Sachverhalt
Henri Auerbach, der im Jahre 1938 einen Auto-
unfall erlitten hatte, belangte am 1. April 1941 die «Alpina »
Versicherungs-A.G. vor dem Bundesgerichte als einziger
Instanz auf Fr. 140,000.- Entschädigung wegen Vollin-
validität sowie auf Taggeldleistungen und Ersatz der Hei-
lungskosten. Der Prozess dauerte 6 Jahre, vor allem des-
wegen, weil Auerbach immer wieder neue Beweisanträge
stellte. Mit Urteil vom 10. Juli 1947 sprach ihm das Bun-
desgericht insgesamt Fr. 34,199..35 nebst 5 % Zins seit
1. April 1943 zu.
B. -
Vor Beginn und während dieses Prozesses stellte
Auerbach zugunsten zahlreicher Darlehensgeber und an-
derer Gläubiger Abtretungen auf seinen Anspruch gegen
die Alpina aus. Die Summe dieser Abtretungen machte
fast das Doppelte der ihm schliesslich zugesprochenen Ent-
schädigung aus. Am 30. September 1947 vereinbarten
Auerbach und die Alpina, der diese Abtretungen angezeigt
worden waren, der Urteilsbetrag sei bei der Schweiz. Bank-
gesellschaft in Zürich in der Weise zu hinterlegen, dass
Dr. Bascho als Vertreter Auerbachs und Dr. Rosenstiel als
Vertreter der Alpina darüber nur gemeinsam verfügen
können (Ziff. I, 3); Auszahlungen seien nur insoweit vor-
zunehmen, « als die Zessionare, die Höhe der Zession und
die Deckung durch die Urteilssumme einwandfrei festge-
stellt sind»; die Zessionen seien in der Reihenfolge ihrer
Ausstellung zu berücksichtigen (Ziff. 4); die Alpina und
Auerbach « werden alles in ihren Kräften liegende tun, um
eine möglichst rasche Tilgung der Zessionsguthaben zu
erreichen» (Ziff. 7). Von dem hierauf bei der Bankgesell-
schaft hinterlegten Betrage wurden Fr. 9165.- zur Be-
friedigung dreier Zessionare freigegeben. Weitem Frei-
gabebegehren Auerbachs widersetzte sich die Alpina.
Während Verhandlungen zur Beilegung der entstandenen
Meinungsverschiedenheiten im Gange waren, liess Auer-
bach am 30. November 1948 durch Rechtsanwalt Dr.
Arturo Motta in Lugano der Alpina mitteilen, er erkläre
sämtliche Abtretungen als ungültig, weil sie mangels
Versicherungsvertrag. N° 33.
163
übergabe der Versicherungspolice an die Zessionare den
Erfordernissen von Art. 73 VVG nicht entsprechen. Da-
raufhin hinterlegte die Alpina den Rest des bei der Bank-
gesellschaft deponierten Betrages gemäss Art. 168 OR bei
der Bezirksgerichtskasse Zürich. In der Verfügung, mit
welcher der Einzelrichter diese Hinterlegung bewilligte,
setzte er den Zessionaren eine Frist von 30 Tagen an, « um
die Klage auf Herausgabe ihrer Forderung aus dem Depo-
situm ... anhängig zu machen, unter der Androhung, dass
sonst das Depositum dem Gesuchsgegner Nr. 1 (Auerbach)
aushingegeben würde ».
O. -
Zu den Zessionaren Auerbachs gehört Jean Köstli
in Genf. Er hatte Auerbach vom Jahre 1940 an auf Kre-
dit Pension gewährt. Auerbach hatte ihm zunächst eine
Zession über Fr. 1000.-, dann schriftliche Erklärungen
des Inhalts, dass er sich den Betrag der Pensions schuld bei
Erledigung des Versicherungsfalles· direkt von seinem
(Auerbachs) Anwalt auszahlen lassen könne, und schliess-
lich am 14. April 1944 die folgende Urkunde ausgestellt:
«Je soussigne, Renri Auerbach, ... reconnais devoir a. M. Jean
Köstli ... une somme de 10.922.05 ... representant le prlX de ma.
pension du 31 mai 1940 a? 29 fevrier 1~44.
.
Lee droits de M. Köstb pour 1a penSIon a. partlr du 1 er mars
. 1944 demeurant reserves.
Je declare par la presente d'avoir ceder et deleguer a M. Jean
Köstli un meme montant de Fr. dix mille neuf cent vingt deux 05
Bur les dommages-int8rets que je dois recevoir pour invalidiM a
l'issue d'un proces intente a la Compagnie d'Assurance ALPINA
a. Zürich ... »
Am 14. November 1944 schrieb Auerbach an Köstli:
« Die Ihnen gegebene Cession für den Ihnen schuldenden Betrag
erhöhe ich hierdurch auf Fra. 12,944.35 ».
.
Gestützt auf diese Erklärungen leitete Köstli gegen
Auerbach innert der vom Einzelrichter angesetzten Frist
Klage ein mit dem Begehren, der Beklagte sei zu ver-
pflichten, ihm aus dem bei der Bezirksgerichtsk!tsse lie-
genden Depot Fr. 12,944.35 nebst Zins aushinzugeben.
Auerbach hatte Köstli wenige Tage vor der Klageeinleitung
(mit Schreiben vom 11. September 1949) noch dringend
164
Versicherungsvertrag. N0 33.
geraten, den ganzen Betrag einzuklagen, und ihm zuge-
sichert, er werde ihm in diesem Prozesse keine Schwierig-
keiten machen, sondern alles tun, damit Köstli « das Not-
wendige rasch· bekomme)); « Sie brauchen keinen Anwalt
gegen mich, aber damit Sie nicht vor anderen das Nach-
sehen haben)). Er liess dann aber Abweisung der Klage
beantragen und verweigerte seine Zustimmung zu einem
Vergleiche, wonach die Zessionare ihm die Hälfte der ge-
richtlich deponierten Summe zu seiner persönlichen Ver-
fügung überlassen hätten. Das Bezirksgericht erklärte den
Kläger für berechtigt, sich aus dem Depot Fr. 12,944.35
ohne Zins auszahlen zu lassen. Am 12. Dezember 1950 hat
das Obergericht des Kantons Zürich dieses Urteil bestä-
tigt.
