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63_II_157

BGE 63 II 157

Bundesgericht (BGE) ·II · 1937-01-01 · Deutsch CH
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Volltext (verifizierbarer Originaltext)

33. Auszug aus dem Urteil der I. Zivilabteilung

vom 4. Kai 1937 i. S. Steck und Steck -von Erlach

gegen lt. u. B. Delley.

Abt r e t bar k e i t

der Sohadenersatzforderung nach Art. 45

Abs. 3 OR (Versorgersohaden) und der Genugtuungsforderung

naoh Art. 47 OR u. Art. 42 MFG.

Der Kläger ist der Vater des Louis Delley, der am

31. März 1935 von einem Automobil überfahren und

getötet wurde. Er hat gegen den Führer und gegen den

Halter des Automobils Schadenersatz- und Genugtuungs-

anspruche eingeklagt, und zwar in erster Linie seine

eigenen Anspruche und sodann kraft Abtretung auch

Ansprüche seiner Ehefrau (der Mutter des Getöteten)

une seiner Tochter (der Schwester des Getöteten).

A U8 den Erwägungen:

Es ist vorweg die Aktivlegitimation des Klägers zu

prüfen, soweit er neben seinen eigenen Ansprüchen kraft

Abtretung auch den Ersatzanspruch für den Versorger-

schaden seiner Ehefrau (der Mutter des Getöteten) und

den Genugtuungsanspruch seiner Tochter (der Schwester

des Getöteten) geltend macht.

Nach Art. 164 Abs. I OR kann eine Forderung abgetreten

werden, sofern nicht Gesetz, Vereinbarung oder Natur

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Obligationenrecht. N° 33.

des

Rechtsverhältnisses

entgegenstehen. Dir e k t e

gesetzliche Vorschriften stehen hier nicht entgegen,

ebensowenig,vird eine die Abtretung ausschliessende

Vereinbarung geltend gemacht. Es kann sich daher nur

fragen, ob der Ausschluss aus der Natur der Forderungen

abzuleiten sei oder ob er sich sonst irgendwie Inittelbar

aus der gesetzlichen Ordnung ergebe. Dabei gilt eine

Forderung dann ihrer Natur nach als unabtretbar, wenn

sie höchstpersönlich. ist, d. h. wenn durch den Gläubiger-

wechsel der Leistungsinhalt verändert oder die Forderung

ihrem Zwecke entfremdet würde (BGE 39 I 261 f, 40

II 627 Erw. 4, 48 II 256 f; OSER-SOHÖNENBERGER, N 26

zu Art. 164, von TUHR, II S. 729 f).

Die Forderung auf Ersatz des Versorgerschadens nach

Art. 45 Abs. 3 OR (vgl. dazu Art. 41 Abs. I MFG) ist

weder ihrem Inhalt noch auch ihrem Zwecke nach unlösbar

an die Person des ersten Gläubigers gebunden. Vielmehr

handelt es sich um eine gewöhnliche Schadenersatz-

forderung, die ebensowohl wie jede andere auf einen

Dritten übertragen werden kann.

Dass die Forderung

gemäss Art. 92 Ziff. 10 SchKG unpfändbar ist, beweist

nicht das Gegenteil. Die Gründe, die den Gesetzgeber

veranlasst haben, derartige Anspruche von der Zwangs-

verwertung auszunehmen, sind nicht auch schlüssig dafür,

dass ihr Inhaber nicht soll rechtsgeschäftlich darüber

verfügen können. Eine gesetzliche Bestimmung aber wie

die von § 400 des deutschen 13GB, wonach die Unpfänd-

barkeit auch die zivilrechtliche Unpfändbarkeit in sich

schliesst, kennt das schweizerische Recht nicht. V gl. hiezu

BGE 40 II 627 Erw.4; BEOKER, N 15 zu Art. 164; OSER-

SOHÖNENBERGER, N 34 zu Art. 164. Die Abtretbarkeit der

Forderung auf Ersatz des Versorgerschadens nach Art. 45

Abs. 3 OR ist demnach zu bejahen und daInit auch die

Legitimation des Klägers, die ihm von seiner Ehefrau

abgetretene Forderung geltend zu machen.

