Sachverhalt
Anna Mächler, Fabrikarbeiterin und später
Bäuerin, die sich im Jahre 1936 oder 1937 durch Ernst
Zopfi hatte die Leibesfrucht abtreiben lassen, ging ab 1939
ll6
Strafgesetzbuch. N° 28.
nach der von Zopfi angewendeten Methode mit Instru-
menten, die sie eigens zu diesem Zwecke zurichtete, in
zahlreichen Fällen darauf aus, Schwangeren die Leibes-
frucht abzutreiben. Das Obergericht des Kantons Appen-
zell A.Rh„ vor dem sie sich in zweiter Instanz zu verant-
worten hatte, nahm mit Urteil vom 20. April 1953 an, die
vor dem 8. November 1941 begangenen Handlungen seien
verjährt. Dagegen verurteilte es Anna Mächler in Anwen-
dung der Art. 119 Ziff. 3, 22 Abs. 1, 23 Abs. 1, 11, 63, 66,
68 und 69 StGB wegen in den Jahren 1942 bis 1951 began-
gener 27 vollendeter Abtreibungen, zweier vollendeter
Abtreibungsversuche und zweier untauglicher Abtreibungs-
versuche zu zwei Jahren Gefängnis.
Es führte aus, mit wenigen Ausnahmen von Eingriffen
an Verwandten und gut Bekannten habe sich die Ange-
klagte für ihre Tätigkeit stets bezahlen lassen, sei es, dass
sie das Entgelt verlangt oder dass sie es ohne besonderes
Begehren entgegengenommen habe. In einem Falle habe
sie Fr. 5.- erhalten, in der Mehrzahl der Fälle Fr. 15.-
bis 30.- und in sechs Fällen Fr. 50.- bis 150.-. Insge-
samt habe sie aus den in den Jahren 1942 bis 1951 ausge-
führten Abtreibungshandlungen etwa Fr. 1100.- gelöst.
In vereinzelten Fällen habe sie auch Naturalien als Ent-
gelt angenommen. Ihre Handlungen hätten ihr einen, wenn
auch unbedeutenden Nebenverdienst eingetragen. In den
Jahren 1948 bis 1951 habe sie für ihre verbotenen Eingriffe
rund Fr. 600.- eingenommen. Die Einnahmen aus den
Abtreibungen seien bei der Begehung der Taten mitbe-
stimmend gewesen, sage die Angeklagte doch, sie habe sich
nicht in einer Notlage befunden, ihr Einkommen und das
ihres Ehemannes seien aber nicht gross, weshalb sie abge-
trieben und sich dadurch ihre Einnahmen etwas vergrös-
sert habe. Damit habe sie zugegeben, dass sie es auf ein
Erwerbseinkommen abgesehen gehabt habe. Es sei zwar
glaubwürdig, dass sie vor allem aus Widerstandsschwäche
und aus einem gewissen Erbarmen mit den Schwangeren
gehandelt und eine Befriedigung dabei gefunden habe,
Strafgesetzbuch. No 28.
117
nachdem sie ein erstes Mal die Anleitung des Zopfi erfolg-
reich angewendet habe. Sei die Erwerbsabsicht demnach
nicht der einzige oder vorherrschende Beweggrund gewe-
sen, so genüge zur Gewerbsmässigkeit der Abtreibungen
doch, dass die Angeklagte die Absicht auf einen, wenn auch
geringen Nebenerwerb gehabt habe. Sie sei in den letzten
Jahren unter dem Einfluss der :Mitangeklagten David, die
ihr beigebracht habe, sie solle doch für die Eingriffe mehr
verlangen, in stärkerem Masse auf ein Erwerbseinkommen
ausgegangen. Sie habe übrigens schon in der ersten Zeit
verschiedene Male für ihre Eingriffe ausdrücklich ein Ent-
gelt verlangt und habe ihre Taten in den übrigen Fällen
durch die nachherige Annahme der Vergütung doch zur
Erwerbsquelle gemacht, womit sie gezeigt habe, dass es
ihr recht war, belohnt zu werden. Sie habe mit der Ver-
gütung auch zum voraus gerechnet. Habe sie ihre Hem-
mungen vorwiegend aus sozialen Erwägungen fallen gelas-
sen, so seisie doch auch durch die Aussicht auf Verdienst
zu ihren Abtreibungshandlungen bewogen worden. Sie habe
somit die Abtreibungen gewerbsmässig begangen.
