Sachverhalt
Ernst Lang in Zürich nahm in eigenem Namen
Aufträge zum Druck von Dissertationen an und liess sie
durch die Druckereigenossenschaft Aarau in Aarau, deren
Geschäftsführer Benedikt Fuchs ist, ausführen. Auf den
176
Strafgesetzbuch. N° 47.
Dissertationen ist der Name des Verfassers und der Ver-
merk « Ernst Lang, Zürich 2 >i, nicht aber der Name der
Druckerei und der Ort, wo die Schriften gedruckt wurden,
a~gegeben. Am 21. September 1943 büsste daher das
Polizeirichteramt der Stadt Zürich Lang und Fuchs
wegen Übertretung des Art. 322 Ziff. 1 StGB je mit
Fr. 20.-. Die Gebüssten verlangten gerichtliche Beur-
teilung, worauf der Einzelrichter des Bezirksgerichtes
Zürich sie am 27. Juni 1944 freisprach. Das Urteil wird
damit begründet, Drucker sei, wer die Druckschrift
herstellt und gegenüber Verfasser und
Verleger die
Verantwortung für den Druck übernimmt. Das sei hier
Lang, denn das Verhältnis zwischen ihm und der Drucke-
reigenossenschaft Aarau gehe den Verfasser nichts an;
es komme nicht darauf an~ wo die Druckerpresse sei,
sondern wo sich der für den Druck Verantwortliche
befinde. Auf die Frage des Verschuldens trat der Richter
nicht ein.
B. -
Mit rechtzeitiger Nichtigkeitsbeschwerde bean-
tragt das Polizeirichteramt der Stadt Zürich, dieses
Urteil sei aufzuheben und die Sache zur Bestätigung der
beiden Bussen an den Einzelrichter des Bezirksgerichtes
zurückzuweisen.
C. -
Die Beschwerdegegner beantragen, auf die Be-
schwerde sei nicht einzutreten, eventuell sei sie abzuweisen.
Der Kassationshof zieht
Erwägungen (5 Absätze)
E. 1 Tatfrage ist, welche Tätigkeit Lang ausgeübt hat, Rechtsfrage dagegen, ob sie ihn zum Drucker im Sinne des Art. 322 Ziff. 1 StGB macht und ob sein Ge- schäftsdomizil Druckort im Sinne dieser Bestimmung ist. Bestritten ist hier nicht die Tat-, sondern die Rechtsfrage. Auf die Beschwerde ist daher einzutreten.
E. 2 Dissertationen sind nicht Druckschriften, welche «lediglich den Bedürfnissen des Verkehrs, des Gewerbes oder des geselligen oder häuslichen Lebens dienen>>. Gemäss Art. 322 Ziff. 1 Abs. 1 StGB müssen sie daher den Strafgesetzbuch. N• 47. 177 Namen des Verlegers und des Druckers tragen und den Druckort nennen. Diese Vorschrift will die Belangung der gemäss Art. 27 StGB verantwortlichen Personen erleichtern, wenn durch das Mittel der Druckerpresse eine strafbare Handlung begangen wird (vgl. AStenBull NatR 1931 71, StR 1931 227). Die von Art. 322 Ziff. 1 verlangten Angaben müssen daher wahr sein. Nicht darauf kommt es an, dass die Druckschrift den Namen von Personen trägt, welche gewillt sind, die strafrechtliche Verantwor- tung zu übernehmen, sondern dass die angegebenen Per- sonen auch wirklich die sind, welche gegebenenfalls nach Art. 27 StGB bestraft werden können. Nach Art. 27 Ziff. 2 ist bei nicht periodischen Druckschriften in erster Linie der Verfasser strafbar. Kann er nicht ermittelt werden oder hat die Veröffentlichung ohne sein Wissen oder gegen seinen Willen stattgefunden, so ist der Ver- leger und, wenn ein solcher fehlt, der Drucker als Täter strafbar. Als Drucker muss daher angegeben werden, wer nach Art. 27 Ziff. 2 solcher ist, nicht irgend eine Person, die bereit ist, dessen Verantwortung zu übernehmen. Der Drucker könnte sich sonst durch Vorschiebung eines Strohmannes der strafrechtlichen Verfolgung entziehen oder sie erschweren.
