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41_I_252

BGE 41 I 252

Bundesgericht (BGE) · 1916-09-23 · Deutsch CH
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~52

Staatsrecht.

II. HANDELS- UND GEWERBEFREIHEIT

LffiERTE DU COMMERCE ET DE L'INDUSTRIE

35. Urteil vom 23. September 1916 i. S. Zürcher

gegen Zug.

"-

Kompetenzordnung für den Erlass des Reglements eines Ge-

meinde-Schlachthauses (Art. 10 und 7 Abs. 2 der bundesrät-

lichen Verordnung vom 29. Januar 1909, betreffend das

Schlachten. usw., und einschlägiges kantonales Recht). Be-

deutung des Schlachthauszwangs für das Ku t tl e r ei g e-

wer be : Unhaltbarkeit der damit verbundenen Bestim-

mung, dass nur e i 11 Kuttlermeister im Schlachthaus

zugelassen werde, vor der Gar anti e des Art. 31 B Y.

A. -

Das zur Zeit geltende Reglement für das

S~hlachthaus der Einwohnergemeinde Zug, welches der

Emwohnerrat am 10. Juli 1913 erlassen und der Regie-

rungsrat des Kantons Zug am 3. September 1913 « in

Gemässheil von Art. 10 der bundesrätlichen Verordnung

betreffend das Schlachten, die Fleischschau und den Ver-

kehr mit Fleisch und Fleischwaren vom 29. Januar 1909)}

genehmigt hat, stellt in Art. 1 den Grundsatz auf, dass

alle Schlacl~tungen des Pferde-, Rindvieh-, Schaf-, Ziegen-

und Schwemegeschlechtes iIl! Schlachthause yorgenom-

men werden müssen. Ferner enthält es noch folgende

Bestimmungen:

a) unter dem Titel (j Verwaltung des Scillachthauses » :

Art. 6. « Der Einwohnerrat führt die Oberaufsicht über

» das Schlachthaus und seine Zubehörden, sowie über das

» Schlachthauspersonal (Verwalter, Abwart, Kuttler) .... »

Art. 9. « Der Kuttlereibetrieb wird nur einem Kutt-

i> lermeister übertragen, der auf Vorschlag der Mehrheit

i) der Metzgermeister vom Einwohnerrat gewählt wird.)}

b) unter dem Titel « Schlachthausordnung » :

Art. 18. « •••• Personen, die den Frieden und die

Handels- und Gewerbefreiheit. N° 35.

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» Ordnung im Schlachthause stören ...., sollen vom Ver-

» walter bezw. vom Abwart ohne weiteres fortgewiesen

» werden. Solchen Personen kann überdies durch Verfü-

i) gung des Einwohnerrates auf unbestimmte Zeit der Ein-

» tritt in das Schlachthaus untersagt werden. I)

c) unter dem Titel « Kuttlereibetrieb» :

Art. 26. « Die Leerung der Magen und Gedärme, so-

» wie deren Reinigung hat unbedingt in den hiefür be-

» stimmten Räumen zu geschehen. -

Es dürfen keine

» rohen (ungekochten) Kutteln aus dem Schlachthause in

» die Gemeinde Zug geliefert werden. -

Kutteln und

» Gedärme dürfen von auswärts nur mit spezieller Bewilli-

» gung des Einwohnerrates zum Verarbeiten ins Schlacht-

» haus oder überhaupt in die Stadtgemeinde Zug einge-

» führt werden. »

Art. 27. « Das Kochen der Eingeweide darf einzig in

» de 1 Kuttlereilokalen des Schlachthauses geschehen ..... »

Art. 28. () unter Bussandro-

hung im Nichtbeachtungsfalle. Schon am 7. Juni 1913

hatte nämlich der Kantonstierarzt als Organ der Lebens-

mittelpolizei gemeldet, dass das Kuttlereilokal Zürchers

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Staatsrecilt.

dem Art. 25 der bundesrätlichen Verordnung vom 29.

Januar 1909 betreffend das Schlachten usw. nicht ent-

spreche, weil es zu tief, kellerartig, angebracht sei.

Nach Zustellung des erwähnten Beschlusses ersuchte

Zürcher den Sanitätsrat zunächst um Bericht, welche

Änderungen in seinem Kuttlereilokale - er besitze kein

Ver kau f s lokal -

vorgenommen werden sollten, da er

zu deren Vornahme bereit sei. Und als dieses Gesuch in

einem S ehr e i ben der Kantonskanzlei, namens der

Sanitätskanzlei, vom 1 8. Fe b ru a r 191 5 mit dem

einfachen Hinweis des Kantonstierarztes auf Art. 9.

Art. 26 Abs. 3 und Art. 27 des städtischen Schlachthaus-

reglementes einerseits, und die Art. 25 und 35

Heglementserlass auch k a n ton all'e c h t 1 ich Ilicllt

zu beanstanden.

