Sachverhalt
(Gekürzt.) Am 21. Januar 1924 legten die Par-
teien dem Grundbuchverwalter von Schiers einen schrift-
lichen Kaufvertragsentwurf über die liegenschaft des
Klägers, den sie unterzeichnet hatten, zur öffentlichen
Beurkundung vor mit dem Antrag auf Eintragung in
Sachenrecht. N° 49.
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das Grundbuch. Wie der Kläger behauptet, machte er
damals den Vorbehalt, dass er durch seine Unterschrift
nur gebunden sein wolle für den Fall, dass der Grund-
pfandgläubiger Ryffel seine nach dem Vertragsentwurf
von den Käufern nicht übernommene Forderung von
4000 Fr. erlasse, oder dass die Käufer sie doch noch
übernehmen. Der Grundbuchverwalter veI:schob die
öffentliche Beurkundung zunächst, nahm dann aber am
7. Februar die öffentliche Beurkundung und die Eintra-
gung in das Grundbuch doch vor. Die Käufer zogen
am 1. März 1924 auf die Liegenschaft auf und Hessen
an Stelle der bisherigen Metzgerei eine Schlosserwerk-
stätte einrichten, sowie einen Schopf bauen, dessen Wert
auf 2500 Fr. veranschlagt wird. Am 3. März 1924 stellte
der Kläger unter Hinweis auf die Ungültigkeit des Kauf-
vertrages beim Kreisamt das Gesuch, den Käufern sei
durch Amtsbefehl jegliche bauliche Veränderung zu
untersagen; doch wurde er durch Entscheid vom 5.
März abgewiesen. Am 26. März 1924 verlangte der Kläger
beim Vermittleramt die Anberaumung eines Sühnever-
suches mit den Käufern, der am 4. April abgehalten
wurde. Hier und mit gerichtlicher Klage vom 25. April
1924 trug der Kläger auf Ungültigerklärung, eventuell
Nichtigerklärung des Kaufvertrages und Löschung des
Grundbucheintrages an, hauptsächlich mit der Begrün-
dung, dass der Grundbuchverwalter die öffentliche
Beurkundung wegen des gemachten Vorbehaltes nicht
habe vornehmen dürfen. Während das Bezirksgericht
Unterlandquart am 8. November 1924 die Klage abwies,
sprach auf Appellation des Klägers hin das Kantons-
gericht von Graubünden am 3. April 1925 sie zu. Auf
die Berufung der Beklagten an das Bundesgericht trat
dieses am 9. September 1925 wegen ausschliesslicher An-
wendbarkeit des kantonalen Beurkundungsrechtes nicht
ein. Am 14. Oktober 1925 räumten die Käufer die Liegen-
schaft.
B. -
Mit der vorliegenden Klage verlangt der Kläger
248
Sachenrecht. N° 49.
unter Anrufung der Art. 938 ff. ZGB von zweien der
drei Käufer Bezahlung von 12,600 Fr. nebst 5 % Zins
seit 15. Oktober 1925 mit Solidarhaft.
C. -
Durch Urteil vom 26. Januar 1928 hat das
Kantonsgericht von Graubünden die Klage abgewiesen.
D. -
Gegen dieses Urteil hat der Kläger die Berufung
an das Bqndesgericht eingelegt mit dem Antrag auf
Gutheissung der Klage.
Dispositiv
- Die Berufung wird abgewiesen und das Urteil des Kantonsgerichts von Graubünden vom 26. Januar 1928 bestätigt. IV. OBLIGATIONENRECHT DROIT DES OBLIGATIONS
Volltext (verifizierbarer Originaltext)
49. Urteil der 11. Zivilabteilung vom ß. Juli 1928
i. S. Flütsoh gegen Jecklin.
Verantwortlichkeit aus
Besitz, Art.
938
ff.
ZGB : Voraussetzungen des gut e n
0 der bös e n
G lau ben s des Besitzers, namentlich bei Grundstücken,
insbesondere der mala tides superveniens.
A. -
(Gekürzt.) Am 21. Januar 1924 legten die Par-
teien dem Grundbuchverwalter von Schiers einen schrift-
lichen Kaufvertragsentwurf über die liegenschaft des
Klägers, den sie unterzeichnet hatten, zur öffentlichen
Beurkundung vor mit dem Antrag auf Eintragung in
Sachenrecht. N° 49.
