Erwägungen (3 Absätze)
E. 1 Nach Art. 499 ff. ZGB kann die öffentliche letzt- willige Verfügung in zwei Formen errichtet werden. Bei beidenhat der Erblasser zunächst dem Urkundsbeamten seinen Willen' mitzuteilen,' worauf dieser die Urkunde aufsetzt oder aufsetzen lässt. Dagegen ist der weitere Hergang verschieden, je nacQdem der Erblasser das Auf,;. gesetzte selbst liest und tinterschreibtodernicht. Im ersten Falle hat er, im Anschluss an die seiner Unterschrift nachgehende Datierung und Unterzeichnung durch den Beamten, den Zeugen in Gegenwart des Beamten zu er- klären, dass er die Urkunde gelesen habe und dass sie seine letztwillige Verfügung enthalte: die Zeugen ihrerseits haben auf der Urkunde unterschriftlich die Abgabe dieser Erklärung und die Verfügungsfähigkeit des Erblassers zu bestätigen (Art. 500, 501). Im zweiten Falle, d. h. wenn der Erblasser die Urkunde «nicht selbst liest und unterschreibt », soll sie ihm vom Beamten in Gegenwart der Zeugen vorgelesen werdEm und· hat er daraufhin zu erklären, sie enthalte seine letztwillige Verfügung ~!die Zeugen haben ({ in diesem Falle» nicht nur die Erklärung des Erblassers und ihre Wahrnehmung über seine Ver- fügungsfähigkeit zu bezeugen, sondern auch mit ihrer Unterschrift zu bestätigen, dass die Urkunde in illrer Gegenwar't vom Beamten dem Erblasser vorgelesen wor- den sei (Art. 502).
E. 2 Frägt es sich, ob das « notarielle Testament » des
Josef Zihler Vater vom 14. Juli 1914 einer dieser beiden
Formen entspreche, so kann dahingestellt bleiben, ob zur
Unterschrift des Erblassers i. S. von Art. 500 ZGB das
Hinsetzen der zhilstandsamtlichen' Bezeichnung des-
selben und wenn ja, der: vollen zivilstandsamtlichen
AS '1; 11 -
t919
10
138
Erbrecht. N°22~
Bezeichnung (Vor- und Zuname) gehöre oder ob dazu
auch die Zeichnung bloss mit dem Familiennamen oder
bloSs mit dem Vornamen oder gar mit einem Spitznamel1
oder die Verwendung indirekter Bezeichnungen,(wie z. B~
~ Euer Vater» usw.) binreicbe. Aus dem Zwecke der
Unterschrift, den Urheber der Willenserklärung festzu-
stellen, folgt auf alle Fälle soviel, dass dazu nur Zeichen
gerechnet werden. können, 'aus denen sich selbst, unmit-
telbar ein Scbluss auf die Person des Zeichnenden ziehen
lässt. Dieser Anforderung entspricht aber die Anbringung
eines bIossen Handzeichens, wiez. B. eines Kreuzes nicht.
Auch Art. 15 OR, der sie für das Gebiet des Vertrags-
rechts zulässt, sieht denn darin nicht sowohl eine « Unter-
schrift» als einen ({ Ersatz)) für dieselbe~ weshalb er sich
auch mit dem Handzeichen allein nicht begnügt, sondern
für dessen Wirksamkeit noch die Beglaubigung durch
eine öffentliche Urkundsperson verlangt. Die in Art. 500.-
501 ZGB vorgesehene ordentliche Form des öffentlichen
Testaments ist somit im vorliegenden Falle schon deshalb
nicht erfüllt, weil das dazu. unerlässliche Element der
Unterschrift des Erblassers fehlt. Daran ändert die Tat-
sache nichts, dass nach Art. 7 ZGB die allgemeinen Vor-
schriften des OR über die Entstehung, Erfüllung und
Aufhebung der Verträge auch' Anwendung auf andere
zivilrechtliche Verhältnisse finden. Damit soll lediglich
dem Richter eine Entscheidungsnorm für diejenigen
Rechtsfragen an die Hand gegeben werden, die das .ZGB
nicht schon selbst im Zusammenhang mit der Ordnung
des betr. Rechtsinstitutes regelt. Diese Voraussetzung
trifft aber hier nicht zu, indem Art. 502 ZGB über die
Frage, wie bei der öffentlichen letztwilligen Verfügung,
wenn der Erblasser nicht unterschreiben kann,. das Er-
fordenuss der Unterschrift ZU ersetzen sei, besondere
von denjenigen des Vertragsrechts abweichende Vor-
schriften enthält, die als lex speeialis der lex generalis
des Art. 15 OR vorgehen. Hätte man darauf den letzteren
anwendbar erklären wollen, so hätte es der Aufstellung
Erbrecht. N° 22.
