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76_IV_262

BGE 76 IV 262

Bundesgericht (BGE) ·IV · 1950-10-16 · Deutsch CH
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Sachverhalt

Am 31. März 1950 wurde Pierre Bienvenue bei der

Staatsanwaltschaft in Lugano angezeigt, der Luise Bau-

mann in dieser Stadt am 23. März 1950 einen Geldbeutel

mit Fr. 35.- gestohlen zu haben~ Später wurde Bienvenue

im Kanton Bern angezeigt wegen eines am 8. September

1950 in Bern verübten Diebstahls an einem Fahrrad im

Werte von Fr. 550.-, ferner wegen Radfahrens ohne Licht

Verfahren. N° 56.

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und endlich wegen eines in der Nacht vom 9./10. September

1950 in Kandersteg verübten Raubversuches, den er aus

eigenem Antrieb nicht zu Ende geführt habe.

B. -

Am 30. September 1950 ersuchte der Generalpro-

kurator des Kantons Bern die Staatsanwaltschaft des Sotto-

oeneri, zu der Gerichtsstandsfrage Stellung zu nehmen. Er

vertrat die Auffassung, dass Bienvenue im Kanton Tessin

zu verfolgen und zu beurteilen sei, weil Diebstahl mit

schwererer Strafe bedroht sei als Raubversuch und die

erste Untersuchung im Kanton Tessin angehoben worden

sei.

Der Staatsanwalt des Sottoceneri antwortete am 4. Ok-

tober 1950, dass die im Kanton Tessin verübte Tat wegen

des geringen Wertes der Sache nicht als Diebstahl, son-

dern als Entwendung (Art. 138 StGB) zu würdigen sei,

so dass von einer Bestrafung Umgang genommen werden

könne; er verzichte deshalb auf die Verfolgung des Bien-

venue wegen dieser Tat.

0. -

Mit Eingabe vom 7. Oktober 1950 beantragt der

Generalprokurator des Kantons Bern der Anklagekammer

des Bundesgerichts, der Kanton Tessin sei zur Verfolgung

und Beurteilung des Bienvenue berechtigt und verpflichtet

zu erklären. Er hält unter Berufung auf BGE 75 IV 94

daran fest, dass Raubversuch mit geringerer Strafe bedroht

sei als Diebstahl, und macht weiter geltend, dass Fr. 35.-

keinen geringen Wert hätten und der Verzicht des Staats-

anwaltes des Sottoceneri auf die Strafverfolgung für die

Geriohtsstandsbestimmung nach Art. 350 Ziff. 1 StGB

unerheblich sei.

Volltext (verifizierbarer Originaltext)

56. Entscheid der Anklagekammer vom 16. Oktober 1950 i. S.

Generalprokurator des Kantons Dem gegen Procura pubblica

sottocenerina.

Art. 350 Ziff. 1 Abs. 1 StGB. Ob eine Tat mit schwererer Strafe

bedroht ist als eine andere, beurteilt sich in erster Linie nach dem

angedrohten Höchstmass und erst in zweiter Linie nach der

angedrohten Mindeststrafe.

Art. 350 eh. 1al.1 OP. Pour decider si une infraction est passible

d'une peine plus grave qu'une autre, il faut d'abord tenir compte

du maximum Iegal; le minimum n'intervient qu'en second lieu.

Art. 350cifra1 cp.1 OP. Per decidere quale di due reati e punibile

con la pena piU grave occorre tener conto anzitutto del massimo

legale; il minimo interviene solamente in secondo luogo.

A. -

Am 31. März 1950 wurde Pierre Bienvenue bei der

Staatsanwaltschaft in Lugano angezeigt, der Luise Bau-

mann in dieser Stadt am 23. März 1950 einen Geldbeutel

mit Fr. 35.- gestohlen zu haben~ Später wurde Bienvenue

im Kanton Bern angezeigt wegen eines am 8. September

1950 in Bern verübten Diebstahls an einem Fahrrad im

Werte von Fr. 550.-, ferner wegen Radfahrens ohne Licht

Verfahren. N° 56.

263

und endlich wegen eines in der Nacht vom 9./10. September

1950 in Kandersteg verübten Raubversuches, den er aus

eigenem Antrieb nicht zu Ende geführt habe.

