Erwägungen (4 Absätze)
E. 1 Die Anwendung des Art. 143 Abs. 2 SchKG hat
zur selbstverständlichen Voraussetzung, dass die vom
Betreibungsamt angeordnete zweite Steigerung, soweit
es sich um die Umschreibung des zu versteigernden
Objektes handelt, auf der Grundlage der nämlichen
Steigerungsbedingungen stattgefunden habe, wie die erste,
wegen deren Nichthaltung die Schadenersatzforderung
geltend gemacht wird, oder dass doch jedenfalls die Bedingungen der zweiten Steigerung ifür den Verkäufer
nicht wesentlich ungünstiger lauteten, als diejenigen
der erstell. Ist nämlich letzteres der Fall, und ist also
das Steigerungsobjekt an der zweiten Gant mit andern,
grössern Lasten oder unter erschwerenden Zahlungsbedingungen zum Verkauf ausgeboten worden, so kann
nicht mehr gesagt werden, dass der eingetretene Schaden,
der hauptsächlich in dem Mindererlös gegenüber dem
Resultat der ersten Gant besteht, ausschliesslich auf die
Nichthaltung des Kaufs seitens des ersten Ersteigerers
zurückzuführen sei. Inwiewei t aber in einem solchen
Falle das Verhalten des ersten Ersteigerers einerseits und
die Abänderung der Steigerungsbedingungen anderseits
als konkurrierende Ursachen zu der Entstehung des
Schadens beigetragen haben, lässt sich nachträglich nicht
ermitteln.
Im vorliegenden Falle steht fest, dass die « Bedindingen» der zweiten Steigerung eine zu Gunsten der
Zementfabrik Rotzloch errichtete Servitut vorbehielten,
von deren Existenz in den «Bedingungen,) der ersten
Steigerung nichts gesagt gewesen war. Die Belastung
einer zu versteigernden Liegenschaft mit einer Servitut
von der Bedeutung der hier in Frage stehenden Ausbeu-
408
Entscheidungen
tungsbeschränkung ist aber zweifellos geeignet, den Steigerungserlös ungünstig zu beeinflussen. Es kann soniit
in der Tat nicht g,sagt werden, dass die Differenz von
4300 Fr. zwischen dem Höchstangebot der ersten und
demjenigen der zweiten Steigerung ausschliesslich die
Folge des Verhaltens des Beklagten sei, und es ist auch
nicht ersichtlich, in welcher Weise festgestellt werden
könnte, um wieviel der Ausfall sich verringert haben
würde, bezw. ob ein solcher überhaupt eingetreten wäre,
wenn die Steigerungsbedingungen
nicht abgeändert
worden wären.
Nun Hesse sich allerdings die Ansicht vertreten, dass
die Abänderung der Steigerungsbedingungen dan n unwesentlich war, wenn die fragliche Servitut auch ohne
besondere Erwähnung in den vom Betreibungsamt aufgestellten
« Bedingungen» auf dem Steigerungsobjekt
haften blieb; denn in diesem Fall waren die Steigerungsbedingungen bei der ersten und bei der zweiten Gant
objektiv dieselben, und die Bedingungen der zweiten Gant
unterschieden sich von denjenigen der ersten nur durch
die Beifügung einer Art Rechtsbelehrung, die für die
Anwendbarkeit des Art. 143 Abs. 2 unerheblich wäre.
Indessen ist es nicht richtig, dass die in Betracht kommende Servitut auch ohne besondere Erwähnung in den
vom Betreibungsamt aufgestellten « Bedingungen» auf
dem Steigerungsobjekt haften blieb. Diese « Bedingungen»
enthielten allerdings die Bemerkung, dass die Liegenschaft « gegeben» werde « mit Nutzen und Beschwerden,
Fuss- und Holzweg, wie dieselbe bis dahin benutzt und
besessen worden ist, ohne alle Nachwähr, » womit u. a.
offenbar gesagt werden wollte, dass ausser den auf der
Liegenschaft haftenden Gülten und Pfandverschreibungen
auch die Servituten auf den Ersteigerer übergehen sollten.
Allein einmal konnte der Umstand, dass die Höhe der
Gülten und Pfandverschreibungen ziffermässig angegeben, und neben den « Beschwerden» noch « Fuss- und
Holzweg» angeführt waren, die Gantteilnehmer zu der
der Zivilkammern. N° 73.
409
Annahme verleiten, dass ausser diesem « Fuss- und Holzweg» einerseits und jenen « Gülten und Pfandverschrei
bungen » anderseits keine weitem « Beschwerden » vorhanden seien. Sodann ist durch die eigene Aussage des
Litisdenunziaten festgestellt, dass der Beklagte an der
Steigerungsverhandlung auf seine Frage, ob ausser den
genannten noch weitere Servituten vorhanden seien, V Olll
Betreibungsbeamten die Antwort erhielt, dass ihm « keine
andern bekannt» seien. Endlich fällt grundsätzlich in
Betracht, dass es Pflicht des Belreibungsamtes ist, sämtliche auf dem Steigerungsobjekl lastenden dinglichen
Rechte zu ermitteln (Art. 140 Abs. 1) und, nach Durchführung des in Art. 140 Abs. 2 vorgesehenen Bereinigungsverfahrens, in den Steigerungsbedingungen, oder
doch im Lastenverzeichnis (sofern jene auf dieses verweisen), einzeln anzuführen. Auf die Steigerungsbedingungen, bezw. auf das ihnen zu Grunde liegende Lastenverzeichnis, müssen sich die Gantteilnehmer verlassen
können, da ja das ganze Feststellungs- und Bereinigungsverfahren des Art. 140 in erster Linie gerade ihre Aufklärung bezweckt. Ist also eine Servitut weder in den
Steigerungsbedingungen noch im Lastenverzeichnis erwähnt, und handelt es sich nicht etwa um eine unmittelbar
durch das Gesetz begründete, auch ohne Grundbuch··
eintrag bestehende Servitut (vergl. darüber JAEGER
Anm. 14 zu Art. 138), so kann sie dem gutgläubigen
Ersteigerer gegenüber nicht geltend gemacht werden, und
zwar gleichgültig, ob ihre Nichtaufnahme in das Lastenverzeichnis und in die Steigerungsbedingungen auf ein
im Bereinigungsverfahren ergangenes gerichtliches Urteil,
oder auf die Verwirkung der Klagfrist seitens des Ansprucherhebers, oder auf die Unterlassung ihrer Anmeldung, oder endlich, wie im vorliegenden Falle, auf ungenügende Nachforschungen seitens des Betreibungsbeamten
zurückzuführen ist.
