Sachverhalt
Mit der vorliegenden Klage verlangt die Klä- gerin Anerkennung ihres freien Alleineigentums am St. Luzius-Altar in der Kirche zu Churwaiden; mit ihrer Widerklage verlangt die Beklagte :
1. 1. Anerkennung ihres Alleineigentums am St. Luzius- Altar;
2. eventuell Anerkennung ihres Miteigentumsrechts und ihres alleinigen Gebrauchsrechts am St. Luzius- Altar.
11. 1. Anerkennung ihres Eigentumsrechts an der äussern Kirche, ausgenommen an der bestehenden Kanzel und Orgel;.
2. eventuell Anerkennung ihres Miteigentumsrechts an der äussern Kirche und ihres Durchgangs- und Ge- brauchsrechts, ((wie solche bisher genutzt und besessen worden ist ». B. - Durch Urteil vom 12./3./4. November 1924 und 24./5. Februar 1925 hat das Kantonsgericht von Graubünden erkannt: Die Klage wird abgewiesen. Die Widerklage wird AS 51 II - 1925 37 548 Sachenrecht. N° 84.
a) mit Bezug auf das Begehren auf Anerkennung des Alleineigentums am St. Luzius-Altar gutgeheissen;
b) mit Bezug auf das Begehren auf Anerkennung des Alleineigentumsrechts, wie auch des Miteigentumsrechts der Widerklägerin an der äusseren Kirche abgewiesen;
c) mit Bezug auf das Begehren auf Anerkennung des Durchgangs-, Gebrauchs- und Benutzungsrechts der Widerklägerin an der äussern Kirche im Sinne der Erwägungen gutgeheissen. C. - Gegen dieses am 2. Juli zugestellte Urteil hat die Klägerin am 21. Juli die Berufung an das Bundes- gericht eingelegt mit den Anträgen,auf Gutheissung der Hauptklage (eventuell unter Vorbehalt der alther- gebrachten öffentlich-rechtlichen Gebundenheit der der Evangelischen Kirchgemeinde gehörenden Kirche zu Gunsten der Katholischen Kirchgemeinde) und gänzliche Abweisung der Widerklage. D. - Die Beklagte hat sich am 1. August der Beru- fung angeschlossen, im wesentlichen unter Wiederauf- nahme ihrer Widerklageanträge.
Erwägungen (1 Absätze)
E. 17 Abs. 1 in Verbindung mit Abs. 3 des Schlusstitels des ZGB bleiben die beim Inkrafttreten dieses Gesetzes bestehenden dinglichen Rechte unter dem neuen Rechte selbst dann anerkannt, wenn ihre Errichtung nach dem neuen Rechte nicht mehr möglich wäre. Wieso sich aus den im von der Klägerin vorgelegten Gutachten des Professors MUTZNER angeführten Urteilen des Bun- desgerichts (AS 40 II S. 111 ff.; 42 II S. 440 ff.; 43 II 550 Obligationenrecht. N° 85. S. 162 ff.) ein anderes ergeben soll, ist nicht ersichtlich, da in keinem dieser Urteile die Frage erörtert wurde, welchen Einfluss das Inkrafttreten des ZGB auf den Bestand bereits begründeter, aber nach ZGB nicht mehr begfÜndbarer dinglicher Rechte ausübe, speziell dinglicher Rechte an Gegenständen, die nach ZGB nicht mehr als selbständige Sachen im Rechtssinne anerkannt werden '; übrigens lässt das Gutachten auch eine Aus- einandersetzung mit MUTZNER, Kommentar, Note 5 zu Art. 17, vermissen. Endlich ist, besonders angesichts des Art. 944 ZGB, nicht anzunehmen, dass die Vor- schriften über das Grundbuch dem Weiterbestand des Sondereigentums am Altar entgegenstehen; solches hat die Klägerin denn auch nicht darzutun versucht.
