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70_IV_163

BGE 70 IV 163

Bundesgericht (BGE) ·IV · 1944-09-29 · Deutsch CH
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Sachverhalt

Landwirt B. begann mit seinem am 11. Februar

1924 geborenen Knechte W. vor Weihnachten 1940 ein

gleichgeschlechtliches Liebesverhältnis und setzte es fort,

bis es Ende 1943 den Behörden zur Kenntnis kam. Die

beiden rieben sich etwa monatlich einmal gegenseitig das

Geschlechtsglied bis zum Samenerguss, und zweimal

befriedigte sich B., indem er sich nackt auf den ebenfalls

nackten Knecht legte und sein Glied zwischen dessen

Schenkel stiess.

B. -

Für die seit dem Inkrafttreten des Strafgesetz-

buches begangenen Handlungen wurde B. vom Bezirks-

gericht Kreuzlingen am 29. März 1944 wegen wiederholter

widernatürlicher Unzucht im Sinne des Art. 194 Abs. l

und 2 zu vier Monaten Gefängnis verurteilt""." Dem Ver-

urteilten wurde der bedingte Strafvollzug gewährt mit

Strafgesetzbuch. N<> 43.

der Weisung, das Dienstverhältnis mit lV. sofort und für

die ganze Probezeit aufzulösen.

A_uf Berufung des Verurteilten hin erkannte das Ober-

gericht des Kantons Thurgau am 22. Juni 1944 in gleichem

Sinne.

0. -

B. ficht das Urteil des Obergerichtes mit der

Nichtigkeitsbeschwerde an. Er beantragt, die Vorinstanz

sei anzuweisen, ihn lediglich wegen wiederholter wider-

natürlicher Unzucht im Sinne von Art. 194 Abs. 1 StGB

zu einer unter vier Monaten liegenden Gefängnisstrafe zu

verurteilen und die mit dem bedingten Strafvollzug ver-

bundene "'Weisung aufzuheben.

Der Beschwerdeführer bezweifelt, dass die« gegenseitigen

onanistischen Akte >i widernatürliche Unzucht im Sinne

des Art. 194 StGB seien. Er meint, es gehöre hiezu ein

mehreres, nämlich die Einführung des Gliedes in irgendeine

natürliche oder künstlich gebildete Körperöffnung des

Partners. Wenn man den Begriff der widernatürlichen

Unzucht weiter fasse, als er unter dem früheren Recht

in verschiedenen Kantonen und besonders auch in der

deutschen Strafrechtswissenschaft verstanden wurde so

widerspreche dies der Grundtendenz des neuen Rechts.' das

die widernatürliche Unzucht weniger als Verbrechen,oder

Vergehen denn als krankhafte Erscheinung betrachte.

Die mit dem bedingten Strafvollzug verbundene Weisung

ficht der Beschwerdeführer mit der :Begründung an, dass

W. inzwischen mündig geworden sei und daher eine

strafbare widernatürliche Unzucht im Sinne des Art. 194

Abs. 1 mit ihm ohnehin nicht mehr möglich sei.

D. -

Die Staatsanwaltschaft des Kantons Thmgau

beantragt die Abweisung der Beschwerde.

Der Kassationshof zieht

Erwägungen (2 Absätze)

E. 1 Das Strafgesetzbuch erfasst die widernatürliche

Unzucht unter anderen Gesichtspunkten als gewisse kan-

tonale Rechte es getan haben. Es bekämpft sie nicht

schlechthin, sondern nur in bestimmten Fällen, in welchen

Strafgesetzbuch. N° 43.

165

ihre Auswirkungen diese Bekämpfung nötig machen.

