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68_II_245

BGE 68 II 245

Bundesgericht (BGE) ·II · 1942-11-23 · Deutsch CH
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Volltext (verifizierbarer Originaltext)

38. Urteil der n. Zivllabteilung vom 23. November 1942

1. S. Steinemann gegen Steinemann-Weber.

Hawptuf'teil (Art. 58 OG): Nicht der Entscheid über Begehren

um Anordmmg oder Aufhebung von Eheschutzmassnahmen

im Sinne von Art. 169-172 ZGB.

Art. 68 OG. -

N'est pa~ un jugement au fond 1a dooision qui

ordonne ou rapporte des mesures protectrices de l'union conju-

gale (art. 169 a 172 CC).

Art. 68 OGF. -

Non e un giudizio di merito quelle ehe ordina

od abroga misura protettive dell'unione coniugale (art. 169-172

CC).

AU8 dem Tatbestand :

Im Jahre 1934 ermächtigte der Einzelrichter die Be-

klagte in Anwendung von Art. 170 Aba.. 1 ZGB zur Auf-

hebung des gemeinsamen Haushalts. Seither leben die

Parteien getrßnnt.

Im Jahre 1941 'stellte der Kläger beim gleichen Richter

das Gesuoh um Aufhebung der erwähnten Bewilligung.

Der Einzelrichter schützte dieses Begehren; das Ober-

gericht, an das die Beklagte rekurrierte, wies es dagegen

ab.

Gegen den Entscheid des Obergerichtes erklärte der

Kläger die Berufung an das Bundesgericht mit dem Antrag

auf Gutheissung des Klagebegehrens. Das Bundesgericht

trat auf die Berufung nicht ein

mit folgendet· Begründung :

Der Berufung an das Bundesgericht unterliegen nach

Art. 58 Abs. 1 OG nur in der letzten kantonalen Instanz

erlassene materiellrechtliche Haupturteile, d. h. solche

Urteile, die über einen im Prozess geltend gemachten

zivilrechtliohen Anspruch definitiv entschieden haben

(BGE 53 II 74). Diese Bedeutung kommt den Entschei-

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Prozessrecht. N0 38.

dungen über Massnahmen zum Schutze der ehelichen Ge-

meinschaft wegen ihres ausgesprochen provisorischen Cha-

rakters nicht zu .(B~E 43 II 275). Die auf Grund von

~t. 169 ff. ZGB getroffenen Anordnungen bleiben, wie

das Bundesgericht im eben erwähnten Entscheide ausge-

führt hat, nur solange aufrecht, als die anormalen Ver-

hältnisse andauern, die das Eingreifen des Richters nötig

gemacht haben. Jeder Ehegatte kann nach Art. 172 ZGB

ihre Aufhebung verlangen, sobald ihr Grund weggefallen

ist, und die gemäss Art. 170 Abs. 1 ZGB erlassene~ Ver-

fügungen über das Getrenntleben werden bei dauerhafter

Wiedervereinigung der Ehegatten sogar ohne weiteres hin-

fällig (BGE 42 I 97; EGGER N. 1 zu Art. 172 ZGB). Ent-

scheidungen, die derart dem Wandel ausgesetzt sind, hat

das Bundesgericht von jeher als nicht berufungsfähig

erachtet (BGE 41 II 329).

Die Unzulässigkeit der Berufu~ gegen letztinstanzliche

kantonale Urteile, die auf Grund von Art. 169 ff. ZGB

ergangen sind, ergIot sich auch aus dem Werdegang der

Bestimmungen über die zivilrechtliche Beschwerde, der im

Entscheide BGE 43 II 275 berücksichtigt, aber nicht voll-

ständig richtig wiedergegeben worden ist. Noch der Ent-

wurf zum Bundesgesetz betreffend Änderungen des Bun-

desgesetzes über die Organisation der Bundesrechtspfiege

vom 22. März 1893, den der Bundesrat der Bundesver-

sammlung mit Botschaft vom ll. Mai 1911 vorlegte, sah

in Art. 1 Abs. 2 die zivilrechtliche Beschwerde gegen Ent-

scheide über die « Aufhebung des gemeinsamen ehelichen

Haushaltes (Art. 170 Abs. 1 und 3, und Art. 172 ZGB) »

vor (BBI. 1911 III S. 80,61). Die Kommission des Stände-

rates und ihr folgend beide Räte haben dann (von der

Amortisationsbeschwerde, Art. 86 Ziff. 4 OG, abgesehen)

das Anwendungsgebiet der zivilrechtlichen Beschwerde als

Rechtsmittel gegen letztinstanzliche Entscheide kantona-

ler Behörden wegen Verletzung von Bundesrecht auf die

Fälle eingeschränkt, in denen das ZGB die Weiterziehung

des Entscheides der zuständigen kantonalen Behörde an

Prozes.sreoht. N0 38.

