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69_IV_174

BGE 69 IV 174

Bundesgericht (BGE) · 1943-01-01 · Deutsch CH
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Strafgesetzbuch No 40.

40. Urteil des Kassationshofes vom 1. Oktober UM3

i: S. S. gegen Jugend"anwaltsehalt des Kantons Luzern.

1. .A;ri· 191 StGB. Auf unzüchtige Handlungen, welche das noch

mcht sechzehn Jahre alte Kind mit einem ebenfalls im Schutz-

alter stehenden Kinde vornimmt, ist das Strafgesetzbuch nur

anwendbar, wenn sie eine rechtsbrecherische Gesinnung des

Täters verraten.

2. Auslegung des Strafgesetzes.

1. ~· 191 CP •. Les a.ctes contra.ires a la. pudeur qu'un enfant de

moms de se1ze ans commet sur la. personne d 'un enfa.nt du

m~me äge ne tombent sous le coup du Code penal que s'ils

denotent une mentalite criminelle.

2. Interpretation de la. loi pena.le.

1. Art: 191. ~P. Gli a.tti di libidine, ehe un fa.nciullo minore degli

a.nn1 sed1c1 commette sopra. un fa.nciullo della. stessa. et& sono

punibili a. norma. del codice pena.le solta.nto se denoian.::, una.

menta.lita. crimina.le.

2. Interpreta.zione della. legge pena.le.

...4. -

In Bestätigung des Urteils des kantonalen Jugend-

gerichts hat das Obergericht des Kantons Luzern am

14. Juli 1943 A. S. im Sinne des Art. 191 Ziff. 2 StGB

der Unzucht mit Kindern· schuldig erklärt und ihn in

Anwendung von Art. 91 Ziff. 1 StGB in eine Erziehungs-

anstalt eingewiesen. A. S., geb. 29. Oktober 1926, und

seine Schwester, geb. 15. September 1927, hatten sich

im Herbst 1941 oder im folgenden Winter gegenseitig die

Geschlechtsteile gezeigt und berührt. Ausserdem hatte

sich der Knabe zum Mädchen ins Bett gelegt und ihm das

Glied zwischen die Oberschenkel gestdssen. Das Mädchen

hatte sich um die Jahreswende 1941/42 auf ähnliche

Weise auch noch mit zwei anderen Knaben eingelassen.

B. -

A. S. ficht das Urteil des Obergerichts mit der

Nichtigkeitsbeschwerde an. Er beantragt die Rückweisung

der Sache an die Vorinstanz zu seiner Freisprechung;

eventuell sei die Anstaltserziehung durch Erziehung in

einer Fa.milie im Sinne des Art. 91 Zi:ff. 2 StGB zu erset-

zen; subeventuell sei der Entscheid gemäss Art. 97 StGB

aufzuschieben und der Beschwerdeführer unter Ansetzung

einer Probefrist von sechs Monaten unter Schutzaufsicht

Btraf~buah No 40.

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zu stellen. Den Hauptantrag begründet der Beschwerde-

führer damit, dass ein Kind unter sechzehn Jahren das

Verbrechen des Art. 191 Ziff. 2 StGB nicht begehen könne,

denn diese Bestimmung bezwecke den Kinderschutz gegen-

über Angriffen von Erwachsenen. Ferner ginge es gegen

den Sinn des Gesetzes, das gleiche Kind wegen ein und

derselben Handlung sowohl als Täter wie als Opfer zu

behandeln.

0. -

Die Jugendanwaltschaft des Kantons Luzern

verweist auf die Akten und die Urteile, ohne einen Antrag

zu stellen.

Der KatJsaJ,ionskof zieht in Erwägung :

1. -

Na.eh dem Wortlaut der Bestimmung über Un-

zucht mit Kindern (Art. 191 StGB) ist der Kreis der

Personen, welche Täter dieses Verbrechens sein können,

nicht begrenzt. Demnach müssten uneingeschränkt die

allgemeinen Vorschriften gelten, wonach auch Kinder

von mindestens sechs Jahren (Art. 82 Abs. 2 StGB) und

Jugendliche (Art. 89 StGB) sich schuldig machen können.

Gegen diesen Schluss vepnag der Einwand' des Beschwerde-

führers, dass niemand für ein und dieselbe Handlung

Opfer und Täter zugleich sein könne, nicht aufzukommen.

Denn wenn Kinder unter sechzehn Jahren wegen gegen-

seitiger unzüchtiger Handlungen verfolgt werden, so wer-

den sie es nicht wegen des Angriffs, dessen Opfer sie

geworden sind, sondern wegen des Angriffs, den jedes

auf das andere ausgeübt hat.

So logisch es nach dem Wortlaut des Gesetzes daher

wäre, für Handlungen im Sinne des Art. 191 StGB auch

Täter unter sechzehn Jahren zur Verantwortung zu

ziehen, so stossend wäre jedoch diese Lösung, wenn sie

unein3eschränkt gälte. Art. 191 StGB will Kinder unter

$00hzehn Jahren vor Angriffen auf ihre geschlechtliche

tJnYei'sehrtheit schützen. Sie sind dabei gedacht als Opfer

derer, dfo ihnen, weil selbst dem Schutzalter entwachsen,

geschloohtlich überlegen sind. Solchen Einflüssen soll das

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Strafgesetzbuoh N• 40.