An diesem Grundsatze, der unter der Herrschaft des
frühern Rechts allerdings nur für die nicht aus den öffent-
410
Entscheidungen
lichen Büchern ersichtlichen Servituten ausgesprochen
worden war (verg!. BGE 30 II S. 146 f.), ist auch unter
der Herrschaft des neuen Rechts festzuhalten und zwar
in dem Sinne (verg!. JAEGER, Anm. 2 zu Art. 135, speziell
S. 441 unten und 442 oben), dass auch die im Grundbuch
eingetragenen, im Lastenverzeichnis jedoch nicht erwähnten, bezw. in den Steigerungsbedingunaen nicht
vorbeh~ltenen dinglichen Rechte dem gutgläubigen
ErsteIgerer gegenüber erlöschen und infolgedessen auf sein Verlangen im Grundbuch zu
str~ichen s~nd. -
Ob im Falle der Unterlassung der
StreIchung em gutgläubiger Erwerber des untergegan-
g~nen Rechtes dieses dennoch (gestützt auf Art. 973 ZGB)
wIeder geltend machen könne, braucht anlässlich des vorliegenden Falles nicht entschieden zu werden.
An dem Grundsatze, dass die in den Steigerungs-
b~.din?ungen ni~ht vorbehaltenen Belastungen dem gutglaubIgen ErsteJgerer gegenüber erlöschen, ist auch durch
Art. 234 OR neuer Fassung nichts geändert worden.
Einerseits nämlich schliesst Abs. 2 dieses Artikels die
Annahme aus, dass Abs. 1, wonach « bei Zwangsversteigerung » in der Regel « eine Gewährleistung nicht stattfindet,» im Sinne der unbedingten Fortexistenz . aller
auch der nicht « bekannt gegebenen» Lasten zu vel'~
stehen sei; anderseits aber bezieht sich Ab s. 2 selbst- ·
verständlich nur auf diej enigen « durch die öffentlich~n
Bücher bekannt gegebenen » Lasten, die nicht, eben
durcl~ Nichterwähnung in den Steigerungsbedingungen
oder Im Lastenverzeichnis, un t ergeg a n gen sind.
Wenn sodann nach dem neuen Art. 135 SchKG die
Steigerungsbedingungen die Bestimmung zu enthalten
haben, « dass die Grundstücke mit allen darauf haftenden
Belastungen versteigert werden », während sie nach dem
frühem Text zu bestimmen hatten, « welche Lasten ....
übernommen werden sollen », so ist dadurch das Betreibungsamt von der ihm obliegenden Verpflichtung, die
vom Ersteigerer zu übernehmenden Lasten zu" spezifi-
der Zivilkammern. N° 73.
411
zieren, keineswegs entbunden worden, sondern es ist
durch die neue Fassung lediglich die Möglichkeit, die
Liegenschaft « frei und ledig von allen Belastungen» zu
verkaufen (verg!. den frühem Text des Art. 135), aufgehoben worden. Die Steigerungsbedingungen müssen
nunmehr stets bestimmen, dass die Legenschaft mit
allen darauf lastenden dinglichen Rechten (ja sogar unter
Ueberbindung der damit allfällig verbundenen per s ö n-
li eh en Schuldpflicht) versteigert wird; sie haben aber
deshalb nicht minder, auch unter der Herrschaft des
neuen Art. 135, die in Betracht kommenden dinglichen
Rechte einzeln aufzuzählen oder doch zum mindesten
auf das unangefochten gebliebene oder bereinigle Lastenverzeichnis hinzuweisen, und die gutgläubigen Gantteilnehmer dürfen sich nach wie vor darauf verlassen, dass
ausser den in den Steigerungsbedingungen und im
Lastenverzeichnis angeführten, und abgesehen von solchen Belastungen, die unmittelbar von Gesetzeswegen
bestehen, keine weitem dinglichen Rechte vorhanden
sind, oder dass doch nach der Versteigerung keine solchen mehr vorhanden sein werden.
E. 2 Durch die vorstehenden Ausführungen ist dargetan, dass der Beklagte auf Grund der Steigerung vom
14. Oktober 1912, an welcher er den Zuschlag erhalten
hatte, zur Anerkennung der in Frage stehenden Servitut
nicht gezwungen werden konnte. Die Bedingungen jener
ersten Gant waren somit in der Tat für den Ersteigerer
in einem wesentlichen Punkte günstiger, als diejenigen
der z w e i t e n Steigerung, auf Grund deren die vorliegende Ausfallforderung geltend gemacht wird. Zugleich
ergibt sich daraus aber auch, dass die dem Beklagten
vom Betreibungsamt gemachte Zumutung, anlässlich der
grundbuchlichen Bereinigung des Gantkaufs die Existenz jener in . den Gantbedingungen nicht erwähnten
Servitut anzuerkennen, ungerechtfertigt war, und weiter:
dass der Beklagte, solange ihm die Liegenschaft nicht
frei von jener Servitut angeboten wurde, weder in An-
412 •
Entscheidungen
nahme- noch in Zahlungsverzug geraten konnte, ~ was
wiederum zur Abweisung der Klage führt, da Art. 143
SchKG die Rückgängigmachung der ersten und die Anordnung einer neuen 'Steigerung, sowie die Haftbarmachung des frühern Ersteigerers ausdrücklich von dem Zah-
. lungsverzug dieses frühem Ersteigerers abhängig macht.