D. -
Vor Bundesgericht beantragt der Beklagte neuer-
dings Abweisung der Klage.
Erwägungen (10 Absätze)
E. 1 Art. 73 VVG bestimmt, die Abtretung des An-
spruchs aus einem Personenversicherungsvertrage bedürfe
zu ihrer Gültigkeit der schriftlichen Form und der Über-
gabe der Police, sowie der schriftlichen Anzeige an den
Versicherer. Das Rechtsgeschäft, auf das die Erklärungen
des Beklagten vom 14. April und 14. November 1944 sich
beziehen, fällt unter diese Bestimmung.
a) Es bedarf keiner nähern Begründung, dass diese
ErklärUngen im Sinne einer Abtretung und nicht, wie vom
Kläger vor erster Instanz behauptet, im Sinne einer Be-
günstigung gemäss Art. 76 VVG auszulegen sind.
b) Dem Kläger kann nicht zugegeben werden, dass
Art. 73 VVG nur dann gelte, wenn der Versicherungsneh-
mer vor Eintritt des Versicherungsfalles alle auf dem Ver-
sicherungsvertrage beruhenden Rechtsbeziehungen zum
Versicherer auf einen Dritten übertragen, d.h. einen Dritten
in seine Rechtsstellung gegenüber dem Versicherer ein-
treten lassen will. Gegenstand einer Abtretung kann nicht
das ganze Vertragsverhältnis sein, sondern nur der An-
Versicherungsvertrag. N° 33.
165
spruch auf die Leistungen des Versicherers. Art. 73 will
unzweifelhaft die Übertragung dieses Anspruches regeln,
soweit er von der Abtretung des Anspruches aus dem Ver-
sicherungsvertrage spricht.
c) Im vorliegenden Falle wurde freilich ni~ht « der))
Anspruch auf die Versicherungsleistungen, sondern nur
ein Teil dieser Forderung abgetreten. Daraus folgt jedoch
nicht, dass die Erfordernisse von Art. 73 nicht erfüllt zu
werden brauchten. Diese Vorschrift muss vielmehr grund-
sätzlich auch auf die Teilabtretung angewendet werden.
Sie könnte sonst allzuleicht umgangen werden.
d) Wie die kantonalen Gerichte mit Recht angenommen
haben, ist der in der Erklärung vom 14. A pril1944 erwähnte
Entschädigungsanspruch gegen die Alpina ein Anspruch
aus einem Personenversicherungsvertrage. Der Beklagte
war bei dieser Gesellschaft gegen Unfall versichert. Von
der Unfallversicherung spricht das VVG in Art. 87 und 88.
Diese Bestimmungen gehören zum III. Abschnitt des Ge-
setzes (Art. 73-96), der die Überschrift trägt: « Besondere
Bestimmungen über die Personenversicherung)). Die Un-
fallversicherung ist also eine Personenversicherung im
Sinne von Art. 73 H. VVG, und zwar gilt dies nach der
Rechtsprechung des Bundesgerichtes (BGE 63 II 152,
70 n 230, 73 II 40) für alle Arten der privaten Unfallver-
sicherung. Diese Rechtsprechung in Wiedererwägung zu
ziehen, besteht heute kein Anlass. Selbst wenn man näm-
lich der daran geübten Kritik, die sich hauptsächlich gegen
die mehrfache Bezahlung der Heilungskosten und des Lohn-
ausfalles beim Bestehen mehrerer Versicherungen richtet,
eine gewisse Berechtigung zuerkennen wollte, so wäre die
Frage, ob der Beklagte seinen Versicherungsanspruch (oder
vielmehr einen Teil davon) gültig an den Kläger abgetreten
habe, auf Grund von Art. 73 VVG zu beurteilen, weil für
den Entscheid über die Anwendung oder Nichtanwendung
dieser Bestimmung der Hauptinhalt der Police massgebend
sein müsste und die Unfallversicherung des Beklagten im
wesentlichen Summenversicherung ist (Fr. 140,000.- für
166
Versicherungsvertrag. N° 33.
den Invaliditätsfall, Fr. 35.- Tagesentschädigung) und
nur hinsichtlich der auf Fr. 2000.- begrenzten Entschä-
digung für Heilungskosten, also in einem untergeordneten
Punkte, eventuell als Schadensversicherung qualifiziert
werden könnte.
E. 1a Es bedarf keiner nähern Begründung, dass diese ErklärUngen im Sinne einer Abtretung und nicht, wie vom Kläger vor erster Instanz behauptet, im Sinne einer Be- günstigung gemäss Art. 76 VVG auszulegen sind.
E. 1b Dem Kläger kann nicht zugegeben werden, dass Art. 73 VVG nur dann gelte, wenn der Versicherungsneh- mer vor Eintritt des Versicherungsfalles alle auf dem Ver- sicherungsvertrage beruhenden Rechtsbeziehungen zum Versicherer auf einen Dritten übertragen, d.h. einen Dritten in seine Rechtsstellung gegenüber dem Versicherer ein- treten lassen will. Gegenstand einer Abtretung kann nicht das ganze Vertragsverhältnis sein, sondern nur der An- Versicherungsvertrag. N° 33. 165 spruch auf die Leistungen des Versicherers. Art. 73 will unzweifelhaft die Übertragung dieses Anspruches regeln, soweit er von der Abtretung des Anspruches aus dem Ver- sicherungsvertrage spricht.
