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71_II_194

BGE 71 II 194

Bundesgericht (BGE) ·II · 1945-07-05 · Deutsch CH
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Sachverhalt

Der Verband Schweizerischer Hadernsortierwerke,

ein Verein im Sinne des ZGB mit Sitz in Bern, fasste an

seiner Generalversammlung vom 7. Februar 1942 U.a.

mehrere die Vereins finanzen betreffende Beschlüsse, durch

welche den Mitgliedmmen über den ordentlichen Mit~

gliedsbeitrag hinaus verschiedene Beitragsleistungen an

den Verein (Anteil am Rückschlag der Betriebsrechnung

pro 1941, Zusatzgebühren an den Reservefonds pro 1942)

auferlegt zurden. Die Mitgliedfirma Karrer & Co. AG.

stimmte den Beschlüssen nicht zu und stellte am 17. Fe-

bruar 1942 ein Wiedererwägungsgesuch mit der Erklärung:

« Wir verlangen Rückkommen auf diesen Beschluss und

Richtigstellung im Sinne eines gesunden und anständigen

Finanzgebarens, ansonst wir Sie bitten müssen, von un-

serm Austritt aus dem Verband mit sofortiger Wirkung

Kenntnis zunehmen». In einem spätern Brief vom 16.März

1942 erklärte die Firma gegenüber dem Verband, sie sehe

sich gezwungen, die verlangte Abänderung des Beschlusses

vom 7. Febru,ar 1942 in ultimativer Form zu verlangen,

und fügte bei, wenn die neu einzuberufende Generalver-

sammlung ihren Wünschen nicht entsprechen sollte, so

möge der Verband von ihrem Austritt aus dem Verein

« rückwirkend ab 1. Januar 1942» Notiz nehmen. Die

neue Mitgliederversammlung vom 20. März 1942 beschloss,

an den Beschlüssen der Generalversammlung vom 7. Fe-

bruar festzuhalten.

Eine Klage,mit der die Firma die Beschlüsse als statuten-

widrig gemäss Art. 75 ZGB anfocht, wurde wegen Ver-

säumnis der MonatsfriSt von der Hand gewiesen.

Ausserdem reichte die Firma beim Handelsgericht des

Kantons Bern gegen den Verband Klage ein, mit der

sie ... folgende Rechtsbegehrenstellte :

196

Personenrecht. N° 42.

« Es seien der von der Klägerin am 17. Februar, 16. und

20. März 1942 mit sofortiger Wirkung erklärte Austritt aus

dem J>eklagten Verbande sowie das mit demselben ver-

b~dene Begehren der Klägerin um sofortige Rückzahlung

der von ihr in den Reservefonds des Verbandes einbe-

zahlten Beträge ... sowie u,m Auszahlung des gemäss den

Bestimmungen der Verbandsstatuten aUf sie entfallenden ...

Anteils am Verbandsvermögen gerichtlich zu schützen ».

Der beklagte Verband anerkannte den Austritt der

Klägerin auf Ende des Jahres 1942, bestritt jedoch das

Vorhandensein von Gründen für einen sofortigen Austritt

und verlangte widerklageweise Verurteilung der Klägerin

zur Zahlung von Fr. 6668.94 samt Zinsen.

B. -

Mit Urteil vom 30, Januar 1945 hat das Handels-

gericht des Kantons Bern die Klage abgewiesen und die

Widerklage geschützt.

O. -

Mit der vorliegenden Berufung beantragt die Klä-

gerin Gutheissung ihrer Klagebegehren und Abweisung

der Widerklage. Der Beklagte trägt auf Abweisung der

Berufung an.

Erwägungen (1 Absätze)

E. 11 FAMILIENRECHT DROIT DE LA FAMITLLE

Volltext (verifizierbarer Originaltext)

42. Auszug aus dem Urteil der II.Zivilabteilung vom 5. Juli

1945 i. S. Karrer & Co. A.-G. gegen Verband Schweiz. Hadem-

somerwerke.

Auatntt.aua dem Verein, Art. 70 Abs. 2 ZGB. Recht zum ~ofortigen

Austritt aus wichtigen Gründen. Begriff des wichtigen Grundes.

Die biosse Tatsache der Fassung statutenwidriger Vereins-

beschlüsse bildet an sich keinen wichtigen Grund. (Art-. 70,

75. ZGB).

Sortie de l'association, art. 70 al. 2 ce. Droit desortie immediate

pour des motifs graves. Notion desdits motifs .. Le fait que

Personenrecht. N0 42.

195

l'!loSsociation, apris des decisions contraires aux statuts ne

constitue pas en soi un motif grave. (Art. 70 et 75 Ce).