B. -

Am 30. September 1950 ersuchte der Generalpro-

kurator des Kantons Bern die Staatsanwaltschaft des Sotto-

oeneri, zu der Gerichtsstandsfrage Stellung zu nehmen. Er

vertrat die Auffassung, dass Bienvenue im Kanton Tessin

zu verfolgen und zu beurteilen sei, weil Diebstahl mit

schwererer Strafe bedroht sei als Raubversuch und die

erste Untersuchung im Kanton Tessin angehoben worden

sei.

Der Staatsanwalt des Sottoceneri antwortete am 4. Ok-

tober 1950, dass die im Kanton Tessin verübte Tat wegen

des geringen Wertes der Sache nicht als Diebstahl, son-

dern als Entwendung (Art. 138 StGB) zu würdigen sei,

so dass von einer Bestrafung Umgang genommen werden

könne; er verzichte deshalb auf die Verfolgung des Bien-

venue wegen dieser Tat.

0. -

Mit Eingabe vom 7. Oktober 1950 beantragt der

Generalprokurator des Kantons Bern der Anklagekammer

des Bundesgerichts, der Kanton Tessin sei zur Verfolgung

und Beurteilung des Bienvenue berechtigt und verpflichtet

zu erklären. Er hält unter Berufung auf BGE 75 IV 94

daran fest, dass Raubversuch mit geringerer Strafe bedroht

sei als Diebstahl, und macht weiter geltend, dass Fr. 35.-

keinen geringen Wert hätten und der Verzicht des Staats-

anwaltes des Sottoceneri auf die Strafverfolgung für die

Geriohtsstandsbestimmung nach Art. 350 Ziff. 1 StGB

unerheblich sei.

Die Anklagekammer zieht in Erwägung :

Wird jemand wegen mehrerer, an verschiedenen Orten

verübter strafbarer Handlungen verfolgt, so sind die Be-

hörden des Ortes, wo die mit der schwersten Strafe be-

drohte Tat verübt worden ist, auch für die Verfolgung und

die Beurteilung der andern Taten zuständig (Art. 350 Ziff. l

Abs. 1 StGB). Diese Bestimmung will die Zuständigkeit der

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Verfahren. N<> 56.

Behörden desjenigen Kantons begründen, in welchem das

Schwergewicht der strafbaren Tätigkeit des Beschuldigten

liegt, bestimmt dieses Schwergewicht aber nicht nach der

Strafe, mit welcher der Täter für die einzelne Handlung

bei getrennter Beurteilung belegt werden müsste, oder nach

dem Ausmass, in welchem die einzelne Tat die verwirkte

Gesamtstrafe beeinflusst, sondern nach dem rein formalen

Merkmal der auf die einzelne Tat angedrohten Strafe

(BGE 69 IV 37; 71 IV 165; 75 IV 95).

Die Schwere der angedrohten Strafe aber beurteilt sich

in erster Linie nach dem angedrohten Höchstmass. Nur

wenn auf den Handlungen, deren Strafdrohung zu ver-

gleichen ist, die gleiche Höchststrafe steht, gibt die ange-

drohte Mindeststrafe den Ausschlag. In diesem Sinne hat

die Anklagekamm.er schon wiederholt entschieden (z.B.

am 19. Juli 1944 i. S. Bern gegen Luzern und Solothurn).

Daher ist im vorliegenden Falle der im Kanton Bern ver-

übte Raubversuch die mit der schwersten Strafe bedrohte

Tat. Für dieses Verbrechen beträgt die Höchststrafe

zwanzig Jahre Zuchthaus (Art. 139 Ziff. 1, Art. 35 Ziff. 1,

Art. 21 StGB); dass bloss ein Versuch vorliegt, und zwar

ein solcher, von dem der Täter aus eigenem Antrieb zu-

rückgetreten ist, berechtigt den Richter bloss, verpflichtet

ihn nicht, von einer Beotrafung Umgang zu nehmen. Auf

Diebstahl anderseits steht nur eine Höchststrafe von fünf

Jahren Zuchthaus (Art. 137 Ziff. l StGB). Aus BGE 75 IV

94 kann der Kanton Bern nichts für sich ableiten, da in

dem dort beurteilten Falle das versuchte und das vollen-

dete Verbrechen mit der gleichen Höchststrafe bedroht

waren.

Demnach erkennt die Ankkigekammer :

Die Behörden des Kantons Bern werden berechtigt und

verpflichtet erklärt, Pierre Bienvenue für alle ihm zur

Last gelegten strafbaren Handlungen zu verfolgen und zu

beurteilen.

Verfahren. No 57.

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