B. -
Anna Mächler führt Nichtigkeitsbeschwerde mit
dem Antrag, das Urteil sei aufzuheben und das Obergericht
anzuweisen, die Strafe neu festzusetzen, unter Verneinung
der Gewerbsmässigkeit der Abtreibungen.
Sie bestreitet die Gewerbsmässigkeit, weil die << Erwerbs-
absicht oder Gewinnsucht >> fehle. Das Obergericht sei
bei seinen Feststellungen über die Gewinnsucht von einem
unzutreffenden Begriff der Erwerbsabsicht ausgegangen.
Es habe übersehen, dass die Gewerbsmässigkeit bei einem
Vermögensdelikt einen ganz anderen Charakter habe als
bei einem anderen Delikt. Die Beschwerdeführerin habe
nur genommen, was man ihr gegeben habe. Die Beträge
seien, ausgenommen in den späteren Fällen, eigentlich nur
Trinkgelder, Spesenersatz gewesen. Sie seien so lächerlich
gering, dass man aus ihrer Annahme nicht ohne weiteres
auf Erwerbsabsicht schliessen könne. Im täglichen Leben
würden für kleine Dienste oft Trinkgelder angenommen,
118
Strafgesetzbuch. No 28.
ohne dass sie für die Dienstleistung bestimmend oder auch
nur mitbestimmend seien. Es müsse in allen Fällen unter-
sucht werden, ob die Handlungen wegen der Entschädigung
ausgeübt worden seien oder ob sie auch ohne solche began-
gen worden wären. Während bei den Vermögensdelikten
nichts darauf ankomme, ob die Tat wesentlich wegen des
Erwerbes oder auch noch aus anderen Gründen erfolge,
setze die Gewerbsmässigkeit bei den nicht gegen das Ver-
mögen gerichteten Delikten voraus, dass die Erwerbsab-
sicht weit stärker hervortrete. Da festgestellt sei, dass die
Haupttriebfeder der Beschwerdeführerin im Erbarmen und
in der Kompensation von Minderwertigkeitsgefühlen, d.h.
im Willen, etwas zu bedeuten und anderen zu helfen, be-
standen habe, gehe es nicht an, nur deshalb auf gewinn-
süchtige Absicht zu schliessen, weil die Beschwerdeführerin
Trinkgelder angenommen habe. Auch aus den späteren,
etwas höheren Beträgen ergebe sich diese Absicht nicht,
weil die Höhe der Gelder nicht von der Beschwerdeführerin,
sondern von Frau David bestimmt worden sei. Mit der
hohen Mindeststrafe von drei Jahren Zuchthaus für ge-
werbsmässige Abtreibung habe der Gesetzgeber jene Ab-
treiber treffen wollen, die in gewinnsüchtiger Absicht,
skrupellos, gewissermassen berufsmässig, rein um des
Erwerbes willen ihr Handwerk betreiben.
Der Kassationshof zieht
Erwägungen (2 Absätze)
E. 1 Nach der Rechtsprechung des Bundesgerichtes ver-
geht sich gewerbsmässig, wer in der Absicht, zu einem
Erwerbseinkommen zu gelangen, und mit der Bereitschaft,
gegen unbestimmt viele zu handeln, die Tat wiederholt
(BGE 79 IV 11).
Die Beschwerdeführerin bestreitet nur die Absicht, zu
einem Erwerbseinkommen zu gelangen. Dieses Merkmal
ist indessen nicht identisch mit Gewinnsucht, etwa im
Sinne von Art. 48 Ziff. 1 Abs. 2 StGB, d.h. mit einem beson-
ders ausgeprägten, zur Sucht gewordenen Streben nach
Gewinn. Es ist immer schon dann erfüllt, wenn der Täter
1
b
1
Strafgesetzbuch. No 28.
119
das Verbrechen zur Quelle des Erwerbes machen will.
