Sachverhalt
Am 27. Mai 1920 entzog der Stadtrat VOll Zürich
gestützt auf Art. 46 in Verbindung mit Art. 44 des
FamiUenrecht. N° 27.
183
Bundesratsbeschlusses betreffend Bekämpfung der Miet-
und Wohnungsnot vom 9. April 1920 der dort wohnenden
Beklagten Nr. 2 die Niederlassung mit der Begründung.
sie verfolge mit ihrer Wohnsitznahme in Zürich keinen
schutzwürdigen Zweck, indem sie ihren Unterhalt teil-
weise aus der Hingabe zum. Geschlechtsverkehr~ speziell
an Kohlenhändler X. und Redakteur Y. ziehe. Die gegen
diesen Beschluss an die Baudirektion, alsdann an den
Regierungsrat und schliesslich an das Bundesgericht er-
klärten Rekurse wurden abgewiesen, vom Bundesgericht
am 6. November 1920. Am 12. November verehelichte
sich die Beklagte Nr. 2 mit dem Beklagten Nr .. 1, der
Bürger der Stadt Zürich ist, jedoch als Hausbursche
eines Hotels auf dem Uetliberg in der Gemeinde Stallikon
wohnt. Doch nahmen die Beklagten das Zusammenleben
nicht auf; im Gegenteil verbrachte die Beklagte Nr. 2
die folgenden Weihnachts- und Neujahrsferien mit Dr. Y.
in einem Hotel in St. Moritz, der sie dort als seine Frau
anmeldete. Infolge ihrer Heirat mit einem Stadtbürger
sah der Stadtrat von Zürich davon ab, die Beklagte
Nr.2 auszuweisen. Als aber der Beklagte Nr. 1 schon im
Frühjahr 1921 Ehescheidungsklage erhob, strengte der
Stadtrat die vorliegende Ehenichtigkeitsklage an .. Der
Regierungsrat des Kantons Zürich trat als Nebeninter-
venient der Klage bei.
B. -
Durch Urteil vom 23. November 1921 hat das
Obergericht des Kantons Zürich die Klage abgewiesen.
C. -
Gegen dieses am 26. Januar zugestellte Urteil
haben am 14. Februar der Regierungsrat des Kantons
Zürich und am 15. Februar der Stadtrat von Zürich die
Berufung an das Bundesgericht eingelegt mit den An-
trägen auf Gutheissung der Klage.
Erwägungen (4 Absätze)
E. 1 Der Kläger und sein Nebenintervenient wollen
die Klage nicht nur als Klage auf Nichtigerklärung der
Ehe im Sinne der Art. 120 ff. ZGB, sondern eventuell
184
Familienreeht. No 27.
auch . als negative Feststellungsklage aufgefasst wissen
und führen zur Begründung der Zulässigkeit einer solchen
Klage aus, sie müsse z. B. auch dann erhoben werden
können, wenn die Ehe nur vermeintlich vor einem Zivil-
standsbeamten geschlossen worden ist, weil dies. keinen
Grund zur Nichtigkeitsklage im Sinne der genannten
Bestimmungen abgebe. Allein dabei übersehen sie gänz-
lich, dass die Ehe überhaupt nur vor dem Zivilstands-
beamten geschlossen werden kann, ohne Erfül~ung dieses
Formerfordernisses also gar nicht existiert (Art. 131
ZGB), was bei Bedürfnis freilich durch negative Fest-
stellungsklage muss geltend gemacht werden können.