einer besonderen Testamentsform für die Fälle, wo das
Hindernis in der Person des Erblassers sich nur auf das
Unterschreiben nichi- auf das Lesen der Urkunde bezieht,
nicht bedurft, sondern für die Lösung dieser Schwierigkeit
Art. 500 in Verbindung mit Art. 7 ZGB genügt. Das Vor-
liegen einer nach Art. 500, 501 ZGB giltigen letztwilligen
Verfügung ist. demnach von der Vorinstanz mit I:techt
verneint worden.
E. 3 Im Gegensatz zu ihr kann aber auch die ausser-
ordentliche Form des Art. 502 ZGB nicht als gewahrt
angesehen werden. Dabei ist zuzugeben, dass die Vor-
schrift insofern nicht glücklich gefasst ist, als sie den
Fall, wo der Erblasser am Lesen und Unterschreiben, und
denjenigen, wo er nur am Unterschreiben der Urkunde
gehindert ist, gleichbehandelt und auch im letzteren a~s
Mittel der Rekognition durch den Erblasser und BeweIS
für dieselbe nur das Vorlesendes Aktes durch den Ur-
kundsbeamten in Gegenwart der Zeugen und die Beschei-
nigung dieser Tatsache durch die Zeugen zulässt. Ein
sachlicher Grund hiefür ist kaum vorhanden. Der Zweck,
Ersatz für die aus der Unterschrift sich ergebende Gewiss-
heit der Uebereinstimmung zwischen Urkundeninhalt
und Willen des Erblassers zu schaffen, liesse sich offenbar
ebensogut dadurch erreichen, dass der Erblasser die Ur-
kunde selbst vor den Zeugen liest und letztere diesen
Hergang durch ihre Unterscluift bestätigen. 'Würde
sich aus dem streitigen Testamente ergeben und 'Wäre
darauf von den Zeqgen bescheinigt, dass sich die Sache so
abgespielt habe, so müsste es sich deshalb fragen, ob nicht
jenes, trotzdem die Bestimmungen .des Art. 50~ ihrem
Wortlaute nach nicht genau beachtet wären, gleIchwohl
aufrechtzuhalten wäre. So wie die Dinge liegen, besteht
indessen kein Anlass zur Frage der Zulässigkeit einer
solchen freieren Auslegung des Gesetzes Stellung zu
nehmen 'Weil auch wenn man sie bejahen wollte, das End-
ergebn~ kein anderes sein könnte. Wie das Bunde~eri~ht
bereits entschieden hat (AS 42 11 S. 204). muss dIe Em-
HO
Erbrecht. Na 22.
haltung der gesetzlichen Formen aus der Testaments-
urkunde selbst hervorgehen und können Mängel, welche
sie nach dieser Richtung aufweist, nicht durch einen auf
anderem 'Vege ge1eisteten Beweis, wie z. B. die Einver-
nahme der Testamentszeugen über den Hergang bei der
Errichtung ersetzt werden. Aus der hier verwendeten
ForI1).cl: « Nach AbI e s u n g des Aktes erklären der
Erblasser und die Zeugen, dass der vorliegende Akt dem
geäusserten letzten Willen in allen Teilen entspreche,
worauf dieselben mit dem Notar zur Bestätigung unter-
zeichnen &, lässt sich aber mit Bestimmtheit weder ent-
nehmen, dass die Urkunde in Gegenwart der Zeugen
vom B e amt e n
dem Erblasser vor gel e sen
worden sei, noch dass der Erblasser sie vor den
Z e u gen sei b s t g e -1 e sen habe und letztere diese
Tatsache durch ihre Unterschrift hätten bestätigen
wollen. Der Ausdruck « Ablesen) ist zweideutig : er kann
nach dem Sprachgebrauch sowohl « leise für sich herunter-
lesen » als « laut verlesen» bedeuten. Bei dem Mangel
irgendwelcher näherer Präzisierung desselben bleiben
demnach auch hier beide Möglichkeiten offen. Besteht
somit keine Gewissheit dafür, dass der Erblasser die Ur-
kunde vor den Zeugen selbst gelesen habe, sonderu muss
damit gerechnet werden, dass sie ihm lediglich vorgelesen
worden ist, so fällt aber in Betracht, dass die Tatsache des
Vorlesens nach Art. 502 das in Art. 501 aufgestellte Er-
fordernis der Unterschrift nicht in allen Fällen, sondern
nur dann zu ersetzen vermag, 'Wenn die Verlesung durch
den Beamten erfolgt ist. Das geht aber wiederum aus der
Testamentsurkunde selbst nicht hervor. Aus der Tatsache,
dass der Notar im Ans chI u s s an die Erklärung des
Erblassers und der Zeugen « zu deren Bestätigung» mit- .
