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78_I_193

BGE 78 I 193

Bundesgericht (BGE) ·I · 1952-07-09 · Deutsch CH
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Erwägungen (2 Absätze)

E. 2 Nach feststehender Rechtsprechung des Bundes- gerichts hat eine Partei, die ohne Beeinträchtigung des not- wendigen Lebensunterhaltes für sich und ihre Familie die Prozesskosten nicht zu bestreiten vermag, in einem für sie nicht aussichtslosen Zivilprozess schon unmittelbar auf Grund von Art. 4 BV einen Anspruch darauf, dass der Richter für sie ohne vorgehende Hinterlegung oder Sicher- stellung der Kosten tätig werde und dass ihr ein unentgelt- licher Rechtsbeistand beigegeben werde, wenn sie eines solchen zur gehörigen Wahrung ihrer Rechte bedarf (BGE 57 I 343 Erw. 2; 60 I 182; 64 I 3; 67 I 67; 69 I 159). Dieser Anspruch der armen Partei auf Rechtsschutz um- fasst alle Prozesshandlungen, die nicht offenbar prozessual unzulässig oder materiell aussichtslos sind; er gilt unter dieser Voraussetzung nicht bloss für die Prozessführung vor der ersten Instanz, sondern auch für die Ergreifung von Rechtsmitteln gegen das erstinstanzliche Urteil (BGE 57 I 347 Erw. 3; 60 I 182). Unter den gleichen Voraussetzungen, bei Armut und nicht aussichtsloser Prozessführung, befreien überdies die §§ 174 und 178 ff. des solothurnischen Gebührentarifs vom

22. Januar 1946 die mittellose Prozesspartei von der Zah- lung von Kosten nach dem Endurteil, abgesehen von ge- wissen, in den §§ 178 und 179lit. b Abs. 2 gemachten Aus- nahmen. Im vorliegenden Fall ist auch der bundesrechtliche Armenrechtsanspruch im Streit, da nach § 221sol. ZPO die Appellation nur zugelassen wird, wenn die dem Appellan- ten aufgelegten erstinstanzlichen Kosten bezahlt werden und die Appellationsgebühr entrichtet wird.

E. 3 Die Anwendu:ng der kantonalen Vorschriften über

das Armenrecht kann das Bundesgericht nur daraufhin

überprüfen, ob sie ganz offensichtlich unrichtig, willkür-

lich sei (BGE 64 I 4; 67 I 68).

Soweit es sich dagegen um die bundesrechtliche Befrei-

196

St,aatsrecht.

ung von der Vorschusspflicht handelt, ist das Bundes-

gericht grundsätzlich frei in der Prüfung der Frage, ob die

Prozessbegehren der mittellosen Partei auf Grund ihrer

Darstellung und der bereits erstellten Tatsachen als aus-

sichtslos zu betrachten sind (BGE 69 1160 Erw. 2 und dort

zitierte Entscheide). Es kann dabei in einem Fall, wie dem

vorliegenden, wo es sich um eine Appellation handelt und

im Appellationsverfahren die tatsächlichen Feststellungen

der ersten Instanz unbeschränkt nachgeprüft werden kön-

nen (§§ 218 ff., 138 sol. ZPO; GULDEN ER, Schweiz. Zivil-

prozessrecht II S. 464/5), auch frei untersuchen, ob die

Anfechtung dieser Feststellungen aussichtslos sei. Das

Bundesgericht hat freilich entschieden, dass es die Würdi-

gung der tatsächlichen Verhältnisse beim Entscheid über

die Bedürftigkeit des Armenrechtsgesuchstellers nur darauf-

hin überprüfen könne, ob sie willkürlich sei, ganz offen-

sichtlich mit den Akten im Widerspruch stehe (BGE 67 I

68). Das gilt aber nicht ebenso auch bei der Beurteilung

der Frage der Aussichtslosigkeit.

Als aussichtslos gelten Prozessbegehren nach der neuern

Rechtsprechung des Bundesgerichts dann, wenn die Ge-

winnaussichten beträchtlich geringer sind als die Verlust-

gefahren und nicht mehr als ernsthaft bezeichnet werden

können. Halten dagegen die Gewinnaussichten den Ver-

lustgefahren ungefähr die Wage oder erscheinen sie sogar

etwas geringer als diese, so gilt das Prozessbegehren nicht

als aussichtslos (BGE 69 I 160 f.; nicht veröffentlichte

Entscheide i.S. Schmid gegen Luzern vom 2. Mai 1951,

LS. Felix gegen Thurgau vom 30. Januar 1952).

