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54_II_469

BGE 54 II 469

Bundesgericht (BGE) ·II · 1928-11-28 · Deutsch CH
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Erwägungen (2 Absätze)

E. 1 Es erhebt sich in erster Linie die Frage, ob ein

Haupturteil im Sinne von Art. 58 OG vorliege, d. h. ein

Urteil, durch welches über die im Prozesse geltend

gemachten zivilrechtlichen i}nsprüche definitiv ent-

schieden worden ist (vgl. BGE 50 11 209; 53 11 74, 354,

432). Nach dem Sinn und Zweck des Art. 58 OG soll

im Interesse der Vereinfachung des Verfahrens und der

Kostenersparnis die Berufung an das Bundesgericht

regelmässig nur einmal, und daher erst in dem Stadium

des Prozesses ergriffen werden können, in welchem die

Streitsache dem Berufungsrichter in ihrem ganzen, an

sich berufungsfähigen Umfange unterbreitet werden

kann. Freilich hat das Bundesgericht wiederholt auch

bloss über· einen Teil der mit der Klage erhobenen

Begehren erkennende Entscheidungen dann als Haupt-

Prozessrecht. N° 87.

471

urteile betrachtet, wenn die nicht beurteilten Fragen

im Laufe des Prozesses in ein besonderes, neues Verfahren

verwiesen, und nicht bloss einer Ergänzung des näm-

lichen Verfahrens vorbehalten worden sind (vgl. BGE

53 11 432 und dort. Zit.); doch bleibt auch diese Unter-

scheidung der gedachten Zweckbestimmung des Art. 58

OG untergeordnet (BGE 54 11 50).

Vorliegend nun hat das Obergericht nicht etwa bloss

die Ersatzpflicht des Beklagten im Grundsatze bejaht

und die Bestimmung des Schadenersatzes einem beson-

dern, neuen Prozesse zugewiesen (vgl. BGE 46 II 410),

sondern es hat die Klage im Betrage von 5000 Fr. ge-

schützt und lediglich die Bemteilung der Mehrforderung

einem ueuen Verfahren vorbehalten. und zwar aus der

prozessualen, vom Bundesgericht nicht nachprüfbaren

Erwägung, dass eine Erhöhung des vor Friedensrichter-

amt mit bloss 5000 Fr. ans Recht gesetzten Schaden-

ersatzbegehrens in der Klageschrift nicht mehr zulässig

sei. Bei dieser Art der Erledigung des Rechtsstreites

besteht die Möglichkeit, dass sich das Bundesgericht

mit derselben Ersatzforderung, und zwar speziell hin-

sichtlich des Qualltitativs, ein zweites Mal zu befassen

hat, nämlich daim, wenn der Kläger einen neuen Prozess

anstrengt und das ergehende kantonale Erkenntnis

weiterzieht. Indessen kommt entscheidend in Betracht,

dass der Beklagte durch die Zurückweisung der Berufung

im vorliegenden Verfahren in seinen Rechten beein-

trächtigt würde, falls der Kläger auf die Geltendmachung

weitem Ersatzes verzichten sollte, indem er alsdann end-

gültig um das Rechtsmittel der Bemfung gebracht wäre.

Mit Rücksicht hierauf erscheint es als gerechtfertigt,

ihm den Berufungsweg schon im gegenwärtigen Ver-

fahren offenzuhalten.

E. 2 Gemäss Art. 73 OG findet eine mündliche Par- teiverhandlung in der Regel nicht statt, wenn die StIeit- sache den Wert von 8000 Fr. nicht erreicht. Massgebend ist der Streitwert in Ansehung der Rechtsbegehren, wie 472 Prozessrecht. N° 88. sie vor der letzten kantonalen Instanz noch streitig waren (Art. 59, Abs. lOG). Dabei versteht es sich aber, von selbst, dass nur diejenigen Rechtsbegehren in Betracht fallen, die nach kantonalem Prozessrecht zulässigerweise erhoben worden sind, und der Entscheid hierüber entzieht sich der Überprüfung des Bundes- gerichts (vgl. BGE 42 II 146). Wenn daher die Vorinstanz auf die Klageforderung, soweit sie 5000 Fr. übersteigt, wegen Unzulässigkeit der nachträglichen Erhöhung des vor Friedensrichteramt anhängig gemachten Schaden- ersatzbegehrens nicht eingetreten ist, so kann auch nur diese Summe als Sbeitwert berücksichtigt werden, und es hat demnach das schriftliche Berufungsverfahren Platz zu gleifen.

Volltext (verifizierbarer Originaltext)

87. Auszug aus dem Urteil der I. Zlvila.btellung

vom 28 •. November 1928 i. S. Scharrer gegen Cavadini.

1. Art. 58 OG. Haupturteil. Begriff (Erw. 1).

2. Art. 59, Abs. 1 u. 75 OG : Für die S reitwertberechnung

kommen nur die nach kantonalem Prozessrecht zulässigen

Begehren in Betracht (Erw. 2).

Der Kläger Cavadini wurde am 12. Oktober 1925 in

Allschwil vom Auto des Beklagten Scherrer überfahren

und erheblich verletzt. Vor Friedensrichteramt" for-

derte er von Scherrer 5000 Fr. Schadenersatz « ohne

. Präjudiz ». Als eine Einigung nicht erzielt werden konnte,

470

Prozessrecht. N° 87.

reichte er im Dezember 1926 beim Bezirksgericht Arles-

heim Klage ein, mit dem Begehren um Verurteilung des

Beklagten zur Bezahlung von :

1. 3524 Fr. 63 Cts. nebst 5 % Zins seit der Klage-

anhebung (Arztkosten, Verdienstausfall und Arbeits-

löhne an Hilfskräfte).

