opencaselaw.ch

78_I_294

BGE 78 I 294

Bundesgericht (BGE) ·I · 1952-12-10 · Deutsch CH
Quelle Original Export Word PDF BibTeX RIS
Sachverhalt

Der Beschwerdeführer Fritz Mommendey und sein

gleichnamiger Sohn sind Teilhaber der Kollektivgesellschaft

Fritz Mommendey & Sohn, Blechwarenfabrik in Rappers-

wil. Am 18. Januar 1952 erhob der Sohn beim Bezirksge-

richt See in Uznach Klage mit den Begehren, die Gesell-

schaft aus wichtigen, beim Vater liegenden Gründen auf-

zulösen und den Sohn berechtigt zu erklären, das Geschäft

allein fortzusetzen (Ziff. 1 bis 5); ferner verlangte er vom

Vater Rückzahlung eines Darlehens und Bezahlung eines

Betrages für gewisse Dienstleistungen (Ziff. 6 und 7). Der

Vater antwortete mit Eingabe vom 2. Februar, indem er,

wegen Zuständigkeit des Handelsgerichts nach Art. 63

Ziff. 1 ZPO, die sachliche Zuständigkeit des Bezirksgerichts

See bestritt und unter Berufung auf Art. 198 ZPO ersuchte,

zunächst über diese Frage zu entscheiden.

Das Bezirksgericht See schützte die Unzuständigkeits-

einrede inbezug auf die klägerischen Rechtsbegehren 1

bis 5, wies sie dagegen inbezug auf die Rechtsbegehren

6 und 7 ab. Dieser Entscheid wurde den Parteien am 30.

April 1952 zugestellt mit der falschen Rechtsmittelbeleh-

rung, dass dagegen innert vierzehn Tagen (statt bloss

sieben; Art. 198 ZPO) die Berufung an das Kantonsgericht

ergriffen werden könne.

Am 14. Mai 1952 reichte der Vertreter des Vaters beim

Kantonsgericht Berufung ein mit dem Antrag, die Unzu-

ständigkeitseinrede auch hinsichtlich der Rechtsbegehren

6 und 7 zu schützen. Gleichzeitig stellte er das Gesuch,

ihn inbezug auf die versäumte Berufungsfrist wieder in

den vorigen Stand einzusetzen, indem er bezw. sein Ver-

treter geltend machte : Auf Grund der Rechtsmittelbeleh-

rung habe sein Kanzleipersonal den Ablauf der Berufungs-

frist auf den 14. Mai vorgemerkt, da keine Veranlassung

bestanden habe diese dem Art. 414 ZPO entsprechende

Frist auf ihre Richtigkeit hin zu überprüfen. Erst beim

nunmehrigen Studium der Sache habe er festgestellt, dass

296

Staatsrecht.

er einem dem Bezirksgericht unterlaufenen Versehen zum

Opfer gefallen sei und die Frist nach Art. 198 ZPO nur

7 Tage betrage. Da die Fristansetzung nicht formgerecht

erfolgt sei, habe "er nach Art. 132 ZifI. 1 ZPO Anspruch

auf Wiedereinsetzung in den vorigen Stand.

Das Kantonsgericht trat am 31. Mai 1952 auf die Be-

rufung nicht ein. Die Voraussetzungen der Wiederein-

setzung gemäss Art. 132 ZifI. 1 ZPO seien nicht erfüllt

(wird näher ausgeführt). Die bundesgerichtliehe Praxis,

die im Nichteintreten auf ein gemäss einer unrichtigen

Rechtsmittelbelehrung eingereichtes Rechtsmittel eine

Rechtsverweigerung erblicke (BGE 76 I 187, 77 I 273),

rufe erheblichen Bedenken. Sie möge sich vielleicht für

das Administrativverfahren rechtfertigen, nicht aber für

den Zivilprozess, zumal wenn die Partei wie hier durch

einen Anwalt vertreten sei, dem eine grössere Vorsichts-

und Diligenzpflicht obliege als einer rechts unkundigen

Partei, an die sich die Rechtsmittelbelehrung in erster

Linie wende. Im vorliegenden Falle komme noch hinzu,

dass der Anwalt des Beklagten nicht erst beim Studium

der Berufungseingabe auf Art. 198 ZPO gestossen, sondern

schon früher damit vertraut geworden sei, habe er sich

doch bereits in seiner Klageantwort vom 2. Februar 1952

darauf berufen.