Haben aber die Nupturienten die Ehe vor einem Zivil-
standsbeamten geschlossen, indem sie dessen Frage, ob
sie die Ehe miteinander eingehen wollen, bejahten, so sieht
das Gesetz die Ehe als bestehend an, auch wenn sie an
einem Mangel leidet, welcher ihre Ungültigkeit nach sich
zieht, mit der Massgabe, dass nur die durch Nichtigkeits-
oder Anfechtungsklage zu erwirkende gerichtliche Un-
gültigkeitserklärung sie wieder aufzuheben vermag, so
zwar, dass die Ungültigkeit erst wirksam wird, nachdem
das Gericht die Ungültigerklärung ausgesprochen hat
(Art. 132 ZGB). Kann sonach von einer Klage auf Fest-
stellung der Nichtexistenz einer vor dem Zivilstands-
beamten geschlossenen Ehe keine Rede sein, so ist nur
zu prüfen, ob die vorliegend .angefochtene Ehe an einem
Mangel leidet, welcher deren gerichtliche Ungültig-
erklärung im erwähnten Sinne nach sich zu ziehen ver-
mag, genauer : welcher einen Nichtigkeitsgrund abgibt,
weil der Kläger (wie auch der Nebenintervenient) nur
einen solchen geltend zu machen legitimiert ist (Art. 121
im Gegensatz zu Art. 123 bis 128 ZGB).
E. 2 Nun können aber andere als die in Art. 120 ZGB
aufgeführten Ehenichtigkeitsgründe nicht anerkannt wer-
den. Dies ergibt sich zunächst daraus, dass sie in scharfer
Umschreibung aufgezählt sind; eine solche Aufzählung
muss als erschöpfend betrachtet werden. Vor allem zwin-
Famllienrecht. Ne 27.
185
gend aber ist der Schluss aus dem materiellen Inhalt der
Vorschriften über die Gründe der Nichtigkeit und der
Anfechtbarkeit der Ehe, indem sich daraus ersehen
lässt, dass entgegen der Regel des Art. 7 ZGB die allge-
meinen Bestimmungen über die Entstehung und Auf-
hebung der Verträge auf die Ehe nicht Anwendung
finden. Während nach Art. 18 ZGB der Urteils unfähige
durch seine Handlungen im allgemeinen überhaupt keine
rechtliche Wirkung herbeizuführen vermag, müssen sich
Dritte die von einer urteilsunfäbigen Person gesehloss.ene"
von dieser seJbst, 'VOll ihreB Eltent oder ihrem Vormunde
nicht angefochtene Ehe entgegenhalten lassen, wenn jene
nur aus einem vorübergehenden Grunde bei der Trauung
nicht urteilsfähig gewesen oder wenn die Urteilsunfähi~
keit seither gehoben ist (Art. 123, 122 Abs. 2, 128 ZGB).
und der Ehegatte selbs~ welcher bei der Trauung nur aus
einem vorübergehenden Grunde nicht urteilsfähig war,
ist an die Ehe gebunden, wenn sie nicht auf Anfechtungs-
klage seiner Eltern oder seines Vormundes hin ungültig
erklärt worden ist, bevor er mündig oder die Frau schwan-
ger geworden ist, und er selbst die Anfeehttmgsfrist
hat verstreichen lasseR (Art. 123, 127, 1'28 ZGB)~ Und
während nach Art. 19 ZGB l!rteilsfähige unm.:iiiRdige oder
entmündigte',PersoneJru sieb; im allgemeinen RUf 0011 Zu-
stinmuulg ihrer gesetzich~ Vertreter durch ihre Hand-
lungen verpfficllten können, dagegen Rechte auszuüben
vermögen, die ihnen um ihrer Persönlichkeit willen zu-
stehen, ist die von einer solchen Person ohne Einwil-
ligung der Eltern oder des Vormundes geschlossene Ehe
für jene selbst verbindlich, kann aber von den Eltern
oder dem Vormunde angefochteu werden, doch nur so-
lange, als jene rocht inzwischen mündig oder die Frau
schwanger geworden 'ist (Art. 128 ZGB). Endlich ist auch
der Anfechtung .. der Ehe wegen Willensmängeln ein viel
beschränkterer Urilfang gezogen als der Anfechtung der
Verträge im allgemeinen (Art. 124-127 ZGB im Gegen-
satz zu Art. 23-31 OR). Mit dieser der Ungültigerklärung
186
FamUienrecht. N° 27.
