opencaselaw.ch

71_IV_201

BGE 71 IV 201

Bundesgericht (BGE) ·IV · 1945-12-07 · Français CH
Source Original Export Word PDF BibTeX RIS
Volltext (verifizierbarer Originaltext)

46. Auszug aus dem Urteil des Kassationshofes vom 7. Dezember

1945 i. S. Oppllger gegen Staatsanwaltsehaft des Kantons Zug.

Art. 217 Aba. 1 StGB. Die Unterhaltspflicht der Eltern gegenüber

dem minderjährigen Kinde (Art. 272 Abs. 1 ZGB) umfSBSt

auch die Pflicht, dem Gemeinwesen die Kosten der zum Zwecke

der Erziehung erfolgten Versorgung des Kindes zu ersetzen,

gleichgü1tig ob diese durch die Vormundscha.ftsbehörde (Art. 284

292

Strafgeeetzbuoh. No 46.

Abs. 1 ZGB) oder ob sie durch eine Verwaltungsbehörde ange-

ordnet worden ist.

·

Arl. 217 al.1 OP. Le devoir d'entretien des parents envers l'enfant

mineur (art. 272 aJ. 1 CC) embrasse aussi l'obligation de rem-

bourser a. la collectivite les frais occasionnes par le placement

de l'enfant aux fins d'education, que ce placement soit ordonne

par l'autorite tutelaire (art. 284 al. 1 CC) ou qu'il le soit par une

autorite administrative.

Arl~ 217 cp. 1 OP. L'obbligo di mantenimento del figlio minorenne

ehe incombe ai genitori (art. 272 cp. 1 CC) comprende anche

l'obbligo. di rimborsare a1la collettivita. le spese occasionate

da1 ricovero di questo fi.glio a. fi.ni educativi, ehe questo ricovero

sia ordinato dall'autorit& tutoria (art. 284 cp. 1 CC) o da

un'autorita amministrativa.

Der am 22. Juli 1925 geborene Sohn des Friedrich Oppli-

ger wurde vom Regierungsrat seines Heimatkantons Bern

auf Ersuchen der Vormundschaftsbehörde der Stadt Zug

wegen verschiedener Diebstähle in die Erziehungsanstalt

Tessenberg eingewiesen. Dort blieb er vom 1. März 1941

bis 2. April 1943. Vater Oppliger hatte sich am 9. Januar

1941 damit einverstanden erklärt und zuhanden der Vor-

mundschaftsbehörde für sich und im Namen seiner. Ehe-

frau eine « Vereinbarung und Zahlungsverpflichtung »

unterzeichnet, welche unter anderem bestimmt : « Unter

der Voraussetzung, dass mein Kind an einem Ort unter-

gebracht wird; mit dem wir auch einverstanden sind;

verpflichten wir uns zur Bezahlung · eines monatlichen

Kostgeldes von Fr. 30.- mindestens. Wir wünschen, dass

die Versorgung auch auf die Kenntnisse des Knaben

(Mechaniker) Rücksicht nimmt. » Oppliger bezahlte jedoch

nichts. Am 17. Juli 1945 verurteilte ihn das Strafober-

gericht des Kantons Zug wegen Vernachlässigung der

Unterstützungspflicht im Sinne des Art. 217 StGB. Der

Vormund des Verurteilten erklärte die Nichtigkeitsbe-

schwerde mit dem Antrag auf Freisprechung.

Am den Erwägungen :

Die Armendirektion des Kantons Bern ist in ihrer enflefi

Strafanzeige da.von ausgegangen, dass die Pflicht Opplige:rs,

die Kosten der Versorgung . seines Sohnes zu tragep., auf

Strafgeeetzbuoh. No 46.

Z03

Art. 328 ZGB beruhe. Solange das Kind unmündig ist,

haben seine Eltern indes die weitergehende und unbe-

dingte Unterhaltspflicht nach Art. 272 ZGB, welche der

Unterstützungspflicht im Sinne des Art.. 328 vorgeht.

Letztere besteht nur, wenn niemand unterhaltspflichtig

ist oder die Pflichtigen nicht leisten können. Die Unter-

haltspflicht der Eltern gegenüber dem unmündigen Kinde

aber umfasst auch die Kosten einer gemäss Art. 284 ZGB

angeordneten Versorgung. Das ergibt sich schon da.raus,

dass das Kind in der Anstalt seinen Unterhalt erhält.

