Sachverhalt
Der Rekurrent Müller liess sich Ende Oktober
1921, von Solothurn kommend, in Rorschach nieder.
Er unterlag daher für das Staatssteuerjahr 1921 und
das Gemeindesteuerjahr, das vom 1. Juli 1921 bis 30.
Juni 1922 ging, der sog. Zwischenrevision. Das Selbst-
taxationsformular für beides wurde ihm erst im Dezember
1922 zugestellt, und bei einer Verhandlung des Rekur-
renten mit der Steuerkommission im Januar 1923 kam
eine Einkommenstaxation von 12,000 Fr. zustande.
Im März 1923 erhielt der Rekurrent Steuerzettel mit
der Ratasteuerberechnung pro November und Dezember
1921 für die Staatssteuer und pro November 1921 bis
Juni 1922 für die Gemeindesteuer (total 954 Fr. 05 Cts.).
Die Verspätung der Einschätzung erklärt sich daraus,
dass sich die Totalrevision pro 1920 in der Gemeinde
Rorschach weit in das Jahr 1921 hinauszog, was auch
eine entsprechende Hinausschiebung der Zwischenrevi-
sionen pro 1921 und 1922 zur Folge hatte.
AS 501-1924
11
146
Staatsrecht.
In der Folge bestritt der Rekurrent jenen Steuer-
anspruch mit der Begründung, er sei verwirkt, weil die
Veranlagung nicht in dem betreffenden Steuerjahr
stattgefunden habe oder doch wenigstens begonnen
worden sei. Er drang damit aber nicht durch. Letzt-
instanzlich wurde seine Beschwerde vom Regierungsrat
durch Entscheid vom 18. Januar 1924 abgewissen.
B. -
Gegen diesen Entscheid hat Müller den staats-
rechtlichen Rekurs ergriffen mit dem Antrag, er sei
aufzuheben und es sei festzustellen, dass der Rekurrent
zur Nachzahlung der Staatssteuer für die Monate Novem-
ber und Dezember 1921 und der Gemeindesteuer für
die Monate November 1921 bis Juni 1922 nicht verhalten
werden könne. Es wird an dem schon im kantonalen
Verfahren aufgestellten Satz festgehalten, dass ein
Steueranspruch für ein Steuerjahr nur entstehen könne
wenn die Veranlagung während des Steuerjahres minde~
stens noch begonnen habe und dafür auf Art. 33 des
kantonalen Steuergesetzes, auf BGE 33 I Nr. 112 und
34 I Nr. 4, ferner auf Ausführungen von BLUMENSTEIN
in der Berner Festschrift für Eugen Huber (1919)
S. 235 ff. verwiesen.
Das Bundesgericht zieht'
Dispositiv
- Der Rekurs wird abgewiesen.
Volltext (verifizierbarer Originaltext)
29. Urteil vom 1. Xä.rz 19!34 i. S. Müller
gegen St. Ga.llen, Regierungsra.t.
Kantonales Steuerrecht. Der Satz, dass die Veranlagung,
um gültig zu sein, innert des Steuerjahres stattfinden oder
begonnen sein müsse, kann nicht aus Art. 4 BV hergeleitet
werden.
A. -
Der Rekurrent Müller liess sich Ende Oktober
1921, von Solothurn kommend, in Rorschach nieder.
Er unterlag daher für das Staatssteuerjahr 1921 und
das Gemeindesteuerjahr, das vom 1. Juli 1921 bis 30.
Juni 1922 ging, der sog. Zwischenrevision. Das Selbst-
taxationsformular für beides wurde ihm erst im Dezember
1922 zugestellt, und bei einer Verhandlung des Rekur-
renten mit der Steuerkommission im Januar 1923 kam
eine Einkommenstaxation von 12,000 Fr. zustande.
Im März 1923 erhielt der Rekurrent Steuerzettel mit
der Ratasteuerberechnung pro November und Dezember
1921 für die Staatssteuer und pro November 1921 bis
Juni 1922 für die Gemeindesteuer (total 954 Fr. 05 Cts.).
Die Verspätung der Einschätzung erklärt sich daraus,
dass sich die Totalrevision pro 1920 in der Gemeinde
Rorschach weit in das Jahr 1921 hinauszog, was auch
eine entsprechende Hinausschiebung der Zwischenrevi-
sionen pro 1921 und 1922 zur Folge hatte.
AS 501-1924
11
146
Staatsrecht.
In der Folge bestritt der Rekurrent jenen Steuer-
anspruch mit der Begründung, er sei verwirkt, weil die
Veranlagung nicht in dem betreffenden Steuerjahr
stattgefunden habe oder doch wenigstens begonnen
worden sei. Er drang damit aber nicht durch. Letzt-
instanzlich wurde seine Beschwerde vom Regierungsrat
durch Entscheid vom 18. Januar 1924 abgewissen.