Aus dem Gesagten folgt, dass der Rekurrent sich dem

Schlachthauszwang zu unterziehen hat. Übrigens hätte

cr auf die Weiterführung des Kuttlerdbetriehes in seinen

eigellen Lokalitäten auch deswegen keinen Anspruch,

weil diese nach Feststellung der bundesgerichtlichen

Experten den g • .'slll1dheitspolizeilichen Anforderungen

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Staatsrecht.

nicht genügen und auch nicht zweckmässig umgebaut

werden könnten, sodass der Einwohnerrat ihre Benutzung

auch auf Grund seiner allgemeinen Befugnisse als Sani-

tätspolizeibehörde zu untersagen berechtigt und ver-

pflichtet wäre.

3. -

Dagegen ist· die unter diesen Umständen gemäss

dem eventuellen Rekurseinwande zu prüfende weitere

Frage, ob der Rekurrent trotz dem ihm die Ausübung

seines Gewerbes ausserhalb des Schlachthauses verwehren-

den Schlachthauszwang gestützt auf Art. 9 des Schlacht-

hausreglements, der die Zulassung nur ein es Kuttler-

meisters vorsieht, von der Benutzung des Schlachthauses

ausgeschlossen werden dürfe, zu verneinen. Der Schlacht-

h~uszwang für das Kuttlereigewerbe bedingt an sich

mcht den Ausschluss der freien Konkurrenz in diesem

Gewerbe, die der verfassungsmässiggarantierLen Gewerbe-

freiheit wesentlich ist, sondern nur eine Beschränkung

der Gewerbeausübung in s ach I ich e r Hinsicht, gemäss

den Anforderungen der Gesundheitspolizei und den Be-

dürfnissen einer geordneten Schlachthausverwaltung.

E.~ ~teht. demnach der Betätigung keines Gewerbeange-

hongen Im Schlachthause entgegen, der jenen sachlichen

Vorschriften des Reglementes nachzuleben bereit ist. Die

Bestimm~ng in dessen Art. 9. aber scbliesst jede Kon-

kur~enz 1m Rahmen des sachlich befugten Gewerbe·

betnebes aus und hebt damit für die Kuttlereiauf dem

Gebiet der Stadtgemeinde Zug die Gewerbefreiheit selbst

auf. Nun ist ein solcher Einbruch in das Gebiet der Ge-

werbefreiheit nach richtiger Auslegung des Art. 31 BV

allerdings zulässig, sofern erhebliche öffentliche Interes-

sen, gewichtige Rücksichten auf das öffentliche Wohl

dazu !ühren, einen Gewerbebetrieb durch Schaffung eines

staatlIchen Monopols oder Amtes, dem seine Ausübung

vorbeha.lten wird, der privatwirtschaftlichen Tätigkeit

zu entZIehen (vergI. hierüber zutreffend BURcKHARDT

~ommentar zur BV, 2. Aufl., S. 254 ff.). Allein vorliegend

smd solche Interessen nicht nachgewiesen. Denn die be-

tHandels- und Gewerbefreiheit. N° 35.

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teiligten Behörden haben es an jeder bestimmten Angabe

in dieser Richtung fehlen lassen, und nach dem Befunde

der bundesgerichtlichen Experten sprechen höchstens

fiskalische Interessen der Stadtgemeinde für die Zulas-

sung nur ein e s KuttIers in ihrem Schlachthause, die

für sich allein die Unterdrückung der Gewerbefreiheit

nicht zu rechtfertigen vermögen (so auch BURcKHARDT,

a. a. 0., S. 255). Überdies kommt dem Kuttlereibetrieb

nach der Ordnung des Zuger Schlachthausreglementes

gar nicht eigentlicher Monopol-

oder Amtscharakter

zu. Zwar führt das Reglement in Art. 6 den KuttIer,

gleich dem Verwalter und dem Abwart, . unter dem

vom Einwohnerrat gewählten « Schlachthauspersonal»

auf. Es sind ihm jedoch nicht, wie jenen beiden,

bestimmte amtsmässige Dienstpflichten auferlegt; viel-

mehr übt er seine Tätigkeit, laut Art. 28, als wesent-

lich privatwirtschaftliches Gewerbe aus, nämlich· gegen

(, vertraglich» zu bestiImnende Entschädigung für die

Benützung der Kuttlerei und ({ nach Massgabe der mit

den :!\fetzgern abgeschlossenen Privatverträge », wobei

ihm lediglich für den Absatz seiner Produkte näher be-

stimmte Höchstpreise vorgeschrieben sind. Danach han-

delt es sich bei der behördlichen Wahl des Schlachthaus-

kuttlers in \Virklichkeit um eine Art konzessionsmässige

Yerleihung des Kuttlereirechts im Schlachthause, bei der

die freie Konkurrenz aller die sachlichen Bedingungen

der Zulassung erfüllenden Bewerber nicht beeinträchtigt

werden darf (vergl. hiezu AS 39 I N° 33 Erw.2 S. 199).