Gleich verhält es sich Init der Genugtuungsforderung

der Tochter. Da die Forderung eine Geldleistung zum

Obligationenrecht. No 33.

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'Gegenstand hat, bleibt ihr Inhalt vom Gläubigerwechsel

unberührt; zu leisten ist eine bestimmte Geldsumme,

gleichgültig von wem die Forderung geltend gemacht

werde. Zweifelhafter mag erscheinen, ob die Abtretung

vereinbar sei mit dem gesetzlichen Zweck der Genug-

tuungsforderung, der darin besteht, dem Berechtigten

für ausgestandene körperliche oder seelische Leiden

einen Ausgleich zu verschaffen. Es liesse sich daraus

folgern, dass die Genugtuungsleistung nur dem Verletzten

persönlich erbracht werden könnte.

A~ein w~nn d~r

Verletzte, anstatt die Forderung selber emzutreiben, SIe

einem Dritten überlassen will, sei es, dass er seine Genug-

tuung in dem ihm dafür entrichteten Entgelt, oder, bei

unentgeltlicher Abtretung, in der Freude am Schenken

findet so ist des letzten Endes seine Sache. Auch besteht

auf S~ite des Schuldners kein schutzwürdiges Interesse,

die Leistung nur gerade an den ursprünglich Berechtigten

zu vollziehen. Es kann daher in Wirklichkeit nicht gesagt

werden dass die Abtretung den Genugtuungsanspruch

seinem' gesetzlichen· Zweck entfremde und daInit seiner

Natur zuwiderlaufe.

Dagegen spricht auch noch der Umstand, dass ~~.

93 Abs. 2 ZGB der Genugtuungsanspruch aus Verlobms-

bruch als unübertragbar erklärt list. Würde sich die

Unübertragbarkeit schon allgemein aus der Natur des

Genugtuungsanspruchs ergeben, so wäre diese Bestimmung

nicht nötig gewesen. Von TUHR, I S. 107, empfiehlt

allerdings, Art. 93 Abs. 2 ZGB auf die übrigen Fälle d~r

Genugtuung analog anzuwenden, weil ein Grund ~r die

Sonderbehandlung des Genugtuungsanspruchs be~ V~r­

löbnisbruch nicht ersichtlich sei und weil durch dIe em-

heitliche Behandlung aller Genugtuungsansprüche der

Rechtszustand vereinfacht würde. Er gibt jedoch selber

zu, dass wenn der Gesetzgeber für alle Fälle der Genug-

tuung die Unübertragbarkeit hätte verfügen wo~en, der

dazu geeignete Platz Art. 28 ZGB gewesen ware. Da

sich dort eine solche Bestimmung nicht findet, sondern

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Obligationenrecht. N° 34.

die Unübertragbarkeit lediglich für den Genugtuungs-

a.nspruch aus Verlöbnisbruch in Art. 93 Abs. 2 ZGB

vorgesehen ist, "muss hierin eine Sondervorschrift erblickt

werden, die auf die übrigen Fälle der Genugtuung nicht

anwendbar ist. Übrigens lässt die Praxis auch die Ab-

tretung des Genugtuungsanspruchs aus Verlöbnisbruch

zu, sobald er eingeklagt oder anerkannt ist. Solange das

nicht der Fall ist, bestehen jedoch entgegen der Auffassung

von Tuhrs auch sachliche Gründe für die Sonderbehand-

lung. Der Anspruch weist infolge der mit ihm verbundenen

besondern Gefühlsmomente mehr als andere Genugtuungs-

anspruche einen stark persönlichen Charakter auf, der

erst dahinfällt, wenn der Verletzte seinen Willen, den

Anspruch geltend zu machen, kundgegeben und diesen

damit gewissermassen - in eine gewöhnliche Forderung

umgewandelt hat (BGE 41 11 339 f). Im gleichen Sinne

äussern sich zu diesen Fragen BEOKER, N 10 zu Art. 47,

OSER-SOHÖNENBERGER,

N 15 zu Art. 164, STREBEL,

Kommentar zum MFG, N 3 zu Art. 42.