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68_IV_132

BGE 68 IV 132

Bundesgericht (BGE) · 1942-01-01 · Deutsch CH
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Strafgesetzbuch. No 29.

milderer Strafdrohung als der Beisohlaf mit einem Ver-

wandten gerader Linie im Alter von über sechzehn aber

nocli nicht zwanzig Jahren. Die Strafschärfung des Art. 213

Abs. 2 wurde auf den Beischlaf mit Verwandten dieser

Altersstufe beschränkt, weil Beischlaf mit Verwandten

unter sechzehn Jahren ausser als Blutschande auch als

Unzucht mit Kindern bestraft werden muss.

Nach neuem Recht müsste der Beschwerdeführer daher,

auch nachdem die Strafverfolgung wegen Blutschande

verjährt ist, wegen Unzucht mit einem Kinde bestraft

werden. Dass er in diesem Falle milder bestraft würde, als

es in Anwendung der kantonalen Vorschriften über Blut-

schande geschehen ist, behauptet er mit Recht selber

nicht.

Demnach erkennt der Kassationshof:

Die Niohtigkeitsbesohwerde wird abgewiesen.

29. Urteil des Kassationshofes vom 20. November 19'2

i. S. Schmid gegen Staatsanwaltschaft des Kantons Zttrieh.

Entwendung; Art. 138 Aba. 1 StGB.

1. Entwendung setzt nicht voraus, da.ss die Tat spontan begangen

werde.

2. Ob der Wert der Sache gering genug sei, u,m die Tat als Ent-

wendung zu behandeln, entscheidet sich nach den objektiven

und subjektiven Umständen des einzelnen Falles.

S. Bei wiederholter Tat ist der Wert der entwendeten Sachen nicht

z-usammenzu,zählen. Aus der Wiederholung dürfen aber Rück·

schlüsse auf die Absicht des Täters gezogen werden.

Larcins, art. 138 al. 1 OPS.

1. Le Iarcin ne presuppose pas que l'auteur ait agi d'une maniere

apontankl •

b'

t

b' t•

d

na.T>lo'

2. Ce sont es circonstances o Ject1ves e su JOO ives u ca.s r-vl·

culier qui decident si la chose est d'assez peu de valeur pour qu.e

l'acte soit traite comme larcin.

s. n n'y a. pas lieu., si l'a.cte est reitere, d'additionner la. valeur des

choses soustraites. La. reitera.tion autorise en reva.nche le juge

a tirer des conclusions qua.nt 8. l'intention de l'auteur.

Sottrazioni di piceola entitd., art. 138 ep. 1 OPS.

1. Questo reato non presuppone ehe l'au.tore abbia. agito tprm·

taneamente.

Strafgesetzbuch. N° 29.

ISS

2. Determina.nti per decidere se l& cosa. e di valore tale da. fa.r

ammettere uns. sottra.zione di poca. entita sono le circosta.nze

oggettive e soggettive del ca.so pa.rticolare.

3. In ca.so di atti ripetuti, il valore delle cose sottratte non dev'es-

sere somroato. La. ripetizione autorizza. pero il giudioe a tra.rre

conclusioni relative a.ll'intenzione dell'autore.

A. -

Der Schauspieler Edwin Schmid, welcher wegen

Krankheit und zeit\yeiliger Arbeitslosigkeit von der Armen-

behörde periodisch unterstützt ·wurde und unterernährt

war, entwendete am 19. Juni 1942 in einer Badanstalt in

Zürich aus abgelegten Kleidern einen Geldbeutel im

Werte von etwa Fr. 10.- mit Fr. 3.- Bargeld, einem

Lotterielos im Werte von Fr. 5.- und verschiedenen

Rationierungscoupons und am 1. Juli 1942 in einer anderen

Badanstalt in Zürich aus abgelegten Kleidern zweier Bade-

gäste zwei Geldbeutel, den einen im Werte von Fr. 2.-

mit Fr. 5.20 Bargeld, den andern im Werte von Fr. 3.-

mit .Fr. 23.78 Bargeld und verschiedenen Rationierungs-

coupons.

B. -

In Bestätigung des Urteils des Einzelrichters des

Bezirksgerichts Zürioh erklärte die Kammer III Ades Ober-

gerichts des Kantons Zürich Edwin Schmid am 3. Septem-

ber 1942 des Diebstahls schuldig und verurteilte ihn in

Anwendung von Art. 137 Zi:ff. l StGB zu acht Tagen

Gefängnis. Die Voraussetzungen des Art. 138 StGB, dessen

Anwendung mangels Strafantrags der Verletzten zum Frei-

spruch des Angeklagten geführt hätte, hielt sie nicht für

erfüllt, weil der Angeklagte, obschon er in einer Notlage

gewesen sei, nicht spontan aus Not gehandelt habe, son-

dern planmässig vorgegangen sei. Es gehe dies daraus her-

vor, dass er in zwei verschiedenen Badanstalten insgesamt

drei Personen bestohlen und, wie zugegeben, schon öfters

den Gedanken gehabt habe, in Badanstalten zu stehlen.