E. 1c Im vorliegenden Falle wurde freilich ni~ht « der)) Anspruch auf die Versicherungsleistungen, sondern nur ein Teil dieser Forderung abgetreten. Daraus folgt jedoch nicht, dass die Erfordernisse von Art. 73 nicht erfüllt zu werden brauchten. Diese Vorschrift muss vielmehr grund- sätzlich auch auf die Teilabtretung angewendet werden. Sie könnte sonst allzuleicht umgangen werden.
E. 1d Wie die kantonalen Gerichte mit Recht angenommen
haben, ist der in der Erklärung vom 14. A pril1944 erwähnte
Entschädigungsanspruch gegen die Alpina ein Anspruch
aus einem Personenversicherungsvertrage. Der Beklagte
war bei dieser Gesellschaft gegen Unfall versichert. Von
der Unfallversicherung spricht das VVG in Art. 87 und 88.
Diese Bestimmungen gehören zum III. Abschnitt des Ge-
setzes (Art. 73-96), der die Überschrift trägt: « Besondere
Bestimmungen über die Personenversicherung)). Die Un-
fallversicherung ist also eine Personenversicherung im
Sinne von Art. 73 H. VVG, und zwar gilt dies nach der
Rechtsprechung des Bundesgerichtes (BGE 63 II 152,
70 n 230, 73 II 40) für alle Arten der privaten Unfallver-
sicherung. Diese Rechtsprechung in Wiedererwägung zu
ziehen, besteht heute kein Anlass. Selbst wenn man näm-
lich der daran geübten Kritik, die sich hauptsächlich gegen
die mehrfache Bezahlung der Heilungskosten und des Lohn-
ausfalles beim Bestehen mehrerer Versicherungen richtet,
eine gewisse Berechtigung zuerkennen wollte, so wäre die
Frage, ob der Beklagte seinen Versicherungsanspruch (oder
vielmehr einen Teil davon) gültig an den Kläger abgetreten
habe, auf Grund von Art. 73 VVG zu beurteilen, weil für
den Entscheid über die Anwendung oder Nichtanwendung
dieser Bestimmung der Hauptinhalt der Police massgebend
sein müsste und die Unfallversicherung des Beklagten im
wesentlichen Summenversicherung ist (Fr. 140,000.- für
166
Versicherungsvertrag. N° 33.
den Invaliditätsfall, Fr. 35.- Tagesentschädigung) und
nur hinsichtlich der auf Fr. 2000.- begrenzten Entschä-
digung für Heilungskosten, also in einem untergeordneten
Punkte, eventuell als Schadensversicherung qualifiziert
werden könnte.
E. 2 Die Abtretungserklärungen vom 14. April und
14. November 1944 genügen dem Erfordernis der Schrift- form. Die schriftliche Anzeige an den Versicherer ist nach den tatsächlichen Feststellungen der Vorinstanz erfolgt. Dagegen ist die Police dem Kläger nicht übergeben worden. Wo der Anspruchsberechtigte wie hier nicht nur eine Abtretung vornimmt, sondern, was zulässig ist, mehreren Personen Teilabtretungep. ausstellt, kann er der Vorschrift, dass dem Zessionar die Police zu übergeben ist, freilich nicht in jedem einzelnen Falle wörtlich nachkommen. Es muss vielmehr genügen, wenn die Police einem der Zes- sionare oder einem Dritten übergeben wird und dieser Zes- sionar bzw. Dritte angewiesen wird, den Besitz daran auch für die andern Zessionare bzw. für die Zessionare auszu- üben. Die Zessionare, die die Police nicht selber in Händen haben, haben sie dann wenigstens mittelbar in ihrem Be- sitz, während der Zedent nicht darüber verfügen kann. Solche Vorkehren sind jedoch im vorliegenden Falle mcht getroffen worden. Weder die Anwälte des Beklagten, denen dieser die Police seinerzeit übergeben hatte, noch das Bundesgericht, bei dem sie während des Prozesses gegen die Alpina lag, wurden angewiesen, sie für die Zes- sionare zu· besitzen. Der Beklagte konnte jederzeit darüber verfügen. Die Abtretung ist daher nicht rechtsgültig erfolgt (BGE 61 II 42).
E. 3 Ob die Vereinbarung vom 30. September 1947 und die daran anschliessende Hinterlegung der Urteils~ summe bei der Bankgesellschaft zur Folge hatten, dass der Beklagte anstelle der Forderung aus dem Versicherungs- vertrag eine andere Forderung erhielt, zu deren Abtretung es nur einer schriftlichen Erklärung (Art. 165 OR) bedurfte, kann dahingestellt bleiben. Selbst wenn es sich nämlich Versicherungsvertrag. N0 33. 167 so verhielte, würde das dem Kläger nicht helfen. Wohl hat der Beklagte in der Vereinbarung vom 30. September 1947 (namentlich in Ziff. 7) den Willen zum Ausdruck gebracht, die seinerzeit ausgestellten Abtretungen zu honorieren. In dieser Erklärung kann jedoch weder eine neue Abtretung noch eine den Zessionaren gegenüber verbindliche Bestä- tigung der früher erfolgten Abtretungen erblickt werden, weil sie nicht zuhanden der Zessionare abgegeben wurde, sondern nur an die Alpina gerichtet war. Wenn das Be- zirksgericht annimmt, dass gar keine neue Erklärung an die Zessionare nötig gewesen sei, sondern dass die Um- wandlung des Versicherungsanspruchs in eine gewöhnliche, nach den Regeln des OR abtretbare Forderung die früher ausgestellten, mangels übergabe der Police ungültigen Abtretungen ohne weiteres habe konvaleszieren lassen, so kann ihm niclit beigestimmt werden. Der Entscheid BGE 41 II 37 ff., den es zitiert, stellt (S. 47 ff.) lediglich fest, dass die von einem Nichtberechtigten getroffene Verfügung konvalesziere, wenn dieser nachträglich das Recht erwirbt, über das er verfügt hat. Um etwas Derartiges handelt es sich hier nicht.