Art. 284 Abs. 3 ZGB geht denn auch ausdrücklich davon

aus, dass die Versorgungskosten in erster Linie von den

Elte1(11 oder vom Kinde selbst zu bestreiten sind, nicht vom

Gemeinwesen. Dem ist auch so, wenn die Versorgung ihren

Grund in einer kriminellen Veranlagung des Kindes hat.

Art. 284 ZGB·ist anwendbar, wenn das Kind in seinem

leiblichen oder geistigen Wohl dauernd gefährdet oder

wenn es verwahrlost ist. Eine dauernde Gefährung im

geistigen Wohl oder eine Verwahrlosung kann gerade in der

Begehung strafbarer Handlungen zum Ausdruck kommen.

Dass das Gesetz auf diesem Boden steht, ergibt sich aus

Art. 373 StGB, der unter Hinweis auf Art. 284 ZGB vorsieht,

dass die Kosten einer nach den Bestimmungen des Straf-

gesetzbuches angeordneten Versorgung von Kindern und

Jugendlichen vor allem vom Versorgten selbst und seinen

Eltern zu tragen sind. Gelten aber Art. 272 und ~84 ZGB

sogar für die Versorgungskosten, welche durch eine nach

dem Strafgesetzbuch ausgesprochene Massnahme ent.,.

stehen, so müssen diese Bestimmungen umsomehr

an-

wendbar sein, wenn die kriminelle Veranlagung Anlass

m eitter administrativen Versorgun~ gegeben ha.t.

Dieser Fall liegt hier vor. Der Sohn Oppliger wurde, als

er nc;ch :minderjährig war, vom Regierungsrat des Heimat-

kantons in der Erziehungsanstalt versorgt. Sein Vater

hat ftir die Kosten einzustehen. Ob der Sohn seinen

te'b@nsunterhalt selber hätte verdienen können, wenn er

nicht versorgt worden wäre, spielt keine Rolle. Allerdings

204

Strafgesetzbuch .. N° .46.

hört die Unterhaltspflicht der Eltern schon vor der Mün-

digkeit des Kindes auf, wenn es sich selber unterhalten

kann. Ist ihm dies aber nachträglich aus irgend einem

G~de, z.B. wegen Krankheit oder Versorgung in einer

Erziehungsanstalt, nicht mehr möglich, so lebt die Unter-

haltspflicht der Eltern wieder auf und dauert bis zur

Mündigkeit des Kindes weiter. Auch kommt nichts darauf

an, dass die Erziehungsmassnahme nicht, wie Art. 284

Abs. 1 ZGB es vorsieht, durch die zuständige zugerische

Vormundschaftsbehörde, sondern auf deren Antrag durch

den Regierungsrat des Kantons Bern angeordnet worden

ist. Administrative Versorgungen zum Zwecke der Er-

ziehung müssen mit Bezug auf die Pflicht der Eltern zur

Tragung der Kosten den vormundschaftlichen nach Art.

284 ZGB gleichgestellt werden. Das Gemeinwesen über-

nimmt die Erziehungsaufgabe an Stelle der Eltern, wes-

halb diese auf Grund ihrer Unterhaltspflicht die Kosten

zu tragen haben. Dass . zunächst das Gemeinwesen dafür

aufkommt, ist nicht erheblich. Es tritt, soweit der Unter-

haltspflichtige leistungsfähig ist, in gleicher Weise in die

Ansprüche des Berechtigten gegenüber dem Pflichtigen

ein, wie dies bei der Unterstützung nach Art. 329 Abs.

3 ZGB der Fall ist. Die Gründe, die nach der Rechtspre-

chung des Bundesgerichtes für die Subrogation des Unter-

stützungsanspruches gegenüber Verwandten sprechen

(BGE 41 III 411, 42 I 347, 42 II 539, 58 II 330), gelter

auch für die Su,brogation des Unterhaltsanspruches gegen-

über den leistungsfähigen Eltern eines Minderjährigen.

Die Nichtleistung der Zahlungen, welche Oppliger für

die Versorgung seines Sohnes schuldet, ist demnach Nicht-

erfüllung der Unterhaltspflicht im Sinne des Art. 217 StGB.

Strafgesetzbuch. N• 47.

206