Dimissione da un'a88ooiazitme, art. 70 cp. 2 ce. Diritto di dimis-

sione i:mriJ.ediata per gravi mötivi. Nozione di gravi motivi.

Il fat.to che l'associazione ha preso decisioni contrarie agIi

statuti non costituisce in se un grave motivo. (Art. 70 et 75 ee)~

A. -

Der Verband Schweizerischer Hadernsortierwerke,

ein Verein im Sinne des ZGB mit Sitz in Bern, fasste an

seiner Generalversammlung vom 7. Februar 1942 U.a.

mehrere die Vereins finanzen betreffende Beschlüsse, durch

welche den Mitgliedmmen über den ordentlichen Mit~

gliedsbeitrag hinaus verschiedene Beitragsleistungen an

den Verein (Anteil am Rückschlag der Betriebsrechnung

pro 1941, Zusatzgebühren an den Reservefonds pro 1942)

auferlegt zurden. Die Mitgliedfirma Karrer & Co. AG.

stimmte den Beschlüssen nicht zu und stellte am 17. Fe-

bruar 1942 ein Wiedererwägungsgesuch mit der Erklärung:

« Wir verlangen Rückkommen auf diesen Beschluss und

Richtigstellung im Sinne eines gesunden und anständigen

Finanzgebarens, ansonst wir Sie bitten müssen, von un-

serm Austritt aus dem Verband mit sofortiger Wirkung

Kenntnis zunehmen». In einem spätern Brief vom 16.März

1942 erklärte die Firma gegenüber dem Verband, sie sehe

sich gezwungen, die verlangte Abänderung des Beschlusses

vom 7. Febru,ar 1942 in ultimativer Form zu verlangen,

und fügte bei, wenn die neu einzuberufende Generalver-

sammlung ihren Wünschen nicht entsprechen sollte, so

möge der Verband von ihrem Austritt aus dem Verein

« rückwirkend ab 1. Januar 1942» Notiz nehmen. Die

neue Mitgliederversammlung vom 20. März 1942 beschloss,

an den Beschlüssen der Generalversammlung vom 7. Fe-

bruar festzuhalten.

Eine Klage,mit der die Firma die Beschlüsse als statuten-

widrig gemäss Art. 75 ZGB anfocht, wurde wegen Ver-

säumnis der MonatsfriSt von der Hand gewiesen.

Ausserdem reichte die Firma beim Handelsgericht des

Kantons Bern gegen den Verband Klage ein, mit der

sie ... folgende Rechtsbegehrenstellte :

196

Personenrecht. N° 42.

« Es seien der von der Klägerin am 17. Februar, 16. und

20. März 1942 mit sofortiger Wirkung erklärte Austritt aus

dem J>eklagten Verbande sowie das mit demselben ver-

b~dene Begehren der Klägerin um sofortige Rückzahlung

der von ihr in den Reservefonds des Verbandes einbe-

zahlten Beträge ... sowie u,m Auszahlung des gemäss den

Bestimmungen der Verbandsstatuten aUf sie entfallenden ...

Anteils am Verbandsvermögen gerichtlich zu schützen ».

Der beklagte Verband anerkannte den Austritt der

Klägerin auf Ende des Jahres 1942, bestritt jedoch das

Vorhandensein von Gründen für einen sofortigen Austritt

und verlangte widerklageweise Verurteilung der Klägerin

zur Zahlung von Fr. 6668.94 samt Zinsen.

B. -

Mit Urteil vom 30, Januar 1945 hat das Handels-

gericht des Kantons Bern die Klage abgewiesen und die

Widerklage geschützt.

O. -

Mit der vorliegenden Berufung beantragt die Klä-

gerin Gutheissung ihrer Klagebegehren und Abweisung

der Widerklage. Der Beklagte trägt auf Abweisung der

Berufung an.

Das Bundesgericht zieht in Erwägung:

Nach den Vereinsstatuten des beklagten Verbandes vom

2. Dezember 1937 kann ein Mitglied nur auf Jahresende

austreten unter Einhaltung einer sechsmonatigen Kün-

digungsfrist. Diese Regelung des Austritts deckt sich mit-

hin mit dem, was in Art. 70 Abs. 2 ZGB als minimale Aus- .

trittsmöglichkeit von Gesetzes wegen vorgesehen ist. Die

Klägerin macht jedoch nicht dieses statutarische Aus,..

trittsrecht geltend, sondern nimmt wichtige Gründe zu

sofortigem Austritt für sich in Anspruch.

Bei verschiedenen Rechtsverhältnissen ist das Recht zur

sofortigen Auflösung derselben aus wichtigen Gründen im

Gesetze ausdrücklich vorgesehen (Miete Art. 269, Pacht

Art. 291, Dienstvertrag Art. 352 OR). Bezüglich der Ge-

nossenschaft hat das Bundesgericht unter dem alten Ge-

nossenschaftsrecht, das diesen Austrittsgrund nicht ent-

Personenrooht. N° 42.

