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43_III_247

BGE 43 III 247

Bundesgericht (BGE) ·III · 1917-06-21 · Deutsch CH
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Sachverhalt

Die Beklagte ist die Ehefrau des am 7. Mai 1912

in Konkurs geratenen Emil Spiegel, Inhaber eines

Abzahlungsgeschäftes in Zürich. Die Bilanz dieses Ge-

schäftes, das Spiegel gemeinsam mit seinem Schwager

S. Guttenberg betrieb, ergab auf Ende 1910 ein Aktiv-

saldo von 54,631 Fr. 80 Cts., wobei aber unter den

Aktiven die « Guthaben an Kundschaft » mit ca. 37,000

Franken, sowie die « Wechselforderungen)} mit ca. 8000

Franken voll eingesetzt waren. Die Bilanz pro 31. De-

zember 1911, in welcher die « Guthaben an Kundschaft)}

mit zusammen über 40,000 Fr. wieder voll eingesetzt

waren, ergab nur noch einen Aktivenüberschuss von

25,439 Fr. 25 Cts. Inzwischen hatte Spiegel am 20. Juli

ein durch Bijouteriewaren (goldene Uhren, Uhrenketten,

Fingerringe, Edelsteine) im ·Werte von ca. 9900 Fr.

pfandversiehertes Guthaben an die Firma Goldbaum

& Bernheim im Betrage von 9000 Fr. schenkungsweise

der Beklagten abgetreten und ihr die Bijouteriewaren

übergeben, . damit die Beklagte, wie diese sich selber

ausdrückte, « etwas habe, das den Kindern zukommen

soll.)}

Am 10. November 1911 wurden jene Bijouteriewaren

zur Sicherung einer dem Ehemann Spiegel gegenüber

bestehenden Forderung des Rechtsanwaltes Dr. Thalberg

in Zürich weiterverpfändet.

Anfangs 1912 machte Spiegel seinen Gläubigern eine

Nachlassofferte; wonach er ihnen 25 % ihrer Forderungen

bezahlt hätte. Bei diesem Anlass wurden die Guthaben

A843 III- 1917

18

248

Entscheidungen

des Gemeinschuldners an ca. 3000 Kunden, deren Nomi-

nalwert etwa 55,000 Fr. betrug, vom Anwalt des Spiegel

auf höchstens 15 % des Bilanzwertes und vom Sach-

walter auf höchstens 4000 bis 5000 Fr. geschätzt. Im

Konkurse betragen die zugelassenen Forderungen Ull-

gefähr das Doppelte des Aktivenerlöses.

B. ~ Durch Urteil vom 17. Januar 1917 hat das

Obergericht des Kantons Zürich über die Streitfrage:

« Ist nicht die vom Ehegatten der Beklagten, E. Spiegel.

»an die Beklagte am 20. Juli 1911 erfolgte Abtretung

}) einer Forderung im Betrage von über 9000 Fr. faust-

}} pfandgesichert durch Bijouteriewaren im Fakturawel'te

» von ca. 9900 Fr. für ungültig zu erklären ? })

erkannt:

« Die Klage wird abgewiesen. })

Dieses Urteil, sowie ein Zwischenurteil desselben

Gerichtshofes vom 24~ Januar 1914 beruhen auf der

Erwägung, dass die Abtretung vom 20. Juli 1911 ent-

gegen der Behauptung der Klägerin ~der sim~llie:t

noch anfechtbar sei; ersteres deshalb mcht, weil dIe

Absicht der Kontrahenten in der Tat darauf gegangen

sei, den durch das abgetretene Guthaben dargestellten

Wert in das Vermögen der Beklagten übergehen zu

lassen; letzteres deshalb nicht, weil nach einem von der

ersten Instanz eingeholten Gutachten des Rechtsanwalts

und Bücherexperten Elsener das Geschäft Spiegels im

Sommer 1911 noch nicht überschuldet gewesen sei, und

weil nach demselben Gutachten (im Gegensatz zu einem

zuerst eingeholten Gutachten des Direktors Rehr von

der Schweiz. Treuhandgesellschaft) damals « auch nicht

mit der Gefahr einer Ueberschuldung gerechnet werden

musste. »

C. -

Gegen diese beiden Urteile hat die Klägerin

rechtzeitig und in richtiger Form die Berufung an da~

Bundesgericht ergriffen, mit dem Antrag auf Gutheissung

der Klage.

der Zivilkammern. N° 5Ö.

