfandtitel ein neuer ausgestellt wer-
den, ohne Beeinträchtigung der materiellen Ansprüche.
Es kann sich aber auch die Löschung des bestehenden
Grundbucheintrages zwecks Ersetzung durch einen neuen
als angebracht erweisen, gleichfalls nur im Sinne formaler
Verbesserung, ohne Aufhebung des materiellen Rechtsver-
hältnisses. Das verdient ebenso zugelassen zu werden wie
die erörterte Löschung zwecks Berichtigung nach Art. 977
Abs. 2 ZGB. Solchenfalls liegt eine Löschung des Eintrags
zwecks Aufhebung des Rechts im Sinne von Art. 801
nicht vor, ist daher die bestehende Schuldbriefforderung
nicht im Sinne von Art. 501 OR erloschen und frägt sich
nur, ob die allfällige materielle Änderung des Rechtsver-
hältnisses irgendwelche Folgen bezüglich der Rechtsstel-
lung der Bürgen mit sich bringe.
2. -
Das Gesagte wird durch das vom Appellationshof
angerufene Urteil der I. Zivilabteilung (BGE 64 II 284 ff.)
nicht in Frage gestellt. In jenem Falle liess der Gläubiger
mit Zustimmung des Schuldners einen neuen Schuldbrief
errichten, ohne dass ein Grund zu formaler Ersetzung vor-
gelegen hätte, vielmehr gerade zum Zweck, ein völlig neues
Rechtsverhältnis erstehen zu lassen und die Spuren des
bisherigen zu verwischen; somit konnte ein das Rechts-
verhältnis selbst betreffender Neuerungswille angenommen
und an diese Machenschaft die strenge Folge des Hinfalles
Sachenrecht. No 34.
157
der Bürgschaften geknüpft werden. Es mag ungeprüft
bleiben, ob bei der Ersetzung eines Schuldbriefs durch
einen andern zunächst zu vermuten sei, es handle sich um
die Begründung eines neuen Rechtsverhältnisses, oder
nicht. Die grundbuchlichen Massnahmen, woraus die
Beklagten den Hinfall ihrer Bürgschaft herleiten, beruhen
gar nicht auf einer rechtsgeschäftlichen Verfügung von
Gläubiger und Schuldner, sondern auf einer vom Grund-
buchverwalter im Anschluss an das Sanierungsverfahren
von Amtes wegen getroffenen Anordnung, welcher sich die
Beteiligten bloss unterzogen haben, der Schuldner durch
Unterzeichnen des neuen Pfandtitels, die Klägerin durch
Einsenden der alten, zu entkräftenden Titel. Die Anord-
nung geschah keineswegs im Sinne der Aufhebung der
bestehenden Forderungen, wozu das Grundbuchamt gar
nicht befugt gewesen wäre. Das Amt liess sich einzig von
« grundbuchtechnischen Gründen) leiten und nahm auch
darauf Bedacht, die Verzinsungs- und Rückzahlungsbe-
stimmungen für jeden der den Summen der alten Schuld-
briefe entsprechenden Teilbeträge des neuen Schuldbriefes
getrennt fortbestehen zu lassen. Sowohl die Pfandaus-
dehnung wie auch die Vereinigung der beiden Schuldbriefe
und die dadurch bedingte Vinkulierung des Inhabertitels
sind als Änderungen identisch gebliebener Schuldbrief-
forderungen verstanden. über diese Änderung als solche
haben sich die Beklagten nicht beschwert und auch
gegenüber der vorliegenden Klage keinen Anspruch auf
Wiederherstellung geltend gemacht. übrigens dürfte gegen
die den Beklagten denn auch nicht nachteilige Pfandaus-
dehnung nichts einzuwenden sein, zumal mit Rücksicht
auf die Güterzusammenlegung, womit eben ein einziges
Heimwesen geschaffen werden sollte. Dagegen hätte sich
die Pfandvermehrung sehr wohl getrennt für jeden Schuld-
brief vornehmen lassen, so dass beide Schuldbriefe neben-
einander im gleichen Rang stünden, womit auch die er-
wähnte Vinkulierung unnötig wäre.
3. -
Der Zinsanspruch der Klägerin ist der Höhe nach
158
Obligationenrecht. No 35.
nicht bestritten~ Verzugszinse werden jedoch, statt wie
verlangt vom Verfall an, erst von der Anhebung der Be-
treibung an, somIt seit 8. Oktober 1938 geschuldet (Art. 105
OR).
Demnach erkennt das Bundesgericht "
Die Berufung wird gutgeheissen, das Urteil des Appel-
lationshofes des Kantons Bern vom 14. März 1940 aufge-
hoben und die Klage dahin zugesprochen, dass
a) festgestellt wird, dass die von den Beklagten am
29. Dezember 1930 für Beträge von Fr. 13,000.- und
Fr. 8000.-, je nebst Zinsen und Kosten, zu Gunsten der
Klägerin für deren Schuldbriefforderungen von Fr. 13,000.-
und Fr. 8000.-, nunmehr vereinigt in einen Schuldbrief
von Fr. 21,000.- gegenüber Johann Wüthrich, Landwirt,
eingegangenen Solidarbürgschaften noch zu Recht be-
stehen;
b) die Beklagten solidarisch verurteilt werden, der
Klägerin einen am 1. Mai 1938 fällig gewordenen Zins-
betrag von Fr. 945.- nebst Fr. 2.- Mahnspesen, beides
mit Verzugszins vom 8. Oktober 1938 an, und Fr. 11.20
Betreibungskosten zu zahlen.
V.OBLIGATIONENRECHT
DROIT DES OBLIGATIONS