Sachverhalt
Die in Güterverbindung stehenden Eheleute
Niederhauser-Rehmann sind Miteigentümer zu gleichen
Teilen der mit dem Wohnhaus Heuberg 24 in Basel über-
bauten Liegenschaft. Darauf lasten Hypotheken im I.
bis 3. Rang, im 2. Rang zwei Grundpfandverschreibungen,
wovon die eine für Fr. 3750.- Kapital zugunsten der
Witwe Fischer-Baur. Diese hob im August 1940 für- den
Kapitalbetrag samt zinS seit dem 1. Juli 1939 Betreibung
auf Grundpfandverwertung gegen die solidarisch mit
dem Ehemann verpflichtete Ehefrau Niederhauser an.
Nach Stellung des Verwertungsbegehrens suchte sie auf
dem Wege der Anwendung von Art. 73, b und Art. 102
VZG trotz anhaltenden Akti!dienstes des Ehemannes
Niederhauser zum Ziele zu gelangen. Da dieser aber nicht
die Mittel besass, die Frau für ihren Anteil auszukaufen
oder auch nur die in Betreibung stehende Forderung zu
zahlen, ferner eine körperliche Teilung der Liegenschaft
wegen des darauf stehenden Hauses nicht möglich war
und die Eheleute Niederhauser sich der Versteigerung
widersetzten, liess das Betreibungsamt von einer weitern
Anwendung des Art. 73, b VZG ab und erklärte die Ver-
steigerung der Liegenschaft wegen des Rechtsstillstandes
des Ehemannes der betriebenen Schuldnerin als vorderhand
ausgeschlossen.
Schuldbetreibung •. und Konkurarecht. N0 34.
109
B. -
Auf Beschwerde der Gläubigerin wies die kantonale
Aufsichtsbehörde das Betreibungsamt am 9. Juni 1941
an, « in der Grundpfandbetreibung Nr. 37926 das Ver-
fahren gemäss VZG Art. 73 anzuordnen und durchzu-
führen». Gründe : « Es ist richtig, dass die von der Be-
schwerdeführerin angestrebte Versteigerung der Liegen-
schaft eine Betreibungshandlung darstellt. Diese richtet
sich jedoch nicht gegen den Ehemann der Schuldnerin
in seiner Eigenschaft als Solidarschuldner, sondern aL<;
Miteigentümer der Liegenschaft. Dass er auch Schuldner
ist, spielt in diesem Zusammenhang keine Rolle, da er
nicht betrieben ist. Gemäss Art. 56 Ziff. 4 SchKG wirkt
der in den Art. 56 H. vorgesehene Rechtsstillstand nur
zugunsten eines Schuldners, also nicht zugunsten des
Miteigentümers oder Verpfänders einer Sache, an der der
Schuldner. Miteigentum hat. Der formale Charakter des
Betreibungsrechts erfordert eine wörtliche Auslegung des
Gesetzes und verbietet jede Analogie. »
O. ~ Mit dem vorliegenden Rekurs beantragen die
Eheleute Niederhauser demgegenüber die Abweisung der
Beschwerde der Gläubigerin.
Die Schuldbetreibungs- und Konkurskammer
zieht
Erwägungen (3 Absätze)
E. 1 Die in Betreibung stehende Forderung lastet auf der. Liegenschaft als solcher, nicht bloss auf dem Mit- eigentumsanteil der Ehefrau. Demgemäss ist im Zahlungs- befehl denn auch die Liegenschaft als Pfand angegeben, und die Gläubigerin hat auch nicht etwa nachträglich den Anteil des Ehemannes aus der Pfandhaft entlassen. Bei dieser Sachlage musste die Betreibung von vornherein auch gegen den Ehemann als Miteigentümer angehoben werden, obschon er nicht zugleich als solidarisch mitver- pflichteter Schuldner betrieben ist. Die Vorschriften, wonach der Dritteigentümer eines Pfandes gleichfalls betrieben werden muss, und wonach das Pfand trotz der missverständlichen Fassung des letzten Satzes von Art. llO Schuldbetl'eibungs- und Konkursreeht. N° 34. 88 VZG nicht v~rwertet werden darf, solange auch nur der Dritteigentümer Rechtsstillstand geniesst (BGE 51 III 234), sind a~alog anwendbar in der Betreibung auf . Verwertung eines Pfandes, woran ein Dritter, d. h. nicht als Schuldner Betriebener (gleichgültig ob er zudem Mitschuldner ist oder nicht) Miteigentum hat. Das scheint hier von Anfang an übersehen worden zu sein.