Das Bundesgericht zieht

in Erwägu ng:

1. -

Dafür, dass die Abtretung vom 20. Juli 1911

s i m u 1 i e r t, d. h. nur dazu bestimmt gewesen sei,

die ein Vierteljahr später vorgenommene Verpfändung

der Bijouteriewaren zu Gunsten einer Schuld des Spiegel

gegenüber Dr. Thalberg zu verdecken, liegen keine

Anhaltspunkte vor.

Dagegen erscheint jene Abtretung aus den nachfol-

genden Gründen als im Sinne des Art. 288 SchKG a n-

fee h t bar.

2. -

Die Vorinstanz hat das Hauptgewicht auf die

Prüfung der Frage verlegt, ob Spiegel im Zeitpunkte der

Vornahme des angefochtenen Rechtsgeschäfts « über-

schuldet) war. Weil der Beweis hiefÜf nicht erbracht,

vielmehr nur eine starke Illiquidität seiner Bilanz nach-

gewiesen werden konnte, hat sie die Klage abgewiesen.

Demgegenüber ist davon auszugehen dass bei Art. 288,

im Gegensatz zu Art. 287 SchKG, die Ueberschuldung im

Momente der Vornahme des angefochtenen Rechtsge-

schäfts keine absolute Voraussetzung des Zuspruchs der

Aufechtungsklage bildet, vielmehr die Gesamtheit der

Umstände zu würdigen ist. Waren die Umstände derart,

dass der Schuldner und der Begünstigte den finanziellen

Zusammenbruch des Erstern voraussehen oder doch als

drohend betrachten mussten, so ist die Klage auch dann

zuzusprechen, wenn vielleicht im kritischen Zeitpunkte

die buchmässigen Aktiven des Schuldners dessen buch-

mässige Passiven noch überstiegen, dagegen eine baldige

Umkehrung dieses Verhältnisses zu befürchten war oder

die Illiquidität der Aktiven auch ohne eigentliche « Ueber-

schuldung » eine für die Gläubiger verlust bringende Liqui-

dation herbeizuführen drohte.

Dieser Fall lag hier vor. Nach dem Gutachten Rehr

war die finanzielle Lage-des Spiegel im Juli 1911 «so, dass

sie die Entnahme der Werte von über 9000 Fr. nicht ge-

250

Entscheidungen

stattete »; das

(i Hauptaktivum des Geschäftes, die

Debitoren », « war von höchst zweifelhaftem Werte» und

({ auf j e den Fall n ich t v 0 I I wer t i g)}; sollte

das Geschäft ({ ohne Gefahr, in Ueberschuldung zu ge-

raten weiter bestehen bleiben,)} so « durften demselben

keine' Betriebsmittel entzogen werden I). Nach diesem

Gutachten musste also im Sommer 1911 mit der Gefahr

einer baldigen Ueberschuldung gerechnet werden. Dem-

gegenüber gelangt zwar das Gutachten Elsener zu dem

Schlusse, dass «um die Mitte des Jahres 1911 nicht mit

der Gefahr einer Ueberschuldung gerechnet werden

musste ». Allein dieser Schluss beruht auf der Erwägung,

dass die Bilanzen pro 1910 und 1911 noch ein Aktivsaldo

von 54,631 Fr. 80 Cts., bezw. 25,439 Fr. 72 Cts. aufweisen.