E. 4 Wie die Vorinstanz zutreffend ausgeführt hat, würde dem Kläger auch die an sich denkbare Konversion der ungültigen Abtretung in eine Inkassovollmacht nichts . nützen, weil eine solche Vollmacht frei widerruflich ist und in der Erklärung von Rechtsanwalt Dr. Motta vom
30. November 1948 ein solcher Widerruf erblickt werden müss&.
E. 5 Es kann sich somit nur noch fragen, ob die Beru-
fung auf den Mangel, welcher der streitigen Abtretung
anhaftet, angesichts der besondern Umstände als rechts-
missbräuchlich zurückgewiesen werden muss (Art. 2 ZGB).
Diese Frage ist mit der Vorinstanz zu bejahen, auch wenn
man, wie es schon im Interesse der Rechtssicherheit ge-
boten ist, die Einrede des Rechtsmissbrauchs gegenüber
der Berufung auf Mängel im Abschluss von Rechtsgeschäf-
ten nur mit grosser Zurückhaltung zulässt.
168
Versicherungsvertrag. N° 33.
Der Beklagte hat dem Kläger die streitige Abtretung zum
Zwecke der Bezahlung einer Pensionsschuld ausgestellt.
Er hat also den Gegenwert der abgetretenen Forderung
vom Kläger erhalten, und zwar in Form von Leistungen,
die für seinen Lebensunterhalt notwendig waren, und zu
deren Bezahlung er bei früherer Erledigung des Versi-
cherungsfalles die Versicherungsentschädigung verwendet
hätte. Zur Abmachung, dass der Kläger ihm auf Kredit
Pension gewähre, kam es ohne Zweifel nicht auf Betreiben
des Klägers, sondern des Beklagten, der keine flüssigen
Mittel besass und daher auf Kredit angewiesen war, um
sein Leben fristen zu können. Ebenso ist mit Sicherheit
anzunehmen, dass der Vorschlag auf Abtretung eines Teils
der Forderung gegen die Alpina vom Beklagten ausging;
stellte der Beklagte doch solche Abtretungen auch zahl-
reichen andern Gläubigern aus. Es war denn auch durchaus
am Platze, dass er den Kreditgebern, denen er z~mutete,
bis zur Erledigung des Versicherungsstreites auf die Be-
zahlung ihrer Guthaben zu warten, durch Abtretung ent-
sprechender Teile des Versicherungsanspruches eine gewisse
Sicherheit bot. Weder dem Kläger noch dem Beklagten
war bewusst, dass die Abtretung vom 14. April 1944 den
gesetzlichen Anforderungen nicht genügte. Hätten die
Parteien den Mangel gekannt, so wäre der Beklagte, der
sich nach dem 14. April 1944 noch weiter vom Kläger
unterhalten liess, fraglos bereit gewesen, die Police dem
Kläger oder einem Treuhänder zu übergeben. Es ist daher
höchst anstössig, dass der Beklagte heute geltend macht,
die abgetretene Summe sei nicht dem Kläger, sondern ihm
auszuzahlen, weil die Abtretung mangels Übergabe der
Police ungültig sei. Sein Verhalten im vorliegenden Pro-
zesse, das übrigens auch zu den im Schreiben vom 11. Sep-
tember 1949 enthaltenen Zusicherungen in krassem Wider-
spruch steht, bedeutet nichts anderes als den Versuch, den
Kläger, der ihn im Vertrauen auf sein Wort während seiner
Auseinandersetzung mit der Alpina jahrelang unterhalten
hat, vollständig um sein Guthaben zu bringen; denn eine
Versicherungsvertrag. N° 33.
169
Betreibung, wie sie im Falle der Ungültigerklärung der
zahlungshalber ausgestellten Abtretung möglich wäre, ver-
spräche keinen Erfolg, weil die Versicherungsentschädigung
gemäss Art. 92 Ziff. 10 SchKG nicht gepfändet werden
könnte und der Beklagte im übrigen mittellos ist. Dieses
mit Treu und Glauben unverträgliche Vorhaben des Be-
klagten mus& scheitern. Die Vorschrift, dass die Police
dem Zessionar zu übergeben sei, wurde nicht zum Schutze
des Zedenten, sondern im Interesse Dritter aufgestellt.
Dem Versicherten, der seinen Anspruch gegen den Ver-
sicherer ganz oder teilweise abgetreten hat, soll die Mög-
lichkeit genommen werden, Dritte durch Vorweisen der
Police in den Glauben zu versetzen, er könne über diesen
Anspruch noch frei verfügen. Indem der Beklagte sich
darauf beruft, dass seine Police dem Kläger nicht über-
geben worden und die ihm ausgestellte Abtretung daher
ungültig sei, will er nicht etwa die Interessen anderer Gläu-
biger wahren, die seine Kreditwürdigkeit überschätzten,
weil er die Police nach der Abtretung vom 14. April/14. No-
vember 1944 noch besass. Er will vielmehr die Versiche-
rungssumme für sich behalten, d.h. nicht nur den Kläger,
sondern alle Gläubiger, die ihm mit Rücksicht auf seine
Ansprüche gegen die Alpina Kredit gewährten, leer aus-
gehen lassen. Die Berufung auf die mangelnde Übergabe
der Police dient also in keiner Weise den Interessen, die
das Gesetz mit der nicht beobachteten Vorschrift schützen
will, sondern ausschliesslich einem ganz andern, der
Wahrung dieser Interessen fremden, wenn nicht geradezu
entgegengesetzten Zwecke. Sie erfolgt mithin offenbar
missbräuchlich und darf daher gemäss Art. 2 Abs. 2 ZGB
keinen Rechtsschutz finden.