Der Art. 9 des zugerischen Schlachthausreglements kann

somit dem Anspruche des Rekurrenten auf vorschrifts-

gemässe Ausübung seines Gewerbes im Schlachthause

zufolge der Garantie des Art. 31 BV in der Tat nicht

entgegengehalten werden. Dagegen steht seiner Zulassung

allerdings noch die vom Regierungsrat angerufene Ver-

fügung des Einwohnerrates der Stadt Zug vom 8. No-

vember 1913 entgegen, wonach ihm der Eintritt ins

Schlachthaus gemäss Art. 18 des Reglements «auf Ull-

AS 41 I -

1915

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Staatsrecht.

bestimmte Zeit. verboten worden ist. Allein diese Ver-

fügung wird heute, nach beinahe zwei Jahren. materiell

kaum mehr Geltung beanspruchen können; immerhin

ist sie mit Rücksicht auf ihren formellen Bestand im

vorliegenden Entscheide vorzubehalten.

Demnach hat das Bundesgericht

erkannt:

Der Rekurs wird in dem Sinne für begründet erklärt,.

dass in Abänderung des Entscheides des Regierungsrates

des Kantons Zug vom 11./12. März 1915. des Beschlusses-

des Sanitätsrates des Kantons Zug vom 27. Januar /9 ..

Februar 1915 und der Verfügungen der kantonalen Sani-

tätsdirektion vom 18. Februar und 4. März 1915 der

Einwohnerrat der Stadt Zug angewiesen wird, den Re-

kurrenten. unter Vorbehalt des ihm gegenüber ausge-.

sprochenen Verbotes vom 8. November 1913, zur Aus-

übung der Kuttlerei im Schlachthause von Zug zuzu-

lassen.

36. Arret du al octobre 1915

dans la cause Guichard. et Apollo Cinema contre Neucha.tel.

Cinematographes: Ne peut etre considere comme pro-

hibitif un impöt de 80 fr. par mois; la disposition excluant

des. representations cinematographiques des enfants äges de

molUS de 16 ans n'est contraire ni a la liberte du com-

merce, ni a la liberte individuelle, ni au prineipe de l'iga-

Jite devant la loi.

A. -

Le 1 er juin 1915 le Conseil d'Etat de Neuchätel

a rendu un arreie sur les cinematographes qui renferme

notamment les dispositions suivantes : .

« ART. 4. -

Il est interdit de recevoir dans les cinema-

» tographes des enfants äges de moins de 16 ans, que

)} ceux-ci soient ou non accompagnes de leurs parents on

» tuteurs.

Handels- und Gewerbefreiheit. N° 3G.

:W.-.

» Exeeption esl faite pour Jes represenlatiolls spcciah:-

» meul organisees en vue de la jeunesse, ~1\"ee l'asssenti-

» me nt et sous le contröle de l'autorite seolairc. Ces repre-

» sentations ne peuvent avoir lieu que l'apres-midi ct ne

\) doivent pas durer plus d'une heure ct demie.

» ART. 6. -

Les Conseils communaux Ollt Je droit d'exi-

» ger que les films soient soumis, avant Ia representatioll,

» a l'approbation de la police communale.

» S'ils usent de cette faculte, Hs desigllent une Commis-

») sion de contrölequi peut se faire exhiber,24 hcUJ't'c,

\) avant chaque representation, tous les films dOllt jCl

» production doit avoir lieu. DUlIs ce eas, SOllt sculs anfo-

I) rises a eire representes, les films qui ont re~u l'appro-

,) bation de Ja Commission de contröle.

»ART. 11. -

Outre les taxes per~U('s ü tencur dl'

I) l'art. 35 de Ja loi sur I'assistallce publique ct eIl com-

,) pensation des prestations qui eut' sontmposees POUI'

» Ia surveillallce des cillematographes par le reglemen!

» de police du feu, du 19 juillet 1912, et par je preseHl

» arrete, l'Etat et les communcs prelevl'nt sur tOllS !es

» einematographes pennunents uu droit fixe dl' 80 fr. par

I) mois, dont 40 f1'. reviennent a I'Etat et 40 Cl'. aux com-

)} munes.

» Si les rl'preselltatiolls u'ont lieu que d'une manier<:

» intermittente, le droit est de 5 fr. par representation.

» reparti par moitie entre I'Etat et Ia eommUlle. »

B. -

Pierre Guichard, directeur du Cillcma-Palaee, a

Keuchätel, et la Societe eil' I'Apollo Cinema-Pathe, egale-

ment a ~euehatel, ont forme en temps utile HUpreS du

Tribunal federal un recours de droit public tendant a

I'annulation :

a) de I'article 4, eil Lant qu'il intel'cHt de receyoir.

meme accompaglles de Jeurs parents ou tuteurs, les en-

fants äges de moins de 16 ans;

b) de l'article 6 eIl tant qu'il autorise les Conseils COl11-

munaux a se faire exhiber les t1lms 2·1 heures avant la

representation;