Ferner sei er schon am 1. Juni 1938 vom Amtsgericht Bern

wegen Diebstahls zu einer bedingt erlassenen Korrektions-

hausstrafe von sechs Monaten. verurteilt worden, unter

Auferlegung einer vierjährigen Probezeit, weil er. dem

Leiter einer Sohauspielergruppe den Geldbeutel samt Inhalt

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Strafgesetzbuch. No 29.

aus der Rocktasche gestohlen habe. Entwendung im Sinne

des Art. 138 StGB setze voraus, dass eine spontane Tat

vorliege, wie sie in einigen kantonalen Rechten Voraus-

setzung des Mundraubes gewesen sei. Die Frage, ob der

Wert der entwendeten Sachen im vorliegenden Fall gering

sei, liess das Gericht offen.

0. -

Der Verurteilte erklärte rechtzeitig die Nichtig-

keitsbeschwerde. Er beantragt Aufhebung des Urteils und

Rückweisung der Sache zur ~Freisprechung. Er macht

geltend, Entwendung im Sinne des Art. 138 StGB erfordere

nicht, dass die Not spontan zur Begehung der Tat bewogen

habe, sondern es genüge, dass sie überhaupt Beweggrund

gewesen sei. Das weitere Tatbestandsmerkmal, der geringe

Wert der entwendeten Sache, sei ebenfalls erfüllt.

D. -

Der II. Staatsanwalt des Kantons Zürich bean-

tragt Abweisung der Nichtigkeitsbeschwerde. Er ist der

Auffassung, dass bei Beurteilung der Frage, ob der Wert

der Sache geringfügig genug sei, um die Tat als Entwen-

dung zu qualifizieren, auch die subjektiven Umstände zu

berücksichtigen seien.

Der Kassationshof zieht in Erwägung :

1. -

Entwendung liegt nicht nur dann vor, wenn die

Tat spontan aus Not, Leichtsinn oder~ zur Befriedigung

eines Gelüstes begangen worden ist. Allerdings fallen unter

Art. 138 StGB unter anderem auch die Tatbestände, die

nach kantonalen Rechten als Mundraub bestraft wurden.

Nach ihrem Wortlaut umfasst die Bestimmung jedoch

mehr als das. Sie verlangt nicht einmal, dass die der Be-

friedigung eines Gelüstes dienende Tat spontan begangen

worden sei; es genügt, dass der Täter überhaupt zur Be-

friedigung eines Gelüstes gehandelt habe, unbekümmert

darum, wie lange er sich dagegen gewehrt und sich die Tat

überlegt habe. Selbst wenn die spontane Begehung Tat-

bestandsmerkmal der zur Befriedigung eines Gelüstes

begangenen Entwendung wäre, dürfte da.rau,a ~licht ge-

schlossen werden, dass auch die Entwendung aus Not

Strafgesetzbuch. No 29.

das gleiche Merkmal aufweisen müsse. Art. 138 StGB

behandelt die Entwendung aus Not ohnehin nicht gleich

wie die aus Leichtsinn oder zur Befriedigung eines Gelüstes

begangene, sondern privilegiert sie in Absatz 2 noch

weitergehend als diese. Es genügt, dass die Not überhaupt

Beweggrund der Tat gewesen sei. Wer aus Not handelt, ist

der Versuchung stärker ausgesetzt und verdient aus so-

zialen Gründen Nachsicht. Hierin liegt der Grund der

Privilegierung. Wer lange gegen die Versuchung ankämpft

und ihr unter dem Druck der Not schliesslich doch erliegt,

ist dieser Privilegierung nicht weniger würdig als wer sich

spontan hinreissen lässt.

2. -

Entwendung setzt voraus, dass die gestohlene Sache

von geringem Wert sei. Für gewisse Werte steht die Gering-

fügigkeit ausser Frage, für andere dagegen ist sie zweifel-

haft, denn das Gesetz sagt nicht, wo die Wertgrenze liege.

Im Zweifel muss daher der Richter den Umständen des

einzelnen Falles Rechnung tragen (vgl. Protokoll der

zweiten Expertenkommission 6 221, 223; AStenBull NatR

1929 103). Ein und derselbe Wert kann dann einmal gering

sein und ein anderes Mal nicht, wobei ausschlaggebend ist,

ob auch die übrigen Umstände, insbesondere die subjek-

tiven, auf welche das Strafgesetzbuch grundsätzlich grosses

Gewicht legt, die Tat als geringfügig erscheinen lassen.

3. -

Wenn der Täter wiederholt Sachen entwendet, ist

der Wert nicht zusammenzuzählen. Auch darf nicht schon

allein wegen der Wiederholung der Tat die Anwendung

des Art. 138 StGB verweigert werden (BGE 68 IV 99). Dies

sohliesst indessen nicht aus, dass der Richter aus der Wie-

derholung Rückschlüsse auf die Absicht des Täters ziehe.

