Dispositiv
- Die Berufung wird abgewiesen und das Urteil des Appel- lationshofes des Kantons Bern vom 2. Juli 1940 bestätigt.
Volltext (verifizierbarer Originaltext)
46. Urteil der 11. Zivilabteilung vom 18. Oktober 1940
i. S. Bönzli-Häring gegen Bönzli.
Nichtigkeit der « Scheinehe ».
Zur Klage auf NichtigerklärWlg
ist auch der gutgläubige Ehegatte legitimiert (Art. 2, 121 ZGB).
Nullite du «mariage flctif ». Le conjoint de bonne foi a qualite
pour conclure a l'annulation (art. 2 et 121 CC).
Nullitd del «matrimonio flttizio ». TI coniuge in buona fede ha
veste per proporre l'azione di nullita (art. 2 e 121 CC).
Im Januar 1939 erhob P. F. Bönzli in Bern Klage auf
Ungültigerklärung seiner am 28. März 1938 in Bern ge-
schlossenen Ehe mit der seit 1932 in Bern wohnhaften,
unmittelbar vor Eheschluss fremdenpolizeilich ausgewie-
senen deutschen Staatsangehörigen Luise Häring, mit der
Behauptung, diese habe mit der Heirat nie die Begründung
einer ehelichen Gemeinschaft mit ihm, sondern lediglich
die Erwerbung des Schweizerbürgerrechtes beabsichtigt.
Die Beklagte schloss auf Abweisung der Klage und ver-
langte ihrerseits Ungültigerklärung, eventuell Scheidung
der Ehe. In lediglich motivlicher Abänderung des Urteils
des Amtsgerichts von Bern, das die Ehe auf Klage des
Ehemannes in Anwendung von Art. 124 Abs. 2 ZGB
ungültig erklärte, sprach der Appellationshof des Kantons
Bern am 2. Juli 1940 die Ungültigkeit der Ehe in Anwen-
AS 66 II -
1940
15
226
Familienrecht. N° 46.
dung des Art. 2 :ZGB aus, erklärte die Beklagte im Sinne
des Art. 134 Abs~ I ZGB als bösgläubig und auferlegte ihr
die Kosten.
.
Mit der vorliegenden Berufung beantragt die Beklagte
Abweisung der Klage und Scheidung der Ehe. Der Kläger
trägt auf Bestätigung des Urteils an.
Das Bundesgericht zieht in Erwägung :
Aus den Umständen, unter denen der Eheschluss vom
28. März 1938 zustande kam, und aus dem nachherigen
Verhalten der Ehefrau gelangt die Vorinstanz zum Schlusse,
dass der Beklagten von Anfang an der Wille zur Eingehung
einer wirklichen Ehe mit voller Lebensgemeinschaft ge-
fehlt habe und es ihr nur darum zu tun gewesen sei, durch
die Trauung das Schweizerbürgerrecht zu erlangen. Ob
die von der Vorinstanz für diese Folgerung angeführten
Tatsachen eine schlüssige Indiziengrundlage bilden, ist
eine Frage der Beweiswürdigung, deren Überprüfung dem
Bundesgericht nicht zusteht; die Folgerung selbst stellt
eine tatsächliche Feststellung dar, an die es gebunden ist
(Art. 81 OG). Somit ist auf Seite der Beklagten der Tat-
bestand des nach der neuen Rechtsprechung des Bundes-
gerichtes als Ehenichtigkeitsgrund anerkannten Rechts-
missbrauchs gegeben (BGE 65 II 133 ff.).
Der vorliegende Fall weicht insofern von dem in diesem
Präjudiz beurteilten ab, als hier. nicht das Gemeinwesen,
sondern ein Ehegatte als Nichtigkeitskläger auftritt. Es
kann keinem Zweifel unterliegen, dass der bösgläubige
Partner einer solchen Scheinehe, dem es entweder selbst
von vornherein am Willen zur Begründung einer wirk-
lichen ehelichen Gemeinschaft fehlte, oder der wenigstens
das Fehlen des Ehewillens beim andern Ehegatten kannte,
also bewusst am Rechtsmissbrauch teilnahm, zur Geltend-
machung der Nichtigkeit nicht berechtigt ist, sondern die
Anfechtung dem Gemeinwesen als Vertreter des öffent-
lichen Interesses überlassen muss. Vorliegend stellt jedoch
die Vorinstanz -
ebenfalls für das Bundesgericht ver-
Familienrecht. N.o 47.
227
bindlieh -
fest, dass der Kläger tatsächlich, wenn auch
vorwiegend aus wirtschaftlichen Motiven, eine dauernde
Lebensgemeinschaft mit der Beklagten erstrebte, und dass
er das Fehlen des Ehewillens auf Seite der Beklagten nidht
kannte. Unter diesen Umständen ist er, gemäss Art. 3
Abs. I ZGB, bezüglich des Nichtigkeitsgrundes als gut-
gläubig zu betrachten und daher zu· dessen Geltendma-
chung gemäss Art. 121 Abs; 2 ZGB legitimiert.
Demnach erkennt das Bundesgericht:
Die Berufung wird abgewiesen und das Urteil des Appel-
lationshofes des Kantons Bern vom 2. Juli 1940 bestätigt.