Dispositiv
- Auf die Berufung wird nicht eingetreten. H. OBLIGATIONENRECHT DROIT DES OBLIGATIONS
Volltext (verifizierbarer Originaltext)
84. Urteil der II. Zivilabteilung vom 94. September 1925
i. S. Evang. ICirchgemeinde Ch\U'Walden
gegen Xath. Kirchgemeinde Chunvalden.
ZGB Art. 642, Schlusstitel Art. 17 Abs. 1 und 3 : Fort-
bestand der dinglichen Rechte, welche vor dem Inkraft-
treten des ZGB begründet worden sind -
worüber in An-
wendung des früheren (kantonalen) Rechts zu entscheiden
ist -, auch an solchen Gegenständen, welche nach ZGB
blosse Bestandteile sind.
A. -
Mit der vorliegenden Klage verlangt die Klä-
gerin Anerkennung ihres freien Alleineigentums am
St. Luzius-Altar in der Kirche zu Churwaiden; mit
ihrer Widerklage verlangt die Beklagte :
1. 1. Anerkennung ihres Alleineigentums am St. Luzius-
Altar;
2. eventuell Anerkennung ihres Miteigentumsrechts
und ihres alleinigen Gebrauchsrechts am St. Luzius-
Altar.
11. 1. Anerkennung ihres Eigentumsrechts an der
äussern Kirche, ausgenommen an der bestehenden
Kanzel und Orgel;.
2. eventuell Anerkennung ihres Miteigentumsrechts an
der äussern Kirche und ihres Durchgangs- und Ge-
brauchsrechts, ((wie solche bisher genutzt und besessen
worden ist ».
B. -
Durch Urteil vom 12./3./4. November 1924
und 24./5. Februar 1925 hat das Kantonsgericht von
Graubünden erkannt:
Die Klage wird abgewiesen.
Die Widerklage wird
AS 51 II -
1925
37
548
Sachenrecht. N° 84.
a) mit Bezug auf das Begehren auf Anerkennung des
Alleineigentums am St. Luzius-Altar gutgeheissen;
b) mit Bezug auf das Begehren auf Anerkennung des
Alleineigentumsrechts, wie auch des Miteigentumsrechts
der Widerklägerin an der äusseren Kirche abgewiesen;
c) mit Bezug auf das Begehren auf Anerkennung des
Durchgangs-, Gebrauchs- und Benutzungsrechts der
Widerklägerin an der äussern Kirche im Sinne der
Erwägungen gutgeheissen.
C. -
Gegen dieses am 2. Juli zugestellte Urteil hat
die Klägerin am 21. Juli die Berufung an das Bundes-
gericht eingelegt mit den Anträgen,auf Gutheissung
der Hauptklage (eventuell unter Vorbehalt der alther-
gebrachten öffentlich-rechtlichen Gebundenheit der der
Evangelischen Kirchgemeinde gehörenden Kirche zu
Gunsten der Katholischen Kirchgemeinde) und gänzliche
Abweisung der Widerklage.
D. -
Die Beklagte hat sich am 1. August der Beru-
fung angeschlossen, im wesentlichen unter Wiederauf-
nahme ihrer Widerklageanträge.
Das Bundesgericht zieht in Erwägung:
Auch wenn der vorliegende Prozess als Zivilstreitig-
keit anzusehen und also anzunehmen ist, dass es nicht
schon an dieser ersten Voraussetzung der Zulässigkeit
der Berufung fehle, so erweist sich diese doch als unstatt-
haft, weil der Prozess nicht unter Anwendung von
Bundesrecht entschieden worden und auch nicht nach
Bundesrecht zu entscheiden ist (Art. 56 OG). Wird
nämlich von der Anschlussberufung abgesehen, welche
nach Art. 70 Abs. 2 OG bei der Entscheidung über die
Eintretensfrage nicht in Betracht zu ziehen ist, so ist
ausschliesslich noch streitig einerseits, ob die Beklagte
und Widerklägerin ein (privates) Durchgangs-, Ge-
brauchs- und Benützungsrecht an der äussern, der Haupt-
klägerin gehörenden Kirche, und anderseits ob die
Hauptklägerin das Eigentumsrecht am St. Luzius-Altar
Sachenrecht. N° 84.