der Ehe engste Grenzen ziehenden Sonderregelung liesse
es sich schlechthin nicht vereinbaren, die übrigen allge-
meinen Bestimmungen des OR bezw. des Zivilrechts
überhaupt über die Ungültigkeit von Verträgen auf die
Ehe anzuwenden, was übrigens angesichts ihres teilweise
öffentlichrechtlichen Charakters sachlich auch gar nicht
zu rechtfertigen wäre. Hieraus einzig lässt sich denn auch
die Vorschrift des Art. 108 Abs. 3 ZGB erklären, wonach
der Einspruch gegen die _ Eheschliessung nur auf den
Mangel der EMfähigkeit oder ein gesetzliches Ehehinder-
nis _ gestützt werden kann, welche gemäss Art. 120 ff.
ZGB allein die. Gründe der Nichtigkeit oder Anfechtbar-
keitder Ehe abgeben. Zu Unrecht glaubt der Kläger, aus
Art. 129-131 ZGB, wo gewisse Gründe aufgeführt werden,
aus welchen die Ehe n ich t für ungültig erklärt werden
kann, folgern zu dürfen, dass noch weitere Eheungültig-
keitsgründe bestehen, mit der Argumentation, jene Vor-
schriften wären sonst überflüssig. Denn sie haben ohne-
hin den guten Sinn, von vorneherein jeden Zweifel übet
das rechtliche Schicksal von trotz Vorliegens der in
Art. 100 Ziff.3 und 103 f. ZGB genannten Ehehindernisse
oder _ aber unter Verletzung von Formvorschriften,
welche im allgemeinen die Ungültigkeit des Vertrages
nach sich zieht (Art. 11 Abs. 2 OR), geschlossenen Ehen
auszuschliessen, bekräftigen also geradezu, dass die Auf-
zählung der Ehenichtigkeits- wie auch der Eheanfech-
tungsgründe erschöpfend ist.
E. 3 Danach kann die Ehe nicht etwa wegen Simula-
tion nichtig erklärt werden. Im Gegensatz zur Auffassung
des Klägers erscheint es übrigens ausgeschlossen, dass
die Beklagten nur zum Schein die Ehe eingehen wollten,
weil der Zweck, auf den sie es abgesehen hatten, nämlich
der Beklagten Nr. 2 das Bürgerrecht der Stadt Zürich
zu verschaffen, nur durch eine gültige Ehe erreicht
werden konnte. Hievon abgesehen lässt sich nicht schon
deswegen auf Simulation schliessen, weil die Beklagten
eheliches Zusammenleben offenbar gar nie ins Auge ge-
FamUienrecht. N° 27.
187
fasst haben. Denn das Gesetz sieht die Willensrichtung
auf eheliches Zusammenleben nicht als unerlässliches
Requisit des Eheschliessungswillens an, wie sich daraus
ergibt, dass es den Nupturienten im Falle tötlicher Er-
krankung des einen, welche doch die Aufnahme des ehe-
lichen Zusammenlebens ausgeschlossen erscheinen lässt,
den Eheschluss noch besonders erleichtert (Art. 115
ZGB).
--
Ferner lässt sich danach die Nichtigkeit der Ehe auch
nicht aus Art. 20 OR herleiten, wonach ein Vertrag, der
einen widerrechtlichen Inhalt hat oder gegen die guten
Sitten verstösst, nichtig ist. Uebrigens kann der Inhalt
der Ehe, der ja vom Gesetz umschrieben ist, unter kein~n
Umständen widerrechtlich sein (sondern höchstens dIe
Nebenabreden, durch welche jener teilweise wegbe~ungen
werden will). Dagegen ist von Bedeutung, dass dIe Ehe
von jener Vorschrift auch dann nicht getroffen wird,
wenn der mit ihrem Abschluss verfolgte Zweck gegen
die guten Sitten verstösst, wie es hier, ~ber freili?h a~ch'
noch in zahlreichen anderen Fällen zutrifft (wobeI dahin-
gestellt bleiben mag, ob jene Vorschrift. wirklich ~ahin
auszulegen ist, dass schon der gegen dIe guten SItten
verstossende Zweck den Vertrag nichtig macht; vgl.