Abgesehen vom Falle gewerbsmässiger Begehung ist die

widernatürliche Unzucht nur strafbar, wenn sie in Ver-

führung einer unmündigen Person oder durch Missbrauch

der Notlage oder der Abhängigkeit des Opfers verübt

wird. Abs. 1 und 2 des Art. 194 StGB dienen dem Schutz

der Unmündigen, der in Not befindlichen Personen und

der Abhängigen. Bei der Abgrenzung des Begriffs der

unzüchtigen Handlung ist daher nicht abzuwägen, wie

weit Erwachsene gleichen Geschlechts sich einander in

lüsterner Absicht nähern dürfen, ohne sich nach her-

gebrachter Auffassung strafbar zu machen, sondern von

wo an im Interesse der Unmündigen, der in Not befind-

lichen Personen und der Abhängigen die Bekämpfung

solcher Annäherung als geboten erscheint. Das Gesetz

spricht in Art. 194 wie in anderen Bestimmungen über

die Sittlichkeitsdelikte von

<< unzüchtigen)), nicht etwa

von

>

Handlungen, obschon ihm

dieser Begriff in Art. 191 Ziff. 1 geläufig ist. Unzüchtig

aber ist grundsätzlich jede Handlung, die gegen den

geschlechtlichen Anstand verstösst und aus Siruwnlut

begangen wird. Ob und inwieweit in Bezug auf die Hand-

lungen zwischen Personen des gleichen Geschlechtes der

Begriff allenfalls eingeschränkt werden muss, kann für

heute dahingestellt bleiben, denn selbst bei einschränken-

der Auslegung muss das auf Befriedigung des Geschlechts-

triebes gerichtete gegenseitige Reiben des Gliedes als

unzüchtig im Sinne der erwähnten Bestimmung betrachtet

werden.

E. 4 Der Richter, der den bedingten Strafvollzug gewährt, kann dem Verurteilten für sein Verhalten wäh- rend der Probezeit bestimmte Weisungen erteilen (Art. 41 Ziff. 2 StGB). In der Wahl derselben ist er innerhalb der ihm durch das Verbot der Willkür gesetzten Schranken frei, denn das Gesetz zählt solche Weisungen nur bei- spielsweise auf. Im vorliegenden Falle haben die kanto- 166 Strafgesetzbuch. No 44. nalen Instanzen das zulässige Ermessen nicht überschrit- ten. Durch die Weisung, das Dienstverhältnis mit W. aufzulösen, soll dem Beschwerdeführer die Gelegenheit zu Widernatürlicher Unzucht mit diesem genommen oder ihm solche Unzucht doch erschwert werden. Damit werden die Voraussetzungen zur sittlichen Wiedergesundung des Verführten verbessert. Zudem wird der Gefahr, dass der Beschwerdeführer das Abhängigkeitsverhältnis zur Befrie- digung seines Triebes missbrauche, vorgebeugt. Ganz abgesehen davon ist widernatürliche Unzucht sittlich verwerflich, auch wenn sie nicht strafbar ist. Das genügt, um die Weisung zu rechtfertigen. Dem Verurteilten, dem der bedingte Strafvollzug gewährt wird, darf zugemutet werden, sich dieser Rechtswohltat auch durch sittliches Wohlverhalten würdig zu erweisen, dies namentlich auf Gebieten, wo die Gebote der Sittlichkeit und des Straf- rechts sich weitgehend decken und wo daher Verfehlungen gegen die sittliche Ordnung gleichzeitig die rechtsbreche- rische Neigung fördern. Demnach erkennt der Kassationshof ·'. · Die Nichtigkeitsbeschwerde wird abgewiesen.

Volltext (verifizierbarer Originaltext)

43. Auszug aus dem Urteil des,Kassationshofes vom 29. Sep-

tember 1944 i. S. B. gegen Staatsanwaltschaft des Kantons

Thurgau.

1. Art. 194 StGB. Gegenseitiges Reiben des Geschlechtsgliedes ist

unzüchtig im Sinne dieser Bestimmu,ng.

2. Art. 41 Ziff. 2 StGB. In der Wahl der Weisungen, welche mit

dem bedingten Strafvollzug verbunden werden, ist der Richter

innerhalb der ihm durch das Verbot der Willkiir gesetzten

Schranken frei.

