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70_IV_205

BGE 70 IV 205

Bundesgericht (BGE) ·IV · 1944-11-24 · Deutsch CH
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Sachverhalt

Adolf Stähelin stellte sich am 25. Januar 1944

Frau G. auf der Strasse unter falschem Namen vor. Er gab

206

Strafgesetzbuch. No 511.

an, er führe in Bern ein Kleidergeschäft und beabsichtige,

in Steffisburg ein Zweiggeschäft zu erö:ffnen. Um für dieses

zu \Verben, liefere er an'Frauen, die er kenne, unentgeltlich

ein Kleid. Er bot Frau G. ein solches an, und sie stimmte

zu, dass er ihr die Masse nehme. Am Nachmittag des fol-

genden Tages begab er sich unter diesem Vorwand in ihre

Wohnung. Er forderte sie auf, ihren Rock auszuziehen, mit

der Begründung, seine· Arbeiterinnen verlangten äusserst

gewissenhaft aufgenommene Masse. Plötzlich entblösste er

sein Geschlechtsglied, hielt Frau G. fest, betastete ihre

Brüste und griff ihr unter die Kleider an den Geschlechts-

teil. Sie war nicht imstande, sich seiner Handlungen zu

erwehren, da sie ob seinem Verhalten verblüfft und er-

schrocken war und er Gewalt anwendete. Sein Begehren,

dass sie ihm den Geschlechtsteil reibe, lehnte sie ab, ebenso

sein Angebot, sie zu bezahlen, wenn sie ihm den Beischlaf

gestatte.

B. -

Am 8. September 1944 erklärte das Ober_gericht

des Kantons Bern Stähelin der Nötigung zu einer unzüch-

tigen Handlung (Art. 188 StGB) schuldig, verurteilte ihn

zu drei Monaten Gefängnis, unter Anrechnung von fünf-

zehn Tagen Untersuchungshaft; und stellte ihn auf drei

Jahre in der bürgerlichen Ehrenfähigkeit ein.

0. -

Der Verurteilte hat die Nichtigkeitsbeschwerde

erklärt. Er macht geltend, nach Art. 188 StGB sei nur

strafbar, wer das Opfer durch Überwmdung eines Wider-

standes zum Widerstand unfähig macht; die Au,snützung

eines passiven Verhaltens, möge es auch durch List oder

dergleichen hervorgerufen worden sein, genüge nicht.

Daher falle die Tat des Beschwerdeführers nicht unter das

Gesetz. Dieses verlange übrigens, dass das Opfer zum

Widerstand vollständig unfähig sei. Auch diese Voraus-

setzung sei hier bei objektiver Abwägung des Beweiser·

gebnisses und bei Berücksichtigung der zu Gnnsten des

Beschwerdeführers bestehenden Zweifel nicht erfüllt. Der

Beschwerdeführer habe ferner nicht wissen können, dass

sein Ansinnen auf Ablehnung stossen werde. Jedenfalls

Strafgesetzbuch. No 55.

207

liege nur ein Versuch, nicht eine vollendete Nötigung zu

einer unzüchtigen Handlung vor.

D. -

Der Generalprokurator des Kantons Bern bean-

tragt die Abweisung der Beschwerde.

Der Kassationshof zieht

Erwägungen (3 Absätze)