einerseits OSER, Bem. IV 2 c zu Art. 20, anderseits
BEcKER, Noten 16 ff. zu Art. 19). .---
I
E. 4 Im weiteren kann aber auch .~ 2 ZGB jli~ht zur Anwendung gelangen. Abgesehen davon, dass dIe Ver- sagung des Rechtsschutzes nicht in der Ungültigerk~ärung von Verträgen, sondern gegebenenfalls nur dann be- stehen kann, dass die Ausübung oder die Geltend- machung vertraglicher Rechte gegenüber dem Vertrags- gegner ausgeschlossen wird, /bezieht sich lliese Vorschrift l ~L!!i~~ auf den .Missbrauch öffentlic.h~r. ~~~~~~. wie des verfaSSimgSmasslgen-Rechts-zur Elie, aer hier allein in Frage steht. Unbehelflich ist endlich der Hinweis darauf, dass der angefochtene Eheschluss einer Ges~tzes umgehung diene. Fällt dieser Gesichtspunkt beI der 188 Familienrecht. N° 28. Frage der Gültigkeit der Ehe zwar in Betracht, so doch nur dann, wenn es sich um die Umgehung der Ehe- nichtigkeitsgründe handelt (N u. AG Art. 7 f.).· Die Umgehung von Vorschriften des Verwaltungsrechts zu verunmöglichen aber ist Aufgabe des Verwaltungsrechts selbst und seiner Rechtsprechung.
Dispositiv
- Die Berufung wird abgewiesen und das Urteil des Ober- gerichts des Kantons Zürich vom 23. November 1921 be- stätigt.
Volltext (verifizierbarer Originaltext)
27. Urteil der n. Zivüabteilung vom 11. Kai 1922
i. S. Stadtrat und Begierungsrat Zürich gegen lIänigaen.
Die Ehe kann nur aus den in ZGB Art. 120 ff. aufgeführten
Gründen, nicht aber wegen Simulation oder gestützt auf
Art. 20 OR oder Art. 2 ZGB oder wegen Gesetzesumgehung
ungültig erklärt werden.
A. -
Am 27. Mai 1920 entzog der Stadtrat VOll Zürich
gestützt auf Art. 46 in Verbindung mit Art. 44 des
FamiUenrecht. N° 27.
183
Bundesratsbeschlusses betreffend Bekämpfung der Miet-
und Wohnungsnot vom 9. April 1920 der dort wohnenden
Beklagten Nr. 2 die Niederlassung mit der Begründung.
sie verfolge mit ihrer Wohnsitznahme in Zürich keinen
schutzwürdigen Zweck, indem sie ihren Unterhalt teil-
weise aus der Hingabe zum. Geschlechtsverkehr~ speziell
an Kohlenhändler X. und Redakteur Y. ziehe. Die gegen
diesen Beschluss an die Baudirektion, alsdann an den
Regierungsrat und schliesslich an das Bundesgericht er-
klärten Rekurse wurden abgewiesen, vom Bundesgericht
am 6. November 1920. Am 12. November verehelichte
sich die Beklagte Nr. 2 mit dem Beklagten Nr .. 1, der
Bürger der Stadt Zürich ist, jedoch als Hausbursche
eines Hotels auf dem Uetliberg in der Gemeinde Stallikon
wohnt. Doch nahmen die Beklagten das Zusammenleben
nicht auf; im Gegenteil verbrachte die Beklagte Nr. 2
die folgenden Weihnachts- und Neujahrsferien mit Dr. Y.
in einem Hotel in St. Moritz, der sie dort als seine Frau
anmeldete. Infolge ihrer Heirat mit einem Stadtbürger
sah der Stadtrat von Zürich davon ab, die Beklagte
Nr.2 auszuweisen. Als aber der Beklagte Nr. 1 schon im
Frühjahr 1921 Ehescheidungsklage erhob, strengte der
Stadtrat die vorliegende Ehenichtigkeitsklage an .. Der
Regierungsrat des Kantons Zürich trat als Nebeninter-
venient der Klage bei.