E. 3 Drucker im Sinne des Art. 27 Ziff. 2 und mithin auch des Art. 322 Ziff. 1 Abs. 1 StGB ist, wer die Gesamt- heit der mit dem Druck verbundenen Arbeiten besorgt oder in dem von ihm geleiteten Betriebe besorgen Jässt und dazu insbesondere die technischen Einrichtungen zur Verfügung stellt, denn dieser Tat wegen wird er für die durch das Mittel der Druckerpresse begangenen straf- baren Handlungen bestraft, nicht wegen irgendwelcher Nebenarbeiten, die . er zwar in der Regel auch besorgt, aber ebensogut einem Dritten überlassen kann, wie z.B. das Aufsuchen der Kunden, die Auswahl der Schrift, die Anordnung des Textes. Auch nicht auf das zivilrechtliche Verhältnis zum Verleger oder Verfasser oder überhaupt zum Besteller, der den Druckauftrag erteilt, kommt es 12 AS 70 IV - 1944 178 Strafgesetzbuch.N° 47. an, sondern auf den technischen Vorgang des Druckens. Dieser kennzeichnet auch den Druckort, der auf der Drµckschrift angegeben werden muss (Art. 322 Zifi. 1 .Abs. 1) und subsidiär den Gerichtsstand bestimmt (Art. 347 Abs. 2). Nicht Lang ist daher der Drucker, sondern die Druckerei- genossenschaft Aarau, und Druckort ist nicht Zürich, sondern .Aarau.
E. 4 Der Verpflichtung, Drucker und Druckort anzu- geben, waren Fuchs und Lang nicht dadurch enthoben, dass die Dissertationen den Namen des Verfassers tragen. Der Wortlaut des Art. 322 Ziff. 1 StGB lässt dies nicht zu; auch nicht der Sinn dieser Bestimmung. Denn selbst wenn der Verfasser ermittelt werden kann, ist der Drucker nicht unbedingt vor Strafe geschützt; er ist es dann nicht, wenn die Druckschrift ohne Wissen oder gegen den Willen des Verfassers veröffentlicht worden ist (Art. 27 Ziff. 2 StGB). Der _Drucker muss daher ermittelt werden ·können, auch wenn der Verfasser bekannt ist. Es ist darauf hinzuweisen, dass auch bei den Zeitungen und Zeitschriften die ~..\ngabe des Verfassers oder verantwort- lichen Redaktors, deren Verantwortung diejenige von Verleger und Drucker nicht weniger ausschliesst, der letztern Angabe jnach deutlicher Vorschrift des Art. 322 Ziff. 2 nicht entbehrlich macht.
E. 5 Objektiv ist somit der Tatbestand der Über- tretung des Art. 322 Zifi. 1 erfüllt. Ob auch subjektiv, wird die Vorinstanz bei der Neubeurteilung der Sache zu prüfen haben. Demnach erkennt der Kassationshof : Die Nichtigkeitsbeschwerde wird gutgeheissen, das Urteil des Einzelrichters in Strafsachen des Bezirksge- richtes Zürich vom 27. Juni 1944 aufgehoben und die Sache zur Neubeurteilung im Sinne der Erwägungen an die Vorinstanz zurückgewiesen. Strafgesetzbuch. No 48. 179
Volltext (verifizierbarer Originaltext)
47. Urteil des Kassationshofes vom 22. September 1944 i. S.
Polizeirichteramt der Stadt Zürich gegen Lang und Fuchs.
Art. 322 Ziff. 1 StGB.
Dru.cker im Sinne dieser Bestimmnng ist, wer die mit dem Dru.ck
verbnndenen Arbeiten besorgt oder in dem von ihm geleiteten
Betriebe besorgen lässt u.nd dazu. insbesondere die technischen
Einrichtu,ngen zu.r Verfügu.ng stellt.
Der technische Vorgang des Druckens kennzeichnet auch den
Druckort.
Drucker und Druckort sind au.eh anzugeben, wenn die Druckschrift den Namen des Verfa.<;;sers trägt.
Art. 322 eh. 1 OP.
