Sachverhalt
Schwester Hedwig Haller und Schwester Lina
Lauener betrieben auf der ihnen zu Miteigentum gehö-
renden Liegenschaft « Waldegg » in Kreuzlingen ein Kin-
derheim. Im Mai 1942 wurde über Lina Lauener der Kon-
kurs eröffnet. Auch Schwester Haller befand sich in
Zahlungsschwierigkeiten;' als gegen sie bereits das Ver-
wertungsbegehren gestellt war, hatte sie ein Gesuch um
Nachlassstundung eingereicht, die bewilligt wurde. Ein
Nachlassvertrag kam aber nicht zustande. Daraufverfügte
das Konkursamt Kreuzlingen auf Antrag des Betreibungs-
amtes am 20. Oktober 1942 die öffentliche Versteigerung
des Grundstückes. Dieses ist als solches verpfandet.
B. -
Schwester Haller führte Beschwerde gegen die
Steigerungsandrohung mit dem Antrag, sie aufzuheben
und das Konkursamt anzuweisen, nach Art. 73 lit. b VZG
vorzugehen.
O. -
Den abweisenden Entscheid der kantonalen Auf-
sichtsbehörde vom 18. November J942 zog die Beschwerde-
führerin an das Bundesgericht weiter.
Die Schuldbetreibungs- und KonkuTskammer
zieht in Erwgung :
Ein gepfändeter oder zur Konkursmasse gezogener Mit-
eigentumsanteil an einem Grundstück, das als solches ver-
pfändet ist, wie es hier zutrifft, ist nach Art. 73 lit. b
-gegebenenfalls in Verbindung mit Art. 130-VZG unter
Mitwirkung der Aufsichtsbehörde (gemäss Art. 132 SchKG)
zu verwerten, wobei diese zunächst eine Verständigung
unter den andern Miteigentümern und den Pfandgläubi-
SchuldbetreJ.llungs. und Konkursreoht. N° 61.
183.·
gern über die Auflösung des Miteigentums anzustreben hat,
bevor sie weitere Massnahmen, insbesondere (in letzter
Linie) die öffentliche Versteigerung, anordnen darf. Diese
Einigungsverhandlungen bezwecken den Schutz desjenigen
Miteigentümers, dessen Interessen durch die Zwangsvoll-
streckung berührt werden, obwohl weder sein Miteigen-
tumsanteil noch das Grundstück selbst von der Betreibung
erfasst sind. Sind aber, wie hier, überhaupt keine solchen
« andern » Miteigentümer vorhanden, sondern sind sämt-
liche Miteigentumsanteile Gegenstand einer Zwangsvoll-
streckung und verwertungsreif, so sind solche Verhand-
lungen sinnlos. Vielmehr ist es in einem solchen FaJIe in
der Tat einzig zweck- und rechtmässig, dass sich die be-
teiligten Betreibungs- und Konkursämter auf die unver-
zügliche öffentliche Versteigerung des Grundstücks selbst
und damit die Auflösung des Miteigentums einigen.
"Übrigens wäre zu jenen Verhandlungen nicht die Re-
kurrentin als Titularin des gepiandeten Anteils heranzu-
ziehen, sondern das piandende Betreibungsamt, da sie die
Liquidation des Anteils beträfen, über den seit der Pfan-
dung nicht mehr die Inhaberin verfügt (Art. 96 SchKG).
Es stände somit im Belieben des Betreibungsamts, auf
Verhandlungen zu verzichten, selbst wenn sie gesetzlich
vorgeschrieben wären. Das Bundesrecht hätte die Vorin-
stanz deshalb auch nicht gehindert, auf die Beschwerde
der Rekurrentin mangels Legitimation derselben gar nicht
einzutreten.
Demnach erkennt die Schuldbetr.- u. KonkuT8kammer :
Der Rekurs wird abgewiesen.
Volltext (verifizierbarer Originaltext)
50. Auszug aus dem Entscheid vom 16. Dezember 1942
i. S. Haller.
Venomung eines Miteigent~tBÜ8 (Art. 73 lit. b .VZG).
Sind sämtliche Miteigentumsanteile Ge~ta.nd e~m.: Zwangs-
vollstreckung und verwertungsreif, so 1st o~e ElllIgun~ver
. ha.ndlungen sofort das Grundstück selbst öffentlIch zu versteIgern.
182
Schuldbetreibungs. und Konkursrecht. N° 60.
Realisation d'une part:de coprop'I"iiU (art. 73, lettre b, ORI).