B. -
Durch Urteil vom 23. November 1921 hat das
Obergericht des Kantons Zürich die Klage abgewiesen.
C. -
Gegen dieses am 26. Januar zugestellte Urteil
haben am 14. Februar der Regierungsrat des Kantons
Zürich und am 15. Februar der Stadtrat von Zürich die
Berufung an das Bundesgericht eingelegt mit den An-
trägen auf Gutheissung der Klage.
Das Bundesgericht zieht in Erwägung:
1. -
Der Kläger und sein Nebenintervenient wollen
die Klage nicht nur als Klage auf Nichtigerklärung der
Ehe im Sinne der Art. 120 ff. ZGB, sondern eventuell
184
Familienreeht. No 27.
auch . als negative Feststellungsklage aufgefasst wissen
und führen zur Begründung der Zulässigkeit einer solchen
Klage aus, sie müsse z. B. auch dann erhoben werden
können, wenn die Ehe nur vermeintlich vor einem Zivil-
standsbeamten geschlossen worden ist, weil dies. keinen
Grund zur Nichtigkeitsklage im Sinne der genannten
Bestimmungen abgebe. Allein dabei übersehen sie gänz-
lich, dass die Ehe überhaupt nur vor dem Zivilstands-
beamten geschlossen werden kann, ohne Erfül~ung dieses
Formerfordernisses also gar nicht existiert (Art. 131
ZGB), was bei Bedürfnis freilich durch negative Fest-
stellungsklage muss geltend gemacht werden können.
Haben aber die Nupturienten die Ehe vor einem Zivil-
standsbeamten geschlossen, indem sie dessen Frage, ob
sie die Ehe miteinander eingehen wollen, bejahten, so sieht
das Gesetz die Ehe als bestehend an, auch wenn sie an
einem Mangel leidet, welcher ihre Ungültigkeit nach sich
zieht, mit der Massgabe, dass nur die durch Nichtigkeits-
oder Anfechtungsklage zu erwirkende gerichtliche Un-
gültigkeitserklärung sie wieder aufzuheben vermag, so
zwar, dass die Ungültigkeit erst wirksam wird, nachdem
das Gericht die Ungültigerklärung ausgesprochen hat
(Art. 132 ZGB). Kann sonach von einer Klage auf Fest-
stellung der Nichtexistenz einer vor dem Zivilstands-
beamten geschlossenen Ehe keine Rede sein, so ist nur
zu prüfen, ob die vorliegend .angefochtene Ehe an einem
Mangel leidet, welcher deren gerichtliche Ungültig-
erklärung im erwähnten Sinne nach sich zu ziehen ver-
mag, genauer : welcher einen Nichtigkeitsgrund abgibt,
weil der Kläger (wie auch der Nebenintervenient) nur
einen solchen geltend zu machen legitimiert ist (Art. 121
im Gegensatz zu Art. 123 bis 128 ZGB).
2. -
Nun können aber andere als die in Art. 120 ZGB
aufgeführten Ehenichtigkeitsgründe nicht anerkannt wer-
den. Dies ergibt sich zunächst daraus, dass sie in scharfer
Umschreibung aufgezählt sind; eine solche Aufzählung
muss als erschöpfend betrachtet werden. Vor allem zwin-
Famllienrecht. Ne 27.
