opencaselaw.ch

77_IV_203

BGE 77 IV 203

Bundesgericht (BGE) ·IV · 1951-11-10 · Deutsch CH
Quelle Original Export Word PDF BibTeX RIS
Volltext (verifizierbarer Originaltext)

48. Auszug aus dem Urteil des Kassationshofes vom 10. Novem-

ber 1951 i. S. Staatsanwaltschaft des Kantons Aargau gegen

Eheleute Dällenbach.

Art.159 StGB. Wann hat sich jemand vertraglich verpflichtet, für

fremdes Vermögen zu sorgen ?

Art. 159 OP. Quand y a-t-il obligation contractuelle de veiller sur

les interets pecuniaires d'autrui ?

Art. 159 OP. Quando una persona si e obbligata per contratto a

curare il patrimonio altrui !

Als Fürsprecher Dr. Dällenbach im Jahre 1944 im Kan-

ton Appenzell-A.Rh. ein Hotel kaufen wollte, um sich als

Naturarzt niederzulassen, versprach ihm Metzger Märki

in Windisch ein durch einen Inhaberschuldbrief im zweiten

Range sicherzustellendes Darlehen von Fr. 50,000.- und

verpflichtete sich, ihm den Schuldbrief zur Verfügung zu

stellen, damit Dällenbach ihn von einer Bank zwecks An-

schaffung von Mobiliar mit höchstens Fr. 20,000.- be-

lehnen lassen könne. In der Folge entschloss sich Dällen-

bach statt eines Inhaberschuldbriefes eine Grundpfand-

vers;hreibung zu errichten, weil der Schuldbrief nach

Art. 169 EG ZGB Abzahlungen erfordert hätte. Am

14. Juni 1944 ermächtigte Märki seine Ehefrau, das Proto-

koll über die Errichtung einer Grundpfandverschreibung

und die Erklärung über die Abtretung des Pfandtitels an

Dällenbach zu unterschreiben. Am 22. Juni 1944 unter-

zeichnete Frau Märki den Pfandvertrag. Da Dällenbach

erfuhr, dass bei Abtretung der Grundpfandverschreibung

an ihn Forderung und Pfandrecht untergingen, liess er

Frau Märki als Bevollmächtigte ihres Ehemannes am

gleichen Tage eine Erklärung unterschreiben, wonach

Märki Forderung und Pfandrecht an Marie Dällenbach,

Ehefrau des Schuldners, abtrete. Anfangs August 1944

204

Strafgesetzbuch. No 48.

bestellte Marie Dällenbach der Schweizerischen Volksbank

an der Forderung ein Pfandrecht, um die Bank für ein

Darlehen sicherzustellen, das diese Dr. Dällenbach ge-

währte. Die Forderung der Bank betrug schon im Jahre

1944 Fr. 25,000.- und wurde später auf Fr. 28,000.-

erhöht. Im Jahre 1948 löste die Appenzell-Ausserrhodische

Kantonalbank das Darlehen der Schweizerischen Volks-

bank ab und verlangte Löschung der Grundpfandver-

schreibung und Errichtung einer Maximalhypothek im

Betrage von Fr. 34,000.-. Dr. Dällenbach veranlasste

seine Eh~frau am 2. Dezember 1948, die Löschungsbewilli-

gung zu erteilen, und stimmte dieser als Ehemann zu.

Die Eheleute Dällenbach wurden wegen ungetreuer Ge-

schäftsführung angeklagt, vom Bezirksgericht Brugg und

vom O~ergericht des Kantons Aargau jedoch freigespro-

chen. Die Staatsanwaltschaft führt Nichtigkeitsbeschwerde

mit dem Antrag, die Sache sei zur Bestrafung der Ange-

klagten wegen ungetreuer Geschäftsführung an das Ober-

gericht zurückzuweisen.

Der Kassationshof zieht in Erwägung :

Nach Art. 159 Abs. l StGB ist strafbar,« wer jemanden

am Vermögen schädigt, für das er infolge einer gesetzlich

oder einer vertraglich übernommenen Pflicht sorgen soll 11.