L'imprimeur au. sens de cette disposition est celu.i qu.i exoou.te
les travau,x qu.e necessite l'impression ou. qui les fait exoou.ter
dans l'entreprise qu.'il dirige, en mettant en particu.Iier a
disposition ses installations techniqu.es.
Le travail techniqt\e de l'impression determine aussi le Iieu
d'impression.
L'imprime doit indiqu.er l'imprimeu.r et le lieu d'impression meme
lorsqu.'il porte le nom de l'auteur.
Art. 322 cifra 1 OP.
Lo stampatore a'seru;i di qu.est'articolo e colui ehe eseguisce i
lavori necessari alla stampa o ehe li fa esegu.ire nell'azienda
da lu.i diretta, mettendo specialmente a disposizione i suoi
impianti tecnici.
.
II Iavoro tecnico della stampa e determinante pure pel luogo
della stampa.
Lo stampato deve indicare lo stampatore ed il Iuogo della stampa
anche se porta il nome dell'autore.
A. -
Ernst Lang in Zürich nahm in eigenem Namen
Aufträge zum Druck von Dissertationen an und liess sie
durch die Druckereigenossenschaft Aarau in Aarau, deren
Geschäftsführer Benedikt Fuchs ist, ausführen. Auf den
176
Strafgesetzbuch. N° 47.
Dissertationen ist der Name des Verfassers und der Vermerk « Ernst Lang, Zürich 2 >i, nicht aber der Name der
Druckerei und der Ort, wo die Schriften gedruckt wurden,
a~gegeben. Am 21. September 1943 büsste daher das
Polizeirichteramt der Stadt Zürich Lang und Fuchs
wegen Übertretung des Art. 322 Ziff. 1 StGB je mit
Fr. 20.-. Die Gebüssten verlangten gerichtliche Beurteilung, worauf der Einzelrichter des Bezirksgerichtes
Zürich sie am 27. Juni 1944 freisprach. Das Urteil wird
damit begründet, Drucker sei, wer die Druckschrift
herstellt und gegenüber Verfasser und
Verleger die
Verantwortung für den Druck übernimmt. Das sei hier
Lang, denn das Verhältnis zwischen ihm und der Druckereigenossenschaft Aarau gehe den Verfasser nichts an;
es komme nicht darauf an~ wo die Druckerpresse sei,
sondern wo sich der für den Druck Verantwortliche
befinde. Auf die Frage des Verschuldens trat der Richter
nicht ein.
B. -
Mit rechtzeitiger Nichtigkeitsbeschwerde beantragt das Polizeirichteramt der Stadt Zürich, dieses
Urteil sei aufzuheben und die Sache zur Bestätigung der
beiden Bussen an den Einzelrichter des Bezirksgerichtes
zurückzuweisen.
C. -
Die Beschwerdegegner beantragen, auf die Beschwerde sei nicht einzutreten, eventuell sei sie abzuweisen.
Der Kassationshof zieht in Erwägung :
1. -
Tatfrage ist, welche Tätigkeit Lang ausgeübt
hat, Rechtsfrage dagegen, ob sie ihn zum Drucker im
Sinne des Art. 322 Ziff. 1 StGB macht und ob sein Geschäftsdomizil Druckort im Sinne dieser Bestimmung ist.
Bestritten ist hier nicht die Tat-, sondern die Rechtsfrage.
Auf die Beschwerde ist daher einzutreten.
2. -
Dissertationen sind nicht Druckschriften, welche
«lediglich den Bedürfnissen des Verkehrs, des Gewerbes
oder des geselligen oder häuslichen Lebens dienen>>.
Gemäss Art. 322 Ziff. 1 Abs. 1 StGB müssen sie daher den
Strafgesetzbuch. N• 47.