Allerdings hätte dem Beklagten, ausser der Bestreitung der eingeklagten Forderung, noch ein anderes Mittel zur Verfügung gestanden, um seinen Standpunkt,
dass er die erwähnte Servitut nicht anzuerkennen brauche, zur Geltung zu -bringen: nämlich die Erhebung
einer Be s·ch wer d e gegen die Aufhebung der ersten
und die Anordnung der zweiten Steigerung. Indessen
konnte der Beklagte auf dieses offensive Vorgehen füglich verzichten, ohne dadurch die Rechtmässigkeit der
zweiten Steigerung anzuerkennen. Auch wenn er daher
gegen die Aufhebung der ersten und die Anordnung der
zweiten Gant keine Beschwerde erhob, blieb ihm (verg!.
JAEGER, Anm. 2 zu Art. 143) doch noch die Möglichkeit,
gegenüber einer auf Art. 143 gestützten Ausfallforderung die Ein red e zu erheben, dass die Voraussetzungen für die Abhaltung einer zweiten Steigerung gar
nicht gegeben gewesen seien. -
.
Zur Anhebung einer Beschwerde gegen den an der
ersten Gant erfolgten Zuschlag hatte der Beklagte
deshalb keinen Anlass, weil er ja nicht behauptet, dieser
Zuschlag sei zu Unrecht erfolgt, sondern im Gegenteil
den Standpunkt einnimmt, dass das Betreibungsamt den
Zuschlag zu Unrecht aufg€.hob en habe, -
ein Standpunkt, der nach dem Gesagten durchaus begründet ist
und, ebenso wie die in Erw. 1 konstatierte Diskrepanz
zwischen den Steigerungsbedingungen der ersten und denjenigen der zweiten Gant, zur Abweisung der Klage führt.
E. 3 Dasselbe Resultat ergibt sich endlich auch auf
Grund der Erwägung, dass der Betreibungsbeamte nicht
berechtigt war, vom Beklagten die Bezahlung der, nach
Art. 81~ ZGB in Verbindung mit Art. 25 SchlT ZGB und
der Zivilkammern. N° 73 . .
413
.\rt. 219 Abs. 3 SchKG (neue Fassung) grundversieherten, fälligen Zinsen der letzten drei Jahre anders als
in Anrechnung auf den Zuschlagspreis zu verlangen, und
dass daher das an den Beklagten gestellte Ansinnen,
über den Zuschlagspreis von 15,000 Fr. hinaus noch
« den 1910.,1911. und laufenden 1912. Zins) zu bezahlen,
ungerechtfertigt war und die Inverzugsetzung des Beklagten ebenso hinderte, wie die in Erw. 2 hievor behandelte ZumuLung, eine in den Steigerullgshcdingullgen
nicht erwähnte Servitut zu übernehmen.
Nach der ausdrücklichen VorschrifL des Art. 13G
SchKG neuer Fassung haben die Sleigerullgsbcclingungen zu bestimmen, einerseits dass die füll i gen grundversicherten Forderungen (wozu nach Art. 810 ZGB die
drei leb:lell zur Zeit der KonkurseröfTllung oder deb
Pfundverwüri ullgsbegehrells verfallenen J ahresziuse gehören) (I vorweg aus dem Erlös zu bezahlen) seien, anderseits dass die !lieh t fülligen grundversicherten Forderungen (wozu der 1 auf eil cl e Zills gehört) dem Erwerber
überbunden werden. Wäre im vorliegenden Falle so verfahren worden, d. h. würen die Sleigerungbedingungen
nach Vorschrift des Bundesgesetzes aufgesleHt worden,
so ist selbstverständlich, dass der Beklagte berechtigt
gewesen wäre, die von ihm nachträglich geforderte Bezahlung zweier verfallener und des laufenden Zinses
über den Zuschlagspreis hinaus abzulehnen.
Anderseits müsste wohl, wenn die Steigerungsbedingungen die k 1 are und u n z w eid e n ti g e Bestimmung enLhalten hätten, dass die Zinsen über den Zuschlagspreis hinaus zu bezahlen seien, der Beklagte, der
auf Grund dieser, ihm bekannt gegebenen und von ihm
nicht durch Beschwerde angefochtenen Steigerungsbedingungen sein Angebot gemacht haben würde, hiebei
behaftet werden. Tatsächlich lassen nun aber d:e VO!T.
Betreibungsamt
im vorliegenden Falle aufgestellten
Steigerungsbedingungen eine klare und unzweideutige
Bestimmung über die Anrechnung der Zinsen vermissen.
414
Entscheidungen
Die Bemerkung, dass « der 1910., 1911. und laufende
1912. Zins von dem darauf haftenden zu übe r-
n e h m e n und an das Betreibungsamt sofort zu bezahlen» sei, hätte, für sich allein genommen, allerdings
im Sinne der Nichtanrechnung auf den Zuschlagspreis
verstanden werden können. Allein die weitere Bestimmung, dass « der Steigerungserlös über die Hypotheken vom Käufer sofort
bar abzuzahlen» sei,
sprach entschieden gegen diese Annahme; denn vom
Standpunkte der Nichtanrechnung aus hätte gesagt
werden müssen, dass der Steigerungserlös « über die
Hypotheken und die verfallenen sowie laufenden Z ins e n hinaus » oder « ne b s t den verfallenen
und laufenden Zinsen» bar zu bezahlen sei. Dass der
Ersteigerer letzteres ohne weiteres deshalb habe annehmen müssen, weil es- im Kanton Nidwaldell « anerkanntes Gewohnheitsrecht » sei, die in bar zu bezahlenden, verfallenen und laufenden Zinsen nicht auf den
Kaufpreis anzurechnen, kann nicht zugegeben werden.
In dieser, durch das eid gen ö s si s c he Recht geregelten Materie bleibt für ein entgegenstehendes « kantonales Gewohnheitsrecht» und eine darauf zu gründende
Interpretationsregel kein Raum; sondern, wenn der
Wille des Ersteigerers auf Grund einer Norm des objektiven Rechts zu interpretieren wäre, so könnte diese
Norm nur die einschlägige Bestimmung des B und e s-
gesetzes sein, d. h. es wäre aqzunehmen, der Beklagte
habe die etwas undeutlich abgefassten Steigerungsbedingungen über die Anrechnung der Zinsen im Si n ne
des Art. 1 35 Sc h K G auslegen
müssen, wonach
(j fällige grundversicherte Forderungen..... vorweg aus
dem Erlös bezahlt» werden.