B. -

Mit rechtzeitiger staatsrechtlicher Beschwerde be-

antragt Fritz Mommendey Vater, diesen Entscheid des

Kantonsgerichts wegen Verletzung von Art. 4 BV aufzu-

heben, da er auf einer willkürlichen Auslegung von Art.

132 Ziff. 1 ZPO beruhe und auf eine Verweigerung des

rechtlichen Gehörs hinauslaufe.

Das Bundesgericht weist die Beschwerde ab.

Auz den Erwägungen:

1. -

(Prozessuales).

2. -

(Ausführungen darüber, dass der angefochtene

Entscheid nicht auf einer willkürlichen Auslegung von

Art. 132 Ziff. 1 ZPO beruhe).

~I

~

I

"~

f i

Rechtsgleichheit (Rechtsverweigerung). N° 46.

297

3. -

Als unbegründet erweist sich auch die Rüge, der

unmittelbar aus Art. 4 BV folgende Anspruch auf recht-

liches Gehör sei verletzt. Das Bundesgericht hat sich zwar,

unter Berufung auf den auch für die Verwaltungs- und

Gerichtsbehörden geltenden Grundsatz von Treu und

Glauben, in ständiger Rechtsprechung auf den Standpunkt

gestellt, dass dem Rechtsuchenden, der sich auf eine von

der zuständigen Behörde erteilte, sachlich unrichtige

Rechtsmittelbelehrung verlassen hat und verlassen durfte,

daraus kein Nachteil erwachsen dürfe (BGE 76 I 189, 77

I 274). Auch gilt diese Rechtsprechung, an der festzuhalten

ist, nicht nur für das Administrativverfahren, auf das

sich die beiden veröffentlichten Urteile beziehen; das

Bundesgericht hat vielmehr die dort aufgestellten Grund-

sätze wiederholt auch auf den Zivilprozess entsprechend

angewandt (nicht veröffentl. . Urteile vom 3. Januar 1951

i. S. Frey c. Bosshard und Obergericht Baselland, vom

24. Oktober 1951 i. S. Malluquin c. Savary und Cour de

justice de Geneve und vom 9. Juli 1952 i. S. Egger c.

Hürlimann und Kantonsgericht Schwyz). Voraussetzung

ist jedoch in jedem Falle, dass die Partei oder ihr Vertreter

sich auf die unrichtige Rechtsmittelbelehrung verlassen

durfte, d. h. keinen Grund hatte, an ihrer Richtigkeit zu

zweifeln, oder, sofern sie missverständlich ist, durch sie

in Irrtum versetzt wurde. Das kommt in den veröffentlich-

ten Entscheiden, wo der Beschwerdeführer jeweils von

der Unrichtigkeit der Rechtsmittelbelehrung unbestritte-

nermassen keine Kenntnis hatte (BGE 76 I 190), nicht

zum Ausdruck, wurde aber stets als selbstverständlich

betrachtet. So heisst es im angeführten Urteil i. S. Frey

(S. 6) : « Dass eine Partei oder ihr Vertreter, denen die

Voraussetzungen eines Rechtsmittels bekannt sind, sich

nicht auf unrichtige Rechtsbelehrung berufen können,

wenn dem Richter bei dieser ein ganz offensichtlicher

Irrtum unterläuft, versteht sich von selbst» (ähnlich das

erwähnte Urteil i. S. Egger). Im vorliegenden Falle waren

dem Vertreter des Beschwerdeführers die Voraussetzun-

298

Staatsrecht.

gen der Berufung bekannt, da er den Art. 198 ZPO,

wonach die Berufungsfrist nur 7 Tage beträgt, selber

angerufen hat in seiner Eingabe vom 2. Februar 1952,

mit der er die Zuständigkeit des Bezirksgericht bestritten

hat. Er wurde durch die offensichtlich unrichtige Rechts-

mittelbelehrung nicht in einen Irrtum versetzt, sondern

versäumte die Frist, weil er sich auf sein Kanzleipersonal

verliess und sich erst am letzten, von diesem vorgemerkten

Tage mit der Sache befasste. Er hat damit das ihm zuzu-

mutende Mass an Sorgfalt und Vorsicht nicht gewahrt,

weshalb sich auch die unmittelbar aus Art. 4 BV abge-

leitete Rüge der Gehörsverweigerung als unbegründet

erweist.