E. 6 Dass dem Kläger der Betrag der ihm abgetretenen Teilforderung mit Rücksicht auf vorgehende Ansprüche anderer Zessionare nicht oder nicht voll aus dem Depo- situm bei der Bezirksgerichtskasse Zürich ausbezahlt wer- den dürfe, macht der Beklagte nicht einmal mehr im Sinne eines Eventualstandpunktes geltend. Ebensowenig ist ein 170 Versicherungsvertrag. N° 34. solcher Einwand auf dem Wege der Intervention von Sei- ten anderer Prätendenten erhoben worden.
Dispositiv
- Die Berufung wird abgewiesen und das Urteil des Ober- gerichts des Kantons Zürich vom 12. Dezember 1950 bestä- tigt.
Volltext (verifizierbarer Originaltext)
33. Urteil der H. Zivil abteilung vom 5. Mai 1951
i. S. Auerbaeh ~egen Köstli.
Unfallversicherung. Abtretung des Anspruchs auf die Y
e:r;sic~erungs
leistungen. Anwendbarkeit .von Art. 73 VVG .. WIe Ist II:?- Falle
mehrerer Teilabtretungen dIe tJbergabe dw Pol~ce zu vollZIehen t
Rechtsmissbräuchliche Berufung auf die mangelnde Übergabe
der Police (Art. 2 ZGB).
Assurance contre les accidents. Cession du droit aux prestations de
l'assureur. Application de l'art. 73 LOA. Oo~ent doi.t se faire
la tradition de la police lorsqu'il y a eu plusIeurs CeSBl~~ par-
tielles ? Invocation abusive des vices affectant la traditIOn de
la police (art. 2 00).
Assicurazwne contro gli infortuni. CessWne deI diritto alle presta-
zioni deU'assicuratore. Applicazi0l!-e dell'ar.t. 73 L~A. Ü<?m~
deve farsi La consegna della polizza m caso di parecchIe CeSBIoni
parziali ? Invocazione abusiva dei vizi che inficiano la tradi-
zione deUa polizza (art. 200):
11
AB 77 TI -
1951
1112
Versicherungsvertrag. N° 33.
A. -
Henri Auerbach, der im Jahre 1938 einen Auto-
unfall erlitten hatte, belangte am 1. April 1941 die «Alpina »
Versicherungs-A.G. vor dem Bundesgerichte als einziger
Instanz auf Fr. 140,000.- Entschädigung wegen Vollin-
validität sowie auf Taggeldleistungen und Ersatz der Hei-
lungskosten. Der Prozess dauerte 6 Jahre, vor allem des-
wegen, weil Auerbach immer wieder neue Beweisanträge
stellte. Mit Urteil vom 10. Juli 1947 sprach ihm das Bun-
desgericht insgesamt Fr. 34,199..35 nebst 5 % Zins seit
1. April 1943 zu.
B. -
Vor Beginn und während dieses Prozesses stellte
Auerbach zugunsten zahlreicher Darlehensgeber und an-
derer Gläubiger Abtretungen auf seinen Anspruch gegen
die Alpina aus. Die Summe dieser Abtretungen machte
fast das Doppelte der ihm schliesslich zugesprochenen Ent-
schädigung aus. Am 30. September 1947 vereinbarten
Auerbach und die Alpina, der diese Abtretungen angezeigt
worden waren, der Urteilsbetrag sei bei der Schweiz. Bank-
gesellschaft in Zürich in der Weise zu hinterlegen, dass
Dr. Bascho als Vertreter Auerbachs und Dr. Rosenstiel als
Vertreter der Alpina darüber nur gemeinsam verfügen
können (Ziff. I, 3); Auszahlungen seien nur insoweit vor-
zunehmen, « als die Zessionare, die Höhe der Zession und
die Deckung durch die Urteilssumme einwandfrei festge-
stellt sind»; die Zessionen seien in der Reihenfolge ihrer
Ausstellung zu berücksichtigen (Ziff. 4); die Alpina und
Auerbach « werden alles in ihren Kräften liegende tun, um
eine möglichst rasche Tilgung der Zessionsguthaben zu
erreichen» (Ziff. 7). Von dem hierauf bei der Bankgesell-
schaft hinterlegten Betrage wurden Fr. 9165.- zur Be-
friedigung dreier Zessionare freigegeben. Weitem Frei-
gabebegehren Auerbachs widersetzte sich die Alpina.
Während Verhandlungen zur Beilegung der entstandenen
Meinungsverschiedenheiten im Gange waren, liess Auer-
bach am 30. November 1948 durch Rechtsanwalt Dr.
Arturo Motta in Lugano der Alpina mitteilen, er erkläre
sämtliche Abtretungen als ungültig, weil sie mangels
Versicherungsvertrag. N° 33.
163
übergabe der Versicherungspolice an die Zessionare den
Erfordernissen von Art. 73 VVG nicht entsprechen. Da-
raufhin hinterlegte die Alpina den Rest des bei der Bank-
gesellschaft deponierten Betrages gemäss Art. 168 OR bei
der Bezirksgerichtskasse Zürich. In der Verfügung, mit
welcher der Einzelrichter diese Hinterlegung bewilligte,
setzte er den Zessionaren eine Frist von 30 Tagen an, « um
die Klage auf Herausgabe ihrer Forderung aus dem Depo-
situm ... anhängig zu machen, unter der Androhung, dass
sonst das Depositum dem Gesuchsgegner Nr. 1 (Auerbach)
aushingegeben würde ».