Volltext (verifizierbarer Originaltext)

27. Auszug aus dem Urteil vom 9. Juli 1952 i. S. Währen

gegen Obergericht des Kantons SoJothurn.

Armenrecht. Art. 4 BV.

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1. Vorausset~ungen des bund~srechtlichen Armenrechtsanspruches

auf BefreIung von der Hmterlegung oder Sicherstellung der

Prozesskosten und auf Gewährung eines unentgeltlichen Rechts-

beistandes.

Beschränkte Kognition des Bundesgerichtes in Beziehung auf

die Würdigung der tatsächlichen Verhältnisse bei Prüfung der

Bedürftigkeit.

Begriff de~ Aussichtslo?igkeit; freie Vberprüfungsbefugnis des

BundesgerIChtes, auch m Bezug auf eme noch nicht endgültige

Feststellung des Tatbestandes.

2. Kantonaler Armenrechtsanspruch auf Befreiung von der Zah.

lung der K?sten nach dem. Endurt~il. Beschränkte Überprü-

fungsbefugnIs des BundesgerIChtes bel der Frage, ob die Voraus·

setzungen für diesen Anspruch vorliegen.

Assistance judiciaire gratuite. Art. 4 Ost.

1. Dans quelles conditions existe-t-il, de par le droit federal, un

droit a l'assistance judiciaire comprenant l'exoneration du

depot ou de la garantie des frais de proces et la designation

d'un avocat d'office ?

Le Tribunal federal n'a qu'un pouvoir d'examen limite en ce

qui concerne l'appreciation des circonstances de fait qui consti-

tuent l'indigence.

Quand une cause n'a-t-elle pas de chance de succes ? Le Tribunal

fooeral a pouvoir de !ibre examen sur ce point, comme aussi sur

les constatations de fait qui ne sont pas encore definitives.

2. Droit a l'assistance judiciaire issu de la Iegislation cantonale et

port~nt sur l'exoneration des frais apres le jugement final.

S'aglssant de savoir si les conditions auxquelles la loi subordonne

13

AB '18 I -

1952

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Staatsrecht.

ce droit sont rOOlisees, le Tribunal n'a qu'un pouvoir d'exmnen

limite.

Assistenza giudiziaria gratuita. Art. 4 CF.

1. In quali condizioni esiste, a nonna deI diritto federale, un diritto

all'assistenza giudiziaria circa l'esonero dal deposito 0 dalla

garanzia delle spese di causa e la designazione d'un avvocato

d'uffieio ?

TI Tribunale federale puo sindacare soltanto in misura limitata

l'apprezzamento delle circostanze di fatto ehe costituiseono

l'indigenza.

Quando una causa non ha probabilita di buon esito ? TI Tri-

bunale federale puo esmninare liberamente questo punto,

come pure gli accertamenti di fatto non ancora defini~ivi..

2. Diritto all'assistenza giudiziaria ehe deriva dalla leglslazlOne

cantonale e ehe eoncerne l'esonero dalla spese dopo la decisione

finale. La questione di sapere se le eondizioni alle quali la legge

subordina questo diritto siano adempite, puo essere sindacata

da! Tribunale federnie solo in misura limitata.

Gegen ein Urteil des Amtsgerichts Bucheggberg-Krieg-

stetten, das eine von ihm erhobene Klage nur teilweise

guthiess, erklärte Währen die Appellation an das Ober-

gericht des Kantons Solothurn und ersuchte zugleich für

das Appellationsverfahren um den unentgeltlichen Rechts-

beistand. Das Obergericht wies dieses Gesuch ab.

Gegen diesen Entscheid hat Währen die staatsrechtliche

Beschwerde ergriffen mit dem Antrag, er sei aufzuheben

und das Obergericht anzuweisen, ihm für das Appellations-

verfahren den unentgeltlichen Rechtsbeistand zu bewilli-

gen.

l)er Beschwerdeführer macht geltend, dass der ange-

fochtene Entscheid eine Verletzung der Rechtsgleichheit,

Rechtsverweigerung bilde, und führt zur Begründung-aus:

Nach § 174 des sol. Gebührentarifs sei der unentgeltliche

Rechtsbeistand einer Partei zu bewilligen, die vermö-

genslos sei oder deren Einkommen ohne ihr Verschulden

nicht ausreiche, um neben dem Lebensunterhalt die Kosten

des Prozesses aufzubringen, sofern die vorläufige Prüfung

ergebe, dass der Prozess nicht grundlos geführt werde. Es

sei unbestritten, dass der Beschwerdeführer bedürftig sei.

Die Annahme des Obergerichts, dass die Appellation aus-

sichtslos sei, bilde Willkür.

