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49_II_360

BGE 49 II 360

Bundesgericht (BGE) · 1923-02-28 · Deutsch CH
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360

Obligationenrecbt. N0 52.

verwerfen, ohne dass untersucht zu werden braucht,

ob sie nach Art. 60 Abs. 1 OR begIilndet wäre.

Demnach erkennt das Bundesgericht :

Die Berufung wird abgewiesen und das Urteil des

Assisenhofes des 11. Geschworenenbezirks des Kantons

Bern vom 28. Februar 1923 im Zivilpunkt bestätigt.

52. Urteil der 11. Zivllabtellllng vom 11. Oktober 1923

i. S. Eisenbahnen in Elsasl-Lothringen

gegen Bronner & Oie.

Frankaturvermerk

im

internationalen

Eis e n b ahn fra c li t ver k ehr: IUe Art. 6, 7, 20

bis 23; Zusatzbestimmungen zu Art. 6. Bestimmungen

des IUe können nicht -einseitig durch einen Vertragsstaat

abgeändert werden (Erw. 1). -

Auslegung des Frankatur-

vermerks : «Franko Lauterburg einsehliesslich Zollspesen •

(Erw. 2 und 3). -

Kausalzusammenhang zwischen Schaden

und Frankaturvermerk (Erw. 4).

A. -- Die klagende Eisenbahn in Elsass-Lothringen

übernahm im September 1919 -von der beklagten Spe-

ditionsfirma Bronner & Oe einen Wagen Zigarren zur

Spedition· von Basel über Lauterburg im Elsass nach

Ludwigshafen. Der internationale Frachtbrief enthielt

den Frankaturvermerk:

« Franko Lauterburg, ein-

schliesslith Zollspesen. » Die Bahn verzollte das Gut in

Lauterburg, wo der Zoll für die für Deutschland bestimm-

ten \Varen von französischen Behörden erhoben wurde.

Sie bezahlte dafür an Zoll 68,158 Fr. 26 Cts. französischer

Währung und unterliess es, bei der Aushändigung des

Frachtgutes diesen Betrag vom Empfänger zu erheben.

Die Beklagte lehnte ihrerseits.die Vergütung des Zolles

ab, mit der BegIilndung, die Klägerin habe von ihr nur

den Auftrag erhalten, die Spesen und zwar nur bis Lau-

terburg. nicht aber den Zoll selbst für sie zu bezahlen~;

Obligatioucnrecht. N0 52.

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dieser hätte erst am Bestimmungsort in Deutschland

entrichtet, auf jeden Fall aber durch die Bahn nebst den

Spesen von Lauterburg bis Ludwigshafen vom Empfänger

nachgenommen werden sollen. Im übrigen bestritt sie die

Richtigkeit der Verzollullg mid der Höhe des Zolles.

Darauf belangte sie die Klägerin auf Vergütung der aus-

gelegten 68,158 Fr. 26 Cts. französischer \Vährung nebst

5% Zins seit dem 23. Oktober 1919.

B. -Mit Urteil vom 12. Juni 1923 hat das Obergericht

des Kantons Basel-Stadt die Klage abgewiesen. Da-

gegen hat die Klägerin die Berufung an das Bundes-

gericht erklärt.

Das Bundesgericht zieht in Erwägung:

1. -

Nach den Vorschriften des Art. 20 und 23 Abs. 2

des Internationalen Übereinkommens über den Eisen-

bahnfrachtverkehr vom 14. Oktober 1890 (IUe) hat

die Empfangsbahn bei Ablieferung des Frachtgutes alle

aus dem Frachtvertrag begründeten Forderungen, zu

denen auch Zollgelder gehören, beim Empfänger einzu-

ziehen und zwar bei eigener Verantwortlichkeit gegen-

über dem Absender, den sie nicht als Schuldner be-

langen kann. Diese Rechtslage kann, wie die Vorinstanz

zutreffend ausführt, durch Kriegserlasse französischer

Behörden im Elsass, auf die sich die Klägerin zur Be-

gründung der Verzollung in Lauterburg und ihrer Un-

terlassung der Nachnahme auf den Empfänger beruft,

nicht einseitig abgeändert werden; das Übereinkommen

schafft als Staatsvertrag zwischen den beteiligten Staa-

ten internationales Vertragsrecht, das dem Landesrecht

vorgeht, soweit das letztere, was hier nicht zutrifIt, in

der Konvention nicht vorbehalten wird. (BGE 1922 II

NI'. 39 Seite 261 u. 162; Praxis 11 Nr. 116.)