unterschrieb, lässt sich höchstens soviel schliessen, dass
er beim Verlesen ebenfalls anwesend 'War, nicht dass es
von ihm ausgegangen sei. Die Verlesung kann ebensogut
durch einen der Zeugen, z. B. durch den in dieser Eigen-
schaft anwesenden Arzt geschehen sein. 'Venn die Vor-
Erbrecht. N° ·22.
141.
instanz ausführt, dass schon jener Umstand. d. h. die
An wes e n bei t des Beamten bei der Verlesung für
die Giltigkeit der Verfügung genügen müsse, weil die
Absicht des Gesetzes, die Kontrolle der Uebereinstim-
mung zwischen Text der Urkunde und W!lle:} des Erb-
lassers zu sichern, dabei ebensogut verWIrklicht werde,
wie wenn der Beamte sie selbst verlesen würde, so kann
dieser Auffassung nicht beigepflichtet werden. Das Vor-
lesen der Urkunde vermag einen Ersatz für das eigene
Lesen durch den Erblasser nur zu bilden, wenn Gewähr
dafür besteht, dass der Text richtig und vollständig
vorgelesen wird. Offenbar von diesem Gesichtspunk~e
hat denn auch das Gesetz den Urkundsbeamten dannt
betraut, nicht nur weil er als Verfasser der Urkunde diese
besser zu entziffern vermag, sondern auch weil er über-
haupt kraft seiner amtlichen Stellung erhöhte Garan~ien
dafür bietet, dass beim Vorlesen korrekt verfabrell WIrd.
Es ist aber olme weiteres klar, dass das blosse Anhören
ihm, namentlich wenn es sich etwa um einlängeres Schrift-
stück mit vielen Zahlen handelt, nicht die nämliche
Kontrolle zu verschaffen vermag wie das eigene Verfolgen
der Schriftzüge. Würde das Gesetz auf dieses Erfordernis
kein entsclleidendes Gewicht legen und es nicht als
wesentlich betrachten, so wäre auch nicht verständlich,
weshalb es zweimal darauf llinwiese. indem es nicht nur
in Abs. 1 des Art. 502 erklärt, dass « der Beamte die Ver-
fügung vorzulesen habe », sonderu in Abs. 2 auch noch
ausdrücklich die Bestätigung dieSer Tatsache (Vorlesung
durch den" Beamten) seitens der Zeugen verlangt.
Da die Bestreitung der Formgiltigkeit der Verfügung
nach Art. 502 somit schon aus diesem Grunde geschützt
werden muss, braucht das Zutreffen der weiteren Form-
mängel, die der Kläger geltend macht, nicht untersucht
zu werden.
Dispositiv
- Die Berufung wird gutgeheissen, das Urteil des Ober- 1-12 Erbrecht. No 23. gerichts des Kantons Solothurn vom 22. Mai 1918 aufge- hoben und das am 14. Juli 1914 errichtete, öffentliche Testament des Josef Zihler Vater für ungiltig erklärt.
Volltext (verifizierbarer Originaltext)
22. lJrteU411' II. ZiYila.bteUung vom i. Februar 1919
i. S. Zihl.r gegen Buf und Kiibeteiligte.
Odlentliches TesÜlluent nach Art.;JOO, 501 und nach Art.