Das Bundesgericht hat die Beschwerde gutgeheissen.

Rechtsgleichheit (Rechtsverweigerung). N° 27.

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Aus den Erwägungen:

2. -

Nach feststehender Rechtsprechung des Bundes-

gerichts hat eine Partei, die ohne Beeinträchtigung des not-

wendigen Lebensunterhaltes für sich und ihre Familie die

Prozesskosten nicht zu bestreiten vermag, in einem für sie

nicht aussichtslosen Zivilprozess schon unmittelbar auf

Grund von Art. 4 BV einen Anspruch darauf, dass der

Richter für sie ohne vorgehende Hinterlegung oder Sicher-

stellung der Kosten tätig werde und dass ihr ein unentgelt-

licher Rechtsbeistand beigegeben werde, wenn sie eines

solchen zur gehörigen Wahrung ihrer Rechte bedarf

(BGE 57 I 343 Erw. 2; 60 I 182; 64 I 3; 67 I 67; 69 I 159).

Dieser Anspruch der armen Partei auf Rechtsschutz um-

fasst alle Prozesshandlungen, die nicht offenbar prozessual

unzulässig oder materiell aussichtslos sind; er gilt unter

dieser Voraussetzung nicht bloss für die Prozessführung

vor der ersten Instanz, sondern auch für die Ergreifung

von Rechtsmitteln gegen das erstinstanzliche Urteil

(BGE 57 I 347 Erw. 3; 60 I 182).

Unter den gleichen Voraussetzungen, bei Armut und

nicht aussichtsloser Prozessführung, befreien überdies die

§§ 174 und 178 ff. des solothurnischen Gebührentarifs vom

22. Januar 1946 die mittellose Prozesspartei von der Zah-

lung von Kosten nach dem Endurteil, abgesehen von ge-

wissen, in den §§ 178 und 179lit. b Abs. 2 gemachten Aus-

nahmen.

Im vorliegenden Fall ist auch der bundesrechtliche

Armenrechtsanspruch im Streit, da nach § 221sol. ZPO die

Appellation nur zugelassen wird, wenn die dem Appellan-

ten aufgelegten erstinstanzlichen Kosten bezahlt werden

und die Appellationsgebühr entrichtet wird.

3. -

Die Anwendu:ng der kantonalen Vorschriften über

das Armenrecht kann das Bundesgericht nur daraufhin

überprüfen, ob sie ganz offensichtlich unrichtig, willkür-

lich sei (BGE 64 I 4; 67 I 68).

Soweit es sich dagegen um die bundesrechtliche Befrei-

196

St,aatsrecht.

ung von der Vorschusspflicht handelt, ist das Bundes-

gericht grundsätzlich frei in der Prüfung der Frage, ob die

Prozessbegehren der mittellosen Partei auf Grund ihrer

Darstellung und der bereits erstellten Tatsachen als aus-

sichtslos zu betrachten sind (BGE 69 1160 Erw. 2 und dort

zitierte Entscheide). Es kann dabei in einem Fall, wie dem

vorliegenden, wo es sich um eine Appellation handelt und

im Appellationsverfahren die tatsächlichen Feststellungen

der ersten Instanz unbeschränkt nachgeprüft werden kön-

nen (§§ 218 ff., 138 sol. ZPO; GULDEN ER, Schweiz. Zivil-

prozessrecht II S. 464/5), auch frei untersuchen, ob die

Anfechtung dieser Feststellungen aussichtslos sei. Das

Bundesgericht hat freilich entschieden, dass es die Würdi-

gung der tatsächlichen Verhältnisse beim Entscheid über

die Bedürftigkeit des Armenrechtsgesuchstellers nur darauf-

hin überprüfen könne, ob sie willkürlich sei, ganz offen-

sichtlich mit den Akten im Widerspruch stehe (BGE 67 I

68). Das gilt aber nicht ebenso auch bei der Beurteilung

der Frage der Aussichtslosigkeit.

Als aussichtslos gelten Prozessbegehren nach der neuern

Rechtsprechung des Bundesgerichts dann, wenn die Ge-

winnaussichten beträchtlich geringer sind als die Verlust-

gefahren und nicht mehr als ernsthaft bezeichnet werden

können. Halten dagegen die Gewinnaussichten den Ver-

lustgefahren ungefähr die Wage oder erscheinen sie sogar

etwas geringer als diese, so gilt das Prozessbegehren nicht

als aussichtslos (BGE 69 I 160 f.; nicht veröffentlichte

Entscheide i.S. Schmid gegen Luzern vom 2. Mai 1951,

LS. Felix gegen Thurgau vom 30. Januar 1952).