Hievon abgesehen, spricht endlich auch eine tatsächliche Vermutung dafür, dass derjenige, der an einer Steigerung ein bestimmtes Angebot macht, sich nur bis zur
Höhe des von ihm gebotenen Betrages verpflichten und
allfällig von ihm zu übernehmende oder zu bezahlende
der Zivilkammern. N° 73.
415
Schulden des bisherigen Eigentümers nur auf Rechnung des gebotenen Kaufpreises übernehmen oder
bezahlen will, da er ja keinerlei Veranlassung hat, fremde
Schulden ohne Anrechnung auf eigene Schulden zu bezahlen. Gerade im vorliegenden Falle ist eine solche
Bereitschaft des Ersteigerers zur Bezahlung der verfallenen und laufenden Zinsen ohne Anrechnung auf den
Kaufpreis umso weniger anzunehmen, als der Betrag
dieser Zinsen weder aus den Steigerungsbedingungen
ersichtlich war, noch auch nur den Interessenten anlässlich der Steigerungsverhandlung mündlich mitgeteilt
wurde, -
sodass also der Beklagte nach der Auffassung
des Betreibungsbeamten, indem er « 15,000 Fr.» bot,
tatsächlich nicht nur einen höhern, sondern sogar einen
ihm selber unbekannten höhern Betrag geboten haben
würde, was von einem auch nur einigermassen bedächtigen
Geschäftsmann im Zweifel nicht anzunehmen ist. Charakteristisch ist auch, dass der Litisdenunziat den Betrag
der zu bezahlenden Zinsen des hai b nicht angegeben
haben will, weil er damit gerechnet habe, dass « nicht
der ganze verschriebene Betrag gutgeboten werde », und
weil « eine Abrechnung über die Zinsen erst erfolgen»
könne, «wenn das Steigerungsergebnis bekannt» sei.
Wenn wirklich die Zinsen nicht auf den Kaufpreis anzurechnen, sondern vom Ersteigerer vorweg zu bezahlen
gewesen wären, so hätte doch die Höhe der bezüglichen
Barzahlung nicht von der Gutbietung oder Nichtgutbietung des « ganzen verschriebenen Betrages» abhängen
können. Die Nichtnennung des Betrages der bar zu bezahlenden Zinsen, mit jener Begründung, dass « eine Abrechnung über die Zinsen erst erfolgen» könne, « wenn das
Steigerungsergebnis bekannt» sei, musste deshalb die
Gantteilnehmer in den Glauben versetzen, dass der für
die Zinsen zu bezahlende Betrag im Steigerungserlös
illbegriffen sein werde.
Von allen Gesichtspunkten !lus erscheint somit das
vom Betreibungsamt an den Beklagten gestellte Ansinnen,
416
74. Kreissrhreiben des BundesgerIchts
die verfallenen Zinsen pro 1910 und 1911, sowie den
laufenden Zins pro 1912 über den Steigerungserlös hinauszubezahlen, als ebenso ungerechtfertigt, wie
die in Erw. 2 behandelte Zumutung, die Existenz der
in den Steigerungsbedingungen nicht erwähnten Servitut
zu Gunsten der Zementfabrik Rotzloch anzuerkennen.
Damit aber fehlt es im vorliegenden Falle an der ersten
und hauptsächlichsten Voraussetzung des Art. 143 SchKG,
nämlich an dem Zahlungsverzuge des ersten Ersteigers.
Demnach hat das Bundesgericht
erkannt:
Die Berufung wird abgewiesen und das Urteil der
ersten Appellationskammer der Obergerichts des Kantons
Zürich vorn 4. Juli 1914 bestätigt.
Kreisschreiben des Bundesgerichts an die kantonalen
Aursichtsbehörden über Schuldbetreibung u. Konkurs. - Circulaires
du Tribunal federaI aux auLoriLes cantonales de surveillance
sur Ia poursuite pou dettes et la faHJite.
74. Xreisschreiben l~r . 7 an die kantonalen Aufsichtsbehörden
für Schuldbetreibung und Konkurs zu Ha.nden der Betreibungsä.mter, Xonkursbeamten und Konkursgerichte betr.
die Wirkungen des Rechtsstillstandes, vom 10. August 1914.
Der Bundesrat hat unterm 5. dieses Monats; gestützt
auf Ziffer 3 des Bundcsbeschluoses betr. Massnahmen
zum Schutze des Landes und zur Aufrech haltung der
Neutralität vom 3. Augu ~ t und unter Hinweis auf Art. 62
über Schuldbetreibung und Konkurs.
417
des Betreibungs- und Konkursgesetzes beschlossen, dass
bis zum 31. August 1914 für das Gebiet der ganzen
Eidgenossenschaft ein allgemeiner Rechtsstillstand zu gewähren sei~ Auf Wunsch des eidgenössischen Justiz- und
Polizeidepartements teilen wir Ihnen über die Wirkungen
dieses Rechtsstillstandes folgendes mit, damit Sie das
Publikum, bei dem hierüber vielfach noch unzutreffende
Vorstellungen herrschen, aufklären können:
1. Die Fälligkeit der eingegangenen Schulden wird
durch den Rechtsstillstand in keiner Weise berührt,
ebensowenig die Verpflichtung zu deren Bezahlung.
Auch besteht die Möglichkeit der gerichtlichen Einklagung von Forderungen in gleicher Weise wie vorher
und es laufen auch die Fristen im gerichtlichen Verfahren wie Sflnst.