O. -
Zu den Zessionaren Auerbachs gehört Jean Köstli
in Genf. Er hatte Auerbach vom Jahre 1940 an auf Kre-
dit Pension gewährt. Auerbach hatte ihm zunächst eine
Zession über Fr. 1000.-, dann schriftliche Erklärungen
des Inhalts, dass er sich den Betrag der Pensions schuld bei
Erledigung des Versicherungsfalles· direkt von seinem
(Auerbachs) Anwalt auszahlen lassen könne, und schliess-
lich am 14. April 1944 die folgende Urkunde ausgestellt:
«Je soussigne, Renri Auerbach, ... reconnais devoir a. M. Jean
Köstli ... une somme de 10.922.05 ... representant le prlX de ma.
pension du 31 mai 1940 a? 29 fevrier 1~44.
.
Lee droits de M. Köstb pour 1a penSIon a. partlr du 1 er mars
. 1944 demeurant reserves.
Je declare par la presente d'avoir ceder et deleguer a M. Jean
Köstli un meme montant de Fr. dix mille neuf cent vingt deux 05
Bur les dommages-int8rets que je dois recevoir pour invalidiM a
l'issue d'un proces intente a la Compagnie d'Assurance ALPINA
a. Zürich ... »
Am 14. November 1944 schrieb Auerbach an Köstli:
« Die Ihnen gegebene Cession für den Ihnen schuldenden Betrag
erhöhe ich hierdurch auf Fra. 12,944.35 ».
.
Gestützt auf diese Erklärungen leitete Köstli gegen
Auerbach innert der vom Einzelrichter angesetzten Frist
Klage ein mit dem Begehren, der Beklagte sei zu ver-
pflichten, ihm aus dem bei der Bezirksgerichtsk!tsse lie-
genden Depot Fr. 12,944.35 nebst Zins aushinzugeben.
Auerbach hatte Köstli wenige Tage vor der Klageeinleitung
(mit Schreiben vom 11. September 1949) noch dringend
164
Versicherungsvertrag. N0 33.
geraten, den ganzen Betrag einzuklagen, und ihm zuge-
sichert, er werde ihm in diesem Prozesse keine Schwierig-
keiten machen, sondern alles tun, damit Köstli « das Not-
wendige rasch· bekomme)); « Sie brauchen keinen Anwalt
gegen mich, aber damit Sie nicht vor anderen das Nach-
sehen haben)). Er liess dann aber Abweisung der Klage
beantragen und verweigerte seine Zustimmung zu einem
Vergleiche, wonach die Zessionare ihm die Hälfte der ge-
richtlich deponierten Summe zu seiner persönlichen Ver-
fügung überlassen hätten. Das Bezirksgericht erklärte den
Kläger für berechtigt, sich aus dem Depot Fr. 12,944.35
ohne Zins auszahlen zu lassen. Am 12. Dezember 1950 hat
das Obergericht des Kantons Zürich dieses Urteil bestä-
tigt.
D. -
Vor Bundesgericht beantragt der Beklagte neuer-
dings Abweisung der Klage.
Das Bundesgericht zieht in Erwägung:
1. -
Art. 73 VVG bestimmt, die Abtretung des An-
spruchs aus einem Personenversicherungsvertrage bedürfe
zu ihrer Gültigkeit der schriftlichen Form und der Über-
gabe der Police, sowie der schriftlichen Anzeige an den
Versicherer. Das Rechtsgeschäft, auf das die Erklärungen
des Beklagten vom 14. April und 14. November 1944 sich
beziehen, fällt unter diese Bestimmung.
a) Es bedarf keiner nähern Begründung, dass diese
ErklärUngen im Sinne einer Abtretung und nicht, wie vom
Kläger vor erster Instanz behauptet, im Sinne einer Be-
günstigung gemäss Art. 76 VVG auszulegen sind.
b) Dem Kläger kann nicht zugegeben werden, dass
Art. 73 VVG nur dann gelte, wenn der Versicherungsneh-
mer vor Eintritt des Versicherungsfalles alle auf dem Ver-
sicherungsvertrage beruhenden Rechtsbeziehungen zum
Versicherer auf einen Dritten übertragen, d.h. einen Dritten
in seine Rechtsstellung gegenüber dem Versicherer ein-
treten lassen will. Gegenstand einer Abtretung kann nicht
das ganze Vertragsverhältnis sein, sondern nur der An-
Versicherungsvertrag. N° 33.
165
spruch auf die Leistungen des Versicherers. Art. 73 will
unzweifelhaft die Übertragung dieses Anspruches regeln,
soweit er von der Abtretung des Anspruches aus dem Ver-
sicherungsvertrage spricht.
c) Im vorliegenden Falle wurde freilich ni~ht « der))
Anspruch auf die Versicherungsleistungen, sondern nur
ein Teil dieser Forderung abgetreten. Daraus folgt jedoch
nicht, dass die Erfordernisse von Art. 73 nicht erfüllt zu
werden brauchten. Diese Vorschrift muss vielmehr grund-
sätzlich auch auf die Teilabtretung angewendet werden.
Sie könnte sonst allzuleicht umgangen werden.
d) Wie die kantonalen Gerichte mit Recht angenommen
haben, ist der in der Erklärung vom 14. A pril1944 erwähnte
Entschädigungsanspruch gegen die Alpina ein Anspruch
aus einem Personenversicherungsvertrage. Der Beklagte
war bei dieser Gesellschaft gegen Unfall versichert. Von
der Unfallversicherung spricht das VVG in Art. 87 und 88.