185
gend aber ist der Schluss aus dem materiellen Inhalt der
Vorschriften über die Gründe der Nichtigkeit und der
Anfechtbarkeit der Ehe, indem sich daraus ersehen
lässt, dass entgegen der Regel des Art. 7 ZGB die allge-
meinen Bestimmungen über die Entstehung und Auf-
hebung der Verträge auf die Ehe nicht Anwendung
finden. Während nach Art. 18 ZGB der Urteils unfähige
durch seine Handlungen im allgemeinen überhaupt keine
rechtliche Wirkung herbeizuführen vermag, müssen sich
Dritte die von einer urteilsunfäbigen Person gesehloss.ene"
von dieser seJbst, 'VOll ihreB Eltent oder ihrem Vormunde
nicht angefochtene Ehe entgegenhalten lassen, wenn jene
nur aus einem vorübergehenden Grunde bei der Trauung
nicht urteilsfähig gewesen oder wenn die Urteilsunfähi~
keit seither gehoben ist (Art. 123, 122 Abs. 2, 128 ZGB).
und der Ehegatte selbs~ welcher bei der Trauung nur aus
einem vorübergehenden Grunde nicht urteilsfähig war,
ist an die Ehe gebunden, wenn sie nicht auf Anfechtungs-
klage seiner Eltern oder seines Vormundes hin ungültig
erklärt worden ist, bevor er mündig oder die Frau schwan-
ger geworden ist, und er selbst die Anfeehttmgsfrist
hat verstreichen lasseR (Art. 123, 127, 1'28 ZGB)~ Und
während nach Art. 19 ZGB l!rteilsfähige unm.:iiiRdige oder
entmündigte',PersoneJru sieb; im allgemeinen RUf 0011 Zu-
stinmuulg ihrer gesetzich~ Vertreter durch ihre Hand-
lungen verpfficllten können, dagegen Rechte auszuüben
vermögen, die ihnen um ihrer Persönlichkeit willen zu-
stehen, ist die von einer solchen Person ohne Einwil-
ligung der Eltern oder des Vormundes geschlossene Ehe
für jene selbst verbindlich, kann aber von den Eltern
oder dem Vormunde angefochteu werden, doch nur so-
lange, als jene rocht inzwischen mündig oder die Frau
schwanger geworden 'ist (Art. 128 ZGB). Endlich ist auch
der Anfechtung .. der Ehe wegen Willensmängeln ein viel
beschränkterer Urilfang gezogen als der Anfechtung der
Verträge im allgemeinen (Art. 124-127 ZGB im Gegen-
satz zu Art. 23-31 OR). Mit dieser der Ungültigerklärung
186
FamUienrecht. N° 27.
der Ehe engste Grenzen ziehenden Sonderregelung liesse
es sich schlechthin nicht vereinbaren, die übrigen allge-
meinen Bestimmungen des OR bezw. des Zivilrechts
überhaupt über die Ungültigkeit von Verträgen auf die
Ehe anzuwenden, was übrigens angesichts ihres teilweise
öffentlichrechtlichen Charakters sachlich auch gar nicht
zu rechtfertigen wäre. Hieraus einzig lässt sich denn auch
die Vorschrift des Art. 108 Abs. 3 ZGB erklären, wonach
der Einspruch gegen die _ Eheschliessung nur auf den
Mangel der EMfähigkeit oder ein gesetzliches Ehehinder-
nis _ gestützt werden kann, welche gemäss Art. 120 ff.
ZGB allein die. Gründe der Nichtigkeit oder Anfechtbar-
keitder Ehe abgeben. Zu Unrecht glaubt der Kläger, aus
Art. 129-131 ZGB, wo gewisse Gründe aufgeführt werden,
aus welchen die Ehe n ich t für ungültig erklärt werden
kann, folgern zu dürfen, dass noch weitere Eheungültig-
keitsgründe bestehen, mit der Argumentation, jene Vor-
schriften wären sonst überflüssig. Denn sie haben ohne-
hin den guten Sinn, von vorneherein jeden Zweifel übet
das rechtliche Schicksal von trotz Vorliegens der in
Art. 100 Ziff.3 und 103 f. ZGB genannten Ehehindernisse
oder _ aber unter Verletzung von Formvorschriften,
welche im allgemeinen die Ungültigkeit des Vertrages
nach sich zieht (Art. 11 Abs. 2 OR), geschlossenen Ehen
auszuschliessen, bekräftigen also geradezu, dass die Auf-
zählung der Ehenichtigkeits- wie auch der Eheanfech-
tungsgründe erschöpfend ist.