502 ZGB.
Ein Handzeichen (Kreuz) kann nicht
als
Vntcrschrift des Erblassers nach Art. 500 anerkannt
wcrdcll. -
Zur Giltigkeit der Verfügung nach Art. 502 ist
erforderlich, !lass die Vel'lesung durch den Beamten erfolgt
bt. Dass dies (}(>r Fall gewesen sei, muss aus ller Urkunde
bezw. der darauf angehrachten Bescheinigung der Zeugen
s.:lhst hel'vorgehen.
A., -
Am 12. Juni 1916 starb in Olten Josef Zihler.
pensionierter Zugführer, unter Hinterlassung des heutigen
Klägers, seines Sohnes, der seit längerer Zeit unbekannt
abwesend und am 3. Februar 1915 in Olten unter Vor-
mundschaft gestellt worden ist. als einzigen gesetzlichen
Erben. Ungefähr zwei Jahre vor seinem Ableben, am
14. Juli 1914, hatte er unter Zuziehung eines ~otars eine
letztwillige Verfügung errichtet, die in ihren hier in Be-
tracht kommenden Teilen lautet:
) Testament des Josef Zihler, alt Zugführer yon Mauen-
see und Olten, in Olten.
)} Am '14, Juli 1914 lässt der obgenannte Josef Zilller
den unterzeichneten öffentlichen ~otar zu sich in sein
Haus Nr.459 am Wylerweg rufen und erklärt ihm, dass
er in notadeller Form seine letzte Willensverordnung er-
lassen wolle.
}) Als Zeugen werden zugezogen: 1. .... 2.,' .. Der Testa-
tor verfügt: (folgen drei Vennächtnisse zu GUllsten der
heutigen Beklagten Rosalie Ruf, Verein für Kranken-
pflege Olten und Hilfsverein Olten).
.'
l) Auf Befragen erachten die Zeugen, dass der testator
sich im Zustande völliger Besonnenheit und Willen~
freiheit befindet. Nach Ablesung des Aktes erklären der
Erblasser und die Zeugen;, dass der vorliegeride Akt dem
Aeiiullerten letzten Willen in allen Teilen entspreche,
Erbrecht. No 22.
worauf dieselben mit dem Notar zur Bestätigung unter-
zeichnen.
» Olten, am eingangs gemeldeten Datum.
(Der Testator ist . rechtshändig
gelähmt; zugleich wird die Kreuzes-
unterschrift des Testators beglau-
bigt vom öffentlichen Notar:
(Unterschrift des Notars.)
Der Testator:
X.
Die Zeugen:
(U nterschrift~n.)
DerNotar:
(Unterschrift.)
Nach der Darstellung der Beklagten hätte der Notar
ursprünglich das Testament nach Art. 500, 501 ZGB
errichten wollen. Da sich der Zustand des Erblassers
während der Verhandlungen verschlimmert, habe er
sich zur Anwendung der Form des Art. 502 entschlossen.
Nachdem die ZeugenbestätigungsformeJ bereits aufge-
setzt gewesen sei, habe sich der Erbla~er nachträglich
doch Willens gezeigt zu unterzeichnen, worauf der Notar
ihm Gelegenheit zur Anbringung des Kreuzeszeichens
gegeben und es beglaubigt habe.
B. -
Mit der vorliegenden Klage verlangt die Vor-
mundschaftsbehörde
(Amtvon:nundsC(haft) von Olten
namens des gesetzlichen Erben Josef ZiIller Sohn die
Ungiltigerklärung dieser letzwilligen Verfügung nach Art.
520 ZGB mangels Beobachtung der in Art. 499-502 ebenda
enthaltenen Formvorschriften. Ein eventuelles Begehren
~uf ~era~setzung der darin enthaltenen Zuwendungen
liegt lllfolge der Erklärung der Erstbeklagten Rosalie
Ruf, dass sie sich den Betrag, um den der Pflichtteil des
Klägers verletzt sei (783' Fr. 60 Cts.), an ihrem Ver-
mächtnis abziehen lasse, heute nicht mehr im Streit.
C. - Durch Urteil vom 22.Mai 1918 hat das ObergeIicht
des Kant9llS Solothurn di~ :KIage. abgewiesen, das damit
angef~chtene Testanlent als,giltig erklärt und die Kosten
dem I(läger auferlegt.
D. '~ Gegen dieses den Parteien am 15. November 1918
Erbrecht. N· 22.