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das Bundesgericht ausdrücklich vorsieht, und damit dem

Art.·S6 OG seine heutige Fassung gegeben, die den Fall der

Aufhebung des gemeinsamen Haushaltes nicht mehr er-

wähnt (Sten. Bull. 1911, StR S. 120, 138, NR S. 272 f.).

Da.bei war das Bestreben wegleitend, das Bundesgericht

mit dem neugeschaffenen Rechtsmittel nicht zu sehr zn

belasten (Voten von Isler, Berichterstatter der ständerät-

lichen Kommission, StR S. 128, 138). Ferner kam die Mei-

nung zum Ausdruck, dass die Aufhebung des gemein-

samen Haushalts eine bloss provisorische Massnahme dar-

stelle (Isler, StR S. 138), und dass es sich bei diesem wie

bei den andern im endgültigen Gesetzestext nicht mehr

berücksichtigten Fällen zur Hauptsache um Tatsachen-

fragen handle, die dem Entscheid der kantonalen Behörden

zu überlassen seien (Votum des franz. Berichterstatters der

nationalrätlichen Kommission, Rutty,· NR S. 273). Der

Gesetzgeber hat also die zivilrechtliche Beschwerde gegen.

Entscheide über die Aufhebung der ehelichen Gemeinschaft

offensichtlich nicht deswegen ausgeschlossen, weil er davon

ausging, dass solche Entscheide ohnehin auf dem Wege

der Berufung an das Bundesgericht weitergezogen werden

können, sondern weil er diese Streitigkeiten vom Bundes-

gericht überhaupt fernhalten wollte. Bei der Erörterung

der verschiedenen von der ständerätlichen Kommission

vorgenommenen Streichungen erklärte der Berichterstatter

dieser Kommission freilich, es möge Fälle geben, die trotz

der Nichtzulassung der zivilrechtlichen Beschwerde von

einzelnen Kantonen aus an das Bundesgericht gelangen,

weil die betreffenden Kantone sie im gerichtlichen Ver-

fahren erledigen lassen und auf diese Weise der Berufung

zugänglich machen (StR S. 128). Auf diese Möglichkeit

wies au,ch der deutsche Berichterstatter der nationalrät-

lichen Kommission, Häberlin, hin (NR S. 273). Ständerat

Isler fügte jedoch bei, diese Fälle werden nicht häufig sein,

und die Berufung sei immer nur denkbar, « wenn noch ein

weiteres hinzutritt: der definitive, dauernde Charakter

des Entscheides», -

eine Eigenschaft, die den Verfü-

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Prozessrecllt. N° 39.

glUlgen über die Aufhkbung des gemeinsamen Haushalts

au,ch nach seiner Auffassung abgeht. Auch nach den Ge-

setzesmaterialien erscheint die Berufung gegen solche

Verfügungen demnach als unzulässig.

Für Entscheidungen über Gesuche um Aufhebung von

Eheschutzmassnahmen muss entgegen der Ansicht des

Klägers das gleiche gelten wie für Entscheidungen, die

die Anordnung solcher Massnahmen zum Gegenstande

haben. Die Abweisung eines Gesuches um Aufhebung der

Ermächtigung zum Getrenntleben, wie sie von der Vor-

instanz beschlossen worden ist, schafft keine andere Lage

als die Anordnung dieser Massnahme. Es handelt sich also

auch hier nur um eine Entscheidung provisorischer Natur

und nicht um einen definitiven Entscheid über den « ma-

teriellen Rechtsanspruch des' Klägers auf gemeinsamen

Ha.ushalt», wie das in der Berufungsschrift behauptet

wird. Auf die Berufung ist daher nicht einzutreten.