3. -
Danach kann die Ehe nicht etwa wegen Simula-
tion nichtig erklärt werden. Im Gegensatz zur Auffassung
des Klägers erscheint es übrigens ausgeschlossen, dass
die Beklagten nur zum Schein die Ehe eingehen wollten,
weil der Zweck, auf den sie es abgesehen hatten, nämlich
der Beklagten Nr. 2 das Bürgerrecht der Stadt Zürich
zu verschaffen, nur durch eine gültige Ehe erreicht
werden konnte. Hievon abgesehen lässt sich nicht schon
deswegen auf Simulation schliessen, weil die Beklagten
eheliches Zusammenleben offenbar gar nie ins Auge ge-
FamUienrecht. N° 27.
187
fasst haben. Denn das Gesetz sieht die Willensrichtung
auf eheliches Zusammenleben nicht als unerlässliches
Requisit des Eheschliessungswillens an, wie sich daraus
ergibt, dass es den Nupturienten im Falle tötlicher Er-
krankung des einen, welche doch die Aufnahme des ehe-
lichen Zusammenlebens ausgeschlossen erscheinen lässt,
den Eheschluss noch besonders erleichtert (Art. 115
ZGB).
--
Ferner lässt sich danach die Nichtigkeit der Ehe auch
nicht aus Art. 20 OR herleiten, wonach ein Vertrag, der
einen widerrechtlichen Inhalt hat oder gegen die guten
Sitten verstösst, nichtig ist. Uebrigens kann der Inhalt
der Ehe, der ja vom Gesetz umschrieben ist, unter kein~n
Umständen widerrechtlich sein (sondern höchstens dIe
Nebenabreden, durch welche jener teilweise wegbe~ungen
werden will). Dagegen ist von Bedeutung, dass dIe Ehe
von jener Vorschrift auch dann nicht getroffen wird,
wenn der mit ihrem Abschluss verfolgte Zweck gegen
die guten Sitten verstösst, wie es hier, ~ber freili?h a~ch'
noch in zahlreichen anderen Fällen zutrifft (wobeI dahin-
gestellt bleiben mag, ob jene Vorschrift. wirklich ~ahin
auszulegen ist, dass schon der gegen dIe guten SItten
verstossende Zweck den Vertrag nichtig macht; vgl.
einerseits OSER, Bem. IV 2 c zu Art. 20, anderseits
BEcKER, Noten 16 ff. zu Art. 19). .---
I
4. -
Im weiteren kann aber auch .~ 2 ZGB jli~ht zur
Anwendung gelangen. Abgesehen davon, dass dIe Ver-
sagung des Rechtsschutzes nicht in der Ungültigerk~ärung
von Verträgen, sondern gegebenenfalls nur dann be-
stehen kann, dass die Ausübung oder die Geltend-
machung vertraglicher Rechte gegenüber dem Vertrags-
gegner ausgeschlossen wird, /bezieht sich lliese Vorschrift l
~L!!i~~ auf den .Missbrauch öffentlic.h~r. ~~~~~~.
wie des verfaSSimgSmasslgen-Rechts-zur Elie, aer hier
allein in Frage steht. Unbehelflich ist endlich der Hinweis
darauf, dass der angefochtene Eheschluss einer Ges~tzes
umgehung diene. Fällt dieser Gesichtspunkt beI der
188
Familienrecht. N° 28.
Frage der Gültigkeit der Ehe zwar in Betracht, so doch
nur dann, wenn es sich um die Umgehung der Ehe-
nichtigkeitsgründe handelt (N u. AG Art. 7 f.).· Die
Umgehung von Vorschriften des Verwaltungsrechts zu
verunmöglichen aber ist Aufgabe des Verwaltungsrechts
selbst und seiner Rechtsprechung.
Demnach erkennt das Bundesgericht:
Die Berufung wird abgewiesen und das Urteil des Ober-
gerichts des Kantons Zürich vom 23. November 1921 be-
stätigt.