Nun anerkennt aber der Experte selber, dass, « rund

98,000 Fr. in nicht liquiden Aktiven investiert» waren.

und dass deshalb die Situation « eine angespannte im

Sinne der mangelnden liquidität der Bilanz)} war. Das

Endresultat des Gutachtens Elsener ist somit kein an-

deres als dasjenige des Gutachtens Rehr; nur legt der

Experte Elsener mehr Gewicht auf den Aktivenüber-

schuss, der sich bei Einsetzung der Aktiven zu ihrem

Nominalwert ergab, während -der Experte Rehr mehr

darauf abstellt, dass die Aktiven schlecht realisierbar und

auch im Falle einer möglichen Realisierung nicht voll-

wertig waren. Wie sehr diese Annahme des Experten

Rehr begründet ist, geht daraus hervor, dass anlässlich

der Nachlassverhandlungen vom Januar 1912 der Sach-

walter die Kundenguthaben im Nominalwert von ca.

55,000 Fr. auf bloss 400 bis 5000 Fr., d. i. nicht

einmal 8 bis 10% schätzte.

3. -

Nach dem Gesagten gab im Sommer 1911 schon

die Bilanz zu ernsthaften Befürchtungen in Bezug auf

die Zahlungsfähigkeit Spiegels Anlass. Ist also auch nicht

erwiesen, dass bereits damals die Gläubiger zu Zahlungen

drängten, so konnte doch dem S c h u 1 d ne r seI b s t

die Gefährlichkeit seiner Situation nicht entgehen. Tat-

der Zivilkammern. N° 50.

251

sächlich war er denn auch gerade damals zur Aufnahme

grösserer Darlehen genötigt. Wenn er unter solchen Um-

ständen ein durch verhältnissmässig leicht realisierbare

Werte sichergestelltes Guthaben -

das einzige grössere,

einigermassen liquide Aktivum, über das er noch ver-

fügte, -

an seine Ehefrau abtrat, damit diese doch auf

alle Fälle «etwas habe, das den Kindern zukommen

soll)}, so musste er sich darüber Rechenschaft geben,

dass er hiedurch, für den Fall, dass Frau und Kinder die

Schenkung wirklich nötig haben sollten, seine Gläubiger

in ihren Rechten verkürze. Dasselbe Bewusstsein musste

aber auch die Beklagte haben, zumal da &ie wich dem

Ergebnis der Zeugenaussagen und der Parteibefragung

<i die Geriebenere von beiden » war.

4. -

Bestünden übrigens noch irgendwe1che Zweifel

über die Erkennbarkeit der möglichen Rückwirkung des

angefochtenen Geschäfts auf die Interessen der Gläu-

biger, so müsste doch unter den vorliegenden Umständen

zu Ungunsten der Beklagten entschieden werden. Denn,

obwohl das SchKG im Gegensatz zu andern Rechten

eine Erleichterung für die Anfechtung von Rechtsge-

schäften unter nahen Verwandten oder gar unter Ehe-

gatten nicht ausdrücklich vorsieht, und obwohl sich auch

die in Art. 286 erithaltene Umkehrung der Beweislast bei

unentgeltlichen Verfügungen nur auf die letzten sechs

Monate vor der Pfändung oder Konkurseröffnung bezieht,

so begründen die Unentgeltlichkeit der Verfügung und das

nahe Verhältnis der Kontrahenten im Falle drohender

Ueberschuldung des Verfügenden doch zum mindesten

ein Verdachtsmoment, dessen freie Würdigung nach

Art. 289 SchKG dazu führt, dass in einem solchen Falle

an den Nachweis der Begünstigungsabsicht kein strenger

Massstab angelegt werden darf.

Demnach hat das Bundesgericht

erkannt:

Die Berufung wird gutgeheissen und die Klage in dem

252

Entscheidungen

Sinne zugesprochen, dass die am 20. Juni 1911 an die

Beklagte erfolgte Abtretung der Forderung von 9000 Fr.,

faustpfandgesichert durch Bijouteriewaren im Werte von

ca. 9900 Fr., gegenüber der Klägerin ungültig erklärt

wird.