137
schriftlich mitgeteilte Urteil hat der Kläger die Berufung
. an das Bundesgerieht ergriffen mit dem Begehren auf
Gutheissung der Klage. Die Beklagten haben auf Bestäti-
gung des Urteils angetragen.
Das Bundesgericht zieht in Erwägung:
1. -
Nach Art. 499 ff. ZGB kann die öffentliche letzt-
willige Verfügung in zwei Formen errichtet werden. Bei
beidenhat der Erblasser zunächst dem Urkundsbeamten
seinen Willen' mitzuteilen,' worauf dieser die Urkunde
aufsetzt oder aufsetzen lässt. Dagegen ist der weitere
Hergang verschieden, je nacQdem der Erblasser das Auf,;.
gesetzte selbst liest und tinterschreibtodernicht. Im ersten
Falle hat er, im Anschluss an die seiner Unterschrift
nachgehende Datierung und Unterzeichnung durch den
Beamten, den Zeugen in Gegenwart des Beamten zu er-
klären, dass er die Urkunde gelesen habe und dass sie seine
letztwillige Verfügung enthalte: die Zeugen ihrerseits
haben auf der Urkunde unterschriftlich die Abgabe dieser
Erklärung und die Verfügungsfähigkeit des Erblassers
zu bestätigen (Art. 500, 501). Im zweiten Falle, d. h.
wenn der Erblasser die Urkunde «nicht selbst liest und
unterschreibt », soll sie ihm vom Beamten in Gegenwart
der Zeugen vorgelesen werdEm und· hat er daraufhin zu
erklären, sie enthalte seine letztwillige Verfügung ~!die
Zeugen haben ({ in diesem Falle» nicht nur die Erklärung
des Erblassers und ihre Wahrnehmung über seine Ver-
fügungsfähigkeit zu bezeugen, sondern auch mit ihrer
Unterschrift zu bestätigen, dass die Urkunde in illrer
Gegenwar't vom Beamten dem Erblasser vorgelesen wor-
den sei (Art. 502).
2. -
Frägt es sich, ob das « notarielle Testament » des
Josef Zihler Vater vom 14. Juli 1914 einer dieser beiden
Formen entspreche, so kann dahingestellt bleiben, ob zur
Unterschrift des Erblassers i. S. von Art. 500 ZGB das
Hinsetzen der zhilstandsamtlichen' Bezeichnung des-
selben und wenn ja, der: vollen zivilstandsamtlichen
AS '1; 11 -
t919
10
138
Erbrecht. N°22~
Bezeichnung (Vor- und Zuname) gehöre oder ob dazu
auch die Zeichnung bloss mit dem Familiennamen oder
bloSs mit dem Vornamen oder gar mit einem Spitznamel1
oder die Verwendung indirekter Bezeichnungen,(wie z. B~
~ Euer Vater» usw.) binreicbe. Aus dem Zwecke der
Unterschrift, den Urheber der Willenserklärung festzu-
stellen, folgt auf alle Fälle soviel, dass dazu nur Zeichen
gerechnet werden. können, 'aus denen sich selbst, unmit-
telbar ein Scbluss auf die Person des Zeichnenden ziehen
lässt. Dieser Anforderung entspricht aber die Anbringung
eines bIossen Handzeichens, wiez. B. eines Kreuzes nicht.
Auch Art. 15 OR, der sie für das Gebiet des Vertrags-
rechts zulässt, sieht denn darin nicht sowohl eine « Unter-
schrift» als einen ({ Ersatz)) für dieselbe~ weshalb er sich
auch mit dem Handzeichen allein nicht begnügt, sondern
für dessen Wirksamkeit noch die Beglaubigung durch
eine öffentliche Urkundsperson verlangt. Die in Art. 500.-
501 ZGB vorgesehene ordentliche Form des öffentlichen
Testaments ist somit im vorliegenden Falle schon deshalb
nicht erfüllt, weil das dazu. unerlässliche Element der
Unterschrift des Erblassers fehlt. Daran ändert die Tat-
sache nichts, dass nach Art. 7 ZGB die allgemeinen Vor-
schriften des OR über die Entstehung, Erfüllung und
Aufhebung der Verträge auch' Anwendung auf andere
zivilrechtliche Verhältnisse finden. Damit soll lediglich
dem Richter eine Entscheidungsnorm für diejenigen
Rechtsfragen an die Hand gegeben werden, die das .ZGB
nicht schon selbst im Zusammenhang mit der Ordnung
des betr. Rechtsinstitutes regelt. Diese Voraussetzung
trifft aber hier nicht zu, indem Art. 502 ZGB über die
Frage, wie bei der öffentlichen letztwilligen Verfügung,
wenn der Erblasser nicht unterschreiben kann,. das Er-
fordenuss der Unterschrift ZU ersetzen sei, besondere
von denjenigen des Vertragsrechts abweichende Vor-
schriften enthält, die als lex speeialis der lex generalis
des Art. 15 OR vorgehen. Hätte man darauf den letzteren
anwendbar erklären wollen, so hätte es der Aufstellung
Erbrecht. N° 22.
