Sachverhalt
Im Grundbuch von Erlenbach (Grundbuchamt
Niedersimmental) sind die Nr. 1382. und 1383 (Baurechte)
als Eigentum von Ruck und Flury, einzigen Gesellschaf-
tern der einfachen Gesellschaft Stockenseewerk, einge-
tragen. Auf beiden
Grundstücken lastet ein Bau-
handwerkerpfandrecht im Betrage von Fr. 220,000.- zu
Gunsten der Bauunternehmer Bettler und Lörtscher.
B. -
Bettler und Lörtscher hoben gegen Ruck die
Betreibung N r. 471 und gegen Flury die Betreibung N r. 524
je auf Grundpfandverwertung für Fr. 220,000.- nebst
Zins und Kosten an. In dem (einzig bei den Akten liegen-
den) Zahlungsbefehl gegen Ruck ist dieser als Solidar-
schuldner bezeichnet. In beiden Betreibungen wurde Recht
vorgeschlagen, doch erlangten die Gläubiger provisorische
Rechtsöffnung, wobei es Flury bewenden liess, während
Ruck appellierte, mit dem Erfolge, dass der Appellations-
hof des Kantons Bern ihm gegenüber die Rechtsöffnung
ablehnte.
O. -
Am 27. September 1950 stellten die Gläubiger in
der Betreibung gegen Flury das Verwertungs begehren. Am
7. November folgte die Steigerungspublikation. Ruck hatte
Schuldbetreibungs- und Konkursrecht. N° 9.
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die Anwendung des Verfahrens nach der Verordnung vom
17. Januar 1923 über die Pr8,ndung und Verwertung von
Anteilen an Gemeinschaftsvermögen verlangt. Er be-
schwerte sich mit dahingehendem Antrag bei der kanto-
nalen Aufsichtsbehörde. Doch wurde die Beschwerde mit
Entscheid vom 6. Januar 1951 abgewiesen, aus folgenden
Gründen: Die Verordnung vom 17. Januar 1923 gilt nur
im Pfändungsverfahren sowie im Konkurse, wo eben Gläu-
biger ohne Pfandsicherheit nur Zugriff auf den Liquida-
tionsanteil des Schuldners an solchem Gemeinschaftsver-
mögen haben. Verpfändet werden kann aber ein im Ge-
samteigentum stehendes Grundstück nach Art. 800 Abs. 2
ZGB nur insgesamt und im Namen aller Eigentümer. Dem-
gemäss ist Gegenstand der vorliegenden Grundpfandbe-
treibungen das Grundstück selbst. « Der Umstand, dass
von zwei Gesellschaftern bloss der eine persönlich belangt
werden kann, nicht aber auch der andere, weil der von ihm
erhobene Rechtsvorschlag nicht beseitigt worden ist, ver-
mag daran nichts zu ändern. Es ist dies eine Auswirkung
der Solidarhaftung, die es dem Gläubiger erlaubt, bloss
einen von mehreren Solidarschuldnern in Anspruch zu
nehmen. »
D. -
Mit vorliegendem Rekurs hält Ruck an seiner Be-
schwerde fest. Er hält die Verwertung des Grundstückes
für unzulässig, solange nicht gegen beide Pfandbesteller
rechtskräftige Zahlungs befehle bestehen.
Die 8chuldbetreibungs- und Konkurskammer
zieht
Erwägungen (3 Absätze)
E. 2 Darin kann aber der kantonalen Aufsichtsbehörde
nicht beigestimmt werden, dass zufolge der in der Betrei-
bung gegen Flury als den einen Schuldner ausgesprochenen
und definitiv gewordenen Rechtsöffnung nun ohne wei-
teres die Verwertung der Pfandgrundstücke in der betref-
fenden Betreibung zulässig sei. Der angefochtene Ent-
scheid weist auf die (als feststehend oder unbestritten
angenommene) Solidarhaftung der beiden Gesellschafter
hin (die unter gewissen Voraussetzungen nach Art. 544
Abs. 3 OR zu vermuten ist). Daraus folgt aber nur, dass
jeder der beiden Gesellschafter für den ganzen Forderungs-
betrag betrieben werden kann. Indessen handelt es sich
um Betreibungen auf Verwertung eines den beiden Gesell-
schaftern gemeinsam gehörenden Pfandes. Deshalb muss
in jeder der beiden Betreibungen dem andern Gesellschafter
die Rolle eines DritteigentÜffiers des Pfandes zukommen.