E. 2 Die Vorinstanz betrachtet indessen stillschweigend als Gegenstand der Verwertung nicht mehr das Grund- stück als solches, sondern bloss noch den Miteigentums- anteil der als Schuldnerin betriebenen Ehefrau. Das entspricht der Stellungnahme der Gläubigerin, da sonst die Vorschriften über die Verwertung von Miteigentums- anteilen gar nicht in Betracht gezogen werden könnten. Allein es geht nicht an,. den Gegenstand der Pfandver- wertung nachträglich in solcher Weise zu ändern, ohne dass der betriebenen Schuldnerin Gelegenheit gegeben wurde, die Zulässigkeit einer derart auf einen Anteil beschränkten Pfandverwertung, unter Aufrechterhaltung des Pfandrechts am Grundstück als solchem, zu bestreiten, was die Zustellung eines neuen Zahlungsbefehls mit entsprechend geänderter Pfandbezeichnung erfordert hätte. Und eine solche Betreibung könnte nur dann gegen die Ehefrau allein geführt werden, wenn ihr Miteigentums- anteil Sondergut darstellt (BGE 64 III 98), was im vor- liegenden Falle dahinsteht.
E. 3 Gesetzt aber auch, unbestrittener Gegenstand der Pfandverwertung sei nur der Miteigentumsanteil der Frau, und er stellte unbestrittenes Sondergut dar, so könnte am Rechtsstillstand des Ehemannes als Miteigen- tümers doch nicht vorbeigesehen werden. In diesem Falle war allerdings der Ehemann nicht von Anfang an mit- zubetreiben und stand ihm kein Recht auf Bestreitung der Forderung oder des Pfandrechts am Miteigentums- anteil der Frau zu. Sobald sich aber im Verwertungs- verfahren die Notwendigkeit einer Versteigerung der Liegenschaft als solcher ergab, die ihm mitgehört, muss Schuldl>etreihullgs. und Konkursrecht. N° 35. III ihm, nur gerade für die Durchführung einer solchen Ver- wertung, die Stellung eines mitbetriebenen (Mit-) Eigen- tümers eingeräumt werden. Solche Versteigerung lässt sich nicht über den Kopf auch nur eines einzigen von mehreren Miteigentümern hinweg und, solange ein solcher Betei- ligter Rechtsstillstand hat, überhaupt nicht durchführen. Demnach erkennt die SchUldbetr.- u. KonkU1"skamme1': Der Rekurs wird gutgeheissen und die Beschwerde der Gläubigerin abgewiesen.
Volltext (verifizierbarer Originaltext)
34. Entscheid vom 30. Juni 1941 i. S. Niederhanser.
1. Als Dritteigentümer im Sinne von Art. 88 VZG ist auch zu
behandehi, wer an der Pfandsache bloss Miteigentum zusammen
mit dem Schuldner hat.
.
2. Die Pfandbetreibung muss neu eingeleitet werden, wenn der
Gläubiger statt der ganzen Pfandsache nur den Miteigentums·
anteil des Schuldners als Pfand verwerten lassen will.
3. Ist als Pfand nur der Miteigentumsantei! des Schuldners in
Anspruch genommen, erweist sich dann aber die Verwertung
der ganzen Sache als notwendig (Art. 73, bund 102 VZG), so
wird das Verfahren durch den Rechtsstillstand auch nur eines
einzigen Miteigentümers gehemmt. Art. 56 ff. SchKG.
PQurBUite en realisation de gage en ca8 de cop'I'opriere.
1. Lorsque le gage appartient en copropriete au debiteur et a
un tiers, ce dernier doit etre egalement traite comme tiers
proprietaire dans le sens de l'art. 88 ORI.
2. S'i! se revele que le creancier entend faire realiser la part de
copropriete du debiteur et non le gage entier, il dev-ra, intenter
une nouvelle poursuite.