einer besonderen Testamentsform für die Fälle, wo das
Hindernis in der Person des Erblassers sich nur auf das
Unterschreiben nichi- auf das Lesen der Urkunde bezieht,
nicht bedurft, sondern für die Lösung dieser Schwierigkeit
Art. 500 in Verbindung mit Art. 7 ZGB genügt. Das Vor-
liegen einer nach Art. 500, 501 ZGB giltigen letztwilligen
Verfügung ist. demnach von der Vorinstanz mit I:techt
verneint worden.
3. -
Im Gegensatz zu ihr kann aber auch die ausser-
ordentliche Form des Art. 502 ZGB nicht als gewahrt
angesehen werden. Dabei ist zuzugeben, dass die Vor-
schrift insofern nicht glücklich gefasst ist, als sie den
Fall, wo der Erblasser am Lesen und Unterschreiben, und
denjenigen, wo er nur am Unterschreiben der Urkunde
gehindert ist, gleichbehandelt und auch im letzteren a~s
Mittel der Rekognition durch den Erblasser und BeweIS
für dieselbe nur das Vorlesendes Aktes durch den Ur-
kundsbeamten in Gegenwart der Zeugen und die Beschei-
nigung dieser Tatsache durch die Zeugen zulässt. Ein
sachlicher Grund hiefür ist kaum vorhanden. Der Zweck,
Ersatz für die aus der Unterschrift sich ergebende Gewiss-
heit der Uebereinstimmung zwischen Urkundeninhalt
und Willen des Erblassers zu schaffen, liesse sich offenbar
ebensogut dadurch erreichen, dass der Erblasser die Ur-
kunde selbst vor den Zeugen liest und letztere diesen
Hergang durch ihre Unterscluift bestätigen. 'Würde
sich aus dem streitigen Testamente ergeben und 'Wäre
darauf von den Zeqgen bescheinigt, dass sich die Sache so
abgespielt habe, so müsste es sich deshalb fragen, ob nicht
jenes, trotzdem die Bestimmungen .des Art. 50~ ihrem
Wortlaute nach nicht genau beachtet wären, gleIchwohl
aufrechtzuhalten wäre. So wie die Dinge liegen, besteht
indessen kein Anlass zur Frage der Zulässigkeit einer
solchen freieren Auslegung des Gesetzes Stellung zu
nehmen 'Weil auch wenn man sie bejahen wollte, das End-
ergebn~ kein anderes sein könnte. Wie das Bunde~eri~ht
bereits entschieden hat (AS 42 11 S. 204). muss dIe Em-
HO
Erbrecht. Na 22.