2. -

Die Klägerin macht nun aber geltend, die Be-

klagte habe mit dem Frankaturvermerk: « Franko

Lauterburg, einschliesslich Zollspesen » den Zoll selbst

übernommen und auf Grund dieser \Veisung sei die Ware

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ObHgatlonenreeht. N° 52.

verzollt und der Zoll vom Empfänger nicht erhoben

worden. Allein dem ist nicht so. Wie der Frankatur-

vermerk für die verschiedenen Fälle von Frankatur zu

lauten hat, ist in Ziffer 11 der Zusatzbestimmungen

des internationalen Transportkomitees zu Art. 6 IUe

geregelt. Danach sind für vier bestimmte Fälle von Fran-

katur feste Formeln vorgeschrieben, und es ist gemäss

lit. a der Ausdruck « Franko » zu verwenden, wenn der

Absender

« die Fracht einschliesslich des allfälligen

Zu.schlags für die Deklaration des Interesses an der

Lieferung sowie alle Nebenkosten, welche nach Massgabe

des Reglements und Tarifs auf der Versandstation zur

Berechnung kommen, die etwa zu erhebende Nach-

nahmegebühr (Nachnahmeprovision) inbegriffen », fran-

kieren d. h. auf sich nehmen will. Will der Absender

« die durch die Zollbehörden und die für die Zollbehand-

Iung seitens der Eisenbahnen zur Erhebung kommenden

Gebühren und Spesen» frankieren. so hat er gemäss

-lit. b den Frankaturvermerk: « Franko Zoll» zu ver-

wenden. Für die Übernahme der in diesen beiden Fällen

in Betracht kommenden Kosten lautet der Frankatur-

vermerk nach lit. c:

« Franko einschliesslich Zoll ».

und wenn der Absender alle irgendwie erwachsenden

Gebühren auf sich nehmen will. so hat er nach lit. d

zu frankieren : ({ Franko einschliesslich aller Gebühren. »

Mit dem Frankaturvermerk: «Franko Lauterburg »

hat daher die Klägerin lediglich die Fracht im Sinne von

Ziff. 11 lit. ader Zusatzbestimmungen bis Lauterburg

übernommen. Hätte sie auch den Zoll selbst übernehmen

wollen, so hätte sie dies mit dem Frankaturvermerk :

« Franko Lauterburg Zoll » zum Ausdruck bringen sollen.

Denn aus dem Umstand. dass die Zusatzbestimmungen

für vier bestimmte Fälle feste Formeln· vorschreiben,

folgt, dass im Zweifel ein diesen Formeln entsprechender

Auftrag an die Bahn nur vorliegt, wenn die Formel

selbst verwendet ist. Die Klägerin hätte daher den Zoll

nur dann als von der Beklagten übernommen betrach-

ObHgationenrecht. N° 52.

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ten dürfen, wenn diese den Frankaturvermerk : « Franko

Zoll» oder « Franko Lauterburg Zoll» im Frachtbrief

verwendet hätte. Mit dieser Formel ist der Frankatur-

vermerk :

« Franko. einschliesslich Zollspesen » nicht

identisch. Er mochte für Laien und ungeübtes Personal

zweifelhaft sein, für Sachverständige aber konnte nach

der Feststellung der Vorinstanz kein Zweifel darüber

bestehen, dass unter Zoll s pes e n

nicht der Zoll

selbst, sondern nur die Nebenspesen der Verzollung ver-

standen waren.

3. -

Mit dem Frankaturvermerk : {(Franko Lauter-

burg einschliesslich Zollspesen » hat somit die Beklagte

nur erklärt, die Frachtspesen im Sinne von Ziff. 11

lit. ader Zusatzbestimmungen bis Lauterburg und die

Gebühren für die Verzollung übernehmen zu wollen.

Die weitem Speditionsspesen und namentlich der Zoll

selbst gingen zu Lasten des Empfängers und hafteten

daher zur Zeit der Ablieferung auf dem Frachtgut, das

die Bahn gemäss den Art. 20 bis 23 IUe nicht an jenen

herausgeben durfte, ohne zugleich die Spesen und den

Zoll nachzunehmen. Für die Bezahlung dieser Beträge

ist gemäss Art. 23 Abs.2 IUe die Bahn dem Absender ver-

antwortlich, und da die Klägerin die Ware herausge-

geben hat, ohne das darauf haftende Pfandrecht für

die Gebühren und den Zoll geltend zu machen, hat sie

die Gefahr hierfür selbst zu tragen.