Dass dieser sein ausschliessliches oder sein hauptsächliches
Einkommen sei, ist nicht nötig; es kann wie das Einkom-
men aus erlaubter gewerblicher Tätigkeit dem Täter blos-
sen Nebenverdienst eintragen (BGE 74 IV 142, 76 IV 240,
79 IV 12). Es braucht auch nicht ständig und regelmässig
zu fliessen; wie ein erlaubtes Gewerbe öfters nur saison-
mässig oder nur bei Gelegenheiten bestimmter Art ausge-
übt wird, kann auch der gewerbsmässig handelnde Ver-
brecher seine Tätigkeit auf bestimmte Gelegenheiten be-
schränken (BGE 71 IV 85, 115). Ebensowenig erfordert
die Gewerbsmässigkeit, dass die Absicht, sich durch das
Verbrechen Einnahmen zu verschaffen, einziger oder vor-
herrschender Beweggrund sei (BGE 72 IV 110, 78 IV 156,
79 IV 13). Es besteht kein Grund, für strafbare Handlun-
gen, die nicht gegen das Vermögen gerichtet sind, eine Aus-
nahme zu machen, zumal gerade bei diesen Handlungen
der Wille des Täters, sich Vermögensvorteile zu verschaf-
fen, das Delikt besonders verwerflich macht, da er nicht
schon auch in den einfachen Fällen zu den Tatbestands-
merkmalen gehört. Das Bundesgericht hat denn auch
wiederholt gerade in Fällen von Abtreibung entschieden,
es stehe der Annahme von Gewerbsmässigkeit nicht im
Wege, wenn der Täter nur nebenbei auch durch die Er-
werbsabsicht zum Verbrechen bewogen worden sei. Uner-
heblich ist auch, ob das Einkommen aus der gewerblichen
Betätigung gross ist und ob es den Leistungsaufwand gut
oder schlecht belohnt; auf den tatsächlich erzielten Ver-
dienst kommt überhaupt nichts an, sondern nur darauf,
ob der Täter es auf ein Erwerbseinkommen abgesehen hat.
Sogar subjektiv, in der Absicht des Täters, braucht dieses
nicht gross zu sein {BGE 74 IV 141, 79 IV 13). Auf die Rüge
der Beschwerdeführerin, die eingenommenen Vergütungen
seien so gering gewesen, dass sie nur als Trinkgelder ge-
würdigt werden könnten, kommt deshalb nichts an. Uner-
heblich ist auch, ob die Beschwerdeführerin die Preise in
der letzten Zeit ihrer verbrecherischen Tätigkeit aus eige-
120
Strafgesetzbuch. N• 29.
nem Antrieb oder auf Anraten einer Drittperson erhöht
hat.
E. 2 Dass die Beschwerdeführerin im Sinne obiger Aus- führungen in der Absicht gehandelt hat, zu einem Erwerbs- einkommen zu gelangen, ergibt sich aus den tatsächlichen, den Kassationshof bindenden Feststellungen der Vorin- stanz, die mit der Nichtigkeitsbeschwerde nicht angefoch- ten werden können, auch nicht mit der Begründung, es müssten an den Nachweis der Erwerbsabsicht strengere Anforderungen gestellt werden, weil die Beschwerdefüh- rerin vorwiegend aus Mitleid mit den Schwangeren und zur Kompensation von l\finderwertigkeitsgefühlen gehan- delt habe (Art. 277bis Abs. 1, 273 Abs. 1 lit. b BStP). So- weit die Beschwerdeführerin diese Feststellung zu erschüt- tern versucht, ist auf die Beschwerde nicht einzutreten. Im übrigen ist sie abzuweisen, weil sie an die Absicht, zu einem Erwerbseinkommen zu gelangen, unzutreffende rechtliche Anforderungen stellt. Demnach erkennt der Kassationshof: Die Nichtigkeitsbeschwerde wird abgewiesen, soweit auf sie eingetreten werden kann.
Volltext (verifizierbarer Originaltext)
28. Urteil des Kassationshofes vom 2. Juli 1953 i. S. Mächler
gegen Justizdirektion des Kantons Appenzell-A.Rh.