Im vorliegenden Fall ist dies in dem Sinne geschehen, dass

die Vorinstanz annahm, der Beschwerdeführer sei plan-

mässig darauf ausgegangen, die Kleider von Badegästen

nach Geld zu durchsuchen. Diese Absicht spricht gegen die

Geringfügigkeit der Fälle. Da.zu kommt, dass die Absicht

des Beschwerdeführers nicht auf Entwendung geringfügiger

Sachen ging; er eignete sich Geldbeutel, unbekümmert um

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Strafgesetzbuch. No 30.

ihren Inhalt, an und hätte sicher nicht die Hände davon

gelassen, wenn der Inhalt bedeutender gewesen wäre.

Dies geht daraus hervor, dass er am gleichen Tage und in

der gleichen Anstalt zwei verschiedenen Badegästen den

Geldbeutel entwendete, also nicht mit wenigem zufrieden

war. Der Beschwerdeführer hat sich daher nicht der Ent-

wendung, sondern des Diebstahls schuldig gemacht.

Demnach erkennt der Kassationshof :

Die Nichtigkeitsbeschwerde wird abgewiesen.

30. Extrait de l'ar.rt\t de la Cour de eassatlon penale

du 27 novemhre 1942 en la cause Chappuis

contre Ministere publie. du canton de Vaud.

Recel, art. 144 OPs.!

La. loi ne punit que le recel de la. chose elle-meme, non pas le recel

du produit de l'a.lienation de la. chose.

Constitue un reoel a.u sens de la. loi le pret rel}u sur la. somme

escroquee; le fa.it,· comme manda.taire de l'auteur de l'infraction,

de pa.yer sur les sommes obtenues une dette de oe dernier.

Hehlerei, Art. 144 StGB.

Strafbar ist nu.r die Hehlerei an der du.rch strafbare Handlung

erlangten Sache selbst, nicht auch an der "durch Verä.usserung

dieser Sa.ehe erzielten Gegenleistung.

Der Hehlerei macht sich schuldig, wer a.us der durch Betrug

erlangten Summe ein Darlehen annimmt oder daraus als

Beauftragter eine Schuld des Betrügers bezahlt.

Ricettazione, art. 144 OPS.

E' pu.nibile soltanto la ricettazione della. cosa. stessa, non la. rioet-

tazione del rica.vo ottenuto dalla. vendita della. cosa..

Commette una. ricettazione colui ehe a.ccetta in prestito la. somma

ottenuta mediante truffa o l'adopera. per pagare, come ma.nda.-

tario del truffa.tore, un debito di, quest'u,ltimo.

En mars 1942, Berthe Antony, Gillieron et Desmeules

ont soutire a Edouard Beguin une somme de 7 50 fr. en

lui fäisa.nt croire qu'ils pourraient lui proourer d'impor-

tantes quantites de suore sans bons de ra.tionnement.

Chappuis a. ete tenu au courant de la maohination ourdie

au prejudioe de Beguin. Sur la. somme encaissee, il a. re9u

de Berthe Antony d'abord 30 fr. en pret, puis 150 fr. qu'il

St1·afgesetzbuch. N° 30.

13'1

versa en mains d'un agent d'affaires en paiement d'une

dette de la prenommee. Vivant en oonoubinage aveo oette

derniere, Chappuis a. profite, sous forme d'aliments, d'une

partie de la somme esoroquoo dcJnt il connaissait la pro-

venanoe.

Par jugement du 8 septembre 1942, le Tribunal de polioe

oorreotionnelle du distriot de Lausanne a reoonnu Chappuis

coupable de reoel a raison des faits oi-dessus, et l'a. con-

damne, en applioation de l'art. 144 CPS, a la peine d'un

mois d'emprisonnement sans sursis, sous deduotion de

oinq jours de prison preventive.

Chappuis a reoouru oontre oe jugement aupres de la

Cour de oassation penale vaudoise, invoquant divers motifs.

II a ete deboute.

II s'est alors pourvu en nullite 9. la Cour de cassation

penale fäderale qui a oasse l'arret attaque et renvoye la

oause a la juridiction oantonale.

Motifs:

L'art. 144 CPS punit pour recel « oelui qui aura aoquis,

1'69U en don ou en gage, dissimule ou aide a negooie~ une

ohose dont il savait ou devait presumer qu'elle ava1t ete

obtenue au moyen d'une infraotion ». C'est a bon droit

que Ie Tribunal de polioe a retenu a la oharge de Chappuis

le pret de 30 fr. re9u sur ia somme esoroquee; si le texte

preoite ne mentionne pa.s l'hypothese du pret, le fäit

tombe oependant sous le tmup de la loi; öar, s'agissant

d'une somme d'argent, la chose est ((a.cqmse Jj a l'emprun-

teur. C'est a. jüste titre ~galement que le recourant a ete

reconnu coup~bte de recel pour avoir, oomme mandataire

de Berthe Antofiy; paye sur les sommes obtertü~s une dette

de cette derni~i'e j eh remettant a un tiers une partie du

gain illioite pour eteindre une oreanoe contre l'auteur de

l'infraotion, il a effectivement ((aide a. negooier)) la ch~se,

assurant dans oette mesure le resultat de l'esoroquene;

l'art. 144 n'e:xige pas que le reoeleur ait agi dans son

inter~t personnel.