1. Art. 194 OP. La masturbation reciproque constitl.le u.n acte

contraire a la pudeur au sens de cette disposition.

2. Art. 41 eh. 2 OP. Le ju,ge fixe 1ibrement, SOUS reserve de l'arbi-

traire, les regle."l de conduite liees a J'octroi du sursis.

l. Art. 194 OP. Lo strofinamento reciproco delle parti sessuali e

un atto di libidine a' sensi di quest'articolo.

2. Art. 41, cifra 2, OP. II giudice fissa liberamente, sotto riserva

dell'arbitrio, le norme di condotta cu,i e subordinata la sospen-

sione condizionale della pena.

A. -

Landwirt B. begann mit seinem am 11. Februar

1924 geborenen Knechte W. vor Weihnachten 1940 ein

gleichgeschlechtliches Liebesverhältnis und setzte es fort,

bis es Ende 1943 den Behörden zur Kenntnis kam. Die

beiden rieben sich etwa monatlich einmal gegenseitig das

Geschlechtsglied bis zum Samenerguss, und zweimal

befriedigte sich B., indem er sich nackt auf den ebenfalls

nackten Knecht legte und sein Glied zwischen dessen

Schenkel stiess.

B. -

Für die seit dem Inkrafttreten des Strafgesetz-

buches begangenen Handlungen wurde B. vom Bezirks-

gericht Kreuzlingen am 29. März 1944 wegen wiederholter

widernatürlicher Unzucht im Sinne des Art. 194 Abs. l

und 2 zu vier Monaten Gefängnis verurteilt""." Dem Ver-

urteilten wurde der bedingte Strafvollzug gewährt mit

Strafgesetzbuch. N<> 43.

der Weisung, das Dienstverhältnis mit lV. sofort und für

die ganze Probezeit aufzulösen.

A_uf Berufung des Verurteilten hin erkannte das Ober-

gericht des Kantons Thurgau am 22. Juni 1944 in gleichem

Sinne.

0. -

B. ficht das Urteil des Obergerichtes mit der

Nichtigkeitsbeschwerde an. Er beantragt, die Vorinstanz

sei anzuweisen, ihn lediglich wegen wiederholter wider-

natürlicher Unzucht im Sinne von Art. 194 Abs. 1 StGB

zu einer unter vier Monaten liegenden Gefängnisstrafe zu

verurteilen und die mit dem bedingten Strafvollzug ver-

bundene "'Weisung aufzuheben.

Der Beschwerdeführer bezweifelt, dass die« gegenseitigen

onanistischen Akte >i widernatürliche Unzucht im Sinne

des Art. 194 StGB seien. Er meint, es gehöre hiezu ein

mehreres, nämlich die Einführung des Gliedes in irgendeine

natürliche oder künstlich gebildete Körperöffnung des

Partners. Wenn man den Begriff der widernatürlichen

Unzucht weiter fasse, als er unter dem früheren Recht

in verschiedenen Kantonen und besonders auch in der

deutschen Strafrechtswissenschaft verstanden wurde so

widerspreche dies der Grundtendenz des neuen Rechts.' das

die widernatürliche Unzucht weniger als Verbrechen,oder

Vergehen denn als krankhafte Erscheinung betrachte.

Die mit dem bedingten Strafvollzug verbundene Weisung

ficht der Beschwerdeführer mit der :Begründung an, dass

W. inzwischen mündig geworden sei und daher eine

strafbare widernatürliche Unzucht im Sinne des Art. 194

Abs. 1 mit ihm ohnehin nicht mehr möglich sei.

D. -

Die Staatsanwaltschaft des Kantons Thmgau

beantragt die Abweisung der Beschwerde.

Der Kassationshof zieht in Erwägung :

1. -

Das Strafgesetzbuch erfasst die widernatürliche

Unzucht unter anderen Gesichtspunkten als gewisse kan-

tonale Rechte es getan haben. Es bekämpft sie nicht

schlechthin, sondern nur in bestimmten Fällen, in welchen

Strafgesetzbuch. N° 43.

