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48_II_194

BGE 48 II 194

Bundesgericht (BGE) ·II · 1922-01-01 · Deutsch CH
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Volltext (verifizierbarer Originaltext)

29. Auszug aus dem Orteil der n. Zivilabteilung vom

94. Kai 1922 i. S. lIartma.nn gegen Stürzinger.

Vertragliche Verpflichtung der mehreren Beischläfer, der

Mutter die Niederkunftskosten und Alimentationen für

das Kind zu bezahlen, ist nicht unsittlich. Der Vertrag

ist verbindlich, auch wenn die Vaterschaftsklage aus Art. 314

Abs. 2 ZGB abgewiesen wird.

..... Es ist daher, (nachdem die Einrede der mehreren Beischläfer begründet erklärt und die gegen St.

erhobene Vaterschaftsklage abgewiesen wird), zu prüfen,

ob und inwieweit der Beklagte aus den bei den Uebereinkommen vom 7. Januar 1920 zur Zahlung verhalten

werden kann. Dabei· fällt von vorneherein das eine

Übereinkommen ausser Betracht, worin sich der Beklagte gemeinsam mit FIitschi zur Leistung eines Schweiggeldes von 2500 Fr. verpflichtet hat. Indem ihn die

Klägerin durch gerichtliche Klage als Vater des Kindes

bezeichnete, hat sie ohne weiteres auf das Schweiggeld

verzichtet.

Durch das zweite, am gleic.hen Tage unterzeichnete

Abkommen hat sich der Beklagte mit Fritschi zur

Bezahlung der Niederkunftskosten und von Alimenten

von jährlich 400 Fr. bis zum zurückgelegten zehnten

Lebensjahr des Kindes verpflichtet. Mit Unrecht betrachtet die Vorillstanz diese Vereinbarung als unsittliches Rechtsgeschäft. Dass der Vertrag auf Herbeiführung eines unerlaubten oder sittlich verwerflichen

Zweckes gerichtet sei, könnte nur in Betracht kommen,

wenn er v.o r dem Geschlechtsverkehr abgeschlossen

worden wäre. Das Zahlungsversprechen, das der Beklagte und Fritschi gegeben haben, zeugt nicht von

einer verwerflichen Gesinnung der Beteiligten. Es verletzt aber auch sonst nicht d:: s sittliche Gefühl. Die

Schwangerschaft der Klägerin ist auf den Geschlechtsverkehr zurückzuführen, den sie in der kritischen Zeit

Familienrecht. N° 29.

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mit den beiden jungen Leuten gehabt hat, sodass es

unmöglich ist, die Vaterschaft des einen oder andern

festzustellen. Eine Vaterschaftsklage war daher nach

Art. 314 Abs. 2 ZGB ausgeschlossen. Haben aber ~er

Bekiagte und Fritschi freiwillig und im Bew~sstsem,

dass sie eine gesetzliche Pflicht zur Zahlung von Ahmer~en

richt treffe, der Klägerin Unterhaltsbeiträge für das. Kmd

versprochen und damit einen Teil des ökonomIschen

Schadens übernommen, der ihr aus diesem V~rk~hr

entshmde[l ist, so liegt d3rin nichts, was als unsItt~Ich

zu betrachten wäre, gegenteils haben sie dadurch ewer

sittlichen Pflicht genüge getan, die ihnen daraus erwachs~n

ist dass sie die Klägerin durch ihre unerlaubter BezIe-

h~ngen ins Unglück gebracht habe? Richtig ist, dass

das ZGB, entgegen seinem ursprünglIchen Entwurfe und

verschiedenen Stimmen bei der Beratung und entgegen

andern Rechten, z. B. dem österreichisehen und norwegischen (vgI. SILBERNAGEL, Komm. zu Art. 314 ZGB

Ziff. V; EGGER, Komm. zu Art. 314 ZGB Ziff. 3),

der Klägerin einen gesetzlichen Anspruch auf Alimente

unter diesen Umständen nicht gewährt. Daraus darf

aber, wie das Bundesgericht schon im Urteil Müller

gegen Karg am 20. Januar 1918 (BGB 44 II Nr. 2)

~rklärt hat, nicht gefolgert werden, dass die freiwillig.e

Verpflichtung zu Alimentationen ausgeschlossen

Sei.

Der Rechtsgrund der Zahlungspflicht. die der Beklagte

mit Fritschi übernommen hat, liegt nicht in der natürlichen Vaterschaft des einen oder andern von ihnen,

sondern in der im Uebereinkommen ausgesprochenen

Schuldpflicht, wozu der Beweggrund, ~enig~tens auf

Seite des Beklagten, im Bestreben lag, eIlle KI~ge und

damit das öffentliche Gerede zu vermeiden.

Anders läge die Sache freilich, wenn richtig wäre, . dass

der Beklagte, wie er im Prozesse bahauptet hat, beI der

Unterzeichnung der Vereinbarung vom Umgang der

Klägerin mit Fritschi in der kritischen Zei~ keine Kenntnis gehabt, und er daher gestützt auf dIe Angabe der

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ObllgaUonenrecht. N° 30.

Klägerin, sie habe in dieser Zeit mit niemand anders

verkehrt, sich als Vater des Kindes betrachtet habe.

Unter diesen Umständen könnte eine Anfechtung der

Vereinbarung wegen Irrtums in Frage kommen. Allein

es fehlt nicht nur jeder Beweis für diese Behauptung.

sonder~ es ergibt sich das Gegenteil aus der Deposition

der Mutter des Beklagten, die bezeugt, der Vater der

Klägerin habe ihr mitgeteilt, ihr Sohn und Fritschi

hätten mit seiner Tochter Umgang gehabt, worauf die

Zeugin sofort erklärt habe, dann müssten auch beide

zahlen. Sie hat denn auch den Beklagten zur Eingehung

des Abkommerts veranlasst und dabei mitgewirkt, sodass

ihm die Tatsache des Umgangs der Klägerin mit Fritschi

nicht unbekannt sein konnte.

111. OBLIGATIONENRECHT

DROIT DES OBLIGATIONS