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71_IV_124

BGE 71 IV 124

Bundesgericht (BGE) ·IV · 1945-01-01 · Deutsch CH
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Volltext (verifizierbarer Originaltext)

31. Auszug aus dem Urteil des Kassationshofes vom 6. Juli 19-15

i. S. Winiger gegen Staatsanwaltschaft des Kantons Luzern.

Art. 140 Ziff. 1 StGB, Art. 436 OR. Veruntreuung von Kommis·

sionswa.re (Lotterielosen) und des Erlöses aus solcher; Zulässig-

keit und Ausübung des Selbsteintrittes durch den Verkaufs-

kommissionär.

Art. 140 eh. 1 CP, art. 436 00. Abus de confiance portant sur des

marchandises en consignation (billets de loterie) et sur le prix

de celles·ci. Droit du commissionnaire a la vente de se porter

acheteur. Admissibilite et conditions d'exercice de ce droit.

Art. 140, cifra 1 OP, art. 436 00. Appropriazione indebita di

merci in consegna (biglietti di lotteria) edel loro ricavo. Diritto

del commissionario di rendersi acquirente. Ammissibilita e

condizioni d'esercizio di questo diritto.

Winiger erhielt vom luzernischen Depothalter der Inter-

kantonalen Landeslotterie Lose und Ziehungslisten in

Kommission. Je etwa acht Tage vor der Ziehung schickte

ihm der Depothalter ein Rundschreiben mit der Weisung,

dass unverkaufte Lose der betreffenden Tranche bis zu

einem bestimmten Tage wieder im Besitze des Depothal-

ters sein müssten und dass dieser nachher keine Lose mehr

zurücknehmen könne. Das Schreiben ersuchte den Emp-

fänger ausserdem, « den Gegenwert der verkauften und

fest übernommenen Lose » dem Depothalter bis zum

gleichen Tage zu bezahlen. Winiger verkaufte einen Teil

der Lose sowie die Ziehungslisten. Den Erlös verbrauchte

er für sich, und die unverkauften Lose gab er nicht zurück,

noch bezahlte er sie. Das Obergericht des Kantons Luzern

verurteilte ihn deswegen in Bestätigung eines Urteils des

Kriminalgerichtes wegen Veruntreuung im Sinne des

Art. 140 Zi:ff. l StGB. Winiger erklärte die Nichtigkeits-

Strafgesetzbuch. No 31.

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beschwerde. Er machte unter anderem geltend, es. liege

in hezug auf alle Lose, insbesondere die unverkauften,

rechtmässiger; Selbsteintritt vor. Das Bundesgericht ver-

warf diesen Standpunkt.

A'U8 den Erwägungen :

Bei Kommission zum Verkauf von Wertpapieren mit

Marktpreis ist nach Art. 436 OR dem Kommissionär

gestattet, selbst als Käufer einzutreten. Diese Vorschrift

behält indeS eine andere Bestimmung des Kommittenten

vor. Es steht somit dem Kommittenten frei, den Selbstein-

tritt des Kommissionärs zu verbieten oder bloss unter

bestimmten Voraussetzungen zuzulassen. Eine solche Be-

schränkung hat als stillschweigend angeordnet zu gelten,

wenn und soweit der Selbsteintritt in einer dem Kommis-

sionär erkennbaren Weise den Interessen des Kommitten-

ten widerspräche, denn der Kommissionär darf nicht an-

nehmen, dass der Kommittent etwas erlauben wolle, was

seine Interessen verletzt. Daher hätte der Beschwerde-

führer nur dann selber als Käufer eintreten dürfen, wenn

er fähig und auch willens gewesen wäre, die Lose zu

bezahlen. Dass der 'Kommittent mit einer unsicheren

Kaufpreisforderung nicht zufrieden war, ergibt sich noch

aus dem Rundschreiben, in welchem er auch für die « fest

übernommenen Lose» Zahlung bis zum Stichtag ver~angte.

Dass. aber der Beschwerdeführer die Lose weder bezahlen

konnte noch bezahlen wollte, stellt das Kriminalgericht,

dessen· Erwägungen vom Obergericht übernommen wer-

den, ausdrücklich fest. Diese Feststellung ist tatsächlicher

Natur und daher für den Kassationshof verbindlich

(Art. 277bis, 273 lit. b BStrP).

Auch wenn die erwähnten Tatsachen dem Selbsteintritt

nicht im Wege gestanden hätten, könnte der Beschwerde-

führer nicht als Käufer betrachtet werden. Der Selbstein-

tritt als Ausübung eines Gestaltungsrechts bedarf einer an

den Kommittenten gerichteten Erklärung des Kommis-

sionärs, welche vor dem Weiterverkauf der Ware und, wenn

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Strafgesetzbuch. No 32.

Lose die Kommissionsware sind, ausdrücklich und · spä-

testens bis zu dem vom Kommittenten bestimmten Stich„

tage abzugeben ist. Nur so weiss der Kommittent am Tage

der Ziehung eindeutig, welche Lose er als verkauft und

welche er als nicht verkauft betrachten muss. Dass er

hierüber nicht im Ungewissen gelassen werden darf, liegt

in der Natur der Sache. Der Kommissionär hätte es sonst

in der Hand, bloss die nicht gewinnenden Lose zurückzu-

geben und die gewinnenden unter nachträglicher Berufung

auf Selbsteintritt zu behalten. Dass aber der Beschwerde-

führer den Willen zum Selbsteintritt rechtzeitig und aus-

drücklich erklärt habe, behauptet er selber nicht.