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55_III_119

BGE 55 III 119

Bundesgericht (BGE) ·III · 1929-10-12 · Deutsch CH
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Volltext (verifizierbarer Originaltext)

28. lutacheiä. vom 12. Oktober 1929 i. S. Xämpf.

Der zum VOl'&US erklärte Verzicht Buf die Unpfänd-

bark.eit ist unwirksam.

On ne peut renc>ncer cl'avance a l'insaisissabilite.

Non e looito rinunciare prev~tivamente all'impignorabilita.

.Am 24. April 1929 stellte der in Merligen wohnende

Rekurrent dem Rekursgegner folgendes «an das Betrei -

bungsamt Thon» gerichtetes Schreiben aus :

- « Ich mache Sie darauf aufmerksam, dass ich die Schuld

meiner Tochter Rosa gegenüber der Fmna H. J. Steiger,

Wäschefabrikation, Bahnhofstrasse 2 in St. Gallen, welche

auf einen Betrag von 142 Fr. zuzüglich entstandene Spesen

und Kosten etc. lautet, übernommen habe. Ich habe

mich verpflichtet, erwähnten Betrag in monatlichen Raten

ZU reglieren, und erkläre mich zuhanden des Betreibungs-

amtes bereit, im Falle von Seite der Firma Steiger eine

Betreibung erfolgen sollte, drei Ziegen im Werte VOll

300 Fr. in Pfand zu geben. Ich verpflichte mich, betr.

Tiere bis zur vollständigen Tilgung der Schuld nicht zu

veräussern, und unterziehe mich übrigens den über

gepfändete Gegenstände bestehenden gesetzlichen Bestim-

mungen. »

In der dann angehobenen Betreibung NI'. 15,336 stellte

der Rekursgegner am 29. Juli beim Betreibungsamt Thun

das Fortsetzungsbegehren unter Beilage des Schreibens

des Rekurrenten. IDerüber heisst es in der Pfändungs-

urkunde : «Schuldner besitzt 3 Ziegen; er verweigert

heute eine freiwillige Pfandgabe, da diese Ziegen Kompe-

tenzstücke sind.»

Das Betreibungsamt sah von deren

Pfändung ab und stellte eine als Verlustschein dienende

Pfändungsurkunde aus.

Auf Beschwerde des Rekursgegners hin hat die kanto-

nale Aufsichtsbehörde am 23. September das Betreibungs-

amt Thun angewiesen, in der Betreibung Nr. 15,336 die

dem Schuldner gehörenden 3· Ziegen zu pfänden.

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Schuldbetreiburigs- und Konkursrecht. N° 28.

Diesen Entscheid hat der Rekurrent an das Bundes-

gericht weitergezogen und dabei noch vorgebracht: « Ich

. habe in meiner Zuschrift an das Betreibungsamt Thun

(24. April 1929) auf die Unpfändbarkeit meiner Ziegen

verzichtet und diese als Pfand hinterlegt, doch mir für

den Fall, dass meine Tochter aus der Untersuchungshaft

entlassen werde. Der Gerichtspräsident von Thun ver-

weigerte jedoch die Annahme dieses Pfandes, weil dasseibe

ungültig sei; infolgedessen fühle ich mich jeder Haftbar-

keit dem Gläubiger gegenüber entbunden. »

Die SchUliJ,betreibungs- und Konkurskammer zieht

in Erwägung :

Freilich würde die Art der in Frage stehenden Gegen~

stände nicht gehindert haben, dass der Schuldner beim

Pfändungsvollzug auf deren Unpfändbarkeit hätte wirk-

sam verzichten können, und ebenso wäre er durch Ver-

streichenlassen der zehntägigen Beschwerdefrist nach einet

allfälligen Pfändung (oder nachträglichen Rückzug der

Beschwerde) mit der Einrede der Unpfändbarkeit aus-

geschlossen worden. Nichtsdestoweniger muss dem zum

voraus erklärten Verzicht auf die Unpfändbarkeit jede

vVirkung versagt werden. Nichts gegenteiliges ergibt sich

a.us der Zulässigkeit der Verpfändung von unpfändbaren

Gegenständen. Denn sie beruht nicht auf einem in der

Verpfändung enthaltenen Verzicht des Schuldners auf die

Unpfändbarkeit, sondern darauf, dass das Gesetz gegen-

über der Inanspruchnahme verpfändeter Gegenstände zur

Befriedigung des Pfandgläubigers die Einrede der Un ..