11. HANDELS- UND GEWERBEFREIHEIT

LIBERTE DU COMMERCE ET DE L'INDUSTRIE

Erwägungen (3 Absätze)

E. 1 (Prozessuales).

E. 2 (Ausführungen darüber, dass der angefochtene Entscheid nicht auf einer willkürlichen Auslegung von Art. 132 Ziff. 1 ZPO beruhe). ~I ~ I "~ f i Rechtsgleichheit (Rechtsverweigerung). N° 46. 297

E. 3 Als unbegründet erweist sich auch die Rüge, der

unmittelbar aus Art. 4 BV folgende Anspruch auf recht-

liches Gehör sei verletzt. Das Bundesgericht hat sich zwar,

unter Berufung auf den auch für die Verwaltungs- und

Gerichtsbehörden geltenden Grundsatz von Treu und

Glauben, in ständiger Rechtsprechung auf den Standpunkt

gestellt, dass dem Rechtsuchenden, der sich auf eine von

der zuständigen Behörde erteilte, sachlich unrichtige

Rechtsmittelbelehrung verlassen hat und verlassen durfte,

daraus kein Nachteil erwachsen dürfe (BGE 76 I 189, 77

I 274). Auch gilt diese Rechtsprechung, an der festzuhalten

ist, nicht nur für das Administrativverfahren, auf das

sich die beiden veröffentlichten Urteile beziehen; das

Bundesgericht hat vielmehr die dort aufgestellten Grund-

sätze wiederholt auch auf den Zivilprozess entsprechend

angewandt (nicht veröffentl. . Urteile vom 3. Januar 1951

i. S. Frey c. Bosshard und Obergericht Baselland, vom

24. Oktober 1951 i. S. Malluquin c. Savary und Cour de

justice de Geneve und vom 9. Juli 1952 i. S. Egger c.

Hürlimann und Kantonsgericht Schwyz). Voraussetzung

ist jedoch in jedem Falle, dass die Partei oder ihr Vertreter

sich auf die unrichtige Rechtsmittelbelehrung verlassen

durfte, d. h. keinen Grund hatte, an ihrer Richtigkeit zu

zweifeln, oder, sofern sie missverständlich ist, durch sie

in Irrtum versetzt wurde. Das kommt in den veröffentlich-

ten Entscheiden, wo der Beschwerdeführer jeweils von

der Unrichtigkeit der Rechtsmittelbelehrung unbestritte-

nermassen keine Kenntnis hatte (BGE 76 I 190), nicht

zum Ausdruck, wurde aber stets als selbstverständlich

betrachtet. So heisst es im angeführten Urteil i. S. Frey

(S. 6) : « Dass eine Partei oder ihr Vertreter, denen die

Voraussetzungen eines Rechtsmittels bekannt sind, sich

nicht auf unrichtige Rechtsbelehrung berufen können,

wenn dem Richter bei dieser ein ganz offensichtlicher

Irrtum unterläuft, versteht sich von selbst» (ähnlich das

erwähnte Urteil i. S. Egger). Im vorliegenden Falle waren

dem Vertreter des Beschwerdeführers die Voraussetzun-

298

Staatsrecht.

gen der Berufung bekannt, da er den Art. 198 ZPO,

wonach die Berufungsfrist nur 7 Tage beträgt, selber

angerufen hat in seiner Eingabe vom 2. Februar 1952,

mit der er die Zuständigkeit des Bezirksgericht bestritten

hat. Er wurde durch die offensichtlich unrichtige Rechts-

mittelbelehrung nicht in einen Irrtum versetzt, sondern

versäumte die Frist, weil er sich auf sein Kanzleipersonal

verliess und sich erst am letzten, von diesem vorgemerkten

Tage mit der Sache befasste. Er hat damit das ihm zuzu-

mutende Mass an Sorgfalt und Vorsicht nicht gewahrt,

weshalb sich auch die unmittelbar aus Art. 4 BV abge-

leitete Rüge der Gehörsverweigerung als unbegründet

erweist.

11. HANDELS- UND GEWERBEFREIHEIT

LIBERTE DU COMMERCE ET DE L'INDUSTRIE

Volltext (verifizierbarer Originaltext)

46. Auszug aus dem Urteil vom 10. Dezember 1952 i. S.

Mommendey gegen Mommendey und Kantonsgerieht St. Gallen.

Rechtsmittelbelehrung.

.... .

Wann stellt das Nichteintreten auf das gemass elll~r ~rlCh~lgen

Rechtsmittelbelehrung im angefochtenen En~scheld elll~relChu;

Rechtsmittel eine Verweigerung des rechthchen Gehors dar.

Renseignement donne dans une dßci8ion au sujet des voies de recours

ouvertes cont-re elle.

.

., 1

Quand le fait de declarer irrecevable un recour~ ~terJete se on

les indications inexactes dOllllees dans la deClBlon attaquee

. constitue-t-il une violation du droit d'etre entendu?