177
Namen des Verlegers und des Druckers tragen und den
Druckort nennen. Diese Vorschrift will die Belangung
der gemäss Art. 27 StGB verantwortlichen Personen
erleichtern, wenn durch das Mittel der Druckerpresse eine
strafbare Handlung begangen wird (vgl. AStenBull NatR
1931 71, StR 1931 227). Die von Art. 322 Ziff. 1 verlangten
Angaben müssen daher wahr sein. Nicht darauf kommt
es an, dass die Druckschrift den Namen von Personen
trägt, welche gewillt sind, die strafrechtliche Verantwortung zu übernehmen, sondern dass die angegebenen Personen auch wirklich die sind, welche gegebenenfalls nach
Art. 27 StGB bestraft werden können. Nach Art. 27
Ziff. 2 ist bei nicht periodischen Druckschriften in erster
Linie der Verfasser strafbar. Kann er nicht ermittelt
werden oder hat die Veröffentlichung ohne sein Wissen
oder gegen seinen Willen stattgefunden, so ist der Verleger und, wenn ein solcher fehlt, der Drucker als Täter
strafbar. Als Drucker muss daher angegeben werden, wer
nach Art. 27 Ziff. 2 solcher ist, nicht irgend eine Person,
die bereit ist, dessen Verantwortung zu übernehmen.
Der Drucker könnte sich sonst durch Vorschiebung eines
Strohmannes der strafrechtlichen Verfolgung entziehen
oder sie erschweren.
3. -
Drucker im Sinne des Art. 27 Ziff. 2 und mithin
auch des Art. 322 Ziff. 1 Abs. 1 StGB ist, wer die Gesamtheit der mit dem Druck verbundenen Arbeiten besorgt
oder in dem von ihm geleiteten Betriebe besorgen Jässt
und dazu insbesondere die technischen Einrichtungen zur
Verfügung stellt, denn dieser Tat wegen wird er für
die durch das Mittel der Druckerpresse begangenen strafbaren Handlungen bestraft, nicht wegen irgendwelcher
Nebenarbeiten, die . er zwar in der Regel auch besorgt,
aber ebensogut einem Dritten überlassen kann, wie z.B.
das Aufsuchen der Kunden, die Auswahl der Schrift, die
Anordnung des Textes. Auch nicht auf das zivilrechtliche
Verhältnis zum Verleger oder Verfasser oder überhaupt
zum Besteller, der den Druckauftrag erteilt, kommt es
12
AS 70 IV -
1944
178
Strafgesetzbuch.N° 47.
an, sondern auf den technischen Vorgang des Druckens.
Dieser kennzeichnet auch den Druckort, der auf der
Drµckschrift angegeben werden muss (Art. 322 Zifi. 1
.Abs. 1) und subsidiär den Gerichtsstand bestimmt (Art.
347 Abs. 2).
Nicht Lang ist daher der Drucker, sondern die Druckereigenossenschaft Aarau, und Druckort ist nicht Zürich,
sondern .Aarau.
4. -
Der Verpflichtung, Drucker und Druckort anzugeben, waren Fuchs und Lang nicht dadurch enthoben,
dass die Dissertationen den Namen des Verfassers tragen.
Der Wortlaut des Art. 322 Ziff. 1 StGB lässt dies nicht
zu; auch nicht der Sinn dieser Bestimmung. Denn selbst
wenn der Verfasser ermittelt werden kann, ist der Drucker
nicht unbedingt vor Strafe geschützt; er ist es dann
nicht, wenn die Druckschrift ohne Wissen oder gegen den
Willen des Verfassers veröffentlicht worden ist (Art. 27
Ziff. 2 StGB). Der _Drucker muss daher ermittelt werden
·können, auch wenn der Verfasser bekannt ist. Es ist
darauf hinzuweisen, dass auch bei den Zeitungen und
Zeitschriften die ~..\ngabe des Verfassers oder verantwortlichen Redaktors, deren Verantwortung diejenige von
Verleger und Drucker nicht weniger ausschliesst, der
letztern Angabe jnach deutlicher Vorschrift des Art. 322
Ziff. 2 nicht entbehrlich macht.
5. -
Objektiv ist somit der Tatbestand der Übertretung des Art. 322 Zifi. 1 erfüllt. Ob auch subjektiv,
wird die Vorinstanz bei der Neubeurteilung der Sache
zu prüfen haben.
Demnach erkennt der Kassationshof :
Die Nichtigkeitsbeschwerde wird gutgeheissen, das
Urteil des Einzelrichters in Strafsachen des Bezirksgerichtes Zürich vom 27. Juni 1944 aufgehoben und die
Sache zur Neubeurteilung im Sinne der Erwägungen an
die Vorinstanz zurückgewiesen.
Strafgesetzbuch. No 48.
179