3. Si le creancier ne revendique comme gage que la part de
copropriete du debiteur mais qu'il se revele qu'il est necessaire
108
Schuldbetreibungs· und Konkursrecht. N° 34.
de proeeder a la: realisation du gage entier (Art. 73 b et 102
ORI), il suffit qu'un senl des coproprietaires soit au benefice
du sursis pour entrainer la suspension de la poursuite (Art. 56
et suiv. LP).
Esecuzione in tJia d-i realizzazione di pegno nel eMO di eomproprietd.
1. Quando il pegno appartiene in comproprieta al debitore e a
un terzo, quest'ultimo dev'essere pure trattato come terzo
proprietario nel senso dell'art. 88 RFF.
2. Se il creditore intende far realizzare la quota di eomproprirta
deI debitore e non l'intero pegno, dovra promuovere 1.illa nuova
esecuzione.
3. Se il creditore rivendiea come pegno soltanto Ia quota di
comproprieta deI debitore, ma appare necessario di procedere
aHa realizzazione dell'intero pegno (art. 73 b e 102 RFF),
basta ehe uno solo dei eomproprietari sia al beneficio delIa
sospensione perche non si possa procedere all'esecuzione
(art. 56 e seg. LEF).
A. -
Die in Güterverbindung stehenden Eheleute
Niederhauser-Rehmann sind Miteigentümer zu gleichen
Teilen der mit dem Wohnhaus Heuberg 24 in Basel über-
bauten Liegenschaft. Darauf lasten Hypotheken im I.
bis 3. Rang, im 2. Rang zwei Grundpfandverschreibungen,
wovon die eine für Fr. 3750.- Kapital zugunsten der
Witwe Fischer-Baur. Diese hob im August 1940 für- den
Kapitalbetrag samt zinS seit dem 1. Juli 1939 Betreibung
auf Grundpfandverwertung gegen die solidarisch mit
dem Ehemann verpflichtete Ehefrau Niederhauser an.
Nach Stellung des Verwertungsbegehrens suchte sie auf
dem Wege der Anwendung von Art. 73, b und Art. 102
VZG trotz anhaltenden Akti!dienstes des Ehemannes
Niederhauser zum Ziele zu gelangen. Da dieser aber nicht
die Mittel besass, die Frau für ihren Anteil auszukaufen
oder auch nur die in Betreibung stehende Forderung zu
zahlen, ferner eine körperliche Teilung der Liegenschaft
wegen des darauf stehenden Hauses nicht möglich war
und die Eheleute Niederhauser sich der Versteigerung
widersetzten, liess das Betreibungsamt von einer weitern
Anwendung des Art. 73, b VZG ab und erklärte die Ver-
steigerung der Liegenschaft wegen des Rechtsstillstandes
des Ehemannes der betriebenen Schuldnerin als vorderhand
ausgeschlossen.
Schuldbetreibung •. und Konkurarecht. N0 34.
109
B. -
Auf Beschwerde der Gläubigerin wies die kantonale
Aufsichtsbehörde das Betreibungsamt am 9. Juni 1941
an, « in der Grundpfandbetreibung Nr. 37926 das Ver-
fahren gemäss VZG Art. 73 anzuordnen und durchzu-
führen». Gründe : « Es ist richtig, dass die von der Be-
schwerdeführerin angestrebte Versteigerung der Liegen-
schaft eine Betreibungshandlung darstellt. Diese richtet
sich jedoch nicht gegen den Ehemann der Schuldnerin
in seiner Eigenschaft als Solidarschuldner, sondern aL<;
Miteigentümer der Liegenschaft. Dass er auch Schuldner
ist, spielt in diesem Zusammenhang keine Rolle, da er
nicht betrieben ist. Gemäss Art. 56 Ziff. 4 SchKG wirkt
der in den Art. 56 H. vorgesehene Rechtsstillstand nur
zugunsten eines Schuldners, also nicht zugunsten des
Miteigentümers oder Verpfänders einer Sache, an der der
Schuldner. Miteigentum hat. Der formale Charakter des
Betreibungsrechts erfordert eine wörtliche Auslegung des
Gesetzes und verbietet jede Analogie. »
O. ~ Mit dem vorliegenden Rekurs beantragen die
Eheleute Niederhauser demgegenüber die Abweisung der
Beschwerde der Gläubigerin.