Kind im Schutzalter entzogen werden. Sie fehlen in der

Regel dann, wenn die unzüchtigen Handlungen von einem

Kinde begangen werden., das selber noch nicht sechzehn

Jahre alt ist. Hier lässt sich oft nicht sagen, dass eines

der Kinder dem Einfluss des anderen erlegen sei. Auch

reimt sich schlecht, das Kind unter sechzehn Jahren

einerseits als geschlechtlich unversehrt zu schützen und

anderseits seinen eigenen Handlungen unbesehen die

gleiche Bedeutung beizumessen wie denen der Geschlechts-

erfahrenen. Die Massnahmen der Erzieher und Vormund-

schaftsbehörden sind auf diesem Gebiete geeigneter, das

Kind zu bessern und vor Schaden zu bewahren, als der

Zugriff des Jugendrichters mit der Folge der Eintragung

im Strafregister. Dem vernünftigen Sinne des Gesetzes

entspricht es, diesen nur einschreiten zu lassen, wenn die

unzüchtige Handlung des noch nicht sechzehnjährigen

Täters eine rechtsbrecherische Gesinnung verrät. Diese

ist nicht zu :finden, wenn ungefähr gleichaltrige oder

gleich entwickelte junge Leute sich im gegenseitigen Ein-

verständnis geschlechtlichen Ausschweifungen hingeben.

Dagegen muss Art. 191 StGB auf nötigende Angriffe

ohne Rücksicht auf das jugendliche Alter des Täters

angewendet werden, wie auch auf Verleitung Jüngerer

noch völlig Einsichtsloser zur Unzucht. Ob der subjektive

Tatbestand der Unzucht beim jugendlichen Täter ver-

wirklicht sei, bleibt dabei jedesmal eine Frage für sich.

Mit dieser Einschränkung erscheint die Auffassung des

Beschwerdeführers, dass Art. 191 StGB den Kinderschutz

gegenüber Angriffen Erwachsener bezweckt, als richtig.

So eingeschränkt, steht sie auch mit den Gesetzesmateria-

lien in Einklang. In der zweiten Expertenkommission

wurde beantragt, wegen Unzucht mit Kindern nur zu

verfolgen, wer das sechzehnte Altersjahr zurückgelegt

hat, weil man bei unzüchtigen Handlungen unter Jünge-

ren nicht von einem Täter und einem Opfer sprechen

könne (Protokoll 3 S; 161, 168). Dieser Antrag wurde

zuerst angenommen, dann aber in Wiedererwägung gezo-

Strafgesetzbuch No 40.

177

gen und mit der Begründung abgelehnt, dass bei dieser

Lösung auch der ganz verdorbene jugendliche Täter nicht

zur strafrechtlichen Verantwortung gezogen werden könnte,

was einer Privilegierung der sexuellen Verfehlungen im

jugendlichen Alter gleichkomme (Protokoll 3 174 f.).

Die Auffassung ging somit letzten Endes dahin, dass es

zwar stossend sei, mit den Mitteln der Jugendrechtspflege

einzuschreiten, wenn nach natürlichem Empfinden bei

den weniger als sechzehn Jahre alten Beteiligten nicht

von einem Opfer und einem Täter gesprochen werden

kann, dass aber jugendliche Sexualverbrecher für ihre

Taten an Kindern unter sechzehn Jahren nicht privile-

giert werden sollen.

Wenn auch diese Auffassung im Wortlaut des Gesetzes

nicht zum Ausdruck gekommen ist, so ist der Richter

doch nicht gehindert, das Gesetz entsprechend seinem

tieferen Sinne auszulegen. Die Regeln der Gesetzesausle-

gung sind im Strafrecht nicht andere als in anderen

Gebieten der Rechtsordnung, soweit dem nicht gesetzliche

Vorschriften entgegenstehen. Eine solche Bestimmung

enthält Art. 1 StGB, wonach strafbar nur ist, wer eine

Tat begeht, die das Gesetz ausdrücklich mit Strafe bedroht.

Daher darf niemand bestraft werden für eine Tat, deren

Strafbarkeit sich nicht aus dem Wortlaut des Gesetzes

ergibt. Das Gegenteil jedoch ist zulässig: einen Täter von

Strafe auszunehmen, der nach dem Buchstaben des Geset-

zes bestraft werden müsste.

2. __:_ Hier haben sich die Vorfälle zwischen zwei fast

gleich alten Geschwistern abgespielt, die als solche in

gleichen Verhältnissen erzogen wurden. Der Knabe hat

das Mädchen nicht zu den unzüchtigen Handlungen

genötigt, vielmehr erscheinen diese als sittliche Entglei-

sung zweier gleich verantwortlicher Kinder, von denen

keines das Opfer des anderen geworden ist. Daher ist

Art. 191 StGB nicht anzuwenden.