Indicazioni date in una decisione circa le vie di riCOTSO ••

Quando il fatto di dichiarare irricevibile un r~c~mro .lllterposto

secondo le indicazioni inesatte date nelIa declSlon':l Impugnata

costituisce una violazione deI diritto di essers udltO ?

1

- I i

I

RechtsgJeichheit (Rechtsverweigerung). N° 46.

296

A U8 dem Tatbestand :

A. -

Der Beschwerdeführer Fritz Mommendey und sein

gleichnamiger Sohn sind Teilhaber der Kollektivgesellschaft

Fritz Mommendey & Sohn, Blechwarenfabrik in Rappers-

wil. Am 18. Januar 1952 erhob der Sohn beim Bezirksge-

richt See in Uznach Klage mit den Begehren, die Gesell-

schaft aus wichtigen, beim Vater liegenden Gründen auf-

zulösen und den Sohn berechtigt zu erklären, das Geschäft

allein fortzusetzen (Ziff. 1 bis 5); ferner verlangte er vom

Vater Rückzahlung eines Darlehens und Bezahlung eines

Betrages für gewisse Dienstleistungen (Ziff. 6 und 7). Der

Vater antwortete mit Eingabe vom 2. Februar, indem er,

wegen Zuständigkeit des Handelsgerichts nach Art. 63

Ziff. 1 ZPO, die sachliche Zuständigkeit des Bezirksgerichts

See bestritt und unter Berufung auf Art. 198 ZPO ersuchte,

zunächst über diese Frage zu entscheiden.

Das Bezirksgericht See schützte die Unzuständigkeits-

einrede inbezug auf die klägerischen Rechtsbegehren 1

bis 5, wies sie dagegen inbezug auf die Rechtsbegehren

6 und 7 ab. Dieser Entscheid wurde den Parteien am 30.

April 1952 zugestellt mit der falschen Rechtsmittelbeleh-

rung, dass dagegen innert vierzehn Tagen (statt bloss

sieben; Art. 198 ZPO) die Berufung an das Kantonsgericht

ergriffen werden könne.

Am 14. Mai 1952 reichte der Vertreter des Vaters beim

Kantonsgericht Berufung ein mit dem Antrag, die Unzu-

ständigkeitseinrede auch hinsichtlich der Rechtsbegehren

6 und 7 zu schützen. Gleichzeitig stellte er das Gesuch,

ihn inbezug auf die versäumte Berufungsfrist wieder in

den vorigen Stand einzusetzen, indem er bezw. sein Ver-

treter geltend machte : Auf Grund der Rechtsmittelbeleh-

rung habe sein Kanzleipersonal den Ablauf der Berufungs-

frist auf den 14. Mai vorgemerkt, da keine Veranlassung

bestanden habe diese dem Art. 414 ZPO entsprechende

Frist auf ihre Richtigkeit hin zu überprüfen. Erst beim

nunmehrigen Studium der Sache habe er festgestellt, dass

296

Staatsrecht.

er einem dem Bezirksgericht unterlaufenen Versehen zum

Opfer gefallen sei und die Frist nach Art. 198 ZPO nur

7 Tage betrage. Da die Fristansetzung nicht formgerecht

erfolgt sei, habe "er nach Art. 132 ZifI. 1 ZPO Anspruch

auf Wiedereinsetzung in den vorigen Stand.

Das Kantonsgericht trat am 31. Mai 1952 auf die Be-

rufung nicht ein. Die Voraussetzungen der Wiederein-

setzung gemäss Art. 132 ZifI. 1 ZPO seien nicht erfüllt

(wird näher ausgeführt). Die bundesgerichtliehe Praxis,

die im Nichteintreten auf ein gemäss einer unrichtigen

Rechtsmittelbelehrung eingereichtes Rechtsmittel eine

Rechtsverweigerung erblicke (BGE 76 I 187, 77 I 273),

rufe erheblichen Bedenken. Sie möge sich vielleicht für

das Administrativverfahren rechtfertigen, nicht aber für

den Zivilprozess, zumal wenn die Partei wie hier durch

einen Anwalt vertreten sei, dem eine grössere Vorsichts-

und Diligenzpflicht obliege als einer rechts unkundigen

Partei, an die sich die Rechtsmittelbelehrung in erster

Linie wende. Im vorliegenden Falle komme noch hinzu,

dass der Anwalt des Beklagten nicht erst beim Studium

der Berufungseingabe auf Art. 198 ZPO gestossen, sondern

schon früher damit vertraut geworden sei, habe er sich

doch bereits in seiner Klageantwort vom 2. Februar 1952

darauf berufen.

