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71_IV_222

BGE 71 IV 222

Bundesgericht (BGE) ·IV · 1945-11-18 · Deutsch CH
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Volltext (verifizierbarer Originaltext)

52. Entscheid des Kassationshofes vom 18. November 1945

i. S. Woodtll gegen Essig.

Art. 268 Abs. 2 BStrP. Die Nichtigkeitsbeschwerde a.n den Kassationshof ist gegen das Urteil der letzten kantonalen Instanz zu

richten, welcher die Rechtsanwendung schlechthin oblag,

ungeachtet einer gegen ihr Urteil noch offenstehenden kantonalen Beschwerde wegen Willkür.

Arl. 208 al. 2 P~F. Le pourvoi en nullite 8. la. Cour de cassa.tion

~ale federale doit etre dirige contre le jugement de la juridietioil can.tofiiile de derniere instance a laquelle il appa.rtenait

d'a.ppliquei' Iibrement le droit, sa.ns egard a la possibilite

d'attaquer encore ce jugement pa.r la. voie d'un recours ca.ntonal

pour arbitrhlre.

Art. 268, cp. 2, PPF. Il ricorso per cassazione alla. Corte di cassa·

zione penale del Tribunale federale dev'essere diretto contro

la sentenza dell'ultima giurisdizione cantonale cui spette.vs.

d'applicare liberamente il diritto, senza riguardo alle. possibilita.

d'impugnare ancora queste. sentenza. .mediante un ricorso per

arbitrio davanti ad una giurisdizione ca.ntonale.

Verfahren. No 52.

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Der Strafgerichtspräsident von Basel-Stadt wies am

11. Juli 1945 die Ehrverletzungsklage des Woodtli gegen

Essig ab. Das Urteil war gemäss Art. 6 Ziff. 3 lit. a des

baselstädtischen EG zum StGB in Verbindung mit §§ 248

Abs. 1 und 265 lit. b StPO nicht appellabel, unterlag aber

der Beschwerde wegen Willkür an den Ausschuss des

Appellationsgerichts. Diese Beschwerde wurde vom Strafkläger ergriffen, aber am 28. September 1945 abgewiesen.

Gegen diesen Entscheid, der am 16. Oktober eröffnet

wurde, hat der Strafkläger am 26. Oktober 1945 die

Nichtigkeitsbeschwerde an den Kassationshof des Bundesgerichts erklärt.

Der KWJsati<mslwf zieht in Erwägung :

Gemäss Art. 268 Abs. 2 BStrP und der Auslegung desselben durch die Rechtsprechung (BGE 68 IV 113) ist die

Nichtigkeitsbeschwerde zulässig gegen Urteile (Endurteile·

und Zwischenentscheide) der Gerichte, die nicht durch ein

kantonales Rechtsmittel wegen Verletzung eidgenössischen

Rechts angefochten werden können, also gegen letztinstanzliche kantonale Urteile. Zu den kantonalen Rechtsmitteln zählt das geltende Bundesstrafrechts~flegegesetz

im Gegensatz zu der früheren gesetzlichen Ordllung (Art.

162 OG von 1893) ordentliche und ausserordentlfohe, jedoch

nur solche, welche die Anwendung des eidgenössischen

Rechts ohne Einschränkung der Prüfung durch die höhere

Instanz unterstellen, nicht auch solche, welche lediglich

die willkürliche Rechtsanwendung -

die; wie gerade

§ 265 lit. b der baselstädttsclien StPO zeigt; tt.ls ein Mangel

des kantonalen Verfahrens gilt (KassatiO:tishof 7. Dezember

1943 i.S. Zehnt.er) -

zu prüfen ermögiichefi.. Diese Einschränkung ergibt sich notwendig aus der Verschiedenheit

des zu überprüfenden Gegenstandes bei der Willkürbeschw~l'dö und bei der eidgenössischen Nichtigkeitsbeschwerde: dort Willkür, hier die Gesetzesanwendung

schlechthin. Die kantonale Instanz, die auf Prüfung

von Willkür beschränkt ist, hat sich über die richtige

2H

Verfahren. No 52.

Gesetzesanwendung nicht oder höchstens vorfrageweise

auszusprechen; eigentlicher Gegenstand ihrer Prüfung

ist die behauptete Willkür. Die Entscheidung hierliber

könnte von einer weiteren Instanz nur kontrolliert

werden, indem auch sie wieder bloss die behauptete

Willkür (der ersten Instanz) prüfte. Würde sie die Rechtsanwendung überhaupt prüfen, so würde sie in Wirklichkeit nicht den Rechtsmittelentscheid, sondern den

Sachentscheid (des ersten Richters) kontrollieren. Um

dies zu ermöglichen, müsste aber dieser selbst an sie

weitergezogen sein, und zwar in den für seine Weiterziehung geltenden Fristen. Die Nichtigkeitsbeschwerde an

den Kassationshof, welche die uneingeschränkte Überprüfung der eidgenössischen Rechtsfrage bringt, ist daher

gegen das Urteil jener kantonalen Instanz zu richten, die

als letzte gleiche Rechtsanwendungsbefugnis hatte, d.h.

der die Rechtsanwendung schlechthin oblag, ungeachtet

einer gegen ihr Urteil noch offenstehenden kantonalen

Beschwerde wegen Willkür (Verletzung klaren Rechts).

Da.durch werden die Parteien nicht um die kantonale

Willkürbeschwerde gebracht, sondern sie können von ihr

neben der eidgenössischen Nichtigkeitsbeschwerde Gebrauch machen, wenn ihnen an der unnötigen Häufung

der Rechtsmittel gelegen ist. Werden beide eingelegt, so

wird der Kassationshof gemäss Art. 275 BStrP seine

Entscheidung bis zur Erledigung dieses Beschwerdeverfahrens aussetzen, da im Falle der Gutheissung der kantonalen Beschwerde die Nichtigkeitsbeschwerde gegenstandslos wird.

·

Demnach erkennt der Kassatioruiko/ :

Auf die Nichtigkeitsbeschwerde wird nicht eingetreten.

Vgl. auch Nr. 45, 48. -

Voir aussi nos 45, 48.

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CODE PENAL

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