E. 1 ..:._Nach Art. 188 StGB ist strafbar, wer eine Person

•mit Gewalt oder durch schwere Drohung oder nachdem er

sie auf andere Weise zum Widerstand unfähig gemacht

hat, zur Duldung oder zur Vornahme einer unzüchtigen

Handlung zwingt. Diese Bestimmung verlangt weder nach

ihrem Wortlaut noch nach ihrem SinnT dass der Täter

einen Widerstand überwinden müsse. Bestraft wird er

nicht, weil er hartnäckig sein Ziel verfolgt, sondern. weil

_er seinen Willen ohne das Einverständnis des Opfers, das

er zum Widerstand unfähig macht, durchsetzt. Gelingt es

ihm, den Widerstand der Angegriffenen auszuschalten, noch

ehe sich diese zur Wehr setzen kann, so ist er nicht weniger

strafwürdig, als wenn er des Opfers erst nach und nach,

unter Überwindung eines Widerstandes, Herr wird. Die

Ausnützung von Verblüffung und Schrecken, die dem

Täter erlaubt, mit geringer körperlicher Anstrengung zum

Ziel zu gelangen, wie es nach der tatsächlichen, den Kassa-

tionshof bindenden Feststellung der Vorinstanz hier der

Fall war, taugt daher als Mittel zur Nötigung im Sinne des

Art. 188 StGB.

Diese Bestimmung verlangt, dass die angegriffene Per-

son zum Widerstand «unfähig», d. h. vollständig unfahig

sei; denn wenn sie das nicht ist, muss die Unterlassung des

Widerstandes als Einwilligung in die Tat ausgelegt werden.

Nicht nötig ist indes, dass schon das eine Mittel allein den

Widerstand ganz ausschalte oder breche. Wenn daher die

Vorinstanz feststellt, dass Frau G. aus Verblüffung einen

Augenblick« beinahe wehrlos» war, schliesst das die An-

wendung des Gesetzes nicht aus. Den Rest von Wider-

stand, zu dem sie trotz Verblüffung und Schrecken fähig

war, überwand der Beschwerdeführer durch Gewalt. Das

208

Strafgesetzbuch. No 55.

stellt die Vorinstanz fest, indem sie erklärt, Frau G. sei

durch Verbindung von List und Gewalt unfähig gemacht

\Vorden, sich der Handlungen des Beschwerdeführers· zu

erwehren.

E. 2 Auch in subjektiver Beziehung ist der Tatbestand der Nötigung zu unzüchtigen Handlungen erfüllt. Nichts kommt darauf an', ob der Beschwerdeführer die ablehnende Haltung der Angegrifienen als « eine bloss gespielte Wei- gerung » ausgelegt hat, denn er nutzte die Überraschung· aus, ohne abzuwarten, wie Frau G. sich gegenüber seinem Wunsche verhalten werde. Als sie abwehrte, war das Ver- brechen schon begangen. Ihre Verblüfiung hat sich der Beschwerdeführer durch seinen unvermuteten Angriff be- wusst und gewollt zunutze gemacht. Aus der Tatsache, dass ihn Frau G. in die Wohn'ung kommen liess, kann er schon deshalb nicht geschlossen haben, sie sei mit seinem Vorhaben einverstanden, weil er wusste, dass sie seine wahre Absicht nicht kannte; sonst wäre nicht ersichtlich, weshalb er List und Verblüffung als Mittel wählte, um (in Verbindung mit Gewalt) zum Ziel zu gelangen.

E. 3 Die Entblössung des Geschlechtsgliedes, die Be- tastung der :Brüste und der Grill an den Geschlechtsteil der Frau G. waren unzüchtige Handlungen, denn sie über- schritten die Grenze des geschlechtlichen Anstandes, unbe- kümmert darum, ob der Beschwerdeführer die Absicht hatte, noch weiter zu gehen. Das Verbrechen des Art. 188 StGB ist vollendet, nicht bloss versucht. Demnach erkennt der Kassationshof.: Die Nichtigkeitsbeschwerde wird abgewiesen. Strafgesetzbuch. No 56. 209

Volltext (verifizierbarer Originaltext)

55. Urteil des Kassationshofes vom 24. November 1944

i. S. Stähelin gegen Generalprokurator des Kantons Bern.

Art. 188 StGB.

Die Nötigung zu einer unzüchtigen Handlung kann auch durch

Au.snützu.ng von Verblüffung und Schrecken begangen werden

(Erw. 1 Abs. 1).

.

_

.

• .

Die angegriffene Person muss zum Widerstand vollständig unfähig

sein (Erw. 1 Abs. 2).

·

Su.bjektiver Tatbestand (Erw. 2).

Vollendung und Versuch (Erw. 3).