165

ihre Auswirkungen diese Bekämpfung nötig machen.

Abgesehen vom Falle gewerbsmässiger Begehung ist die

widernatürliche Unzucht nur strafbar, wenn sie in Ver-

führung einer unmündigen Person oder durch Missbrauch

der Notlage oder der Abhängigkeit des Opfers verübt

wird. Abs. 1 und 2 des Art. 194 StGB dienen dem Schutz

der Unmündigen, der in Not befindlichen Personen und

der Abhängigen. Bei der Abgrenzung des Begriffs der

unzüchtigen Handlung ist daher nicht abzuwägen, wie

weit Erwachsene gleichen Geschlechts sich einander in

lüsterner Absicht nähern dürfen, ohne sich nach her-

gebrachter Auffassung strafbar zu machen, sondern von

wo an im Interesse der Unmündigen, der in Not befind-

lichen Personen und der Abhängigen die Bekämpfung

solcher Annäherung als geboten erscheint. Das Gesetz

spricht in Art. 194 wie in anderen Bestimmungen über

die Sittlichkeitsdelikte von

<< unzüchtigen)), nicht etwa

von

>

Handlungen, obschon ihm

dieser Begriff in Art. 191 Ziff. 1 geläufig ist. Unzüchtig

aber ist grundsätzlich jede Handlung, die gegen den

geschlechtlichen Anstand verstösst und aus Siruwnlut

begangen wird. Ob und inwieweit in Bezug auf die Hand-

lungen zwischen Personen des gleichen Geschlechtes der

Begriff allenfalls eingeschränkt werden muss, kann für

heute dahingestellt bleiben, denn selbst bei einschränken-

der Auslegung muss das auf Befriedigung des Geschlechts-

triebes gerichtete gegenseitige Reiben des Gliedes als

unzüchtig im Sinne der erwähnten Bestimmung betrachtet

werden.

4. -

Der Richter, der den bedingten Strafvollzug

gewährt, kann dem Verurteilten für sein Verhalten wäh-

rend der Probezeit bestimmte Weisungen erteilen (Art. 41

Ziff. 2 StGB). In der Wahl derselben ist er innerhalb der

ihm durch das Verbot der Willkür gesetzten Schranken

frei, denn das Gesetz zählt solche Weisungen nur bei-

spielsweise auf. Im vorliegenden Falle haben die kanto-

166

Strafgesetzbuch. No 44.

nalen Instanzen das zulässige Ermessen nicht überschrit-

ten. Durch die Weisung, das Dienstverhältnis mit W.

aufzulösen, soll dem Beschwerdeführer die Gelegenheit

zu Widernatürlicher Unzucht mit diesem genommen oder

ihm solche Unzucht doch erschwert werden. Damit werden

die Voraussetzungen zur sittlichen Wiedergesundung des

Verführten verbessert. Zudem wird der Gefahr, dass der

Beschwerdeführer das Abhängigkeitsverhältnis zur Befrie-

digung seines Triebes missbrauche, vorgebeugt. Ganz

abgesehen davon ist widernatürliche Unzucht sittlich

verwerflich, auch wenn sie nicht strafbar ist. Das genügt,

um die Weisung zu rechtfertigen. Dem Verurteilten, dem

der bedingte Strafvollzug gewährt wird, darf zugemutet

werden, sich dieser Rechtswohltat auch durch sittliches

Wohlverhalten würdig zu erweisen, dies namentlich auf

Gebieten, wo die Gebote der Sittlichkeit und des Straf-

rechts sich weitgehend decken und wo daher Verfehlungen

gegen die sittliche Ordnung gleichzeitig die rechtsbreche-

rische Neigung fördern.

Demnach erkennt der Kassationshof ·'.

· Die Nichtigkeitsbeschwerde wird abgewiesen.