Sachverhalt
Gegen die für Fr. 20,532.- Hauptbetrag ange-
hobene ordentliche Betreibung beschwerte sich der Schuld-
ner Desire Wiener in Bern mit dem Hinweis auf ein von
Robert Ramstein bestelltes Faustpfand (ein Gemälde
« Holländische Landschaft » von Jan Victors mit Original-
rahmen) laut Faustpfandvertrag und Empfangsbescheini-
gung der Gläubigerin (Banque Populaire Valaisanne in
Sitten) vom 17. April 1942. Die Gläubigerin hielt der
Beschwerde eine von Ramstein am 29. April 1942 abge-
gebene Erklärung folgenden Inhalts entgegen : « Was die
gemachte Sicherstellung gemäss aote de nantissement
vom 17. April anbetrifft, möchte ich Sie hiermit auf alle
Fälle darauf aufmerksam machen, dass dieses Bild Jan
Victors nicht veräussert werden darf, bevor die legalen
Wege in Bezug auf die Rückzahlung des gewährten Kre-
dites endgültig durchgesetzt worden sind»; ferner ihre
eigene Rückäusserung hiezu vom 2. Mai 1942 : « ••• nous
ne voyons aucun inconvenient a effectuer des poursuites
prealables contre le sieur Wiener ... » Der Pfandbesteller
Ramstein benützte die ihm eingeräumte Frist zur Akten-
einsicht und· Vernehmlassung nicht.
B. -
Die kantonale Aufsichtsbehörde wies die Be-
schwerde am 14. Oktober 1942 ab: Der Anspruch des
Schuldners, im Sinne von Art. 41 SchKG zu verlangen,
dass vor dem Zugriff auf weiteres Vermögen das Pfand
verwertet werde, sei durch die von der Gläubigerin darge-
legte vertragliche Beschränkung ihrer Rechte aus der
Pfandbestellung ausgeschlossen.
Schuldbetreibungs. und Konkursrecht. ~~ 36.
133
O. -
Mit dem vorliegenden Rekurs beantragt der
Schuldner neuerdings die Aufhebung des Zahlungsbefehls.
Er lässt den Inhailt der von der kantonalen Aufsichts-
behörde angenommenen Vereinbarung zwischen Gläubi-
gerin und Pfandbesteller nicht gelten. Ramstein habe viel-
mehr mit seinem Schreiben vom 29. April 1942 nur den
privaten Verkauf des Pfandes durch die Gläubigerin ab-
lehnen, nicht aber verlangen wollen, dass vor der Betrei-
bung auf Pfandverwertung eine ordentliche Betreibung
gegen den Schuldner durchgeführt werde. Als BeweiS
hiefür legt er eine in diesem Sinne lautende Erklärung
Ramsteins vom 4. November 1942 vor.
Die Schuldbetreibungs- und Konkurskammer
zieht
Volltext (verifizierbarer Originaltext)
36. Entscheid vom 17. November 1942 i. S. Wiener.
Das Recht, den Gläubiger vo~ers~ auf. die Pfandverwertung zu
verweisen (benefi,cium e;cCUS81,Gn?8 real?8, Art. 4.~ A~s. I S<:hKG),
steht dem Schuldner nicht zu, wenn der Glaublger mIt dem
dritten Eigentümel' des Pfandes, sei es auch erst sei~ d.~.r Pfand-
bestellung, vereinbart hat, dass das Pfand bloss Subsidlar haften
soll. Wird eine solche Vereinbarung auch nur gla:ubhaft geII?-acht,
so ist die vom Schuldner gegen die ordenthche BetreIbung
erhobene Beschwerde abzuweisen.
Le debiteur ne peut obliger 1e creancier a se paye; tout d'a~or~
sur 1e produit de la realisation du gage (benefi,eium eXCUS81,Qn~s
realis, art. 41 aI. 1 LP) 10rsque le creancier est convenu avec 1 ..
182
Sehuldbetreibungs. und Konkursrecht. N0 36.
tiers qui 80 constitue le gage, fiit-ce depuis la constitution de ce
dernier, que Ie gage ne vaudro. quesubsidiairement. La plainte
tendante a l'annulation da 180 poursuite engagee par la voie
de 180 saisie doit etre'rejeMe des lors que l'existence d'unetelle
• convention est rendue vraisemblable.
Il debitore non puo obbIigare il creditore 80 escuterlo in via di
reaIizzazione di pegno (benefi,ciwm excussionis 'I'ealis,. art. 41
cp. 1 LEF), se il creditore ha pattuito col terzo datore dei
pegno, sio. pure dopo 180 dazione, che iI pegno varra soltanto a
titolo sussidiario. Basta che l'esistenza di una siffatta pattui-
zione sia resa attendibiIe, perche il reclamo contro l'esecuzione
in via di pignoro.mento debba ess~re respinto.