549
erworben haben zu einer Zeit lange vor Inkrafttreten
des ZGB. (Hieran ändert es nichts, wenn sich die Klägerin
auf ein Schreiben des Präsidenten der Beklagten aus
dem Jahre 1918 beruft, durch welches das Eigentums-
recht der Klägerin am Altar soll anerkannt worden sein;
damit kann die Klägerin nicht im Ernste haben geltend
machen wollen, dass, wenn sie bis dahin noch nicht
EigentÜllerin des Altars war, sie es durch jenes Schreiben
geworden sei, zumal da sie ja verneint wissen will, dass
der Altar seit dem Inkrafttreten des ZGB noch ein ei-
genes, ein anderes re~htliches Schicksal haben könne als
die äussere Kirche, in der er steht). Bestanden diese
dinglichen Rechte beim Inkrafttreten des ZGB, so
bleiben sie nach Art. 17 Abs. 1 des Schlusstitels des ZGB
-
unter Vorbehalt der Vorschriften über das Grund-
buch -
auch unter dem neuen Rechte anerkannt. Ob
aber ein dingliches Recht vor dem Inkrafttreten des
ZGB begründet worden sei, ist nicht unter Anwendung
des damals noch gar nicht in Geltung stehenden Bundes-
rechts zu entscheiden. Insbesondere bezüglich der Frage
des Eigentums der Klägerin am Altar kommen nicht
etwa die fahrnissachenrechtlichen Vorschriften des aOR
zur Anwendung, da auch nicht während ihr e r Gel-
tung entscheidende Eigentumserwerbstatsachen sich er-
eignet haben. Nicht von Belang ist weiterhin, ob, wie
die Klägerin geltend macht, nach ZGB nicht mehr
Sondereigentum eines Dritten am Altar begründet
werden könnte, weil er Bestandteil der äusseren, ihr,
der Klägerin, gehörenden Kirche sei. Denn nach Art.
17 Abs. 1 in Verbindung mit Abs. 3 des Schlusstitels
des ZGB bleiben die beim Inkrafttreten dieses Gesetzes
bestehenden dinglichen Rechte unter dem neuen Rechte
selbst dann anerkannt, wenn ihre Errichtung nach dem
neuen Rechte nicht mehr möglich wäre. Wieso sich aus
den im von der Klägerin vorgelegten Gutachten des
Professors MUTZNER angeführten Urteilen des Bun-
desgerichts (AS 40 II S. 111 ff.; 42 II S. 440 ff.; 43 II
550
Obligationenrecht. N° 85.
S. 162 ff.) ein anderes ergeben soll, ist nicht ersichtlich,
da in keinem dieser Urteile die Frage erörtert wurde,
welchen Einfluss das Inkrafttreten des ZGB auf den
Bestand bereits begründeter, aber nach ZGB nicht
mehr begfÜndbarer dinglicher Rechte ausübe, speziell
dinglicher Rechte an Gegenständen, die nach ZGB nicht
mehr als selbständige Sachen im Rechtssinne anerkannt
werden '; übrigens lässt das Gutachten auch eine Aus-
einandersetzung mit MUTZNER, Kommentar, Note 5
zu Art. 17, vermissen. Endlich ist, besonders angesichts
des Art. 944 ZGB, nicht anzunehmen, dass die Vor-
schriften über das Grundbuch dem Weiterbestand des
Sondereigentums am Altar entgegenstehen; solches hat
die Klägerin denn auch nicht darzutun versucht.
Demnach erkennt das Bundesgericht :
Auf die Berufung wird nicht eingetreten.
H. OBLIGATIONENRECHT
DROIT DES OBLIGATIONS