Art. 188 OP.

On peut aussi commettre l'attentat S. la pudeu.r avec violence en

decontenan9ant et en effrayant sa victime (consid. 1 al. 1).

La personne attaquee doit etre mise tout a fait hors d'etat de

resister (consid. 1 al. 2).

Conditions subjectives (consid. 2).

Delit consomme et tentative (consid. 3).

Art. 188 OP.

Si pul> commettere u.n attentato di libidine violento anche sbalor-

dendo e spaventando la vittima (consid. 1 cp. 1).

La persona aggredita dev'essere posta completamente nell'impos-

sibilita di resistere (consid. 1 cp. 2).

Condizioni soggettive (consid. 2).

Delitto consumato e tentativo (consid. 3).

A. -

Adolf Stähelin stellte sich am 25. Januar 1944

Frau G. auf der Strasse unter falschem Namen vor. Er gab

206

Strafgesetzbuch. No 511.

an, er führe in Bern ein Kleidergeschäft und beabsichtige,

in Steffisburg ein Zweiggeschäft zu erö:ffnen. Um für dieses

zu \Verben, liefere er an'Frauen, die er kenne, unentgeltlich

ein Kleid. Er bot Frau G. ein solches an, und sie stimmte

zu, dass er ihr die Masse nehme. Am Nachmittag des fol-

genden Tages begab er sich unter diesem Vorwand in ihre

Wohnung. Er forderte sie auf, ihren Rock auszuziehen, mit

der Begründung, seine· Arbeiterinnen verlangten äusserst

gewissenhaft aufgenommene Masse. Plötzlich entblösste er

sein Geschlechtsglied, hielt Frau G. fest, betastete ihre

Brüste und griff ihr unter die Kleider an den Geschlechts-

teil. Sie war nicht imstande, sich seiner Handlungen zu

erwehren, da sie ob seinem Verhalten verblüfft und er-

schrocken war und er Gewalt anwendete. Sein Begehren,

dass sie ihm den Geschlechtsteil reibe, lehnte sie ab, ebenso

sein Angebot, sie zu bezahlen, wenn sie ihm den Beischlaf

gestatte.

B. -

Am 8. September 1944 erklärte das Ober_gericht

des Kantons Bern Stähelin der Nötigung zu einer unzüch-

tigen Handlung (Art. 188 StGB) schuldig, verurteilte ihn

zu drei Monaten Gefängnis, unter Anrechnung von fünf-

zehn Tagen Untersuchungshaft; und stellte ihn auf drei

Jahre in der bürgerlichen Ehrenfähigkeit ein.

0. -

Der Verurteilte hat die Nichtigkeitsbeschwerde

erklärt. Er macht geltend, nach Art. 188 StGB sei nur

strafbar, wer das Opfer durch Überwmdung eines Wider-

standes zum Widerstand unfähig macht; die Au,snützung

eines passiven Verhaltens, möge es auch durch List oder

dergleichen hervorgerufen worden sein, genüge nicht.

Daher falle die Tat des Beschwerdeführers nicht unter das

Gesetz. Dieses verlange übrigens, dass das Opfer zum

Widerstand vollständig unfähig sei. Auch diese Voraus-

setzung sei hier bei objektiver Abwägung des Beweiser·

gebnisses und bei Berücksichtigung der zu Gnnsten des

Beschwerdeführers bestehenden Zweifel nicht erfüllt. Der

Beschwerdeführer habe ferner nicht wissen können, dass

sein Ansinnen auf Ablehnung stossen werde. Jedenfalls

Strafgesetzbuch. No 55.

207

liege nur ein Versuch, nicht eine vollendete Nötigung zu

einer unzüchtigen Handlung vor.

D. -

Der Generalprokurator des Kantons Bern bean-

tragt die Abweisung der Beschwerde.