pfändbarkeit nicht gewährt. Dies hängt damit zusammen~

dass der Schuldner ein Pfandrecht (an unpfändbaren

Sachen) regelmässig nur dadurch bestellen kann, dass er

sie unmittelbar aUS seinem Vermögen ausscheidet, womit

die Entbehrlichkeit derselben dargetan ist. Inwiefern die

-

in den Vorschriften über die Unpfändbarkeit. zum.

Ausdruck gelangende -

öffentliche Ordnung einer solchen..

Entäusserung des Besitzes a.n unpfändbaren Gegenständen-

~chutdbetreibuH~. und Koukursreebt. :So 2t>.

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zur Sicherung der Befriedigung eines einzflnen Gläubigers

entgegenstehen sollte, ist nicht erfindlich. Hat sie aber

einmal stattgefunden, so entfal!en die für die Anordnung

der Unpfändbarkeit masRgebenden Gründe. Homit bietet

die Pfandbestellung allerdings ein Mittel dafür dar, Ge-

genstände, die von Gesetzes wegen nicht für die Schulden

ihres Eigentümers haften, der Haftung zugunsten eiru.elner

Gläubiger zu unterwerfen. Anderseits würde es geradezu

auf die Umgehung der Vorschriften über das Faustpfand

hinauslaufen, wenn der vorgängige Verzicht auf die

Unpfändbarkeit als wirksam erachtet würde. Während

nämlich der bei der Pfändung ausgesprochene Verzicht

oder das Verstreichenlassen der Beschwerdefrist (bezw.

der Rückzug der Beschwerde) mindestens auch noch gegen-

über weiteren an der Pfändung allfällig teilnehmenden

Gläubigern wirksam wird und insofern dem erstpfänden-

dtn Gläubiger kein Vorzugsrecht verschafft, so müsste

sich der Schuldner seinen zum Voraus ausgesprochenen

Verzicht auf die Unpfändbarkeit natürlich von keinem

andern Gläubiger entgegenhalten lassen als demjenigen,

welcher ihn stipuliert hat. Letzterer würde also durch

einen solchen Verzicht im Verhältnis zu den übrigen

Gläubigern eine Stellung eingeräumt erhalten, welche das

Gesetz nur dem Pfandgläubiger gewährt, und zwar trotz-

dem es an dem für die Pfandbestellung gesetzlich auf-

gestellten Erfordernis der Besitzesübertragung fehlt. Somit,

muss eine derart gewillkürte Haftungsausdehnung auf

unpfändbare Gegen,stände als geradezu gegen positive

"y. orschriften des Zivilrechtes verstossend verpönt werden.

Ubrigens können die Betreibungsbehörden solche Partei-

vereinbarungen schon deswegen nicht berücksichtigen,

weil sie doch nicht zuständig wären, streitigen Falles deren

Verbindlichkeit zu beurteilen. Endlich muss dem Schuld-

ner die Entschliessung über den Verzicht auf die Unpfänd-

barkeit bis zum Pfändungsvollzuge vorbehalten bl~iben.

wie ja auch der Entscheid des Betreibungsamtes über di~

Frage der Unpfändbarkeit nach Massgabe der im Zeit-

AS (j6 III -

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Sehuldbetreibungs- und Konkursrecht. N° 29.

punkte des Pfändungsvollzuges gegebenen Verhältnisse zu

treffen ist (vgl. neuerdings wieder BGE 53 III S. 70).

Demnach erkennt die 8chUldbetr.- und Konkurskammer :

Der Rekurs wird begründet erklärt, der angefochtene

Entscheid aufgehoben und die Beschwerde abgewiesen.