Erwägungen (4 Absätze)

E. 1 Dafür, dass die Abtretung vom 20. Juli 1911 s i m u 1 i e r t, d. h. nur dazu bestimmt gewesen sei, die ein Vierteljahr später vorgenommene Verpfändung der Bijouteriewaren zu Gunsten einer Schuld des Spiegel gegenüber Dr. Thalberg zu verdecken, liegen keine Anhaltspunkte vor. Dagegen erscheint jene Abtretung aus den nachfol- genden Gründen als im Sinne des Art. 288 SchKG a n- fee h t bar.

E. 2 Die Vorinstanz hat das Hauptgewicht auf die

Prüfung der Frage verlegt, ob Spiegel im Zeitpunkte der

Vornahme des angefochtenen Rechtsgeschäfts « über-

schuldet) war. Weil der Beweis hiefÜf nicht erbracht,

vielmehr nur eine starke Illiquidität seiner Bilanz nach-

gewiesen werden konnte, hat sie die Klage abgewiesen.

Demgegenüber ist davon auszugehen dass bei Art. 288,

im Gegensatz zu Art. 287 SchKG, die Ueberschuldung im

Momente der Vornahme des angefochtenen Rechtsge-

schäfts keine absolute Voraussetzung des Zuspruchs der

Aufechtungsklage bildet, vielmehr die Gesamtheit der

Umstände zu würdigen ist. Waren die Umstände derart,

dass der Schuldner und der Begünstigte den finanziellen

Zusammenbruch des Erstern voraussehen oder doch als

drohend betrachten mussten, so ist die Klage auch dann

zuzusprechen, wenn vielleicht im kritischen Zeitpunkte

die buchmässigen Aktiven des Schuldners dessen buch-

mässige Passiven noch überstiegen, dagegen eine baldige

Umkehrung dieses Verhältnisses zu befürchten war oder

die Illiquidität der Aktiven auch ohne eigentliche « Ueber-

schuldung » eine für die Gläubiger verlust bringende Liqui-

dation herbeizuführen drohte.

Dieser Fall lag hier vor. Nach dem Gutachten Rehr

war die finanzielle Lage-des Spiegel im Juli 1911 «so, dass

sie die Entnahme der Werte von über 9000 Fr. nicht ge-

250

Entscheidungen

stattete »; das

(i Hauptaktivum des Geschäftes, die

Debitoren », « war von höchst zweifelhaftem Werte» und

({ auf j e den Fall n ich t v 0 I I wer t i g)}; sollte

das Geschäft ({ ohne Gefahr, in Ueberschuldung zu ge-

raten weiter bestehen bleiben,)} so « durften demselben

keine' Betriebsmittel entzogen werden I). Nach diesem

Gutachten musste also im Sommer 1911 mit der Gefahr

einer baldigen Ueberschuldung gerechnet werden. Dem-

gegenüber gelangt zwar das Gutachten Elsener zu dem

Schlusse, dass «um die Mitte des Jahres 1911 nicht mit

der Gefahr einer Ueberschuldung gerechnet werden

musste ». Allein dieser Schluss beruht auf der Erwägung,

dass die Bilanzen pro 1910 und 1911 noch ein Aktivsaldo

von 54,631 Fr. 80 Cts., bezw. 25,439 Fr. 72 Cts. aufweisen.

Nun anerkennt aber der Experte selber, dass, « rund

98,000 Fr. in nicht liquiden Aktiven investiert» waren.

und dass deshalb die Situation « eine angespannte im

Sinne der mangelnden liquidität der Bilanz)} war. Das

Endresultat des Gutachtens Elsener ist somit kein an-

deres als dasjenige des Gutachtens Rehr; nur legt der

Experte Elsener mehr Gewicht auf den Aktivenüber-

schuss, der sich bei Einsetzung der Aktiven zu ihrem

Nominalwert ergab, während -der Experte Rehr mehr

darauf abstellt, dass die Aktiven schlecht realisierbar und

auch im Falle einer möglichen Realisierung nicht voll-

wertig waren. Wie sehr diese Annahme des Experten

Rehr begründet ist, geht daraus hervor, dass anlässlich

der Nachlassverhandlungen vom Januar 1912 der Sach-

walter die Kundenguthaben im Nominalwert von ca.