2. Der Rechtsstillstand hat nur zur Folge:
a) Dass während seiner Dauer keine Betreibungshandlungen vorgenommen werden dürfen. Darunter versteht
die bisherige bundesgerichtliche Rechtsprechung alle
Handlungen 'der Vollstreckungsorgane (Betreibungsbeamte, Aufsichtsbehörden, Rechtsö1Tnungsrichter, Konkursrichter), welche geeignet sind. das Verfahren zur
zwangsweisen Befriedigung des Gläubigers aus dem
Vermögen des Schuldners einzuleiten oder weiterzuführen
und die die Rechtsstellung des Schuldners in der Betreibung berühren, also z. B. Anlegung von Zahlungsbefehlen, auch in der Wechselbetreibung, Pfändungsanzeigen, Pfändungen, Anzeigen von Versteigerungen, Auflegung der Steigerung~bedingungell, Versteigerungen und
sonstige Verwertungen, Ausstellung von Verlustscheinen, Rechtsöffnungsbewilligungen, Konkursandrohungen,
Konkurserklärungen auf Begehren des Gläubigers, Fristansetzungen im Widerspruchsverfahren und bei der
Anschlusspfändung u. s. w. Mietausweisungen gelten
nicht als Betreibungshandlungen. Hierüber müssen besondere Anordnungen der kompetenten Behörde vorbehallen werden.
E. 3a Dass während seiner Dauer keine Betreibungshandlungen vorgenommen werden dürfen. Darunter versteht die bisherige bundesgerichtliche Rechtsprechung alle Handlungen 'der Vollstreckungsorgane (Betreibungsbeamte, Aufsichtsbehörden, Rechtsö1Tnungsrichter, Konkursrichter), welche geeignet sind. das Verfahren zur zwangsweisen Befriedigung des Gläubigers aus dem Vermögen des Schuldners einzuleiten oder weiterzuführen und die die Rechtsstellung des Schuldners in der Betreibung berühren, also z. B. Anlegung von Zahlungsbefehlen, auch in der Wechselbetreibung, Pfändungsanzeigen, Pfändungen, Anzeigen von Versteigerungen, Auflegung der Steigerung~bedingungell, Versteigerungen und sonstige Verwertungen, Ausstellung von Verlustscheinen, Rechtsöffnungsbewilligungen, Konkursandrohungen, Konkurserklärungen auf Begehren des Gläubigers, Fristansetzungen im Widerspruchsverfahren und bei der Anschlusspfändung u. s. w. Mietausweisungen gelten nicht als Betreibungshandlungen. Hierüber müssen besondere Anordnungen der kompetenten Behörde vorbehallen werden.
Volltext (verifizierbarer Originaltext)
73. Urteil der II. Zivilabteilung vom 29. Oktober 1914
i. S. Frank, Kläger und Frank, Litisdenunziat des Klägers,
gegen Nussbaumer, Beklagten.
Zwangsversteigerung. -
Erw. 1; Identität der Steigerungsbedingungen, oder doch nicht wesentliche Verschlechterung der Bedingungen zwischen der ersten und der zweiten
Gant, als Voraussetzung einer Schadenersatzklage gemäss
Art. 143 Abs. 2 SchKG. -
Erw. 2; Untergang der in den
Steigerungsbedingungen, bezw. im Lastenverzeichnis nicht
erwähnten dinglichen Lasten, auch der im Grundbuch eingetragenen, gegenüber dem gutgläubigen Ersteigerer. Vorbehalt zu Gunsten der unmittelbar durch des Gesetz begründeten Lasten.-
Erw. 3; Nichtverpflichtung des Ersteigerers,
die fälligen Zinsen der letzten dr ei Jahre anders als in Anrechnung auf den Zuscbla gspreis zu. übernehmen (Art. 135
SchKG. neue Fassung).
A . -
Am 14. Oktober 1912 hielt das Betreibungsamt
Buochs über eine dem Bruder des Beklagten gehörende
Liegenschaft in Ennetbürgen eine Zwangsversteigerung
ab. Die vom Litisdenunziaten abgefassten Stetgerungs-AS -10 11 1 -
19U
"27
404
Entscheidungen
bedingungen lauteten, soweit hier in Betracht kommend,
wie folgt:
« Die Liegenschaft wird gegeben mit Nutzen und Be-
» schwerden, F1,lss- und Holzweg wie dieselbe bis dahin
» benutzt und besessen worden ist ohne alle Nachwähr.
» Der Käufer hat den 1910., 1911. und laufenden
» 1912. Zins von dem darauf haftenden zu übernehmen
» und an das Betreibungsamt sofort zu bezahlen.
» Auf der Liegenschaft haften an Gülten Fr. 10,642 85
» und an Pfandverschreibungen. . . . . . . . ..»
5,000-
» Der Steigerungserlös über die Hypoteken ist vom
» Käufer sofort baar abzuzahlen.
» Die ausstehenden Pachtzinsen werden zur Deckung
» der verfallenen Steuern und der Betreibungs- und Ver-
» wertungskosten verwendet und ein allfälliger Ueber-
» schuss fällt dem Käufer zu.
» Handänderungs- und Schreibgebühren hat der Käufer
» zu übernehmen.»
Ein besonderes Lastenverzeichnis wurde nicht aufgelegt. Als dem Gesetz entsprechendes (C Lastenverzeichnis »
betrachtete der Litisdenunziat die folgenden, ihm am
10. November und am 12. Oktober 1911 vom (C Grundbuchführer » gemachten brieflichen Mitteilungen:
(c Die Schürweid Ennetbürgen (Grundbuch Nr. 249) und
» die Seeausfüllung von 425 m 2 (Grundbuch Nr.295) ge-
» hörten dem Franz Nauer und dem Karl Frank. Darauf
1) haften, ohne die drei Pfänd'ungen, 10,642 Fr. 85 Cts.
» Als Servituten sind am Grundbuch z. Z. nur Fussweg-
I) Beschwerden angegeben. Pfändungen sind 3425 Fr.
» Nauer verkaufte seinen Teil an Hans Nussbaumer.
» Ebenso Frank. Letzterer Kauf trat aber noch nicht in
\) Kraft, da Nussbaumer die Bedingungen nicht erfüllte.
» Eigentümer sind somit z. Z. Hans Nussbaumer und
» Karl Frank. »
.