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das Grundbuch. Wie der Kläger behauptet, machte er
damals den Vorbehalt, dass er durch seine Unterschrift
nur gebunden sein wolle für den Fall, dass der Grund-
pfandgläubiger Ryffel seine nach dem Vertragsentwurf
von den Käufern nicht übernommene Forderung von
4000 Fr. erlasse, oder dass die Käufer sie doch noch
übernehmen. Der Grundbuchverwalter veI:schob die
öffentliche Beurkundung zunächst, nahm dann aber am
7. Februar die öffentliche Beurkundung und die Eintra-
gung in das Grundbuch doch vor. Die Käufer zogen
am 1. März 1924 auf die Liegenschaft auf und Hessen
an Stelle der bisherigen Metzgerei eine Schlosserwerk-
stätte einrichten, sowie einen Schopf bauen, dessen Wert
auf 2500 Fr. veranschlagt wird. Am 3. März 1924 stellte
der Kläger unter Hinweis auf die Ungültigkeit des Kauf-
vertrages beim Kreisamt das Gesuch, den Käufern sei
durch Amtsbefehl jegliche bauliche Veränderung zu
untersagen; doch wurde er durch Entscheid vom 5.
März abgewiesen. Am 26. März 1924 verlangte der Kläger
beim Vermittleramt die Anberaumung eines Sühnever-
suches mit den Käufern, der am 4. April abgehalten
wurde. Hier und mit gerichtlicher Klage vom 25. April
1924 trug der Kläger auf Ungültigerklärung, eventuell
Nichtigerklärung des Kaufvertrages und Löschung des
Grundbucheintrages an, hauptsächlich mit der Begrün-
dung, dass der Grundbuchverwalter die öffentliche
Beurkundung wegen des gemachten Vorbehaltes nicht
habe vornehmen dürfen. Während das Bezirksgericht
Unterlandquart am 8. November 1924 die Klage abwies,
sprach auf Appellation des Klägers hin das Kantons-
gericht von Graubünden am 3. April 1925 sie zu. Auf
die Berufung der Beklagten an das Bundesgericht trat
dieses am 9. September 1925 wegen ausschliesslicher An-
wendbarkeit des kantonalen Beurkundungsrechtes nicht
ein. Am 14. Oktober 1925 räumten die Käufer die Liegen-
schaft.
B. -
Mit der vorliegenden Klage verlangt der Kläger
248
Sachenrecht. N° 49.
unter Anrufung der Art. 938 ff. ZGB von zweien der
drei Käufer Bezahlung von 12,600 Fr. nebst 5 % Zins
seit 15. Oktober 1925 mit Solidarhaft.
C. -
Durch Urteil vom 26. Januar 1928 hat das
Kantonsgericht von Graubünden die Klage abgewiesen.
D. -
Gegen dieses Urteil hat der Kläger die Berufung
an das Bqndesgericht eingelegt mit dem Antrag auf
Gutheissung der Klage.
Das Bundesgericht zieht in Erwägung:
Zutreffend ist die Vorinstanz in Anwendung der
Art. 938 ff. ZGB davon ausgegangen, dass von entschei-
dender Bedeutung sei, ob die Beklagten als gutgläubige
oder bösgläubige Besitzer angesehen werden. Als gut-
gläubige Besitzer sind sie anzusehen, wenn ihr Irrtum
über die Gültigkeit ihres Eigentumserwerbstitels ent-
schuldbar erscheint. Und zwar ist gemäss Art. 3 ZGB
das Dasein ihres guten Glaubens zu vermuten; freilich
wären sie nicht berechtigt, sich auf den guten Glauben
zu berufen, wenn sie bei der Aufmerksamkeit, wie sie
nach den Umständen von ihnen verlangt werden durfte,
nicht gutgläubig sein konnten. Zudem besteht nach Art.
937 ZGB eine Vermutung des Rechtes aus dem Besitz
eines Grundstückes für denjenigen, der im Grundbuch
eingetragen ist. Nun ist freilich richtig, dass der Kläger
die Verbindlichkeit des Kaufvertrages so ziemlich von
Anfang an nicht hat gelten lassen. Allein die Kenntnis-
gabe dieses Standpunktes an die Beklagten hätte deren
guten Glauben nur zu erschüttern vermocht, wenn er
sich von vorneherein ohne weiteres als begründet erwies.