A.- Gegen die für Fr. 20,532.- Hauptbetrag ange-
hobene ordentliche Betreibung beschwerte sich der Schuld-
ner Desire Wiener in Bern mit dem Hinweis auf ein von
Robert Ramstein bestelltes Faustpfand (ein Gemälde
« Holländische Landschaft » von Jan Victors mit Original-
rahmen) laut Faustpfandvertrag und Empfangsbescheini-
gung der Gläubigerin (Banque Populaire Valaisanne in
Sitten) vom 17. April 1942. Die Gläubigerin hielt der
Beschwerde eine von Ramstein am 29. April 1942 abge-
gebene Erklärung folgenden Inhalts entgegen : « Was die
gemachte Sicherstellung gemäss aote de nantissement
vom 17. April anbetrifft, möchte ich Sie hiermit auf alle
Fälle darauf aufmerksam machen, dass dieses Bild Jan
Victors nicht veräussert werden darf, bevor die legalen
Wege in Bezug auf die Rückzahlung des gewährten Kre-
dites endgültig durchgesetzt worden sind»; ferner ihre
eigene Rückäusserung hiezu vom 2. Mai 1942 : « ••• nous
ne voyons aucun inconvenient a effectuer des poursuites
prealables contre le sieur Wiener ... » Der Pfandbesteller
Ramstein benützte die ihm eingeräumte Frist zur Akten-
einsicht und· Vernehmlassung nicht.
B. -
Die kantonale Aufsichtsbehörde wies die Be-
schwerde am 14. Oktober 1942 ab: Der Anspruch des
Schuldners, im Sinne von Art. 41 SchKG zu verlangen,
dass vor dem Zugriff auf weiteres Vermögen das Pfand
verwertet werde, sei durch die von der Gläubigerin darge-
legte vertragliche Beschränkung ihrer Rechte aus der
Pfandbestellung ausgeschlossen.
Schuldbetreibungs. und Konkursrecht. ~~ 36.
133
O. -
Mit dem vorliegenden Rekurs beantragt der
Schuldner neuerdings die Aufhebung des Zahlungsbefehls.
Er lässt den Inhailt der von der kantonalen Aufsichts-
behörde angenommenen Vereinbarung zwischen Gläubi-
gerin und Pfandbesteller nicht gelten. Ramstein habe viel-
mehr mit seinem Schreiben vom 29. April 1942 nur den
privaten Verkauf des Pfandes durch die Gläubigerin ab-
lehnen, nicht aber verlangen wollen, dass vor der Betrei-
bung auf Pfandverwertung eine ordentliche Betreibung
gegen den Schuldner durchgeführt werde. Als BeweiS
hiefür legt er eine in diesem Sinne lautende Erklärung
Ramsteins vom 4. November 1942 vor.
Die Schuldbetreibungs- und Konkurskammer
zieht in Erwägung :
Art. 41 Abs. 1 SchKG verweist den Gläubiger einer
pfandversicherten Forderung auf den Weg der Pfandver-
wertung, worauf dann erst für einen allfälligen Pfandaus-
fall der Zugriff auf unverpfändetes Schuldnervermögen
geltend gemacht werden darf. Einem entgegen dieser Ord-
nung sogleich mit ordentlicher Betreibung bela.ngten
Schuldner steht die Anfechtung des Zahlungsbefehls durch
Beschwerde zu (was für den Fall einer grundpfändlichen
Sicherheit ausdrücklich in Art. 85 Abs. 2 VZG vorgesehen
ist). Indessen ist die Verweisung auf die Pfandhaftung
unbehelflich, wenn diese (zuma.l durch einen dritten Eigen-
tümer der Pfandsache) bloss a1"1 subsidiäre bestellt ist
(BGE 35 I 496 = Sep.-Ausg. 12 S. 116), oder wenn der
Schuldner selbst den Gläubiger zur Durchführung der
ordentlichen Betreibung vor Inanspruchnahme, der Pfand-
haftung ermächtigt hat, sei es auch schon zum voraus
(BGE 58 III 57, entgegen der dort erwähnten früheren
Rechtsprechung). Die Grundlagen des Art. 41 Abs. 1 SchKG
sind eben materiellrechtlicher Natur. Nicht nur beruht die
Pfandbestellung selbst auf einem rechtsgeschäftlichen Akt,
sondern es ist auch Sache der Vereinbarung, das Pfand
allenfalls als bloss subsidiäre Sicherheit zu bestellen oder
13t
Schuldbetreil:>ungs. und Konklll'Srecht. N° 36.
es dem Gläubiger freizustellen, vor der Pfandsicherheit die
allgemeine Haftung des Schuldnervermögens in Anspruch
zp nehmen. Damit ist zugleich gesagt, dass die in Art. 41
Abs. 1 SchKG enthaltene Regel, dass sich der Gläubiger
zuerst an das Pfand zu halten habe, nachgiebigen Charak-
ters ist. Vorbehalten sind die allgemeinen Schranken der
Vertragsfreiheit (Art. 20 OR) und der Rechtsausübung
(Art. 2 ZGB). Diese Auffassung ist auch in der Rechtslehre
anerkannt (vgl. namentlich F. GUISAN im Journal des
Tribunaux 1932, poursuite p. 103 ff.). Daraus folgt insbe-
sondere auch, dass der Gläubiger auf ein vom ausländischen
Recht beherrschtes (im Ausland befindliches) Pfand nur
dann verwiesen werden kann, wenn die betreffende
Rechtsordnung ein dem Art. 41 Abs. 1 SchKG entspre-
chendes beneficium excussionis realis gleichfalls vorsieht,
was z. B. in Deutschland für Grundpfänder nicht zutrifft
(BGE 36 I 337 = Sep.-Ausg. 13 S. 138; BGE 65 III 93).