(C Auf Schürweid und Seeausfüllung ist wie Sie wissen,
» in Uebereinstimmung mit dem Lastenverzeichniss zu
» Gunsten des Karl Frank Unternehmer in Emmenbrücke
der Zivilkammern. N° 73.
405
» eine Grundpfandverschreibung von 5000 Fr. errichtet.
•. Die Güterschatzung wurde abgeändert und beträgt
» 4000 Fr. und 1700 Fr., zusammen 5700 Fr.»
Ern Feststellungs- und Bereinigungsverfahren im Sinne
des Art. 140 SchKG hat im Anschluss an diese Mitteilungen .nicht stattgefunden.
Den Betrag der vom Ersteigerer (C zu übernehmenden
und zu bezahlenden» Zinsen gab der Litisdenunziat weder
vor noch während der Steigerungsverhandlung bekannt.
Diese Unterlassung erklärte er anlässlich der Steigerungsverhandlung damit, dass « eine Abrechnung über die
Zinse» erst erfolgen könne, (c wenn das Steigerungsergebnis
bekanni» sei, und diese Erklärung hat er seither dahin
präzisiert, dass er «der Meinung gewesen» sei, es werde
41Dicht der ganze verschriebene Betrag gutgeboten I). Auf
eine Frage des Beklagten, wie hoch die (c Kosten» und
die (C auf Grundpfand betriebenen Forderungen (Steuern)>>
seien, erklärte er, dass (C es ungefähr 300 Fr. ausmache I).
Bei der Steigerungsverhandlung fragte der Beklagte
den Litisdenunziaten ferner, ob ausser dem in den Steigerungsbedingungen erwähnten (C Fuss- und Holzweg~ recht
keine weitern Servituten auf der Liegenschaft hafteten,
worauf der Litisdenunziat antwortete, dass ihm «(keine
andern bekannt» seien. Der Beklagte bot nun 15,000 Fr.
und erhielt zu diesem Preis den Zuschlag.
Am gleichen Tage begaben sich die Beteiligten zum
Zwecke der «Fertigung» des « Kaufs» auf das (cGrundbuchamh. Hier wurde dem Beklagten eröffnet: erstens
dass er ausser dem in den Steigerungsbedingungen erwähnten (I Fuss- und Holzweg» recht noch eine weitere,
zwar nicht aus dem (c Grundbuch I), wohl aber aus dem
« Kaufprotokoll » ersichtliche Servitut zu übernehmen
habe, des Inhalts, dass der auf dem Grundstück befindliche Steinbruch nicht ohne Zustimmung der Zementfabrik Rotzloch zur Gewillnung von .Zement oder hydraulischem Kalk ausgebeutet werden dürfe, und zweitens,
dass er (der Beklagte) über den Zuschlagspreis hinaus
406
Entscheidungen
noch etwa 900 Fr. für verfallene und laufende Zinsen
zu bezahlen habe. Darauf weigerte er sich, zur « Fertigung » der Liegenschaft Hand zu bieten, und lehnte auch
jegliche Geldzahlung ab.
Der Litisdenunziat ordnete nun unter Berufung auf
Art. 143 sofort eine neue Gant an, für welche er den
Steigerungsbedingungen folgende Bemerkungen beifügte:
« 1. Meldung der Servitut der Cementfabrik A.-G. Rotz-
» loch, dass der Steinbruch nicht ohne Zustimmung der-
» selben zu Cement oder hydro Kalk ausgebeutet werden
» darf.
» 2. Ein allfäl. Regressrecht auf den frühern Ersteigerer
» Hr. Franz Nussbaumer wird den Hypothekenbesitzern
» offen gelassen. »
Auf Grund dieser neuen Steigerungsbedingungen erhielt
der Kläger den Zuschlag zum Preise von 10.070 Fr.
Da der Kläger zugleich Inhaber der Pfandverschreibung
von 5000 Fr. und somit der einzige in folge der zweiten
Gant zu Verlust gekommene Gläubiger war, wurde das
Betreibungsamt durch die kantonale AB angewiesen, ihm
die auf Grund des Art. 143 gegen den Beklagten zu erhebende Ausfallforderung « abzutreten ».
Hierauf erfolgte die Anhebung .der vorliegenden Klage
auf Bezahlung von 4300 Fr. nebst 5 % Zins seit 16. November 1910 abzüglich 10 Fr. (Prozessentschädigung im
Rechtsöffnungsverfahren).
B. -
Durch Urteil vom 4. Juli 1914 hat das Obergericht des Kantons Zürich (1. Appellationskammer) die
Klage abgewiesen.
C. -
Gegen dieses Urteil hat der Kläger die Berufung
an das', Bundesgericht ergriffen, mit dem Antrag auf
Gutheissung der Klage.
Der Beklagte hat Abweisung der Berufung und Bestätigung des angefochtenen Urteils beantragt.
Die Aktivlegi timalion des Klägers zur Geltendmachung
rier streitigen Ausfallforderung ist im gegenwärtigen
der Zivilkammern. N° 73.
407
Stadium des Prozesses, und war schon vor der 11. kantonalen Instanz nicht mehr bestritten.
Das Bundesgericht zieht
in Erwägung:
1. Die Anwendung des Art. 143 Abs. 2 SchKG hat
zur selbstverständlichen Voraussetzung, dass die vom
Betreibungsamt angeordnete zweite Steigerung, soweit
es sich um die Umschreibung des zu versteigernden
Objektes handelt, auf der Grundlage der nämlichen
Steigerungsbedingungen stattgefunden habe, wie die erste,
wegen deren Nichthaltung die Schadenersatzforderung
geltend gemacht wird, oder dass doch jedenfalls die Bedingungen der zweiten Steigerung ifür den Verkäufer
nicht wesentlich ungünstiger lauteten, als diejenigen
der erstell. Ist nämlich letzteres der Fall, und ist also
das Steigerungsobjekt an der zweiten Gant mit andern,
grössern Lasten oder unter erschwerenden Zahlungsbedingungen zum Verkauf ausgeboten worden, so kann
nicht mehr gesagt werden, dass der eingetretene Schaden,
der hauptsächlich in dem Mindererlös gegenüber dem
Resultat der ersten Gant besteht, ausschliesslich auf die
Nichthaltung des Kaufs seitens des ersten Ersteigerers
zurückzuführen sei. Inwiewei t aber in einem solchen
Falle das Verhalten des ersten Ersteigerers einerseits und
die Abänderung der Steigerungsbedingungen anderseits
als konkurrierende Ursachen zu der Entstehung des
Schadens beigetragen haben, lässt sich nachträglich nicht
ermitteln.