Art. 119 Ziff. 3 Abs. 2 StGB. Begriff der Gewerbsmäasigkeit.
Art. 119 eh. 3 al. 2 OP. Sens de l'expression : faire metier de l'avor-
tement.
Art. 119 cifra 3 cp. 2 OP. Far mestiere del reato.
A. -
Anna Mächler, Fabrikarbeiterin und später
Bäuerin, die sich im Jahre 1936 oder 1937 durch Ernst
Zopfi hatte die Leibesfrucht abtreiben lassen, ging ab 1939
ll6
Strafgesetzbuch. N° 28.
nach der von Zopfi angewendeten Methode mit Instru-
menten, die sie eigens zu diesem Zwecke zurichtete, in
zahlreichen Fällen darauf aus, Schwangeren die Leibes-
frucht abzutreiben. Das Obergericht des Kantons Appen-
zell A.Rh„ vor dem sie sich in zweiter Instanz zu verant-
worten hatte, nahm mit Urteil vom 20. April 1953 an, die
vor dem 8. November 1941 begangenen Handlungen seien
verjährt. Dagegen verurteilte es Anna Mächler in Anwen-
dung der Art. 119 Ziff. 3, 22 Abs. 1, 23 Abs. 1, 11, 63, 66,
68 und 69 StGB wegen in den Jahren 1942 bis 1951 began-
gener 27 vollendeter Abtreibungen, zweier vollendeter
Abtreibungsversuche und zweier untauglicher Abtreibungs-
versuche zu zwei Jahren Gefängnis.
Es führte aus, mit wenigen Ausnahmen von Eingriffen
an Verwandten und gut Bekannten habe sich die Ange-
klagte für ihre Tätigkeit stets bezahlen lassen, sei es, dass
sie das Entgelt verlangt oder dass sie es ohne besonderes
Begehren entgegengenommen habe. In einem Falle habe
sie Fr. 5.- erhalten, in der Mehrzahl der Fälle Fr. 15.-
bis 30.- und in sechs Fällen Fr. 50.- bis 150.-. Insge-
samt habe sie aus den in den Jahren 1942 bis 1951 ausge-
führten Abtreibungshandlungen etwa Fr. 1100.- gelöst.
In vereinzelten Fällen habe sie auch Naturalien als Ent-
gelt angenommen. Ihre Handlungen hätten ihr einen, wenn
auch unbedeutenden Nebenverdienst eingetragen. In den
Jahren 1948 bis 1951 habe sie für ihre verbotenen Eingriffe
rund Fr. 600.- eingenommen. Die Einnahmen aus den
Abtreibungen seien bei der Begehung der Taten mitbe-
stimmend gewesen, sage die Angeklagte doch, sie habe sich
nicht in einer Notlage befunden, ihr Einkommen und das
ihres Ehemannes seien aber nicht gross, weshalb sie abge-
trieben und sich dadurch ihre Einnahmen etwas vergrös-
sert habe. Damit habe sie zugegeben, dass sie es auf ein
Erwerbseinkommen abgesehen gehabt habe. Es sei zwar
glaubwürdig, dass sie vor allem aus Widerstandsschwäche
und aus einem gewissen Erbarmen mit den Schwangeren
gehandelt und eine Befriedigung dabei gefunden habe,
Strafgesetzbuch. No 28.
117
nachdem sie ein erstes Mal die Anleitung des Zopfi erfolg-
reich angewendet habe. Sei die Erwerbsabsicht demnach
nicht der einzige oder vorherrschende Beweggrund gewe-
sen, so genüge zur Gewerbsmässigkeit der Abtreibungen
doch, dass die Angeklagte die Absicht auf einen, wenn auch
geringen Nebenerwerb gehabt habe. Sie sei in den letzten
Jahren unter dem Einfluss der :Mitangeklagten David, die
ihr beigebracht habe, sie solle doch für die Eingriffe mehr
verlangen, in stärkerem Masse auf ein Erwerbseinkommen
ausgegangen. Sie habe übrigens schon in der ersten Zeit
verschiedene Male für ihre Eingriffe ausdrücklich ein Ent-
gelt verlangt und habe ihre Taten in den übrigen Fällen
durch die nachherige Annahme der Vergütung doch zur
Erwerbsquelle gemacht, womit sie gezeigt habe, dass es
ihr recht war, belohnt zu werden. Sie habe mit der Ver-
gütung auch zum voraus gerechnet. Habe sie ihre Hem-
mungen vorwiegend aus sozialen Erwägungen fallen gelas-
sen, so seisie doch auch durch die Aussicht auf Verdienst
zu ihren Abtreibungshandlungen bewogen worden. Sie habe
somit die Abtreibungen gewerbsmässig begangen.
