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61_II_297

BGE 61 II 297

Bundesgericht (BGE) ·II · 1935-01-01 · Deutsch CH
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Volltext (verifizierbarer Originaltext)

67. Urteil der II. Zivilabteilung vom 31. Oktober 1936

i. S. Bürgarliches FürBorgea.mt von Ba.sel-Stadt'

gegen Steiger und Genoslen.

Ver w a n d t e n u 11 t e r s t ü t z u n g. Art. 328{29 ZGB.

Der Anspruch steht nur den vom Gesetz als berechtigt bezeichneten

Verwandten zu, also nicht auch den Familienangehörigen

eines Bruders oder einer Schwester, und dem Bruder oder der

Schwester selber nur im Rahmen ihrer persönlichen Bedürfnisse.

Die Beklagten sind Brüder des mit seiner Familie von

der Armenpflege unterstützten Alfred Steiger-Entler. Das

Bürgerliche Fürsorgeamt belangt sie auf Erstattung der

Unterstützungsleistungen, die es jener Familie ausgerichtet

hat, und auf Verpflichtung zur Erstatttmg der in Zukunft

noch zu erfüllenden Leistungen. Die Beklagten anerken-

nen, dass sie die nächsten leistungsfähigen Verwandt.en

des Steiger-Ent.1er sind und sich in günstigen Verhältnissen

befinden. Sie lehnen es aber ab, über den persönlichen

Bedarf ihres Bruders hinaus, also für dessen Familie,

Unterstützungen zu gewähren oder die öffentliche Armen-

pflege dayon zu entlasten.

298

1"amilicnrecht. N0 67.

Der Regierm;tgsrat des Kantons Basel-8tadt hat die

Klage geschütz~, das Appellationsgericht als Verwaltungs-

gericht dagege~ hat mit Urteil vom 23. Juli 1935 den

Beklagten Recht gegeben und sie nur zum Ersatz der

zur Befriedigung der persönlichen Bedürfnisse ihres Bru-

ders bestimmten Unterstützungsleistungen pflichtig er-

klärt.

Mit der vorliegenden Berufung an das Bundesgericht

hält das Fürsorgeamt am Begehren der Klage fest.

Das Bundesge1'icht zieht in EruJägung :

Die Unterstützungspflicht von Verwandten ist in den

Art. 328 und 329 ZGB ohne Vorbehalt kantonalen Rechts

als zivilrechtliche geordnet. Auch dem Gemeinwesen,

das Unterstützungen gewährt hat und auf Verwandte

der unterstützten Personen zurückgreifen will (Art. 329

Abs. 3), stehen nur die Ansprüche zu, die den unterstützten

Personen selbst zugestanden hatten und in die das Gemein-

wesen von Gesetzes wegen eingetreten ist. Daraus, dass

die klagende Behörde nicht nur den Bruder der Beklagten,

sondern auch dessen Frau und Kinder unterstützt hat,

kann somit nicht hergeleitet werden, es müsse ihr auch

in entsprechendem Umfang der Rückgriff auf die Beklag-

ten zugebilligt werden.

Die öffentliche Armenunter-

stützung beruht auf öffentlichem Recht, sie kann über

die zivilrechtliche Unterstützungspßicht von Verwandten

hinausgehen oder auch

d~hinter zurückstehen.

Die

wirklich ausgerichteten Unterstützungsleistungen bilden

die obere Grenze eines allfälligen Rückgriffs der Armen-

behörde; im übrigen aber bestimmt sich Grundsatz und

Mass des Rückgriffs einzig und allein nach den erwähnten

zivilrechtlichen Bestimmungen.

Nun ist der Entscheidung des Appellationsgerichts

beizutreten, dass die Unterstützungspflicht der Beklagten

nur gegenüber ihrem Bruder selbst und nicht auch gegen-

über dessen Frau und Kindern besteht, sowenig wie diese

umgekehrt, wenn sie sich in günstigen Verhältnissen

Familienrecht. No 67.

befänden, von bedürftigen Geschwistern ihres Gatten und

Vaters um Unterstützung angegangen werden könnten.

Das ergibt sich aus Art. 328 ZGB, der eben die gegen-

seitige Unterstützungspflicht auf Blutsverwandte in auf-

und absteigender Linie und Geschwister begrenzt, so

dass Seitenverwandte entfernteren Grades wie auch bloss

Verschwägerte. ausserhalb des Kreises der U nterstützungs-

berechtigten bezw. -pflichtigen stehen.

Das entspricht

auch dem eindeutigen Gang der Gesetzesberatung (Sten.

Bull. der Bundesversammlung 1905,1220; 1907, National-

rat, 271). Wenn dabei als Verschwägerte Stiefeltern und

Stiefkinder, Schwiegereltern und Schwiegerkinder erwähnt

wurden -

also Ehegatten von Eltern oder Kindern,

sowie Eltern oder Kinder des Ehegatten, -

so sind um

so mehr Ehegatten der Geschwister und Geschwister des

Ehegatten von der Unterstützungsberechtigung bezw.

-pflicht ausgeschlossen.

Demnach besteht gegenüber den Beklagten weder ein

Unterstützungsanspruch von Frau und Kindern ihres

Bruders noch ein über seinen eigenen Notbedarf gehender

Anspruch dieses Bruders selbst. Es kann also für die

Bemessung der Unterstützungspflicht Verwandter (entge-

gen BI. f. zürch. Rechtsprechung 1918, 1) nicht anerkannt

werden dass die Not der Familie eines Bruders oder

,

einer Schwester zugleich seine bezw. ihre eigene Not

sei, womit bei Mittellosigkeit dieser ganzen Familie

Ansprüche begründet werden könnten, die in das Viel-

fache des Notbedarfs des Bruders oder der Schwester der

angesprochenen Verwandten gingen. Es fragt sich nur,

ob Familienlasten von Geschwistern (gleich wie von

Blutsverwandten in auf- oder absteigender Linie) allen-

falls insoweit in Betracht fallen können, als diese selbst

dadurch der zu ihrem Lebensunterhalt unentbehrlichen

Mittel entblösst werden (indem die Familienunterhalts-

pflicht auch vor dem sogenannten Existenzminimum

nicht Halt macht), was jedoch im vorliegenden Beru-

fungsverfahren nicht streitig ist.

J<'a.milien",cht.. N° 68.

Dem1lach erkennt das Bundesgericht:

Die Berufung wird abgewiesen und das Urteil des

Appellationsgerichts des Kantons Basel-Stadt (als Ver-

waltungsgericht) vom 23. Juli 1935 bestätigt.