55,000 Fr. auf bloss 400 bis 5000 Fr., d. i. nicht

einmal 8 bis 10% schätzte.

E. 3 Nach dem Gesagten gab im Sommer 1911 schon die Bilanz zu ernsthaften Befürchtungen in Bezug auf die Zahlungsfähigkeit Spiegels Anlass. Ist also auch nicht erwiesen, dass bereits damals die Gläubiger zu Zahlungen drängten, so konnte doch dem S c h u 1 d ne r seI b s t die Gefährlichkeit seiner Situation nicht entgehen. Tat- der Zivilkammern. N° 50. 251 sächlich war er denn auch gerade damals zur Aufnahme grösserer Darlehen genötigt. Wenn er unter solchen Um- ständen ein durch verhältnissmässig leicht realisierbare Werte sichergestelltes Guthaben - das einzige grössere, einigermassen liquide Aktivum, über das er noch ver- fügte, - an seine Ehefrau abtrat, damit diese doch auf alle Fälle «etwas habe, das den Kindern zukommen soll)}, so musste er sich darüber Rechenschaft geben, dass er hiedurch, für den Fall, dass Frau und Kinder die Schenkung wirklich nötig haben sollten, seine Gläubiger in ihren Rechten verkürze. Dasselbe Bewusstsein musste aber auch die Beklagte haben, zumal da &ie wich dem Ergebnis der Zeugenaussagen und der Parteibefragung <i die Geriebenere von beiden » war.

E. 4 Bestünden übrigens noch irgendwe1che Zweifel über die Erkennbarkeit der möglichen Rückwirkung des angefochtenen Geschäfts auf die Interessen der Gläu- biger, so müsste doch unter den vorliegenden Umständen zu Ungunsten der Beklagten entschieden werden. Denn, obwohl das SchKG im Gegensatz zu andern Rechten eine Erleichterung für die Anfechtung von Rechtsge- schäften unter nahen Verwandten oder gar unter Ehe- gatten nicht ausdrücklich vorsieht, und obwohl sich auch die in Art. 286 erithaltene Umkehrung der Beweislast bei unentgeltlichen Verfügungen nur auf die letzten sechs Monate vor der Pfändung oder Konkurseröffnung bezieht, so begründen die Unentgeltlichkeit der Verfügung und das nahe Verhältnis der Kontrahenten im Falle drohender Ueberschuldung des Verfügenden doch zum mindesten ein Verdachtsmoment, dessen freie Würdigung nach Art. 289 SchKG dazu führt, dass in einem solchen Falle an den Nachweis der Begünstigungsabsicht kein strenger Massstab angelegt werden darf. Demnach hat das Bundesgericht erkannt: Die Berufung wird gutgeheissen und die Klage in dem 252 Entscheidungen Sinne zugesprochen, dass die am 20. Juni 1911 an die Beklagte erfolgte Abtretung der Forderung von 9000 Fr., faustpfandgesichert durch Bijouteriewaren im Werte von ca. 9900 Fr., gegenüber der Klägerin ungültig erklärt wird.

Volltext (verifizierbarer Originaltext)

50. Urteil der 11. Zivilabteilung vom 21. Juni 1917

i. S. Konkursmasse Spiegel, Klägerin,

gegen Spiegel, Beklagte.

247

Deliktspauliana. Schenkung an Ehefrau bei starker Illiqui-

dität der Aktiven und drohender Ueberschuldung. Bereits

eingetretene Ueberschuldung bei Art. 288 SchKG nicht

nötig.