Diese Bestimmungen gehören zum III. Abschnitt des Ge-
setzes (Art. 73-96), der die Überschrift trägt: « Besondere
Bestimmungen über die Personenversicherung)). Die Un-
fallversicherung ist also eine Personenversicherung im
Sinne von Art. 73 H. VVG, und zwar gilt dies nach der
Rechtsprechung des Bundesgerichtes (BGE 63 II 152,
70 n 230, 73 II 40) für alle Arten der privaten Unfallver-
sicherung. Diese Rechtsprechung in Wiedererwägung zu
ziehen, besteht heute kein Anlass. Selbst wenn man näm-
lich der daran geübten Kritik, die sich hauptsächlich gegen
die mehrfache Bezahlung der Heilungskosten und des Lohn-
ausfalles beim Bestehen mehrerer Versicherungen richtet,
eine gewisse Berechtigung zuerkennen wollte, so wäre die
Frage, ob der Beklagte seinen Versicherungsanspruch (oder
vielmehr einen Teil davon) gültig an den Kläger abgetreten
habe, auf Grund von Art. 73 VVG zu beurteilen, weil für
den Entscheid über die Anwendung oder Nichtanwendung
dieser Bestimmung der Hauptinhalt der Police massgebend
sein müsste und die Unfallversicherung des Beklagten im
wesentlichen Summenversicherung ist (Fr. 140,000.- für
166
Versicherungsvertrag. N° 33.
den Invaliditätsfall, Fr. 35.- Tagesentschädigung) und
nur hinsichtlich der auf Fr. 2000.- begrenzten Entschä-
digung für Heilungskosten, also in einem untergeordneten
Punkte, eventuell als Schadensversicherung qualifiziert
werden könnte.
2. -
Die Abtretungserklärungen vom 14. April und
14. November 1944 genügen dem Erfordernis der Schrift-
form. Die schriftliche Anzeige an den Versicherer ist nach
den tatsächlichen Feststellungen der Vorinstanz erfolgt.
Dagegen ist die Police dem Kläger nicht übergeben worden.
Wo der Anspruchsberechtigte wie hier nicht nur eine
Abtretung vornimmt, sondern, was zulässig ist, mehreren
Personen Teilabtretungep. ausstellt, kann er der Vorschrift,
dass dem Zessionar die Police zu übergeben ist, freilich
nicht in jedem einzelnen Falle wörtlich nachkommen. Es
muss vielmehr genügen, wenn die Police einem der Zes-
sionare oder einem Dritten übergeben wird und dieser Zes-
sionar bzw. Dritte angewiesen wird, den Besitz daran auch
für die andern Zessionare bzw. für die Zessionare auszu-
üben. Die Zessionare, die die Police nicht selber in Händen
haben, haben sie dann wenigstens mittelbar in ihrem Be-
sitz, während der Zedent nicht darüber verfügen kann.
Solche Vorkehren sind jedoch im vorliegenden Falle
mcht getroffen worden. Weder die Anwälte des Beklagten,
denen dieser die Police seinerzeit übergeben hatte, noch
das Bundesgericht, bei dem sie während des Prozesses
gegen die Alpina lag, wurden angewiesen, sie für die Zes-
sionare zu· besitzen. Der Beklagte konnte jederzeit darüber
verfügen. Die Abtretung ist daher nicht rechtsgültig erfolgt
(BGE 61 II 42).
3. -
Ob die Vereinbarung vom 30. September 1947
und die daran anschliessende Hinterlegung der Urteils~
summe bei der Bankgesellschaft zur Folge hatten, dass der
Beklagte anstelle der Forderung aus dem Versicherungs-
vertrag eine andere Forderung erhielt, zu deren Abtretung
es nur einer schriftlichen Erklärung (Art. 165 OR) bedurfte,
kann dahingestellt bleiben. Selbst wenn es sich nämlich
Versicherungsvertrag. N0 33.
167
so verhielte, würde das dem Kläger nicht helfen. Wohl hat
der Beklagte in der Vereinbarung vom 30. September 1947
(namentlich in Ziff. 7) den Willen zum Ausdruck gebracht,
die seinerzeit ausgestellten Abtretungen zu honorieren. In
dieser Erklärung kann jedoch weder eine neue Abtretung
noch eine den Zessionaren gegenüber verbindliche Bestä-
tigung der früher erfolgten Abtretungen erblickt werden,
weil sie nicht zuhanden der Zessionare abgegeben wurde,
sondern nur an die Alpina gerichtet war. Wenn das Be-
zirksgericht annimmt, dass gar keine neue Erklärung an
die Zessionare nötig gewesen sei, sondern dass die Um-
wandlung des Versicherungsanspruchs in eine gewöhnliche,
nach den Regeln des OR abtretbare Forderung die früher
ausgestellten, mangels übergabe der Police ungültigen
Abtretungen ohne weiteres habe konvaleszieren lassen, so
kann ihm niclit beigestimmt werden. Der Entscheid BGE
41 II 37 ff., den es zitiert, stellt (S. 47 ff.) lediglich fest,
dass die von einem Nichtberechtigten getroffene Verfügung
konvalesziere, wenn dieser nachträglich das Recht erwirbt,
über das er verfügt hat. Um etwas Derartiges handelt es
sich hier nicht.
4. -
Wie die Vorinstanz zutreffend ausgeführt hat,
würde dem Kläger auch die an sich denkbare Konversion
der ungültigen Abtretung in eine Inkassovollmacht nichts
. nützen, weil eine solche Vollmacht frei widerruflich ist
und in der Erklärung von Rechtsanwalt Dr. Motta vom
30. November 1948 ein solcher Widerruf erblickt werden
müss&.
5. -
Es kann sich somit nur noch fragen, ob die Beru-
fung auf den Mangel, welcher der streitigen Abtretung
anhaftet, angesichts der besondern Umstände als rechts-
missbräuchlich zurückgewiesen werden muss (Art. 2 ZGB).