Die Schuldbetreibungs- und Konkurskammer
zieht in Erwägung :
1. -
Die in Betreibung stehende Forderung lastet auf
der. Liegenschaft als solcher, nicht bloss auf dem Mit-
eigentumsanteil der Ehefrau. Demgemäss ist im Zahlungs-
befehl denn auch die Liegenschaft als Pfand angegeben,
und die Gläubigerin hat auch nicht etwa nachträglich den
Anteil des Ehemannes aus der Pfandhaft entlassen. Bei
dieser Sachlage musste die Betreibung von vornherein
auch gegen den Ehemann als Miteigentümer angehoben
werden, obschon er nicht zugleich als solidarisch mitver-
pflichteter Schuldner betrieben ist. Die Vorschriften,
wonach der Dritteigentümer eines Pfandes gleichfalls
betrieben werden muss, und wonach das Pfand trotz der
missverständlichen Fassung des letzten Satzes von Art.
llO
Schuldbetl'eibungs- und Konkursreeht. N° 34.
88 VZG nicht v~rwertet werden darf, solange auch nur
der Dritteigentümer Rechtsstillstand geniesst (BGE 51
III 234), sind a~alog anwendbar in der Betreibung auf
. Verwertung eines Pfandes, woran ein Dritter, d. h. nicht
als Schuldner Betriebener (gleichgültig ob er zudem
Mitschuldner ist oder nicht) Miteigentum hat. Das scheint
hier von Anfang an übersehen worden zu sein.
2. -
Die Vorinstanz betrachtet indessen stillschweigend
als Gegenstand der Verwertung nicht mehr das Grund-
stück als solches, sondern bloss noch den Miteigentums-
anteil der als Schuldnerin betriebenen Ehefrau. Das
entspricht der Stellungnahme der Gläubigerin, da sonst
die Vorschriften über die Verwertung von Miteigentums-
anteilen gar nicht in Betracht gezogen werden könnten.
Allein es geht nicht an,. den Gegenstand der Pfandver-
wertung nachträglich in solcher Weise zu ändern, ohne
dass der betriebenen Schuldnerin Gelegenheit gegeben
wurde, die Zulässigkeit einer derart auf einen Anteil
beschränkten Pfandverwertung, unter Aufrechterhaltung
des Pfandrechts am Grundstück als solchem, zu bestreiten,
was die Zustellung eines neuen Zahlungsbefehls mit
entsprechend geänderter Pfandbezeichnung erfordert hätte.
Und eine solche Betreibung könnte nur dann gegen die
Ehefrau allein geführt werden, wenn ihr Miteigentums-
anteil Sondergut darstellt (BGE 64 III 98), was im vor-
liegenden Falle dahinsteht.
3. -
Gesetzt aber auch, unbestrittener Gegenstand der
Pfandverwertung sei nur der Miteigentumsanteil der
Frau, und er stellte unbestrittenes Sondergut dar, so
könnte am Rechtsstillstand des Ehemannes als Miteigen-
tümers doch nicht vorbeigesehen werden. In diesem Falle
war allerdings der Ehemann nicht von Anfang an mit-
zubetreiben und stand ihm kein Recht auf Bestreitung
der Forderung oder des Pfandrechts am Miteigentums-
anteil der Frau zu. Sobald sich aber im Verwertungs-
verfahren die Notwendigkeit einer Versteigerung der
Liegenschaft als solcher ergab, die ihm mitgehört, muss
Schuldl>etreihullgs. und Konkursrecht. N° 35.
III
ihm, nur gerade für die Durchführung einer solchen Ver-
wertung, die Stellung eines mitbetriebenen (Mit-) Eigen-
tümers eingeräumt werden. Solche Versteigerung lässt sich
nicht über den Kopf auch nur eines einzigen von mehreren
Miteigentümern hinweg und, solange ein solcher Betei-
ligter Rechtsstillstand hat, überhaupt nicht durchführen.
Demnach erkennt die SchUldbetr.- u. KonkU1"skamme1':
Der Rekurs wird gutgeheissen und die Beschwerde der
Gläubigerin abgewiesen.