Im vorliegenden Falle steht fest, dass die « Bedindingen» der zweiten Steigerung eine zu Gunsten der
Zementfabrik Rotzloch errichtete Servitut vorbehielten,
von deren Existenz in den «Bedingungen,) der ersten
Steigerung nichts gesagt gewesen war. Die Belastung
einer zu versteigernden Liegenschaft mit einer Servitut
von der Bedeutung der hier in Frage stehenden Ausbeu-
408
Entscheidungen
tungsbeschränkung ist aber zweifellos geeignet, den Steigerungserlös ungünstig zu beeinflussen. Es kann soniit
in der Tat nicht g,sagt werden, dass die Differenz von
4300 Fr. zwischen dem Höchstangebot der ersten und
demjenigen der zweiten Steigerung ausschliesslich die
Folge des Verhaltens des Beklagten sei, und es ist auch
nicht ersichtlich, in welcher Weise festgestellt werden
könnte, um wieviel der Ausfall sich verringert haben
würde, bezw. ob ein solcher überhaupt eingetreten wäre,
wenn die Steigerungsbedingungen
nicht abgeändert
worden wären.
Nun Hesse sich allerdings die Ansicht vertreten, dass
die Abänderung der Steigerungsbedingungen dan n unwesentlich war, wenn die fragliche Servitut auch ohne
besondere Erwähnung in den vom Betreibungsamt aufgestellten
« Bedingungen» auf dem Steigerungsobjekt
haften blieb; denn in diesem Fall waren die Steigerungsbedingungen bei der ersten und bei der zweiten Gant
objektiv dieselben, und die Bedingungen der zweiten Gant
unterschieden sich von denjenigen der ersten nur durch
die Beifügung einer Art Rechtsbelehrung, die für die
Anwendbarkeit des Art. 143 Abs. 2 unerheblich wäre.
Indessen ist es nicht richtig, dass die in Betracht kommende Servitut auch ohne besondere Erwähnung in den
vom Betreibungsamt aufgestellten « Bedingungen» auf
dem Steigerungsobjekt haften blieb. Diese « Bedingungen»
enthielten allerdings die Bemerkung, dass die Liegenschaft « gegeben» werde « mit Nutzen und Beschwerden,
Fuss- und Holzweg, wie dieselbe bis dahin benutzt und
besessen worden ist, ohne alle Nachwähr, » womit u. a.
offenbar gesagt werden wollte, dass ausser den auf der
Liegenschaft haftenden Gülten und Pfandverschreibungen
auch die Servituten auf den Ersteigerer übergehen sollten.
Allein einmal konnte der Umstand, dass die Höhe der
Gülten und Pfandverschreibungen ziffermässig angegeben, und neben den « Beschwerden» noch « Fuss- und
Holzweg» angeführt waren, die Gantteilnehmer zu der
der Zivilkammern. N° 73.
409
Annahme verleiten, dass ausser diesem « Fuss- und Holzweg» einerseits und jenen « Gülten und Pfandverschrei
bungen » anderseits keine weitem « Beschwerden » vorhanden seien. Sodann ist durch die eigene Aussage des
Litisdenunziaten festgestellt, dass der Beklagte an der
Steigerungsverhandlung auf seine Frage, ob ausser den
genannten noch weitere Servituten vorhanden seien, V Olll
Betreibungsbeamten die Antwort erhielt, dass ihm « keine
andern bekannt» seien. Endlich fällt grundsätzlich in
Betracht, dass es Pflicht des Belreibungsamtes ist, sämtliche auf dem Steigerungsobjekl lastenden dinglichen
Rechte zu ermitteln (Art. 140 Abs. 1) und, nach Durchführung des in Art. 140 Abs. 2 vorgesehenen Bereinigungsverfahrens, in den Steigerungsbedingungen, oder
doch im Lastenverzeichnis (sofern jene auf dieses verweisen), einzeln anzuführen. Auf die Steigerungsbedingungen, bezw. auf das ihnen zu Grunde liegende Lastenverzeichnis, müssen sich die Gantteilnehmer verlassen
können, da ja das ganze Feststellungs- und Bereinigungsverfahren des Art. 140 in erster Linie gerade ihre Aufklärung bezweckt. Ist also eine Servitut weder in den
Steigerungsbedingungen noch im Lastenverzeichnis erwähnt, und handelt es sich nicht etwa um eine unmittelbar
durch das Gesetz begründete, auch ohne Grundbuch··
eintrag bestehende Servitut (vergl. darüber JAEGER
Anm. 14 zu Art. 138), so kann sie dem gutgläubigen
Ersteigerer gegenüber nicht geltend gemacht werden, und
zwar gleichgültig, ob ihre Nichtaufnahme in das Lastenverzeichnis und in die Steigerungsbedingungen auf ein
im Bereinigungsverfahren ergangenes gerichtliches Urteil,
oder auf die Verwirkung der Klagfrist seitens des Ansprucherhebers, oder auf die Unterlassung ihrer Anmeldung, oder endlich, wie im vorliegenden Falle, auf ungenügende Nachforschungen seitens des Betreibungsbeamten
zurückzuführen ist.