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hielt, ein Recht auf jederzeitigen Austritt aus· wichtigen

Gründen in Ansehung der Rechtsnatur der Genossenschaft

als einer Personenverbindung bejaht (BGE 61 II 188 ft),

und bei der Revision des OR ist gegenüber einem statu-

tarischen Ausschluss des Austritts ein solches Recht aus-

drücklich aufgenommen worden (Art. 843 Aha. 2 OR) Zwar

liegen die Verhältnisse bei den Vereinen insofern anders

als bei der Genossenschaft, als bei der letztern der Aus-

tritt auf (höchstens) 5 Jahre statutarisch untersagt werden

kann, weswegen sich das Recht auf sofortigen Austritt aus

besondern Gründen als notwendiger erweisen kann als bei

Vereinen, wo der Austritt auf je Ende des Kalenderjahres

bzw. der Verwaltungsperiode gesetzlich gewährleistet ist

(Art. 70 ZGB). Anderseits ist die Bindung in den Vereinen

meistens in persönlicher Hinsicht eine intensivere und der

Austritt des einzelnen Mitgliedes für die juristische Person

in der Regel weniger bedeutsam als bei Genossenschaften.

Der Grundsatz der Möglichkeit sofortigen AUstritts wegen

wichtigen Gründen ist daher aus den im zitierten Ent-

scheide angeführten Motiven auch für die Vereine zu be-

jahen. Wieviel zur Annahme wichtiger Gründe verlangt

werden muss, ist im konkreten Falle zu untersuchen. Ob

ein geltend gemachter Grund wichtig genug ist, den Aus-

tritt mit sofortiger Wirkung oder doch auf kürzere Zeit.

als in Art. 70 ZGB vorgesehen, zu rechtfertigen, läuft weit-

gehend auf eine Frage der Interessenabwägung hinaus.

Als wichtige Gründe sind diejenigen anzusehen, die es den

Mitgliedern in Rücksicht auf ihre persönlichen Verhält-

nisse -

wobei auch die wirtschaftliche Persönlichkeit zu

berücksichtigen ist -

nicht mehr zumuten lassen, dem

Verein wenigstens bis zum Ablauf der ordentlichen Aus-

trittsfrist anzugehören.

Einen solchen Grund zu sofortigem Austritt will die

Klägerin u. a. daraus herleiten, dass der Verband sie durch

die Beschlüsse der Versammlung vom 7. Februar 1942

in statutenwid.-riger Weise habe verpflichten wollen, noch

1'98

Personenrecht. N0 42.

grössere Beiträge an die Verbandsreserve zu bezahlen und

damit zur Finanzierung des gegen ihre Interessen arbeiten-

den Vereins für die Zukunft beizutragen, und dass ihr

Antrag auf Wiedererwägung und Aufhebung jener Be-

schlüsse nicht angenommen worden sei. Dazu ist grund-

sätzlich zu bemerken, dass die blosse Tatsache der Fassung

statutenwidriger . Vereinsbeschlüsse an sich keinen wich-

tigen Grund zum· sofortigen Austritt bildet. Solche Be-

schlüsse können durch Klage vor dem Richter gemäss

Art. 75 ZGB angefochten werden. Wer von diesem Rechts-

behelf nicht bzw.nicht rechtzeitig und formrichtig Ge-

brauch macht, bleibt den Beschlüssen unterworfen; man-

gels erfolgreicher Anfechtung werden sie verbindlich und

können nicht mehr als die Statuten verletzend angesehen

werden. Wenn sie dem Mitglied nicht passen, mag es in

statutarischer Weise austreten; sich ihnen durch vor-

zeitigen Austritt zu entziehen, kann ihm nicht gestattet

sein, es wäre denn, die Beschlüsseliessen ihrem Inhalt

nach dem Mitglied ein längeres Verbleiben im Verein in

Ansehung seiner Persönlichkeitsrechte nicht zumutbar

erscheinen. Das kann von den Beschllissen vom 7. Februar

1942 ·keinesfalls gesagt werden; denn andere als Geld-

interessen waren dabei nicht im Spiel, und die Summen,

um die es bei den beschlossenen Beiträgen ging, sind für

die Klägerin nicht von vitaler Bedeutung, so dass nicht

erörtert zu werden braucht, wie es. sich· verhielte, wenn

die Klägerin durch die beschlossenen Leistungen schwer

betroffen würde.

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Familienrecht. N0 43.

11. FAMILIENRECHT

DROIT DE LA FAMITLLE