Lorsque toutes les parts d'une coproprieM sont l'objet ß'une
execution foreee et' que leur realisation peut s'operer, tl y a
• lieu de proceder immMiatement, ~
pourparle~ d~entente,
a. la vente aux encheres publiques de I unmeuble lUl-m~me.
Realizzazione di una quota di comproprietd (art. 73 l~tt. !> OGF).
Se tutte le quote di comproprieta. sono oggetto dl uno esecuzlOne
forzata e la loro reaIizzazione puo aver luogo, devesl proced,:re
immediamente, senza trattative di conciliazione, alla vendita
del fondo ai pubblici incanti.
A. -
Schwester Hedwig Haller und Schwester Lina
Lauener betrieben auf der ihnen zu Miteigentum gehö-
renden Liegenschaft « Waldegg » in Kreuzlingen ein Kin-
derheim. Im Mai 1942 wurde über Lina Lauener der Kon-
kurs eröffnet. Auch Schwester Haller befand sich in
Zahlungsschwierigkeiten;' als gegen sie bereits das Ver-
wertungsbegehren gestellt war, hatte sie ein Gesuch um
Nachlassstundung eingereicht, die bewilligt wurde. Ein
Nachlassvertrag kam aber nicht zustande. Daraufverfügte
das Konkursamt Kreuzlingen auf Antrag des Betreibungs-
amtes am 20. Oktober 1942 die öffentliche Versteigerung
des Grundstückes. Dieses ist als solches verpfandet.
B. -
Schwester Haller führte Beschwerde gegen die
Steigerungsandrohung mit dem Antrag, sie aufzuheben
und das Konkursamt anzuweisen, nach Art. 73 lit. b VZG
vorzugehen.
O. -
Den abweisenden Entscheid der kantonalen Auf-
sichtsbehörde vom 18. November J942 zog die Beschwerde-
führerin an das Bundesgericht weiter.
Die Schuldbetreibungs- und KonkuTskammer
zieht in Erwgung :
Ein gepfändeter oder zur Konkursmasse gezogener Mit-
eigentumsanteil an einem Grundstück, das als solches ver-
pfändet ist, wie es hier zutrifft, ist nach Art. 73 lit. b
-gegebenenfalls in Verbindung mit Art. 130-VZG unter
Mitwirkung der Aufsichtsbehörde (gemäss Art. 132 SchKG)
zu verwerten, wobei diese zunächst eine Verständigung
unter den andern Miteigentümern und den Pfandgläubi-
SchuldbetreJ.llungs. und Konkursreoht. N° 61.
183.·
gern über die Auflösung des Miteigentums anzustreben hat,
bevor sie weitere Massnahmen, insbesondere (in letzter
Linie) die öffentliche Versteigerung, anordnen darf. Diese
Einigungsverhandlungen bezwecken den Schutz desjenigen
Miteigentümers, dessen Interessen durch die Zwangsvoll-
streckung berührt werden, obwohl weder sein Miteigen-
tumsanteil noch das Grundstück selbst von der Betreibung
erfasst sind. Sind aber, wie hier, überhaupt keine solchen
« andern » Miteigentümer vorhanden, sondern sind sämt-
liche Miteigentumsanteile Gegenstand einer Zwangsvoll-
streckung und verwertungsreif, so sind solche Verhand-
lungen sinnlos. Vielmehr ist es in einem solchen FaJIe in
der Tat einzig zweck- und rechtmässig, dass sich die be-
teiligten Betreibungs- und Konkursämter auf die unver-
zügliche öffentliche Versteigerung des Grundstücks selbst
und damit die Auflösung des Miteigentums einigen.
"Übrigens wäre zu jenen Verhandlungen nicht die Re-
kurrentin als Titularin des gepiandeten Anteils heranzu-
ziehen, sondern das piandende Betreibungsamt, da sie die
Liquidation des Anteils beträfen, über den seit der Pfan-
dung nicht mehr die Inhaberin verfügt (Art. 96 SchKG).
Es stände somit im Belieben des Betreibungsamts, auf
Verhandlungen zu verzichten, selbst wenn sie gesetzlich
vorgeschrieben wären. Das Bundesrecht hätte die Vorin-
stanz deshalb auch nicht gehindert, auf die Beschwerde
der Rekurrentin mangels Legitimation derselben gar nicht
einzutreten.
Demnach erkennt die Schuldbetr.- u. KonkuT8kammer :
Der Rekurs wird abgewiesen.