B. -

Mit rechtzeitiger staatsrechtlicher Beschwerde be-

antragt Fritz Mommendey Vater, diesen Entscheid des

Kantonsgerichts wegen Verletzung von Art. 4 BV aufzu-

heben, da er auf einer willkürlichen Auslegung von Art.

132 Ziff. 1 ZPO beruhe und auf eine Verweigerung des

rechtlichen Gehörs hinauslaufe.

Das Bundesgericht weist die Beschwerde ab.

Auz den Erwägungen:

1. -

(Prozessuales).

2. -

(Ausführungen darüber, dass der angefochtene

Entscheid nicht auf einer willkürlichen Auslegung von

Art. 132 Ziff. 1 ZPO beruhe).

~I

~

I

"~

f i

Rechtsgleichheit (Rechtsverweigerung). N° 46.

297

3. -

Als unbegründet erweist sich auch die Rüge, der

unmittelbar aus Art. 4 BV folgende Anspruch auf recht-

liches Gehör sei verletzt. Das Bundesgericht hat sich zwar,

unter Berufung auf den auch für die Verwaltungs- und

Gerichtsbehörden geltenden Grundsatz von Treu und

Glauben, in ständiger Rechtsprechung auf den Standpunkt

gestellt, dass dem Rechtsuchenden, der sich auf eine von

der zuständigen Behörde erteilte, sachlich unrichtige

Rechtsmittelbelehrung verlassen hat und verlassen durfte,

daraus kein Nachteil erwachsen dürfe (BGE 76 I 189, 77

I 274). Auch gilt diese Rechtsprechung, an der festzuhalten

ist, nicht nur für das Administrativverfahren, auf das

sich die beiden veröffentlichten Urteile beziehen; das

Bundesgericht hat vielmehr die dort aufgestellten Grund-

sätze wiederholt auch auf den Zivilprozess entsprechend

angewandt (nicht veröffentl. . Urteile vom 3. Januar 1951

i. S. Frey c. Bosshard und Obergericht Baselland, vom

24. Oktober 1951 i. S. Malluquin c. Savary und Cour de

justice de Geneve und vom 9. Juli 1952 i. S. Egger c.

Hürlimann und Kantonsgericht Schwyz). Voraussetzung

ist jedoch in jedem Falle, dass die Partei oder ihr Vertreter

sich auf die unrichtige Rechtsmittelbelehrung verlassen

durfte, d. h. keinen Grund hatte, an ihrer Richtigkeit zu

zweifeln, oder, sofern sie missverständlich ist, durch sie

in Irrtum versetzt wurde. Das kommt in den veröffentlich-

ten Entscheiden, wo der Beschwerdeführer jeweils von

der Unrichtigkeit der Rechtsmittelbelehrung unbestritte-

nermassen keine Kenntnis hatte (BGE 76 I 190), nicht

zum Ausdruck, wurde aber stets als selbstverständlich

betrachtet. So heisst es im angeführten Urteil i. S. Frey

(S. 6) : « Dass eine Partei oder ihr Vertreter, denen die

Voraussetzungen eines Rechtsmittels bekannt sind, sich

nicht auf unrichtige Rechtsbelehrung berufen können,

wenn dem Richter bei dieser ein ganz offensichtlicher

Irrtum unterläuft, versteht sich von selbst» (ähnlich das

erwähnte Urteil i. S. Egger). Im vorliegenden Falle waren

dem Vertreter des Beschwerdeführers die Voraussetzun-

298

Staatsrecht.

gen der Berufung bekannt, da er den Art. 198 ZPO,

wonach die Berufungsfrist nur 7 Tage beträgt, selber

angerufen hat in seiner Eingabe vom 2. Februar 1952,

mit der er die Zuständigkeit des Bezirksgericht bestritten

hat. Er wurde durch die offensichtlich unrichtige Rechts-

mittelbelehrung nicht in einen Irrtum versetzt, sondern

versäumte die Frist, weil er sich auf sein Kanzleipersonal

verliess und sich erst am letzten, von diesem vorgemerkten

Tage mit der Sache befasste. Er hat damit das ihm zuzu-

mutende Mass an Sorgfalt und Vorsicht nicht gewahrt,

weshalb sich auch die unmittelbar aus Art. 4 BV abge-

leitete Rüge der Gehörsverweigerung als unbegründet

erweist.

11. HANDELS- UND GEWERBEFREIHEIT

LIBERTE DU COMMERCE ET DE L'INDUSTRIE