A. -

Die Beklagte ist die Ehefrau des am 7. Mai 1912

in Konkurs geratenen Emil Spiegel, Inhaber eines

Abzahlungsgeschäftes in Zürich. Die Bilanz dieses Ge-

schäftes, das Spiegel gemeinsam mit seinem Schwager

S. Guttenberg betrieb, ergab auf Ende 1910 ein Aktiv-

saldo von 54,631 Fr. 80 Cts., wobei aber unter den

Aktiven die « Guthaben an Kundschaft » mit ca. 37,000

Franken, sowie die « Wechselforderungen)} mit ca. 8000

Franken voll eingesetzt waren. Die Bilanz pro 31. De-

zember 1911, in welcher die « Guthaben an Kundschaft)}

mit zusammen über 40,000 Fr. wieder voll eingesetzt

waren, ergab nur noch einen Aktivenüberschuss von

25,439 Fr. 25 Cts. Inzwischen hatte Spiegel am 20. Juli

ein durch Bijouteriewaren (goldene Uhren, Uhrenketten,

Fingerringe, Edelsteine) im ·Werte von ca. 9900 Fr.

pfandversiehertes Guthaben an die Firma Goldbaum

& Bernheim im Betrage von 9000 Fr. schenkungsweise

der Beklagten abgetreten und ihr die Bijouteriewaren

übergeben, . damit die Beklagte, wie diese sich selber

ausdrückte, « etwas habe, das den Kindern zukommen

soll.)}

Am 10. November 1911 wurden jene Bijouteriewaren

zur Sicherung einer dem Ehemann Spiegel gegenüber

bestehenden Forderung des Rechtsanwaltes Dr. Thalberg

in Zürich weiterverpfändet.

Anfangs 1912 machte Spiegel seinen Gläubigern eine

Nachlassofferte; wonach er ihnen 25 % ihrer Forderungen

bezahlt hätte. Bei diesem Anlass wurden die Guthaben

A843 III- 1917

18

248

Entscheidungen

des Gemeinschuldners an ca. 3000 Kunden, deren Nomi-

nalwert etwa 55,000 Fr. betrug, vom Anwalt des Spiegel

auf höchstens 15 % des Bilanzwertes und vom Sach-

walter auf höchstens 4000 bis 5000 Fr. geschätzt. Im

Konkurse betragen die zugelassenen Forderungen Ull-

gefähr das Doppelte des Aktivenerlöses.

B. ~ Durch Urteil vom 17. Januar 1917 hat das

Obergericht des Kantons Zürich über die Streitfrage:

« Ist nicht die vom Ehegatten der Beklagten, E. Spiegel.

»an die Beklagte am 20. Juli 1911 erfolgte Abtretung

}) einer Forderung im Betrage von über 9000 Fr. faust-

}} pfandgesichert durch Bijouteriewaren im Fakturawel'te

» von ca. 9900 Fr. für ungültig zu erklären ? })

erkannt:

« Die Klage wird abgewiesen. })

Dieses Urteil, sowie ein Zwischenurteil desselben

Gerichtshofes vom 24~ Januar 1914 beruhen auf der

Erwägung, dass die Abtretung vom 20. Juli 1911 ent-

gegen der Behauptung der Klägerin ~der sim~llie:t

noch anfechtbar sei; ersteres deshalb mcht, weil dIe

Absicht der Kontrahenten in der Tat darauf gegangen

sei, den durch das abgetretene Guthaben dargestellten

Wert in das Vermögen der Beklagten übergehen zu

lassen; letzteres deshalb nicht, weil nach einem von der

ersten Instanz eingeholten Gutachten des Rechtsanwalts

und Bücherexperten Elsener das Geschäft Spiegels im

Sommer 1911 noch nicht überschuldet gewesen sei, und

weil nach demselben Gutachten (im Gegensatz zu einem

zuerst eingeholten Gutachten des Direktors Rehr von

der Schweiz. Treuhandgesellschaft) damals « auch nicht

mit der Gefahr einer Ueberschuldung gerechnet werden

musste. »

C. -

Gegen diese beiden Urteile hat die Klägerin

rechtzeitig und in richtiger Form die Berufung an da~

Bundesgericht ergriffen, mit dem Antrag auf Gutheissung

der Klage.

der Zivilkammern. N° 5Ö.