Diese Frage ist mit der Vorinstanz zu bejahen, auch wenn
man, wie es schon im Interesse der Rechtssicherheit ge-
boten ist, die Einrede des Rechtsmissbrauchs gegenüber
der Berufung auf Mängel im Abschluss von Rechtsgeschäf-
ten nur mit grosser Zurückhaltung zulässt.
168
Versicherungsvertrag. N° 33.
Der Beklagte hat dem Kläger die streitige Abtretung zum
Zwecke der Bezahlung einer Pensionsschuld ausgestellt.
Er hat also den Gegenwert der abgetretenen Forderung
vom Kläger erhalten, und zwar in Form von Leistungen,
die für seinen Lebensunterhalt notwendig waren, und zu
deren Bezahlung er bei früherer Erledigung des Versi-
cherungsfalles die Versicherungsentschädigung verwendet
hätte. Zur Abmachung, dass der Kläger ihm auf Kredit
Pension gewähre, kam es ohne Zweifel nicht auf Betreiben
des Klägers, sondern des Beklagten, der keine flüssigen
Mittel besass und daher auf Kredit angewiesen war, um
sein Leben fristen zu können. Ebenso ist mit Sicherheit
anzunehmen, dass der Vorschlag auf Abtretung eines Teils
der Forderung gegen die Alpina vom Beklagten ausging;
stellte der Beklagte doch solche Abtretungen auch zahl-
reichen andern Gläubigern aus. Es war denn auch durchaus
am Platze, dass er den Kreditgebern, denen er z~mutete,
bis zur Erledigung des Versicherungsstreites auf die Be-
zahlung ihrer Guthaben zu warten, durch Abtretung ent-
sprechender Teile des Versicherungsanspruches eine gewisse
Sicherheit bot. Weder dem Kläger noch dem Beklagten
war bewusst, dass die Abtretung vom 14. April 1944 den
gesetzlichen Anforderungen nicht genügte. Hätten die
Parteien den Mangel gekannt, so wäre der Beklagte, der
sich nach dem 14. April 1944 noch weiter vom Kläger
unterhalten liess, fraglos bereit gewesen, die Police dem
Kläger oder einem Treuhänder zu übergeben. Es ist daher
höchst anstössig, dass der Beklagte heute geltend macht,
die abgetretene Summe sei nicht dem Kläger, sondern ihm
auszuzahlen, weil die Abtretung mangels Übergabe der
Police ungültig sei. Sein Verhalten im vorliegenden Pro-
zesse, das übrigens auch zu den im Schreiben vom 11. Sep-
tember 1949 enthaltenen Zusicherungen in krassem Wider-
spruch steht, bedeutet nichts anderes als den Versuch, den
Kläger, der ihn im Vertrauen auf sein Wort während seiner
Auseinandersetzung mit der Alpina jahrelang unterhalten
hat, vollständig um sein Guthaben zu bringen; denn eine
Versicherungsvertrag. N° 33.
169
Betreibung, wie sie im Falle der Ungültigerklärung der
zahlungshalber ausgestellten Abtretung möglich wäre, ver-
spräche keinen Erfolg, weil die Versicherungsentschädigung
gemäss Art. 92 Ziff. 10 SchKG nicht gepfändet werden
könnte und der Beklagte im übrigen mittellos ist. Dieses
mit Treu und Glauben unverträgliche Vorhaben des Be-
klagten mus& scheitern. Die Vorschrift, dass die Police
dem Zessionar zu übergeben sei, wurde nicht zum Schutze
des Zedenten, sondern im Interesse Dritter aufgestellt.
Dem Versicherten, der seinen Anspruch gegen den Ver-
sicherer ganz oder teilweise abgetreten hat, soll die Mög-
lichkeit genommen werden, Dritte durch Vorweisen der
Police in den Glauben zu versetzen, er könne über diesen
Anspruch noch frei verfügen. Indem der Beklagte sich
darauf beruft, dass seine Police dem Kläger nicht über-
geben worden und die ihm ausgestellte Abtretung daher
ungültig sei, will er nicht etwa die Interessen anderer Gläu-
biger wahren, die seine Kreditwürdigkeit überschätzten,
weil er die Police nach der Abtretung vom 14. April/14. No-
vember 1944 noch besass. Er will vielmehr die Versiche-
rungssumme für sich behalten, d.h. nicht nur den Kläger,
sondern alle Gläubiger, die ihm mit Rücksicht auf seine
Ansprüche gegen die Alpina Kredit gewährten, leer aus-
gehen lassen. Die Berufung auf die mangelnde Übergabe
der Police dient also in keiner Weise den Interessen, die
das Gesetz mit der nicht beobachteten Vorschrift schützen
will, sondern ausschliesslich einem ganz andern, der
Wahrung dieser Interessen fremden, wenn nicht geradezu
entgegengesetzten Zwecke. Sie erfolgt mithin offenbar
missbräuchlich und darf daher gemäss Art. 2 Abs. 2 ZGB
keinen Rechtsschutz finden.
6. -
Dass dem Kläger der Betrag der ihm abgetretenen
Teilforderung mit Rücksicht auf vorgehende Ansprüche
anderer Zessionare nicht oder nicht voll aus dem Depo-
situm bei der Bezirksgerichtskasse Zürich ausbezahlt wer-
den dürfe, macht der Beklagte nicht einmal mehr im Sinne
eines Eventualstandpunktes geltend. Ebensowenig ist ein
170
Versicherungsvertrag. N° 34.
solcher Einwand auf dem Wege der Intervention von Sei-
ten anderer Prätendenten erhoben worden.
Demnach erkennt das Bundesgericht:
Die Berufung wird abgewiesen und das Urteil des Ober-
gerichts des Kantons Zürich vom 12. Dezember 1950 bestä-
tigt.