B. -
Anna Mächler führt Nichtigkeitsbeschwerde mit
dem Antrag, das Urteil sei aufzuheben und das Obergericht
anzuweisen, die Strafe neu festzusetzen, unter Verneinung
der Gewerbsmässigkeit der Abtreibungen.
Sie bestreitet die Gewerbsmässigkeit, weil die << Erwerbs-
absicht oder Gewinnsucht >> fehle. Das Obergericht sei
bei seinen Feststellungen über die Gewinnsucht von einem
unzutreffenden Begriff der Erwerbsabsicht ausgegangen.
Es habe übersehen, dass die Gewerbsmässigkeit bei einem
Vermögensdelikt einen ganz anderen Charakter habe als
bei einem anderen Delikt. Die Beschwerdeführerin habe
nur genommen, was man ihr gegeben habe. Die Beträge
seien, ausgenommen in den späteren Fällen, eigentlich nur
Trinkgelder, Spesenersatz gewesen. Sie seien so lächerlich
gering, dass man aus ihrer Annahme nicht ohne weiteres
auf Erwerbsabsicht schliessen könne. Im täglichen Leben
würden für kleine Dienste oft Trinkgelder angenommen,
118
Strafgesetzbuch. No 28.
ohne dass sie für die Dienstleistung bestimmend oder auch
nur mitbestimmend seien. Es müsse in allen Fällen unter-
sucht werden, ob die Handlungen wegen der Entschädigung
ausgeübt worden seien oder ob sie auch ohne solche began-
gen worden wären. Während bei den Vermögensdelikten
nichts darauf ankomme, ob die Tat wesentlich wegen des
Erwerbes oder auch noch aus anderen Gründen erfolge,
setze die Gewerbsmässigkeit bei den nicht gegen das Ver-
mögen gerichteten Delikten voraus, dass die Erwerbsab-
sicht weit stärker hervortrete. Da festgestellt sei, dass die
Haupttriebfeder der Beschwerdeführerin im Erbarmen und
in der Kompensation von Minderwertigkeitsgefühlen, d.h.
im Willen, etwas zu bedeuten und anderen zu helfen, be-
standen habe, gehe es nicht an, nur deshalb auf gewinn-
süchtige Absicht zu schliessen, weil die Beschwerdeführerin
Trinkgelder angenommen habe. Auch aus den späteren,
etwas höheren Beträgen ergebe sich diese Absicht nicht,
weil die Höhe der Gelder nicht von der Beschwerdeführerin,
sondern von Frau David bestimmt worden sei. Mit der
hohen Mindeststrafe von drei Jahren Zuchthaus für ge-
werbsmässige Abtreibung habe der Gesetzgeber jene Ab-
treiber treffen wollen, die in gewinnsüchtiger Absicht,
skrupellos, gewissermassen berufsmässig, rein um des
Erwerbes willen ihr Handwerk betreiben.
Der Kassationshof zieht in Erwägung:
1. -
Nach der Rechtsprechung des Bundesgerichtes ver-
geht sich gewerbsmässig, wer in der Absicht, zu einem
Erwerbseinkommen zu gelangen, und mit der Bereitschaft,
gegen unbestimmt viele zu handeln, die Tat wiederholt
(BGE 79 IV 11).
Die Beschwerdeführerin bestreitet nur die Absicht, zu
einem Erwerbseinkommen zu gelangen. Dieses Merkmal
ist indessen nicht identisch mit Gewinnsucht, etwa im
Sinne von Art. 48 Ziff. 1 Abs. 2 StGB, d.h. mit einem beson-
ders ausgeprägten, zur Sucht gewordenen Streben nach
Gewinn. Es ist immer schon dann erfüllt, wenn der Täter
1
b
1
Strafgesetzbuch. No 28.