Das Bundesgericht zieht

in Erwägu ng:

1. -

Dafür, dass die Abtretung vom 20. Juli 1911

s i m u 1 i e r t, d. h. nur dazu bestimmt gewesen sei,

die ein Vierteljahr später vorgenommene Verpfändung

der Bijouteriewaren zu Gunsten einer Schuld des Spiegel

gegenüber Dr. Thalberg zu verdecken, liegen keine

Anhaltspunkte vor.

Dagegen erscheint jene Abtretung aus den nachfol-

genden Gründen als im Sinne des Art. 288 SchKG a n-

fee h t bar.

2. -

Die Vorinstanz hat das Hauptgewicht auf die

Prüfung der Frage verlegt, ob Spiegel im Zeitpunkte der

Vornahme des angefochtenen Rechtsgeschäfts « über-

schuldet) war. Weil der Beweis hiefÜf nicht erbracht,

vielmehr nur eine starke Illiquidität seiner Bilanz nach-

gewiesen werden konnte, hat sie die Klage abgewiesen.

Demgegenüber ist davon auszugehen dass bei Art. 288,

im Gegensatz zu Art. 287 SchKG, die Ueberschuldung im

Momente der Vornahme des angefochtenen Rechtsge-

schäfts keine absolute Voraussetzung des Zuspruchs der

Aufechtungsklage bildet, vielmehr die Gesamtheit der

Umstände zu würdigen ist. Waren die Umstände derart,

dass der Schuldner und der Begünstigte den finanziellen

Zusammenbruch des Erstern voraussehen oder doch als

drohend betrachten mussten, so ist die Klage auch dann

zuzusprechen, wenn vielleicht im kritischen Zeitpunkte

die buchmässigen Aktiven des Schuldners dessen buch-

mässige Passiven noch überstiegen, dagegen eine baldige

Umkehrung dieses Verhältnisses zu befürchten war oder

die Illiquidität der Aktiven auch ohne eigentliche « Ueber-

schuldung » eine für die Gläubiger verlust bringende Liqui-

dation herbeizuführen drohte.

Dieser Fall lag hier vor. Nach dem Gutachten Rehr

war die finanzielle Lage-des Spiegel im Juli 1911 «so, dass

sie die Entnahme der Werte von über 9000 Fr. nicht ge-

250

Entscheidungen

stattete »; das

(i Hauptaktivum des Geschäftes, die

Debitoren », « war von höchst zweifelhaftem Werte» und

({ auf j e den Fall n ich t v 0 I I wer t i g)}; sollte

das Geschäft ({ ohne Gefahr, in Ueberschuldung zu ge-

raten weiter bestehen bleiben,)} so « durften demselben

keine' Betriebsmittel entzogen werden I). Nach diesem

Gutachten musste also im Sommer 1911 mit der Gefahr

einer baldigen Ueberschuldung gerechnet werden. Dem-

gegenüber gelangt zwar das Gutachten Elsener zu dem

Schlusse, dass «um die Mitte des Jahres 1911 nicht mit

der Gefahr einer Ueberschuldung gerechnet werden

musste ». Allein dieser Schluss beruht auf der Erwägung,

dass die Bilanzen pro 1910 und 1911 noch ein Aktivsaldo

von 54,631 Fr. 80 Cts., bezw. 25,439 Fr. 72 Cts. aufweisen.