Dass bei gemeinschaftlichem Eigentum des Schuldners
und eines Dritten am Pfandgrundstück dieser als « Dritt-
eigentümer des Pfandes» mitzubetreiben ist, steht ausser
Zweifel, seitdem Art. 153 Abs. 2 SchKG durch die Art. 88
und 100 VZG dahin verallgemeinert worden ist, dass ein
Zahlungsbefehl auf Grundpfandverwertung nicht nur dem
Schuldner, sondern auch dem Dritten zuzustellen ist, «in
dessen Eigentum das Pfand steht ». Diese Ordnung soll
ausschliessen, dass ein Grundpfandgläubiger ein seinem
Schuldner fremdes Pfand in Anspruch nehmen könne bloss
auf Grund eines gegen den Schuldner erlangten Vollstrek-
kungstitels. Dieser Grund und Zweck der erwähnten
Rechtsnorm trifft ohne weiteres immer zu, sobald der
Schuldner nur nicht AlleineigentÜIDer des Pfandes ist
(vgl. BGE 42 III 6, 67 III 107).
Daraus folgt, dass in der gegen Flury angehobenen und
ihm gegenüber zu definitiver Rechtsöffnung gediehenen
Betreibung Nr. 524 die Verwertung zur Zeit nicht zulässig
ist, sondern nur und erst zulässig sein wird, wenn gegen
Ruck als mitzubetreibenden DritteigentÜffier gleichfalls
ein Vollstreckungstitel vorliegen sollte. Diese Betreibung
Schuldbetreibungs- und Konkursrecht. No 9.
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muss also vorerst durch Zustellung eines Doppels des (mit
gleicher Nummer versehenen) Zahlungsbefehls an Ruck als
DritteigentÜffier ergänzt und das Schicksal dieser Neben-
betreibung abgewartet werden.
E. 3 Nun ist Ruck allerdings auch bereits betrieben, aber nur selbständig als Schuldner mit dem Zahlungsbefehl Nr. 471. Das macht seine Einbeziehung als DritteigentÜIDer in die Betreibung Nr. 524 gegen Flury nicht überflüssig. In jener ersten Betreibung konnte er wohl seine eigene Schuld und das dafür in Anspruch genommene Pfandrecht bestreiten. In der Betreibung gegen Flury muss er aber als DritteigentÜffier Gelegenheit haben, das Pfandrecht für die Schuld Flurys und diese Schuld selbst als Grundlage des Pfandrechtes zu bestreiten - wie denn solches Aus- einanderfallen von Schuld und Haftung auch bei Solidar- schuldverhältnissen denkbar ist.
E. 4 Der Umstand, dass der Gläubiger eine Gesell- schaftsschuld behauptet, tut der gegenseitigen Unabhän- gigkeit der Betreibungen gegen die beiden Gesellschafter keinen Abbruch. Sollte Ruck behaupten wollen, die For- derungen gegen die beiden Gesellschafter seien nur mit- einander vollstreckbar, die Verwertung dürfe daher nur stattfinden, wenn für beide Forderungen Vollstreckungs- titel bestehen (vgl. die - indessen nicht wohl auf Pfandhaf- tungen zu beziehenden - Ausführungen von BEcKER, zu Art. 544 OR N. 1), so wäre dies ein Einwand gegen die Vollstreckbarkeit der einzelnen Forderung. Das könnte Ruck als Pfandeigentümer in der Betreibung gegen Flury eben durch Rechtsvorschlag geltend machen. Steht doch in der Pfandbetreibung der Rechtsvorschlag dem Dritt- eigentümer uneingeschränkt wie dem Schuldner zu, also auch hinsichtlich der Bestreitung des Rechtes, die For- derung auf dem Betreibungswege geltend zu machen (sei es überhaupt, sei es für sich allein usw.). Das ist im Text der Zahlungsbefehlsformulare Nr. 37 und 38 ausdrücklich vorgesehen. 3 AS 77 III - 1951
Schuldbetreibungs- und Konkursrecht. N° 10. Demnach erkennt die Schuldbetr.- u. Konkurskammer : Der Rekurs wird im Sinne der Erwägungen begründet erklärt, der angefochtene Entscheid aufgehoben und die Verwertung zur Zeit abgelehnt.
