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299 Nr. 121 121. Wenn Art. 26, Ziff. l, Ahs. l MStG zutrifft (Notstand), ist der Angeklagte freizusprechen, nicht straflos zu erklãren (Art. 157 MStGO). Etat de nécessité. Lorsque le Tribunal applique l'art. 26, eh. l, al. l CPM, il ne doit pas se horner à déclarer l'accusé non punissahle, mais hien prononcer sa lihération (art. 26, eh. l, al. l CPM, art. 157 OJPPM). Stato di necessità. Quando il tribunale ritiene applicahile l'art. 26, cif. l, al. l CPM, non deve limitarsi a dichiarare l'accusato « non punihile », ma deve pronunciare anche la sua assoluzione (art. 26, cif. l, al. l CPM, art. 157 OGPPM). Die Tat, die jemand hegeht, um sein Gut a·us einer unmittelharen un d ni eh t anders ahwendharen Gef ahr zu erretten, « ist straflos », es w ar e denn, d er Tater hahe di e Gef ahr verschuldet o d er es habe ihm nach den Umstanden zugemutet werden konnen, das gefahrdete Gut preiszugeben (Art. 26, Ziff. l MStG, Art. 34, Ziff. l StGB). Die Wendung « ist straflos » findet sich auch in Art. 26, Ziff. 2 und 3 MStG und in Art. 34, Ziff. 2 StGB. Ãhnlich drücken sich Art. 25, Ahs. 2 MStG und Art. 33, Abs. 2 StGB aus, indem sie bestimmen, wer in entschuldharer Aufregung oder Bestürzung die Notwehr üherschreitet, hleihe straflos. Art. 25, Ahs. l MStG und Art. 33, Ahs. l StGB erklaren dagegen den, d er in N otwehr handelt, für '« herechtigt », d en Angriff in einer d en Umstanden angemessenen W eise ahzuwehren. Auch Art. 32 StGB unter- scheidet zwischen Taten, die das Gesetz « für erlauht », und solchen, die es « straflos >> erklart. Daraus ist in der I..~iteratur geschlossen worden, das Gesetz wolle üher die Rechtmassigkeit oder Rechtswidrigkeit der hloss '« straflosen » Tat nichts bestimmen, folglich konne auch eine im Not- stand hegangene Handlung rechtswidrig sein (Thormann/von Overbeck Art. 34. N. 3; H. B er li, Notstand und Notwehr im schweiz. Militarstraf- recht, Zürcher Diss. 1924/25 S. 23; C. Stooss., ZStrR 41 400 f.; vgl. E. Bragger, Der Notstand im schweiz. Strafrecht, Berner Diss. 1935/37 S. 123 ff.; Germann, das Verbrechen im neuen Strafrecht, Zürich 1942 S. 214; zum deutschen Recht z.B. Mezger, Strafrecht, 3. Aufl. Berlin/ München 1949 S. 369; Schonke, Straf gesetzbuch § 54 B em. II un d VI). Dem ist nicht beizupflichten. Art. 25 und 26 MStG stehen unter dem gemeinsamen Randtitel « rechtmassige Handlungen », und das gleiche trifft zu für Art. 32-34 StGB. Darin kommt zum Ausdruck, dass eine
Nr. 121 300 Handlung, ohwohl sie im ührigen alle ohjektiven und suhjektiven Merk- male eines V ergehens o d er V erhrechens aufweist; dann ni eh t gegen das Gesetz verstosst, wenn sie unter den in den erwahnten Artikeln umschrie- henen hesonderen Umstanden begangen wird (Gysin, ZSchwR nF 45 93; Hafter, Lehrbuch des schweiz. Strafrechts, allgemeiner Teil, 2. Aufl. 156 f.; Logoz, Commentaire du Code pénal suisse Art. 34 N. 12; zum auslandischen Recht vgl. z. B. von Hippel, Deutsches Strafrecht, Berlin 1930 2 231 ff., und Lehrhuch des Strafrechts, B er lin 1932 S. 118 f.; Gerland, Deutsches Reichsstrafrecht, 2. Aufl., Berlin/Leipzig 1932' S. 150; Rittler, Lehrhuch des osterreichischen Straf rechts, 2, Aufl. W i en 1954 s. 142 ff.). Das entspricht auch natürlicher Betrachtung. Die in F.rage stehen- den Bestimmungen ordnen Falle, in denen gegensatzliche Interessen auf- einanderstossen. Indem das Gesetz dazu Stellung nimmt, zieht es die Grenze, his zu welcher der Tater zum Schutze seines Gutes oder des Gutes eines Dritten gehen darf. üherschreitet er sie nicht, so vergeht er sich nicht gegen das Gesetz. Dabei ist denkhar, dass seine Handlung in jeder Beziehung rechtmassig hleiht, wie namentlich die von der Amts- oder Berufspflicht gebotene Tat und die Abwehr eines unherechtigten Angriffs (Notwehr). Es giht aher auch Handlungen, die sich nur mit d em Straf gesetz vertragen, dagegen di e in anderen Gesetzen vorgesehe- nen privatrechtlichen oder offentlichrechlichen Folgen hahen, wie z. B. die im Notstand hegangene Tat, die zu Schadenersatz verpflichten kann (Art. 52, Ahs. 2 OR, Art. 701 ZGB). Das mag der Grund sein, wesl1alh das Gesetz im einen Fali die Tat als « gehoten » oder '« erlaubt » oder den Tater « herechtigt » erklart (Art. 32, 33, Ahs. l StGB, Art. 25, Ahs. l MStG), in anderen Fallen dagegen n ur hestimmt, si e sei en '« straflos ». Sei dem wie ihn1 wolle, ist jedenf alls au eh die vom Gesetz als « straflos » hezeichnete Tat unter dem Gesichtspunkt des Strafrechts dank der be- sonderen Umstãnde, in der sie verübt wird, eine rechtmãssige Handlung, oder, wie die Entwürfe sagten (siehe Entwurf des MStG Art. 26, BBI 1918 V 413; Vorentwurf zum StGB, Fassung April1908 Art. 27; Entwurf zum StGB Art. 33) un d Art. 32 StGB ausdrücklich bestimmt, « kein Vergehen » oder '« kein Verhrechen » (vgl. BGE 73 IV 262). W er sie hegeht, verstosst ni eh t gegen di e vom Straf gesetzgeber auf gestellte Ord- nung und kann daher nicht schuldig erklãrt werden. Dass die gleiche Handlung Strafe nach sich zoge,- wenn der Tãter sie nicht im Notstand beginge, ãndert nicl1ts. Schuldig ist n ur, w er d ur eh sein Tun o d er Unter- lassen unter den Umstiinden des konkreten Falles gegen das Strafgesetz verstosst, nicht auch, wer dies nur dann tãte, wenn der Sachverhalt ein anderer wãre. Eine Tat, die im einzelnen Falle « kein Vergehen » und « kein Verhrechen » ist, kann n ur Freisprechung zur Folge hahen (vgl. BGE 77 IV 197).