Nun anerkennt aber der Experte selber, dass, « rund

98,000 Fr. in nicht liquiden Aktiven investiert» waren.

und dass deshalb die Situation « eine angespannte im

Sinne der mangelnden liquidität der Bilanz)} war. Das

Endresultat des Gutachtens Elsener ist somit kein an-

deres als dasjenige des Gutachtens Rehr; nur legt der

Experte Elsener mehr Gewicht auf den Aktivenüber-

schuss, der sich bei Einsetzung der Aktiven zu ihrem

Nominalwert ergab, während -der Experte Rehr mehr

darauf abstellt, dass die Aktiven schlecht realisierbar und

auch im Falle einer möglichen Realisierung nicht voll-

wertig waren. Wie sehr diese Annahme des Experten

Rehr begründet ist, geht daraus hervor, dass anlässlich

der Nachlassverhandlungen vom Januar 1912 der Sach-

walter die Kundenguthaben im Nominalwert von ca.

55,000 Fr. auf bloss 400 bis 5000 Fr., d. i. nicht

einmal 8 bis 10% schätzte.

3. -

Nach dem Gesagten gab im Sommer 1911 schon

die Bilanz zu ernsthaften Befürchtungen in Bezug auf

die Zahlungsfähigkeit Spiegels Anlass. Ist also auch nicht

erwiesen, dass bereits damals die Gläubiger zu Zahlungen

drängten, so konnte doch dem S c h u 1 d ne r seI b s t

die Gefährlichkeit seiner Situation nicht entgehen. Tat-

der Zivilkammern. N° 50.

251

sächlich war er denn auch gerade damals zur Aufnahme

grösserer Darlehen genötigt. Wenn er unter solchen Um-

ständen ein durch verhältnissmässig leicht realisierbare

Werte sichergestelltes Guthaben -

das einzige grössere,

einigermassen liquide Aktivum, über das er noch ver-

fügte, -

an seine Ehefrau abtrat, damit diese doch auf

alle Fälle «etwas habe, das den Kindern zukommen

soll)}, so musste er sich darüber Rechenschaft geben,

dass er hiedurch, für den Fall, dass Frau und Kinder die

Schenkung wirklich nötig haben sollten, seine Gläubiger

in ihren Rechten verkürze. Dasselbe Bewusstsein musste

aber auch die Beklagte haben, zumal da &ie wich dem

Ergebnis der Zeugenaussagen und der Parteibefragung

<i die Geriebenere von beiden » war.

4. -

Bestünden übrigens noch irgendwe1che Zweifel

über die Erkennbarkeit der möglichen Rückwirkung des

angefochtenen Geschäfts auf die Interessen der Gläu-

biger, so müsste doch unter den vorliegenden Umständen

zu Ungunsten der Beklagten entschieden werden. Denn,

obwohl das SchKG im Gegensatz zu andern Rechten

eine Erleichterung für die Anfechtung von Rechtsge-

schäften unter nahen Verwandten oder gar unter Ehe-

gatten nicht ausdrücklich vorsieht, und obwohl sich auch

die in Art. 286 erithaltene Umkehrung der Beweislast bei

unentgeltlichen Verfügungen nur auf die letzten sechs

Monate vor der Pfändung oder Konkurseröffnung bezieht,

so begründen die Unentgeltlichkeit der Verfügung und das

nahe Verhältnis der Kontrahenten im Falle drohender

Ueberschuldung des Verfügenden doch zum mindesten

ein Verdachtsmoment, dessen freie Würdigung nach

Art. 289 SchKG dazu führt, dass in einem solchen Falle

an den Nachweis der Begünstigungsabsicht kein strenger

Massstab angelegt werden darf.

Demnach hat das Bundesgericht

erkannt:

Die Berufung wird gutgeheissen und die Klage in dem

252

Entscheidungen

Sinne zugesprochen, dass die am 20. Juni 1911 an die

Beklagte erfolgte Abtretung der Forderung von 9000 Fr.,

faustpfandgesichert durch Bijouteriewaren im Werte von

ca. 9900 Fr., gegenüber der Klägerin ungültig erklärt

wird.