Der Kassationshof zieht in Erwägung :

1. ..:._Nach Art. 188 StGB ist strafbar, wer eine Person

•mit Gewalt oder durch schwere Drohung oder nachdem er

sie auf andere Weise zum Widerstand unfähig gemacht

hat, zur Duldung oder zur Vornahme einer unzüchtigen

Handlung zwingt. Diese Bestimmung verlangt weder nach

ihrem Wortlaut noch nach ihrem SinnT dass der Täter

einen Widerstand überwinden müsse. Bestraft wird er

nicht, weil er hartnäckig sein Ziel verfolgt, sondern. weil

_er seinen Willen ohne das Einverständnis des Opfers, das

er zum Widerstand unfähig macht, durchsetzt. Gelingt es

ihm, den Widerstand der Angegriffenen auszuschalten, noch

ehe sich diese zur Wehr setzen kann, so ist er nicht weniger

strafwürdig, als wenn er des Opfers erst nach und nach,

unter Überwindung eines Widerstandes, Herr wird. Die

Ausnützung von Verblüffung und Schrecken, die dem

Täter erlaubt, mit geringer körperlicher Anstrengung zum

Ziel zu gelangen, wie es nach der tatsächlichen, den Kassa-

tionshof bindenden Feststellung der Vorinstanz hier der

Fall war, taugt daher als Mittel zur Nötigung im Sinne des

Art. 188 StGB.

Diese Bestimmung verlangt, dass die angegriffene Per-

son zum Widerstand «unfähig», d. h. vollständig unfahig

sei; denn wenn sie das nicht ist, muss die Unterlassung des

Widerstandes als Einwilligung in die Tat ausgelegt werden.

Nicht nötig ist indes, dass schon das eine Mittel allein den

Widerstand ganz ausschalte oder breche. Wenn daher die

Vorinstanz feststellt, dass Frau G. aus Verblüffung einen

Augenblick« beinahe wehrlos» war, schliesst das die An-

wendung des Gesetzes nicht aus. Den Rest von Wider-

stand, zu dem sie trotz Verblüffung und Schrecken fähig

war, überwand der Beschwerdeführer durch Gewalt. Das

208

Strafgesetzbuch. No 55.

stellt die Vorinstanz fest, indem sie erklärt, Frau G. sei

durch Verbindung von List und Gewalt unfähig gemacht

\Vorden, sich der Handlungen des Beschwerdeführers· zu

erwehren.

2. -

Auch in subjektiver Beziehung ist der Tatbestand

der Nötigung zu unzüchtigen Handlungen erfüllt. Nichts

kommt darauf an', ob der Beschwerdeführer die ablehnende

Haltung der Angegrifienen als « eine bloss gespielte Wei-

gerung » ausgelegt hat, denn er nutzte die Überraschung·

aus, ohne abzuwarten, wie Frau G. sich gegenüber seinem

Wunsche verhalten werde. Als sie abwehrte, war das Ver-

brechen schon begangen. Ihre Verblüfiung hat sich der

Beschwerdeführer durch seinen unvermuteten Angriff be-

wusst und gewollt zunutze gemacht. Aus der Tatsache,

dass ihn Frau G. in die Wohn'ung kommen liess, kann er

schon deshalb nicht geschlossen haben, sie sei mit seinem

Vorhaben einverstanden, weil er wusste, dass sie seine

wahre Absicht nicht kannte; sonst wäre nicht ersichtlich,

weshalb er List und Verblüffung als Mittel wählte, um

(in Verbindung mit Gewalt) zum Ziel zu gelangen.

3. -

Die Entblössung des Geschlechtsgliedes, die Be-

tastung der :Brüste und der Grill an den Geschlechtsteil

der Frau G. waren unzüchtige Handlungen, denn sie über-

schritten die Grenze des geschlechtlichen Anstandes, unbe-

kümmert darum, ob der Beschwerdeführer die Absicht

hatte, noch weiter zu gehen. Das Verbrechen des Art. 188

StGB ist vollendet, nicht bloss versucht.

Demnach erkennt der Kassationshof.:

Die Nichtigkeitsbeschwerde wird abgewiesen.

Strafgesetzbuch. No 56.

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