Volltext (verifizierbarer Originaltext)
9. Entscheid vom 12. Februar 1951 i. S. Ruck. Gru:ndpfant!-ve:rw.~rtung. Wer mit dem Schuldner gemeinschaft- hcher Elgentwner des Pfandgrundstüekes ist, muss als Dritt- eigentiliner in die gegen je~en angehobene Betreibung einbe- zogen .werden, selbst wenn elle besondere Betreibung gegen ihn als Mltsehuldner hängig ist. Art. 1532 SchKG, 88 und 100 VZG. Realisation d'un gage immobilier. Celui qui est proprietaire en main commune avec le debiteur doit etre englobe en qualiM de tiers proprietaire dans la poursuite dirigee contre le premier et cela meme s'il a fait l'objet d'une poursuite distincte e~ qualiM de codebiteur. Art. 153 al. 2 LP, 88 et 100 ORI. Realizzazione. di un. r:efPW., immo~üiare. Quando il fondo gravato da pegno illlIllobilmre e propneta comune deI debitore escusso e di un terzo, costui dev'essere trattato nell'eseeuzione diretta contro il debitore quale terzo proprietario, e eiD anche se e gia stata promossa contro di lui, quale condebitore, un'eseeuzione separata. Art. 153 cp. 2 LEF, 88 e 100 RRF. A. - Im Grundbuch von Erlenbach (Grundbuchamt Niedersimmental) sind die Nr. 1382. und 1383 (Baurechte) als Eigentum von Ruck und Flury, einzigen Gesellschaf- tern der einfachen Gesellschaft Stockenseewerk, einge- tragen. Auf beiden Grundstücken lastet ein Bau- handwerkerpfandrecht im Betrage von Fr. 220,000.- zu Gunsten der Bauunternehmer Bettler und Lörtscher. B. - Bettler und Lörtscher hoben gegen Ruck die Betreibung N r. 471 und gegen Flury die Betreibung N r. 524 je auf Grundpfandverwertung für Fr. 220,000.- nebst Zins und Kosten an. In dem (einzig bei den Akten liegen- den) Zahlungsbefehl gegen Ruck ist dieser als Solidar- schuldner bezeichnet. In beiden Betreibungen wurde Recht vorgeschlagen, doch erlangten die Gläubiger provisorische Rechtsöffnung, wobei es Flury bewenden liess, während Ruck appellierte, mit dem Erfolge, dass der Appellations- hof des Kantons Bern ihm gegenüber die Rechtsöffnung ablehnte. O. - Am 27. September 1950 stellten die Gläubiger in der Betreibung gegen Flury das Verwertungs begehren. Am
7. November folgte die Steigerungspublikation. Ruck hatte Schuldbetreibungs- und Konkursrecht. N° 9. 31 die Anwendung des Verfahrens nach der Verordnung vom
17. Januar 1923 über die Pr8,ndung und Verwertung von Anteilen an Gemeinschaftsvermögen verlangt. Er be- schwerte sich mit dahingehendem Antrag bei der kanto- nalen Aufsichtsbehörde. Doch wurde die Beschwerde mit Entscheid vom 6. Januar 1951 abgewiesen, aus folgenden Gründen: Die Verordnung vom 17. Januar 1923 gilt nur im Pfändungsverfahren sowie im Konkurse, wo eben Gläu- biger ohne Pfandsicherheit nur Zugriff auf den Liquida- tionsanteil des Schuldners an solchem Gemeinschaftsver- mögen haben. Verpfändet werden kann aber ein im Ge- samteigentum stehendes Grundstück nach Art. 800 Abs. 2 ZGB nur insgesamt und im Namen aller Eigentümer. Dem- gemäss ist Gegenstand der vorliegenden Grundpfandbe- treibungen das Grundstück selbst. « Der Umstand, dass von zwei Gesellschaftern bloss der eine persönlich belangt werden kann, nicht aber auch der andere, weil der von ihm erhobene Rechtsvorschlag nicht beseitigt worden ist, ver- mag daran nichts zu ändern. Es ist dies eine Auswirkung der Solidarhaftung, die es dem Gläubiger erlaubt, bloss einen von mehreren Solidarschuldnern in Anspruch zu nehmen. » D. - Mit vorliegendem Rekurs hält Ruck an seiner Be- schwerde fest. Er hält die Verwertung des Grundstückes für unzulässig, solange nicht gegen beide Pfandbesteller rechtskräftige Zahlungs befehle bestehen. Die 8chuldbetreibungs- und Konkurskammer zieht in Erwägung:
l. - Die Anteilsverwertungsverordnung vom 17. Ja- nuar 1923 bezieht sich nur auf das Pfändungs- und das Konkursverfahren. Wie der vorinstanzliche Entscheid zutreffend bemerkt, kann ein in Gesamteigentum stehendes Grundstück überhaupt nur insgesamt verpfändet werden (Art. 800 Abs. 2 ZGB). Übrigens gehen die vorliegenden Betreibungen eben auf Verwertung der Pfandgrundstücke selbst.