4. -

Wollte übrigens auch der Frankaturvermerk:

« Franko Lauterburg einschliesslich Zollspesen » als un-

reglementarisch betrachtet werden, weil er mit keiner

der vier in Ziffer 11 der Zusatzbestimmungen zu Art. 6

IUe vorgeschriebenen Formeln übereinstimmt, wäre

damit die Haftung der Beklagten für den verausgabten

Zoll noch nicht dargetan. Nach Art. 7 IUe trägt der

Absender allerdings alle Folgen, welche aus unrichtigen,

ungenauen und ungenügenden Erklärungen im Fracht-

brief entspringen. Doch ist für diese Haftung der Nachweis

eines Kausalzusammenhanges zwischen der unreglemen-

364

ObHgationenrecht. No 53.

tarischen Behandlung des Frachtgutes und dem Schaden

notwendig. Dieser Nachweis fehlt hier. Denn da der

Frankaturvermerk .:

« Franko Lauterburg einschliess-

lich Zollspesen » keiner der vier vorgeschriebenen For-

meln entspricht, so hätte die Bahn auf den Sinn abstellen

sollen, welchen ihm Sachverständige geben mussten,

und das hat sie nicht getan. Daher ist in jedem Fall der

Kausalzusammenhang zwischen dem Frankaturvermerk

und dem entstandenen Schaden unterbrochen, und

es entfällt jede Haftung der Beklagten.

Demnach erkennt das Bundesgericht :

Die Berufung wird abgewiesen und das Urteil des

Appellationsgerichts des Kantons Basel - Stadt vom

12. Juni 1923 bestäti~.

53. Arret de la IIe Section civile dulT octobre 1923

dans la cause ciame Bohnenblust

contre 'l'ournier et Faillite Piccard, Piotet & Qie.

Accident d'automobil:.. Hl.sponsabilite du patron el de son em-

ployeur. Imputation des indemnites d'assurance sur le mon-

tant de l'indemniV '/

A. -

Le 30 aout 1920, vers 19 h. 45. Charles Bohnen-

blust, age de 29 ans, contreI}laftre a l'usine Gallay, ren-

trait de son travail tenant sa bicyclette a la main. De-

bouchant du chemin prive conduisant a l'usine, il voulut

traverser la route de Frontenex. A ce moment arrivait,

montant cette route, une automobile conduite par Tour-

nier, chef essayeur a la Societe Piccard, Pictet & Oe.

L'auto chercha au derniermoment aeviter Bohnenblusten

obliquant fortement sur la droite. Mais une collision se

produisit et Bohnenblust tomba a terre. 11 eut la jambe

et le emne fractures et mourut une heure plus tard.

Il laissait une veuve agee de 26 ans et deux enfants

de 3 mois et de 3 ans.

Obligationenrecht. N0 53.

365

Bohnenblust etait au benefiee d'une assurance col-

lective par son patron Gallay aupres de l'Helvetia. L'in-

deminte d'assurance a laquelle cette soeh~te a ete eOIl-

damnee par artet du Tribunal fMeral du 1 er mars 1922

a ete fixee a 22880fr. En outre la Caisse nationale d'as-

surance a alloue a dame Bohnenblust une rente an-

nuelle de 1200 fr. pour elle-m~me et de 600 fr. pour cha-

eun de ses enfants et elle a renonce en sa faveur a son

droit de reeours contre les auteurs du dommage suivant

acte de cession du 5 novembre 1920 qui a la teneur

suivante: « La Caisse Nationale Suisse d'assurance cede

» par les presentes a Madame Augusta-Victoria Bohnen-

» blust, nee Aigle. veuve de Charles-FrMeric Bohnen-

» blust, tant en sa qualite personnelle que comme repre-

» sentant ses deux enfants mineurs, Victoria-Marie et

» Charles-Emile, la creance que la Caisse possede tant

» envers Tournier Louis qu'envers la Societe Piceard,

)) Pictet a raison de l'accident mortel sur la personlle de

» feu Charles Bohnenblust, dont Tournier a He l'auteur.

» La Caisse Nationale renonce expressement a la subro-

») gation que lui assure l'art. 100 de la loi aux droits de

)) Madame Bohnenblust et de ses enfants contre Tournier,

)) pour le montant des prestations de la Caisse.)

B. -

Independamment d'un proces direct qu'elle a

intente a l'Etat de Geneve devant le Tribunal fMeral

et dont celui-ci a suspendu l'instruction jusqu'a droit

connu dans la presente instance, dame Bohnenblust, agis-

sant en son nom et au nom de sesellfallts mineurs, a

assigne devant les Tribunaux genevois Paul Tournier ct

la faillite de la S. A. Piccard, Pictet & Oe en concluant

au paiement des sommes suivantes :

10 136 964 fr. pour prejudice materiel resultant de

la perte de leur soutien;

20 50 000 fr. pour tort moral;

3° 1086 fr. 25 pour frais d'inhumatioll;

40 5000 fr. pour honoraires d'avocat.

Les defendeurs ont conclu a liberation en contestallt

AS 49 n -

1923

25