Dispositiv
- Die Behörden des Kantons Zürich werden berechtigt und verpflichtet erklärt, M. zu verfolgen und zu beurteilen.
Volltext (verifizierbarer Originaltext)
36. Entscheid der Anklagekammer vom i. Mal 1947 i. S. Staats-
anwaltschaft des Kantons Zürich gegen Proenratore pnbbllco
sottocencrino.
Art. 350 Ziff. 1 StGB. Welcher Gerichtsstand gilt, wenn die Ver-
folgung der mit der schwersten Strafe bedrohten Tat einge-
stellt wird, bevor die an verschiedenen Orten durchgeführten
Strafverfahren vereinigt worden sind ?
Art. 350 eh. 1 OP. Quel est Je for, quand la poursuite de l'infraction
punie de la peine la plus grave est abandonnee avant la jonction
d'enquetes executees en differents lieux ?
Art. 350, ci/ra 1 OP. Quale e il foro quando iI procedimento peJ
reato punito con la pena piU grave e abbandonato prima ehe
siano congiunte le istruttorie eseguite in diversi luoghi ?
Verfahren. No 36.
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JA. -
Am 12. November 1946 traf die Polizei von
Winterthur die ersten Erhebungen wegen eines Automobil-
unfalles, den M. in der Nähe dieser Stadt verursacht hatte.
Sie erstattete am 15. November 1946 gegen M. bei der
Bezirksanwaltschaft Winterthur Strafanzeige wegen fahr-
lässiger Störung eines der Allgemeinheit dienenden Be-
triebes (Art. 239 StGB) und Führens eines Motorfahrzeuges
in angetrunkenem Zustande (Art. 59 MFG).
Am 27. November 1946 wurde M. von der Polizei von
Lugano wegen Verdachts verbotenen Goldhandels einver-
nommen, und im Dezember 1946 liess die Staatsanwalt-
schaft des Sottoceneri gegen ihn ein Strafverfahren wegen
Hehierei an Gold eröffnen. Nach wenigen Tagen stellte der
Untersuchungsrichter es mangels Beweises des subjek-
tiven Tatbestandes ein.
B. -
Mit Gesuch vom 10. April 1947 beantragt die
Staatsanwaltschaft des Kantons Zürich der Anklagekam-
mer des Bundesgerichts, die Behörden des Kantons 1/essin
seien zuständig zu erklären, M. wegen Störung eines der
Allgemeinheit dienenden Betriebes und Führens eines
Motorfahrzeuges in angetrunkenem Zustande zu verfolgen.
Sie macht geltend, im Tessin sei nicht nur das mit der
schwersten Strafe bedrohte Delikt begangen, sondern auch
die Strafuntersuchung zuerst angehoben worden, weil M.
dort am 28. Dezember 1946, in Winterthur dagegen erst
am 6. Januar 1947 zur Verhaftung ausgeschrieben worden
sei.
0. -
Der Staatsanwalt des Sottoceneri beantragt, die
Bezirksanwaltschaft Winterthur sei zuständig zu erklären,
M. für die ihm in Winterthrir zur Last gelegten Handlungen
zu verfolgen.
Die Anklagekammer zieht in Erwäg'Ung :
Hehlerei ist mit schwererer Strafe bedroht als fahrläs-
sige Störung eines der Allgemeinheit dienenden Betriebes
und Führen eines Motorfahrzeuges in angetrunkenem
Zustande. Nach der Regel von Art. 350 Ziff. 1 Abs. 1 StGB
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Verfahren. No 36.
wären daher die Behörden des Kantons Tessin zuständig,
M. für alle ihm zur Last gelegten Handlungen zu verfolgen,
wtinn ihm dort tatsächlich das Verbrechen der Hehlerei
noch zur Last gelegt würde. Das ist nun aber nicht mehr
der Fall, da das Verfahren wegen Hehlerei schon kurz
nach der Eröffnung· wieder eingestellt worden ist. In BGE
71 IV 60 hat die Anklagekammer zwar ausgeführt, die
Tatsache, dass wegen Einstellung des Verfahrens ein Teil
der in Untersuchung gezogenen Handlungen ausscheidet
und nur noch Handlungen zu verfolgen bleiben, die in
einem andern Kanton ausgeführt worden sind, rechtfertige
für sich allein den nachträglichen Wechsel des Gerichts-
standes nicht. Das heisst jedoch nicht, dass über einen
Einstellungsbeschluss schlechthin hinweggesehen werden
müsse, die Sache also so zu halten sei, als ob der Beschul-
digte noch immer für alle Handlungen verfolgt werde, die
ihm einmal gleichzeitig zur Last gelegt wurden. Die Ein-
stellung soll bloss für sich allein nicht genügen, den Ge-
richtsstand zu wechseln. Ändert sie indes die Sachlage so,
dass sich ein Wechsel aufdrängt, so ist ihr Rechnung zu
tragen.
Im vorliegenden Falle liegt auf der Hand, dass ihr Rech-
nung getragen werden muss. Es geht nicht an, einen Ver-
kehrsunfall, der sich in der Nähe von Winterthur ereignet
hat, durch die Behörden des Kantons Tessin untersuchen
und beurteilen zu lassen, bloss weil der Beschuldigte im
Tessin vorübergehend wegen Hehlerei verfolgt wurde. Im
Gegensatz zu dem Fall, auf den sich das erwähnte Prä-
judiz bezieht, sind in der vorliegenden Sache das in Win-
terthur und das im Tessin eröffnete Verfahren nie vereinigt
worden. Wenn daher die Behörden des Kantons Zürich
zuständig erklärt werden, M. für die in ihrem Kanton aus-
geführten Handlungen weiterhin zu verfolgen, wird damit
nicht.bewirkt, dass die Sache einer Behörde, die sich bereits
mit ihr befasst hätte, entzogen und der Behörde eines
andern Kantons übertragen oder rückübertragen würde.
Vielmehr bleibt damit die Behörde befasst, welche die
Verfahren. N° 37.
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Strafverfolgung von Anfang an an die Hand genommen
und stets in der Hand behalten hat. Diese Lösung drängt
sich auf jeden Fall unter dem Gesichtspunkt von Art. 263
BStP auf, wie immer auch die Gerichtsstandsfrage nach
den ordentlichen Regeln der Art. 346 und 350 Ziff. 1 StGB
angesichts der Einstellung der Strafverfolgung wegen
Hehlerei entschieden werden müsste.
Demnach erkennt die Anklagekammer:
Die Behörden des Kantons Zürich werden berechtigt
und verpflichtet erklärt, M. zu verfolgen und zu beurteilen.