32 Schuldbetreibungs- und Konkursrecht. No 9.
2. - Darin kann aber der kantonalen Aufsichtsbehörde nicht beigestimmt werden, dass zufolge der in der Betrei- bung gegen Flury als den einen Schuldner ausgesprochenen und definitiv gewordenen Rechtsöffnung nun ohne wei- teres die Verwertung der Pfandgrundstücke in der betref- fenden Betreibung zulässig sei. Der angefochtene Ent- scheid weist auf die (als feststehend oder unbestritten angenommene) Solidarhaftung der beiden Gesellschafter hin (die unter gewissen Voraussetzungen nach Art. 544 Abs. 3 OR zu vermuten ist). Daraus folgt aber nur, dass jeder der beiden Gesellschafter für den ganzen Forderungs- betrag betrieben werden kann. Indessen handelt es sich um Betreibungen auf Verwertung eines den beiden Gesell- schaftern gemeinsam gehörenden Pfandes. Deshalb muss in jeder der beiden Betreibungen dem andern Gesellschafter die Rolle eines DritteigentÜffiers des Pfandes zukommen. Dass bei gemeinschaftlichem Eigentum des Schuldners und eines Dritten am Pfandgrundstück dieser als « Dritt- eigentümer des Pfandes» mitzubetreiben ist, steht ausser Zweifel, seitdem Art. 153 Abs. 2 SchKG durch die Art. 88 und 100 VZG dahin verallgemeinert worden ist, dass ein Zahlungsbefehl auf Grundpfandverwertung nicht nur dem Schuldner, sondern auch dem Dritten zuzustellen ist, «in dessen Eigentum das Pfand steht ». Diese Ordnung soll ausschliessen, dass ein Grundpfandgläubiger ein seinem Schuldner fremdes Pfand in Anspruch nehmen könne bloss auf Grund eines gegen den Schuldner erlangten Vollstrek- kungstitels. Dieser Grund und Zweck der erwähnten Rechtsnorm trifft ohne weiteres immer zu, sobald der Schuldner nur nicht AlleineigentÜIDer des Pfandes ist (vgl. BGE 42 III 6, 67 III 107). Daraus folgt, dass in der gegen Flury angehobenen und ihm gegenüber zu definitiver Rechtsöffnung gediehenen Betreibung Nr. 524 die Verwertung zur Zeit nicht zulässig ist, sondern nur und erst zulässig sein wird, wenn gegen Ruck als mitzubetreibenden DritteigentÜffier gleichfalls ein Vollstreckungstitel vorliegen sollte. Diese Betreibung Schuldbetreibungs- und Konkursrecht. No 9. 33 muss also vorerst durch Zustellung eines Doppels des (mit gleicher Nummer versehenen) Zahlungsbefehls an Ruck als DritteigentÜffier ergänzt und das Schicksal dieser Neben- betreibung abgewartet werden.
3. - Nun ist Ruck allerdings auch bereits betrieben, aber nur selbständig als Schuldner mit dem Zahlungsbefehl Nr. 471. Das macht seine Einbeziehung als DritteigentÜIDer in die Betreibung Nr. 524 gegen Flury nicht überflüssig. In jener ersten Betreibung konnte er wohl seine eigene Schuld und das dafür in Anspruch genommene Pfandrecht bestreiten. In der Betreibung gegen Flury muss er aber als DritteigentÜffier Gelegenheit haben, das Pfandrecht für die Schuld Flurys und diese Schuld selbst als Grundlage des Pfandrechtes zu bestreiten - wie denn solches Aus- einanderfallen von Schuld und Haftung auch bei Solidar- schuldverhältnissen denkbar ist.
4. - Der Umstand, dass der Gläubiger eine Gesell- schaftsschuld behauptet, tut der gegenseitigen Unabhän- gigkeit der Betreibungen gegen die beiden Gesellschafter keinen Abbruch. Sollte Ruck behaupten wollen, die For- derungen gegen die beiden Gesellschafter seien nur mit- einander vollstreckbar, die Verwertung dürfe daher nur stattfinden, wenn für beide Forderungen Vollstreckungs- titel bestehen (vgl. die - indessen nicht wohl auf Pfandhaf- tungen zu beziehenden - Ausführungen von BEcKER, zu Art. 544 OR N. 1), so wäre dies ein Einwand gegen die Vollstreckbarkeit der einzelnen Forderung. Das könnte Ruck als Pfandeigentümer in der Betreibung gegen Flury eben durch Rechtsvorschlag geltend machen. Steht doch in der Pfandbetreibung der Rechtsvorschlag dem Dritt- eigentümer uneingeschränkt wie dem Schuldner zu, also auch hinsichtlich der Bestreitung des Rechtes, die For- derung auf dem Betreibungswege geltend zu machen (sei es überhaupt, sei es für sich allein usw.). Das ist im Text der Zahlungsbefehlsformulare Nr. 37 und 38 ausdrücklich vorgesehen. 3 AS 77 III - 1951
Schuldbetreibungs- und Konkursrecht. N° 10. Demnach erkennt die Schuldbetr.- u. Konkurskammer : Der Rekurs wird im Sinne der Erwägungen begründet erklärt, der angefochtene Entscheid aufgehoben und die Verwertung zur Zeit abgelehnt.