Das Gesetz bezeichnet dieses Vorgehen als <<ungetreue

~schäftsführung », « gestion deloyale », « amministrazione

~nf~ele (v~l. Randtitel und ·Absatz 3). Geschäftsführung

~m Smne dieser Bestimmung liegt nicht jedesmal vor, wenn

J~mand auf Grund eines Vertrages fremdes Vermögen in

die Hand erhält, über das er nicht restlos nach freiem

Belieben verfügen darf. Wer fremdes Vermögen nicht

zwecks Wahrnehmung der fremden Interessen, sondern

ausschliesslich im eigenen Interesse übernimmt, wie z.B.

der Entlehner oder Mieter, ist nicht Geschäftsführer. Die

Pflicht, die fremden Interessen wahrzunehmen oder sie

wenigstens nicht zu verletzen, ist hier nicht Gegenstand

des Vertrages, sondern nur die notwendige Folge der Be-

Strafgesetzbuch. No 48.

206

schränkung des Rechts, das deni Empfänger am fremden

Vermögen eingeräumt wird. Wenn der Empfänger das ihm

anvertraute Vermögensstück vertragswidrig gebraucht,

verletzt er nich~ eine Pflicht zur Besorgung fremder Ge-

schäfte, sondern überschreitet lediglich das Recht, das ihm

der andere am Vermögensstück eingeräumt hat. Strafbar

kann er sich dadurch unter den Voraussetzungen des

Art. 140 StGB (Veruntreuung) machen. Art. 159 StGB

dagegen trifft nicht zu ..

Dr. Dällenbach hatte in bezug auf die grundpfandver-

sicherte Forderung, die Märki an Frau Dällenbach abtrat,

eine Stellung inne, die sich, soweit die Anwendung des

Art. 159 StGB in Frage steht, nicht von der Stellung des

Entlehners einer Sache unterscheidet. Wäre die Forderung

statt in einer Grundpfandverschreibung in einem Inhaber-

schuldbrief verurkundet worden, wie das ursprünglich vor-

gesehen war, so träfen Art. 305 ff. OR unmittelbar zu.

Märki hätte den Schuldbrief dem Dr. Dällenbach über-

geben, damit er in eigenem Interesse davon einen be-

stimmten beschränkten Gebrauch mache, nämlich ihn als

Faustnfand für ein bei einem Dritten (Bank) auf.zuneh-

mendes Darlehen von höchstens Fr. 20,000.- bestelle.

Andere als die sich aus Art. 306 OR ergebenden, auf dem

beschränkten Gebrauchsrecht beruhenden Pflichten hätte

er damit nicht übernommen. Dass die Forderung statt in

einem Schuldbrief in einer Grundpfandverschreibung ver-

brieft wurde, hatte lediglich zur Folge, dass das Gebrauchs-

recht, das Märki dem Dällenbach daran einräumte, nicht

$Recht an einer Sache (Wertpapier}, sondern als &echt

an einer Forderung zu beurteilen war und dass, da Dr.

Dällenbach selber Schuldner dieser Forderung war, die

Abtretung nicht an ihn, sondern fiduziarisch an seine

Ehefrau erfolgte. Zum Geschäftsführer in bezug auf die

Forderung wurde Dällenbach dadurch nicht, und auch

Frau Dällenbach verpflichtete sich nicht, für fremde Ver-

mögensinteressen zu sorgen, jedenfalls nicht gegenüber

Märki, denn sie war Beauftragte ihres Ehemannes, nicht

206

Strafgesetzbuch. N° 49.

des Märki. Ob dem Dr. Dällenbach besonderes Vertrauen

entgegengebracht wurde, weil er Fürsprecher ist, ist un-

erheblich. Die Forderung wurde an Frau Dällenbach nicht

abgetreten, damit Dällenbach in seiner Eigenschaft als

Rechtsanwalt eine im Interesse des Märki liegende Rechts-

handlung vornehme, insbesondere die Forderung verwalte,

sondern damit er zwecks Anschaffung von Mobiliar, das er

als Naturarzt brauchte, im eigenen Interesse in beschränk-

tem Umfange darüber verfüge.

Die Eheleute Dällenbach sind daher zu Recht von der

Anklage der ungetreuen Geschäftsführung freigesprochen

worden.