12

AS 69 IV -

1943

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Strafgesetzbuch No 41.

Demnach erkennt der Kassati()fl,IJkof :

Die Nichtigkeitsbeschwerde wird gutgeheissen, das Ur-

teil· des Obergerichts des Kantons Luzern vom 14. Juli

1943 aufgehoben und die Sache zur Freisprechung des

Beschwerdeführers an die Vorinstanz zurückgewiesen.

41. Ardt de la Cour de eassatlon penale du ter oetohre 1943

dans la cause Proemeur genel'al du Canton de NeuehA.tel

contre Strautmann.

L'epoux divorce peut, en principe, etre condamne pour violation

d'une obliga.tion d'entretien lorsqu'il ne sa.tisfa.it pa.s a.ux obli-

ga.tions alimenta.ires qui lui ont ete imposees en vertu de l'art. 151

ou 152 cc.

Der geschiedene Ehegatte kami grundsätzlich wegen Verna.ch-

liiBsigung von Unterstützungspßichten verurteilt werden, wenn

er den Unterhaltsverpflichtungen nicht nachkommt, die ihm

auf Grund von Art. 151 oder 152 ZGB auferlegt worden: sind.

n coniuge divorzia.to puo essere conda.nna.to, in linea. di ma.ssima.,

per violazione dei doveri di a.ssistenza. fa.miliare (a.rt. 217 CP)

quando non a.dempia. le obbliga.zioni alimentari impostegli

dall'a.rt. 151 o dall'e.rt. 152 CC.

A. -

Le 28 ma.i 1942, le Tribunal civil I de Neuchatel

a prononce le divorce des epoux Stra.utma.nn-Ha.user et a

oondamne Strautmann, en vertu de l'art. 151 al. 1 CC, &

verser 8. sa femme divorcee une pension de 30 fr. par mois.

Accuse de violation d'une obligatipn d'entretien pour

n'a.voir pas paye cette pension, Strautma.nn a ete acquitte

par le Tribunal de police de Neuchä.tel, le 20 avril 1943.

Le 26 mai suivant, la Cour de cassation pena.le du Canton

de Neuchatei a oon:firme ce jugement par le motif que,

selon l'art. 217 CP, la violation d'une obligation d'entre-

tien est seulement punissable dans le cas ou le beneficiaire

de cette obligation est un « proche » du debiteur et que,

selon la definition donnee par l'art. 110 eh. 2 CP, le oon-

joint divorce ne rentre pas dans le cercle des « proches ».

B. -

Contre l'a~t de Ia Cour de cassation penale du

Canton de NeuchAtel, le Ministere public de ce canton

Strafgesetzbuch No 41.

179

s'est, en temps utile, pourvu en nullite devant le Tribunal

föderal. II conclut 8. l'a.nnulation de l'arr~t a.ttaque et au

renvoi de la cause au juge cantonal pour nouvea.u jugement.

O. -

L'intime Strautmann oonclut au rejet du pourvoi.

Oonsiil.irant en droit :

l. -

Le juge cantonal a prononce l'acquittement de

Strautmann, parce que l'art. 217 CP ne permettrait pas

de punir pour viola.tion d'une obligation d'entx:'tien cel~i

qui ne sa.tisfait pa.s a son obligation de fourmr des ah-

ments ou des subsides 8. son oonjoint divorce.

Selon ie texte fra.nc;a.is de l'a.rt. 217 CP, qui concorde

avec Ie texte allema.nd, seul peut ~tre condamne pour

violation d'une obligation d'entretien celui qui ne fournit

pas Ies aliments ou les subsides qu'il doit 8. ses « proches »

en vertu du droit de fämille. Les proches etant, d'apres la

definition que l'art. 110 eh. 2 CP donne de ce terme, le

conjoint, Ies parents en ligne directe, Ies freres et sreurs

germains et consanguins ou uterins, Ies enfants et l~s

parents adoptifs, il s'ensuit que, selon les textes fran9a.J.s

et allemand, le conjoint divorce n'est pas a.11 nombre des

personnes que protege l'art. 217 CP.

Cependant, le texte italien de cet article punit cel~ qui

ne fournit pa.s les aliments ou les subsides « cke gli aono

impoati aal diritto di famiglia ». Il ne pa.rle donc pas de

prestations dues & des « proches », ma.is seulement des

prestations dues en vertu du droit de famille. Il est donc

plus iarge que les tetiea fran9ais et allemand. D'apres le

texte ita.lien, la. protection de l'epoux divorce n'est, en

principe, pas exclue.

.

En · cas de divergence entre les textes franc;a.1s, a.llemand

ou italiefi de lois penales fed~es, des amts a.nterieurs

de Ja; Chur de ea.ssa.tion du Trihtmäl fäderal (RO 48 I 443;

51 I 161) ont fait application du texte le plus favorable a

l'accuse « patce que, d'une pa.rt; un citoyen ne saurait 8tre

puni pour UD acte qtie la }oi redigee .da.ns sa langue ma.ter-

nelle ne lui fait pae a.pparaitre oomme defendu et parce que,