haltung der gesetzlichen Formen aus der Testaments-
urkunde selbst hervorgehen und können Mängel, welche
sie nach dieser Richtung aufweist, nicht durch einen auf
anderem 'Vege ge1eisteten Beweis, wie z. B. die Einver-
nahme der Testamentszeugen über den Hergang bei der
Errichtung ersetzt werden. Aus der hier verwendeten
ForI1).cl: « Nach AbI e s u n g des Aktes erklären der
Erblasser und die Zeugen, dass der vorliegende Akt dem
geäusserten letzten Willen in allen Teilen entspreche,
worauf dieselben mit dem Notar zur Bestätigung unter-
zeichnen &, lässt sich aber mit Bestimmtheit weder ent-
nehmen, dass die Urkunde in Gegenwart der Zeugen
vom B e amt e n
dem Erblasser vor gel e sen
worden sei, noch dass der Erblasser sie vor den
Z e u gen sei b s t g e -1 e sen habe und letztere diese
Tatsache durch ihre Unterschrift hätten bestätigen
wollen. Der Ausdruck « Ablesen) ist zweideutig : er kann
nach dem Sprachgebrauch sowohl « leise für sich herunter-
lesen » als « laut verlesen» bedeuten. Bei dem Mangel
irgendwelcher näherer Präzisierung desselben bleiben
demnach auch hier beide Möglichkeiten offen. Besteht
somit keine Gewissheit dafür, dass der Erblasser die Ur-
kunde vor den Zeugen selbst gelesen habe, sonderu muss
damit gerechnet werden, dass sie ihm lediglich vorgelesen
worden ist, so fällt aber in Betracht, dass die Tatsache des
Vorlesens nach Art. 502 das in Art. 501 aufgestellte Er-
fordernis der Unterschrift nicht in allen Fällen, sondern
nur dann zu ersetzen vermag, 'Wenn die Verlesung durch
den Beamten erfolgt ist. Das geht aber wiederum aus der
Testamentsurkunde selbst nicht hervor. Aus der Tatsache,
dass der Notar im Ans chI u s s an die Erklärung des
Erblassers und der Zeugen « zu deren Bestätigung» mit- .
unterschrieb, lässt sich höchstens soviel schliessen, dass
er beim Verlesen ebenfalls anwesend 'War, nicht dass es
von ihm ausgegangen sei. Die Verlesung kann ebensogut
durch einen der Zeugen, z. B. durch den in dieser Eigen-
schaft anwesenden Arzt geschehen sein. 'Venn die Vor-
Erbrecht. N° ·22.
141.
instanz ausführt, dass schon jener Umstand. d. h. die
An wes e n bei t des Beamten bei der Verlesung für
die Giltigkeit der Verfügung genügen müsse, weil die
Absicht des Gesetzes, die Kontrolle der Uebereinstim-
mung zwischen Text der Urkunde und W!lle:} des Erb-
lassers zu sichern, dabei ebensogut verWIrklicht werde,
wie wenn der Beamte sie selbst verlesen würde, so kann
dieser Auffassung nicht beigepflichtet werden. Das Vor-
lesen der Urkunde vermag einen Ersatz für das eigene
Lesen durch den Erblasser nur zu bilden, wenn Gewähr
dafür besteht, dass der Text richtig und vollständig
vorgelesen wird. Offenbar von diesem Gesichtspunk~e
hat denn auch das Gesetz den Urkundsbeamten dannt
betraut, nicht nur weil er als Verfasser der Urkunde diese
besser zu entziffern vermag, sondern auch weil er über-
haupt kraft seiner amtlichen Stellung erhöhte Garan~ien
dafür bietet, dass beim Vorlesen korrekt verfabrell WIrd.
Es ist aber olme weiteres klar, dass das blosse Anhören
ihm, namentlich wenn es sich etwa um einlängeres Schrift-
stück mit vielen Zahlen handelt, nicht die nämliche
Kontrolle zu verschaffen vermag wie das eigene Verfolgen
der Schriftzüge. Würde das Gesetz auf dieses Erfordernis
kein entsclleidendes Gewicht legen und es nicht als
wesentlich betrachten, so wäre auch nicht verständlich,
weshalb es zweimal darauf llinwiese. indem es nicht nur
in Abs. 1 des Art. 502 erklärt, dass « der Beamte die Ver-
fügung vorzulesen habe », sonderu in Abs. 2 auch noch
ausdrücklich die Bestätigung dieSer Tatsache (Vorlesung
durch den" Beamten) seitens der Zeugen verlangt.
Da die Bestreitung der Formgiltigkeit der Verfügung
nach Art. 502 somit schon aus diesem Grunde geschützt
werden muss, braucht das Zutreffen der weiteren Form-
mängel, die der Kläger geltend macht, nicht untersucht
zu werden.
Demnach erkennt das Bundesgericht:
Die Berufung wird gutgeheissen, das Urteil des Ober-
1-12
Erbrecht. No 23.
gerichts des Kantons Solothurn vom 22. Mai 1918 aufge-
hoben und das am 14. Juli 1914 errichtete, öffentliche
Testament des Josef Zihler Vater für ungiltig erklärt.