Der Einwand der Gläubigerin, Ramstein habe das
Pfand nur als subsidiäres bestellt, war also zu hören.
Dessen Erklärung, das Pfand dürfe nicht veräussert wer-
den, « bevor die legalen Wege in Bezug auf die Rückzah-
lung des gewährten Kredites endgültig durchgesetzt wor-
den sind », kann auch nicht wohl etwas Anderes bedeuten,
und die Gläubigerin hat es laut ihrem Antwortschreiben
(oben A) von Anfang an so verstanden. Die in anderem
Sinne lautende, erst in der bundesgerichtlichen Instanz
vorgelegte Erklärung Ramsteins vom 4. November 1942
fällt entsprechend Art. 80 OG ausser Betracht. Im Pfand-
vertrag vom 17. April 1942 und bei der am gleichen Tage
vollzogenen Pfandbestellung war freilich kein Vorbehalt
im Sinne bloss subsidiärer Pfandhaftung vereinbart wor-
den. Aber auch eine nachträgliche Vereinbarung solchen
Inhalts ist zu berücksichtigen; um so mehr, wenn sie
gerade im Anschluss an die Pfand bestellung getroffen
wird, mehr im Sinn einer Präzisierung der Haftungsbedin-
gungen als einer Änderung des ursprünglichen Vertrages.
So verhält es sich hier, wie denn die Subsidiarität einer aus
Schuldbetreibungs· und Konkursrecht. No 36.
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Drittvermögen bestellten Pfandsicherheit in vielen Fällen
ebenso naheliegt wie etwa die blosse Ausfall- oder Schad-
losbürgschaft. An den Nachweis einer dahingehenden
Vereinbarung sind daher keine strengen Anforderungen
zu stellen. Die Beschwerde des Schuldners aus Art. 41
Abs. 1 SchKG kann nur bei liquiden Verhältnissen ge-
schützt werden (BGE 23 S. 1976, 54 III 241). Sie muss
scheitern, wenn auch nur glaubhaft gemacht ist, dass der
Inanspruchnahnle des Pfandes eine aufschiebende Bedin-
gung entgegensteht.
Der Schuldner kann mit seiner Beschwerde nicht etwa
deshalb durchdringen, weil er durch eine nachträgliche
Vereinbarung solchen Inhalts zwischen Gläubiger und
Pfandbesteller benachteiligt wird. Hat ein Dritter das
Pfand bestellt, und ist er nach wie vor als dessen Eigen-
tümer zu betrachten, so sind die von ihm mit dem Gläu-
biger vereinbarten Bedingungen massgebend, so wie sie
jetzt, wenn auch allenfalls vom ursprünglichen Vertrag
abweichend, vorliegen. Auch wenn der Pfandvertrag nach-
träglich ganz aufgehoben worden wäre, hätten sich die
Aufsichtsbehörden hieran zu halten, so gut wie an einen
einfachen Pfandverzicht des Gläubigers (BGE 30 I 190 =
Sep.-Ausg. 7 S. 46; BGE 59III l8). Wollte der Schuldner
sich demgegenüber auf eine ihm selbst vom Gläubiger
gegebene Zusicherung berufen, weder auf das vom Dritten
bestellte Pfand zu verzichten noch mit dem Dritten
Subsidiarität der Pfandhaftung nachträglich zu verein-
baren, so könnte damit doch nicht in das Vertragsverhält-
nis zwischen Gläubiger und Pfandbesteller eingegriffen
werden. Allfällige daherige Schadenersatzansprüche des
Schuldners aber, die er mit der in Betreibung gesetzten
Forderung verrechnen möchte, wären gleichwie Ansprüche
auf Herabsetzung der Forderung selbst nicht durch Be-
schwerde, sondern durch Rechtsvorschlag geltend zu
machen.
Die nunmehr von Ramstein im Schreiben vom 4. No-
vember 1942 erklärte Bereitschaft, die Verwertung des
]36
Schuldbetreibungs. und Konkursrecht. N° 37.
Pfandes vor der Inanspruchnahme des Schuldnervermö-
gens zu dulden, kann sowenig, wie sie im vorliegenden
Rekursverfahren in 'Betracht fällt, Anlass zu einer neuen
Beschwerde geben. Diese wäre verspätet. Dagegen bleibt
dem Schuldner unbenommen, eine Verständigung mit der
Gläubigerin auf Grund der neuen Stellungnahme Ram-
steins anzubahnen.
Demnach erkennt die SchUldbetr.- 'U. Konkur8kammer:
Der Rekurs wird abgewiesen.