119
das Verbrechen zur Quelle des Erwerbes machen will.
Dass dieser sein ausschliessliches oder sein hauptsächliches
Einkommen sei, ist nicht nötig; es kann wie das Einkom-
men aus erlaubter gewerblicher Tätigkeit dem Täter blos-
sen Nebenverdienst eintragen (BGE 74 IV 142, 76 IV 240,
79 IV 12). Es braucht auch nicht ständig und regelmässig
zu fliessen; wie ein erlaubtes Gewerbe öfters nur saison-
mässig oder nur bei Gelegenheiten bestimmter Art ausge-
übt wird, kann auch der gewerbsmässig handelnde Ver-
brecher seine Tätigkeit auf bestimmte Gelegenheiten be-
schränken (BGE 71 IV 85, 115). Ebensowenig erfordert
die Gewerbsmässigkeit, dass die Absicht, sich durch das
Verbrechen Einnahmen zu verschaffen, einziger oder vor-
herrschender Beweggrund sei (BGE 72 IV 110, 78 IV 156,
79 IV 13). Es besteht kein Grund, für strafbare Handlun-
gen, die nicht gegen das Vermögen gerichtet sind, eine Aus-
nahme zu machen, zumal gerade bei diesen Handlungen
der Wille des Täters, sich Vermögensvorteile zu verschaf-
fen, das Delikt besonders verwerflich macht, da er nicht
schon auch in den einfachen Fällen zu den Tatbestands-
merkmalen gehört. Das Bundesgericht hat denn auch
wiederholt gerade in Fällen von Abtreibung entschieden,
es stehe der Annahme von Gewerbsmässigkeit nicht im
Wege, wenn der Täter nur nebenbei auch durch die Er-
werbsabsicht zum Verbrechen bewogen worden sei. Uner-
heblich ist auch, ob das Einkommen aus der gewerblichen
Betätigung gross ist und ob es den Leistungsaufwand gut
oder schlecht belohnt; auf den tatsächlich erzielten Ver-
dienst kommt überhaupt nichts an, sondern nur darauf,
ob der Täter es auf ein Erwerbseinkommen abgesehen hat.
Sogar subjektiv, in der Absicht des Täters, braucht dieses
nicht gross zu sein {BGE 74 IV 141, 79 IV 13). Auf die Rüge
der Beschwerdeführerin, die eingenommenen Vergütungen
seien so gering gewesen, dass sie nur als Trinkgelder ge-
würdigt werden könnten, kommt deshalb nichts an. Uner-
heblich ist auch, ob die Beschwerdeführerin die Preise in
der letzten Zeit ihrer verbrecherischen Tätigkeit aus eige-
120
Strafgesetzbuch. N• 29.
nem Antrieb oder auf Anraten einer Drittperson erhöht
hat.
2. -
Dass die Beschwerdeführerin im Sinne obiger Aus-
führungen in der Absicht gehandelt hat, zu einem Erwerbs-
einkommen zu gelangen, ergibt sich aus den tatsächlichen,
den Kassationshof bindenden Feststellungen der Vorin-
stanz, die mit der Nichtigkeitsbeschwerde nicht angefoch-
ten werden können, auch nicht mit der Begründung, es
müssten an den Nachweis der Erwerbsabsicht strengere
Anforderungen gestellt werden, weil die Beschwerdefüh-
rerin vorwiegend aus Mitleid mit den Schwangeren und
zur Kompensation von l\finderwertigkeitsgefühlen gehan-
delt habe (Art. 277bis Abs. 1, 273 Abs. 1 lit. b BStP). So-
weit die Beschwerdeführerin diese Feststellung zu erschüt-
tern versucht, ist auf die Beschwerde nicht einzutreten.
Im übrigen ist sie abzuweisen, weil sie an die Absicht, zu
einem Erwerbseinkommen zu gelangen, unzutreffende
rechtliche Anforderungen stellt.
Demnach erkennt der Kassationshof:
Die Nichtigkeitsbeschwerde wird abgewiesen, soweit auf
sie eingetreten werden kann.