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60_I_194

BGE 60 I 194

Bundesgericht (BGE) · 1934-01-01 · Deutsch CH
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194

Staatsrecht.

IV. GERICHTSSTAND

FOR

29. Orteil vom 1~. Juli 1934 i. S. Levr

gegen Staatsanwaltschaft und Obergericht Solothurn.

Gemeinsame!'

Ger i c 11 t s s t a n d

für

verschiedene Mit·

t, ä t e. r bei Vergehen gegen da." eidgenössische Leb e n s .

mit. tel pol i z e i g e set, z.

A. -

Lucien Levy, Inhaber einer Weinkellerei, Likör-

fabrik und Dampfbrennerei in Basel, lieferte durch Ver-

mittlung des Kommissionärs 1\1(. eine Korbflasche Kirsch

an die Firma Vinica & Co. A.-G. in Basel. Diese Firma

verkaufte die Flasche an die Wirtin W. in Solothurn. Kurz

nachher beanstandete .. die solothurllsche Lebensmittel-

polizei den Kirsch als unecht, worauf vor Amtsgericht

Solothurn-Lebern eine Straf untersuchung gegen die Lie-

feranten der 'Vare durchgeführt wurde. Das Urteil des

Amtsgerichtes lautete dahin, dass sich sowohl Lucien Levy,

als auch der Geschäftsführer der Vinica & Co. A.-G.,

Gaston WeiIl, des fahrlässigen Inverkehrbringens von

Kirschwasserverschnitt als Kirsch schuldig gemacht hätten

und dass sie hiefür mit einer Geldbusse von je 100 Fr. be-

straft würden. Beide Verurt,eilten appellierten an das

solothurnische Obergericht. Dabei bestritt Levy in erster

Linie die örtliche Zuständigkeit der solothurnischen Ge-

richte zur Beurteilung des ihm zur Last gelegten Ver-

gehens, da er die Ware in Basel an den dort wohnhaften

Kommissionär M. und nicht etwa an einen solothurnischen

Empfänger gesandt habe.

.

Das Obergericht von Solothurn wies in seinem Urteil

vom 22. Februar 1934 zunächst die Unzuständigkeitsein-

rede des Levy ab. « Die Begehungsform der Lebensmittel-

delikte, die in der grossen Mehrzahl der Fälle V erkehrs-

delikte sind, bringt es mit sich, dass bei ihnen verschiedene

Gerichtsstand. No 29.

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Täter in Erscheinung treten; diese siad nach der ratio

von Art. 50/51 Lebensmittelpolizeigesetz (LMPG) in einem

einheitlichen Verfahren zur Beurteilung zu bringen, wobei

derjenige Kanton, der zuerst die Untersuchung eröffnet,

das Recht hat, alle einzelnen Täter in dieselbe einzube-

ziehen)). -

In der Sache selbst führte das Obergericht aus,

es komme auf Grund des Gesamtbeweisergebnisses zur

Überzeugung, « dass Levy und WeiIl unter der gleichen

Decke steckten und vorsätzlich verfälschten Kirsch in

Verkehr gebracht hätten, so dass sie sehr wohl als Mittäter

angesehen werden könnten ll. Sie seien demnach beide

wegen vorsätzlicher Übertretung von Art. 37 Abs. 2 LMPG

schuldig zu sprechen und mit je 200 Fr. Geldbusse zu be-

strafen.

B. -

Gegen das Urteil des Obergerichtes hat Levy

unter Hinweis auf Art. 52 LMPG staatsrechtliche Be-

schwerde beim Bundesgericht eingereicht mit dem Antrag,

auf Aufhebung wegen mangelnder Zuständigkeit der solo-

thurnischen Gerichte.

Die Verkaufshandlung des Rekurrenten habe mit der

Übergabe der Ware an M. ihren Abschluss gefunden. Sei

diese Handlung strafrechtlich verfolgbar, so könne die

Verfolgung gemäss Art. 50LMPG nur in Basel stattfinden.

Das solothurnische Obergericht ziehe zu Unrecht einen

gegenteiligen Schluss aus Art. 50 Abs. 2 und Art. 51 LMPG.

Der in Art. 51 verwendete Begriff der' « Mitschuldigen II

müsse aus Art. 50 Abs. 2 heraus erklärt werden. In Art. 50

Abs. 2 seien als Mitschuldige nur der Gehülfe und der

Begünstiger genannt. Dadurch dass das Obergericht den

fraglichen Begriff über den Gehülfen und den Begünstiger

hinaus auf alle Teilnehmer am Vergehen ausgedehnt habe,

habe es gegen die Vorschriften von Art. 50 und 51 LMPG

verstossen.

C.- Das solothurnische Obergericht beantragt die

Abweisung des Rekurses.