Hievon kann jedoch um so weniger die Rede sein, als
die erste Instanz die vom Kläger erhobene Ungültig-
keitsldage abwies, und als auch die zweite Instanz,
welche jene Klage zwar guthiess, den Beklagten den
guten Glauben zubilligte, was darauf sclIliessen lassen
dürfte, dass sie dem damals geltend gemachten Stand-
punkte des Klägers nur zögernd und vielleicht nicht
Sachenrecht. N° 49.
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einhellig beistimmte. Dass der Kläger seinem Standpunkt
alsbald durch ein Amtsbefehlsgesuch Geltung zu ver-
schaffen suchte, ist bedeutungslos, zumal da dieses
Gesuch verworfen wurde. Aber auch aus der nachfol-
genden Erhebung gerichtlicher Klage mit vorangehendem
Sühneverfahren kann der Kläger für die hier streitige
Frage nichts herleiten. Wie das Bundesgericht bereits
ausgesprochen hat (Urteil vom 1. Juli 1921 i. S. Räpple
gegen Probst), vermag der Umstand, dass der Erwerbs-
titel des Besitzers durch Klage angefochten wird, ihn
nicht ohne weiteres in bösen Glauben zu versetzen oder
sonstwie seine Verantwortlichkeit zu erhöhen, da von
der Aufnahme einer solches vorsehenden Vorschrift in
das ZGB gerade in der Meinung abgesehen worden ist,
dass der bis anhin glltgläubige Besitzer im Falle der
Anhebung einer Klage auch weiterhin als gutgläubiger
Besitzer zu gelten habe, es wäre denn, dass er sich der
Klage nicht in gutem Glauben widersetzen konnte (vgI.
Erläuterungen zum VorE 25. Titel 11 ClII), was nach
dem Ausgeführten vorliegend nicht zutrifft. Übrigens
waren die Um- und Anbauarbeiten zur Zeit der Klage-
erhebung, wenn nicht schon vollendet, so doch weit
fortgeschritten. Somit erweist sich die Klage als unbe-
gründet, soweit sie -
zum grössten Teil -
aus den vor-
genommenen baulichen Veränderungen hergeleitet wird.
Zweifelhafter erscheint freilich, ob der gute Glaube der
Beklagten das anfangs April 1925 gefällte Urteil des
Kantonsgerichtes überdauerte, durch welches der Kauf-
vertrag als ungültig erklärt und die Löschung der Ein-
tragung der Beklagten als Eigentümer angeordnet
wurde, und sogar die zwei Monate später erfolgte Zu-
stellung der Urteilsgründe, aus welchen ersehen werden
konnte, dass das Rechtsmittel der Berufung an das
Bundesgericht nicht zu Gebote stand. Allein von dieser
Zeit an bis zu dem alsbald nach Zurückweisung der Bem-
fung an das Bundesgericht erfolgten Abzug beschränkte
sich der dem Kläger zugefügte Nachteil darauf, dass er
250
Obligationenrecht. N0 50.
die Liegenschaft nicht gebrauchen konnte. Was aber die
Beklagten unter diesem Gesichtspunkte, ja sogar aus
der Nutzung der Liegenschaft während der ganzen Zeit
ihres Besitzes schuldig werden mochten, erreichte nach
der von der Vorinstanz angestellten Bewertung den
Betrag nicht, in welchem die Beklagten (mangels Wider-
klage mindestens) vertechnungsweise Ersatz beanspru-
chen und mit Fug beanspruchen können für eine gut-
gläubig gemachte Verwendung, nämlich den Bau des
Schopfes. Dass es sich dabei um eine mindestens nütz-
liche Verwendung handle, lässt sich angesichts der Fest-
stellungen der Vorinstanzen über die Art, wie er ge-
braucht wird, schlechterdings nicht verneinen ..... .
Demnach erkennt das Bundesgericht:
Die Berufung wird abgewiesen und das Urteil des
Kantonsgerichts von Graubünden vom 26. Januar
1928 bestätigt.
IV. OBLIGATIONENRECHT
DROIT DES OBLIGATIONS