2. 5000 Fr. Genugtuung,

3. einer jährlichen Rente ab 1. Juni 1926 in einer

auf Grund eines einzuholenden Arztgutachtens vom

Richter zu bestimmenden Höhe.

Das Bezirksgericht Arlesheim schützte die Klage im

Betrage von 14,500 Fr. nebst 5 % Zins seit 20. Juni 1926,

das Obergericht des Kantons Basel-Landschaft dagegen

sprach dem Kläger mit Urteil. vom 28. August 1928

bloss die vor Friedensrichteramt verlangten 5000 Fr.

nebst 5 % Zins seit 20. Juni 1926 zu und trat auf die

Mehrforderung nicht ein.

Die vom Beklagten hiegegen mit dem Antrag auf

gänzliche Klageabweisung ergriffene Berechnung hat

das Bundesgericht abgewiesen.

Aus den Erwägungen:

1. -

Es erhebt sich in erster Linie die Frage, ob ein

Haupturteil im Sinne von Art. 58 OG vorliege, d. h. ein

Urteil, durch welches über die im Prozesse geltend

gemachten zivilrechtlichen i}nsprüche definitiv ent-

schieden worden ist (vgl. BGE 50 11 209; 53 11 74, 354,

432). Nach dem Sinn und Zweck des Art. 58 OG soll

im Interesse der Vereinfachung des Verfahrens und der

Kostenersparnis die Berufung an das Bundesgericht

regelmässig nur einmal, und daher erst in dem Stadium

des Prozesses ergriffen werden können, in welchem die

Streitsache dem Berufungsrichter in ihrem ganzen, an

sich berufungsfähigen Umfange unterbreitet werden

kann. Freilich hat das Bundesgericht wiederholt auch

bloss über· einen Teil der mit der Klage erhobenen

Begehren erkennende Entscheidungen dann als Haupt-

Prozessrecht. N° 87.

471

urteile betrachtet, wenn die nicht beurteilten Fragen

im Laufe des Prozesses in ein besonderes, neues Verfahren

verwiesen, und nicht bloss einer Ergänzung des näm-

lichen Verfahrens vorbehalten worden sind (vgl. BGE

53 11 432 und dort. Zit.); doch bleibt auch diese Unter-

scheidung der gedachten Zweckbestimmung des Art. 58

OG untergeordnet (BGE 54 11 50).

Vorliegend nun hat das Obergericht nicht etwa bloss

die Ersatzpflicht des Beklagten im Grundsatze bejaht

und die Bestimmung des Schadenersatzes einem beson-

dern, neuen Prozesse zugewiesen (vgl. BGE 46 II 410),

sondern es hat die Klage im Betrage von 5000 Fr. ge-

schützt und lediglich die Bemteilung der Mehrforderung

einem ueuen Verfahren vorbehalten. und zwar aus der

prozessualen, vom Bundesgericht nicht nachprüfbaren

Erwägung, dass eine Erhöhung des vor Friedensrichter-

amt mit bloss 5000 Fr. ans Recht gesetzten Schaden-

ersatzbegehrens in der Klageschrift nicht mehr zulässig

sei. Bei dieser Art der Erledigung des Rechtsstreites

besteht die Möglichkeit, dass sich das Bundesgericht

mit derselben Ersatzforderung, und zwar speziell hin-

sichtlich des Qualltitativs, ein zweites Mal zu befassen

hat, nämlich daim, wenn der Kläger einen neuen Prozess

anstrengt und das ergehende kantonale Erkenntnis

weiterzieht. Indessen kommt entscheidend in Betracht,

dass der Beklagte durch die Zurückweisung der Berufung

im vorliegenden Verfahren in seinen Rechten beein-

trächtigt würde, falls der Kläger auf die Geltendmachung

weitem Ersatzes verzichten sollte, indem er alsdann end-

gültig um das Rechtsmittel der Bemfung gebracht wäre.

Mit Rücksicht hierauf erscheint es als gerechtfertigt,

ihm den Berufungsweg schon im gegenwärtigen Ver-

fahren offenzuhalten.

2. -

Gemäss Art. 73 OG findet eine mündliche Par-

teiverhandlung in der Regel nicht statt, wenn die StIeit-

sache den Wert von 8000 Fr. nicht erreicht. Massgebend

ist der Streitwert in Ansehung der Rechtsbegehren, wie

472

Prozessrecht. N° 88.

sie vor der letzten kantonalen Instanz noch streitig

waren (Art. 59, Abs. lOG). Dabei versteht es sich aber

, von selbst, dass nur diejenigen Rechtsbegehren in

Betracht fallen, die nach kantonalem Prozessrecht

zulässigerweise erhoben worden sind, und der Entscheid

hierüber entzieht sich der Überprüfung des Bundes-

gerichts (vgl. BGE 42 II 146). Wenn daher die Vorinstanz

auf die Klageforderung, soweit sie 5000 Fr. übersteigt,

wegen Unzulässigkeit der nachträglichen Erhöhung des

vor Friedensrichteramt anhängig gemachten Schaden-

ersatzbegehrens nicht eingetreten ist, so kann auch nur

diese Summe als Sbeitwert berücksichtigt werden, und

es hat demnach das schriftliche Berufungsverfahren

Platz zu gleifen.