D. -

Die beiden Verurteilten Levy und WeiIl haben

gegen das obergerichtliche Urteil gleichzeitig eine Kassa-

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Staatsrecht.

tionsbeschwerde beim Kassationshof des Bundesgerichtes

eingereicht, mit der sie aus materiellen Gründen die Auf-

hebung des Entscheides beantragen. Die Behandlung des

staatsrechtlichen Rekurses hat vor derjenigen der Kassa-

tionsbeschwerde zu erfolgen.

Das Bunde8gmicht zieM in Erwägung:

Die Regelung der Art. 50/51 LMPG verfolgt offensicht-

lich den Zweck, Deliktstatbestände des Lebensmittel-

polizeirechtes, die in sachlicher oder persönlicher Bezie-

hung zusammenhängen, nach Möglichkeit in einem Ver-

fahren durch einen und denselben Richter aburteilen zu

lassen, einesteils weil so am ehesten die wirklich Schuldigen

zu ermitteln sein werden (WÜTHRICH, Gerichtsstandsord-

nung des LMPG, S. 61),. dann aber auch aus Rücksicht auf

die sonst bestehende Gefahr widersprechender Gerichtsent-

scheide (BGE 44 I S. 35). Von diesem Gesichtspunkt aus

erscheint es ohne weiteres als gerechtfertigt, das den beiden

Verurteilten Levy und Weill gemeinsam zur Last gelegte

Delikt des vorsätzlichen Inverkehrbringens von verfälsch-

tem Kirsch (sie sollen « unter einer Decke gesteckt haben»)

trotz der äusserlichen Trennung der von ihnen begangenen

Handlungen als « ein Vergehen}) im Sinne von Art. 51

Abs. I aufzufassen und die beiden Täter als « Mittäter »,

als « Mitschuldige» gemäss der genannten Bestimmung

zu betrachten. Dann war aper auch der solothurnische

Richter, als Richter des Ortes, wo das Delikt zur Auswir-

kung gelangt ist, (unter der hier erfüllten Bedingung der

Praevention gegenüber dem konkurrierenden Gerichts-

stand· von Basel-Stadt) zur Beurteilung des ganzen im

Streit liegenden Tatbestandes zuständig, obschon es zu-

treffen mag, dass Levy selber nur im Kanton Basel-Stadt

tätig geworden ist (WÜTHItICH, l. c. S. 13 und 56; vgl. in

diesem Zusammenhang auch das Gutachten der Bundes-

anwaltschaft vom 8. November 1928, abgedruckt in SJZ 28

S. 164; ferner über die weite Auslegung des Begriffes der

« Mitschuldigen» nach Art. 4 Abs. 2 des interkantonalen

Gewaltentrennung. N° 30.

Auslieferungsgesetzes : BGE 44 I S. 178; LIENHART, Inter-

kantonale Auslieferung, S. 78).

Die Auffassung des Rekurrenten, der in Art. 51 Abs. I

enthaltene Begriff des ({ Mitschuldigen » sei nach Massgabe

von Art. 50 Abs. 2 auszulegen und umfasse daher nur den

Gehülfen und den Begünstiger, nicht aber den Mittäter,

entbehrt der Begründung. Viel eher muss umgekehrt der

enge Wortlaut von Art. 50 Abs. 2 in sinngemässer Anpas-

sung an Art. 51 Abs. I ausdehnend interpretiert werden

(vgl. WÜTHRICH, 1. c. S. 55 ff., bes. S. 56).

Demnach erkennt das Bunde8gericht :

Die Beschwerde wird abgewiesen.

V. GEWALTENTRENNUNG

SEPARATION DES POUVOIRS

30. Urteil vom 1. Juni 1984 i. S. Sozialdemokratische Partei

Basel-Stadt gegen Begierungsrat

und Appellationsgericht dei Xantons Basel-Stadt.

Allgemeines Verbot des baselstädtisehen Regierungsrates, V e r-

sam m I u n gen, von denen zu erwarten ist, dass sie zur

Bel eid i gun g eines fr emd e n

V 0 I k e s oder einer

fremden Regierung führen werden, auf Strassen oder. an

sonstigen öffentliohen Orten a.bzuhalten. Rüge der Verfas-

sungswidrigkeit dieses Verbotes hauptsächlioh unter dem

Gesiohtspunkt der

Gewaltentrennung

und der

Versammlungsfreiheit. Anwendung des Verbotes

auf einen einzelnen Fall.

A. -

Das Polizeistrafgesetz für den Kanton Basel-

Stadt vom 23. September 1872 bestimmt in:

§ 67.

« Wer den polizeilichen Anordnungen, welche im In-

teresse der öffentlichen Ordnung bei Volksfesten oder