B. -
Gegen diesen Entscheid hat Müller den staats-
rechtlichen Rekurs ergriffen mit dem Antrag, er sei
aufzuheben und es sei festzustellen, dass der Rekurrent
zur Nachzahlung der Staatssteuer für die Monate Novem-
ber und Dezember 1921 und der Gemeindesteuer für
die Monate November 1921 bis Juni 1922 nicht verhalten
werden könne. Es wird an dem schon im kantonalen
Verfahren aufgestellten Satz festgehalten, dass ein
Steueranspruch für ein Steuerjahr nur entstehen könne
wenn die Veranlagung während des Steuerjahres minde~
stens noch begonnen habe und dafür auf Art. 33 des
kantonalen Steuergesetzes, auf BGE 33 I Nr. 112 und
34 I Nr. 4, ferner auf Ausführungen von BLUMENSTEIN
in der Berner Festschrift für Eugen Huber (1919)
S. 235 ff. verwiesen.
Das Bundesgericht zieht' in Erwägung :
Der Satz, den der Rekurrent als ein Postulat aus
Art. 4 BV aufstellt und der allerdings auch in der Theorie,
so von Blumenstein a. a. 0: und von andern Schrift-
stellern. (s. die Zitate bei Blumenstein) vertreten wird,
kann mcht als derart feststehender Satz des allgemeinen
Steuerrechts angesehen werden, dass seine Nichtbefol-
gung durch die Gesetzgebung oder Praxis der Kantone
als ein Verstoss gegen Art. 4 BV erscheinen würde;
auch Blumenstein a. a. O. 236 gibt zu, dass der kanto-
nale Gesetzgeber davon abweichen könne. Eine solche
Befugnis wird man aber vom Standpunkt des Art. 4
BV auch der kantonalen Praxis, da wo die Frage vom
Gesetze nicht ausdrücklich anders geregelt ist, zuer-'
Glcid.heit VOl' dem Gesetz. ~o 29.
147
kennen müssen, dies jedenfalls dann, wenn es sich, wie
hier, um eine im Anschluss an das fragliche Steuerjahr
erfolgende, lediglich zufolge starker Inanspruchnahme
der Behörden etwas verspätete Veranlagung handelt.
Der Rekurrent behauptet zwar, dass das st. gallische
Steuergesetz die gedachte Beschränkung positiv enthalte,
aber mit Unrecht, zumal auf dem Boden des Art. 4 BV.
Wenn es in Art. 33 des Gesetzes heisst, dass « in den
Zwischenjahren » eine neue Taxation nur bei neuen
Steuerpflichtigen oder bei Veränderung der Verhältnisse
stattfinde, so braucht man die zeitliche Bezeichnung
« in den Zwischenjahren » nicht notwendig im Sinne
des Rekurrenten zu verstehen; es mag damit nur der
Regelfall angedeutet sein, da die Revision tatsächlich
im Steuerjahr erfolgt, und die 'Worte können ebensogut
bedeuten, dass die neue Taxation für die Zwischenjahre
stattfinde. Diese Auslegung liegt um so näher, als das
Gesetz, wenn es die gedachte Verwirkungsfolge hätte
statuieren wollen, dies doch wohl ausdrücklich getan
hätte und zwar nicht nur für die Zwischentaxationen,
sondern für die Steuerveranlagung überhaupt. Von einer
willkürlichen Verletzung des kantonalen Steuerrechtes,
wie sie ein Einschreiten des Bundesgerichts zu recht-
fertigen vermöchte, kann daher nicht die Rede sein.
Die angerufenen Urteile des Bundesgerichts betreffen
andere Kantone und lassen sich auch sonst nicht zu-
gunsten des Rekurrenten verwerten. Im Urteil Vetter-
Leuzinger, BGE 33 I Nr. 112 handelt es sich um die
Frage, ob die rechtskräftig gewordene Einkommens-
veranlagung nachträglich zugunsten des Fiskus berich-
tigt werden könne; das wurde auf Grund des damaligen
zürcherischen Steuerrechtes verneint und der abwei-
chende Standpunkt der Zürcher Behörden als willkürlich
bezeichnet. Und auch im Falle der Emmenthaler Mobi-
liarversicherungsgesellschaft, BGE 34 I Nr. 4, war der
Tatbestand vom vorliegenden wesentlich verschieden;
es war fraglich, ob die Gesellschaft nicht steuerfrei sei;
148
Staatsrecht.
die Behörden hatten ihre Veranlagung bewusst unter-
lassen, und nun sollte sie auf 10 Jahre zurück nach-
geholt werden. Wenn auch die Erwägungen z. T. etwas
allgemeiner im Sinn der Auffassung des Rekurrenten
verstanden werden können, so sind doch daraus keine
über die Würdigung des dortigen und ähnlicher Tat-
bestände hinausgehende Schlüsse zu ziehen. Die Ver-
anlagung oder wenigstens der Beginn des Veranlagungs-
verfahrens im Steuerjahr selber ist gewiss die Regel
und soll die Regel sein; aber eine ausnahmsweise
spätere Veranlagung ist nach dem Gesagten nicht will-
kürlich, weder als Verletzung schlechthin feststehender
allgemeiner
Steuergrundsätze,
noch als solche des
positiven st. gallischen Steuerrechts.
Demnach erkennt das Bundesgericht
Der Rekurs wird abgewiesen.