An diesem Grundsatze, der unter der Herrschaft des
frühern Rechts allerdings nur für die nicht aus den öffent-
410
Entscheidungen
lichen Büchern ersichtlichen Servituten ausgesprochen
worden war (verg!. BGE 30 II S. 146 f.), ist auch unter
der Herrschaft des neuen Rechts festzuhalten und zwar
in dem Sinne (verg!. JAEGER, Anm. 2 zu Art. 135, speziell
S. 441 unten und 442 oben), dass auch die im Grundbuch
eingetragenen, im Lastenverzeichnis jedoch nicht erwähnten, bezw. in den Steigerungsbedingunaen nicht
vorbeh~ltenen dinglichen Rechte dem gutgläubigen
ErsteIgerer gegenüber erlöschen und infolgedessen auf sein Verlangen im Grundbuch zu
str~ichen s~nd. -
Ob im Falle der Unterlassung der
StreIchung em gutgläubiger Erwerber des untergegan-
g~nen Rechtes dieses dennoch (gestützt auf Art. 973 ZGB)
wIeder geltend machen könne, braucht anlässlich des vorliegenden Falles nicht entschieden zu werden.
An dem Grundsatze, dass die in den Steigerungs-
b~.din?ungen ni~ht vorbehaltenen Belastungen dem gutglaubIgen ErsteJgerer gegenüber erlöschen, ist auch durch
Art. 234 OR neuer Fassung nichts geändert worden.
Einerseits nämlich schliesst Abs. 2 dieses Artikels die
Annahme aus, dass Abs. 1, wonach « bei Zwangsversteigerung » in der Regel « eine Gewährleistung nicht stattfindet,» im Sinne der unbedingten Fortexistenz . aller
auch der nicht « bekannt gegebenen» Lasten zu vel'~
stehen sei; anderseits aber bezieht sich Ab s. 2 selbst- ·
verständlich nur auf diej enigen « durch die öffentlich~n
Bücher bekannt gegebenen » Lasten, die nicht, eben
durcl~ Nichterwähnung in den Steigerungsbedingungen
oder Im Lastenverzeichnis, un t ergeg a n gen sind.
Wenn sodann nach dem neuen Art. 135 SchKG die
Steigerungsbedingungen die Bestimmung zu enthalten
haben, « dass die Grundstücke mit allen darauf haftenden
Belastungen versteigert werden », während sie nach dem
frühem Text zu bestimmen hatten, « welche Lasten ....
übernommen werden sollen », so ist dadurch das Betreibungsamt von der ihm obliegenden Verpflichtung, die
vom Ersteigerer zu übernehmenden Lasten zu" spezifi-
der Zivilkammern. N° 73.
411
zieren, keineswegs entbunden worden, sondern es ist
durch die neue Fassung lediglich die Möglichkeit, die
Liegenschaft « frei und ledig von allen Belastungen» zu
verkaufen (verg!. den frühem Text des Art. 135), aufgehoben worden. Die Steigerungsbedingungen müssen
nunmehr stets bestimmen, dass die Legenschaft mit
allen darauf lastenden dinglichen Rechten (ja sogar unter
Ueberbindung der damit allfällig verbundenen per s ö n-
li eh en Schuldpflicht) versteigert wird; sie haben aber
deshalb nicht minder, auch unter der Herrschaft des
neuen Art. 135, die in Betracht kommenden dinglichen
Rechte einzeln aufzuzählen oder doch zum mindesten
auf das unangefochten gebliebene oder bereinigle Lastenverzeichnis hinzuweisen, und die gutgläubigen Gantteilnehmer dürfen sich nach wie vor darauf verlassen, dass
ausser den in den Steigerungsbedingungen und im
Lastenverzeichnis angeführten, und abgesehen von solchen Belastungen, die unmittelbar von Gesetzeswegen
bestehen, keine weitem dinglichen Rechte vorhanden
sind, oder dass doch nach der Versteigerung keine solchen mehr vorhanden sein werden.
2. -
Durch die vorstehenden Ausführungen ist dargetan, dass der Beklagte auf Grund der Steigerung vom
14. Oktober 1912, an welcher er den Zuschlag erhalten
hatte, zur Anerkennung der in Frage stehenden Servitut
nicht gezwungen werden konnte. Die Bedingungen jener
ersten Gant waren somit in der Tat für den Ersteigerer
in einem wesentlichen Punkte günstiger, als diejenigen
der z w e i t e n Steigerung, auf Grund deren die vorliegende Ausfallforderung geltend gemacht wird. Zugleich
ergibt sich daraus aber auch, dass die dem Beklagten
vom Betreibungsamt gemachte Zumutung, anlässlich der
grundbuchlichen Bereinigung des Gantkaufs die Existenz jener in . den Gantbedingungen nicht erwähnten
Servitut anzuerkennen, ungerechtfertigt war, und weiter:
dass der Beklagte, solange ihm die Liegenschaft nicht
frei von jener Servitut angeboten wurde, weder in An-
412 •
Entscheidungen
nahme- noch in Zahlungsverzug geraten konnte, ~ was
wiederum zur Abweisung der Klage führt, da Art. 143
SchKG die Rückgängigmachung der ersten und die Anordnung einer neuen 'Steigerung, sowie die Haftbarmachung des frühern Ersteigerers ausdrücklich von dem Zah-
. lungsverzug dieses frühem Ersteigerers abhängig macht.
Allerdings hätte dem Beklagten, ausser der Bestreitung der eingeklagten Forderung, noch ein anderes Mittel zur Verfügung gestanden, um seinen Standpunkt,
dass er die erwähnte Servitut nicht anzuerkennen brauche, zur Geltung zu -bringen: nämlich die Erhebung
einer Be s·ch wer d e gegen die Aufhebung der ersten
und die Anordnung der zweiten Steigerung. Indessen
konnte der Beklagte auf dieses offensive Vorgehen füglich verzichten, ohne dadurch die Rechtmässigkeit der
zweiten Steigerung anzuerkennen. Auch wenn er daher
gegen die Aufhebung der ersten und die Anordnung der
zweiten Gant keine Beschwerde erhob, blieb ihm (verg!.
JAEGER, Anm. 2 zu Art. 143) doch noch die Möglichkeit,
gegenüber einer auf Art. 143 gestützten Ausfallforderung die Ein red e zu erheben, dass die Voraussetzungen für die Abhaltung einer zweiten Steigerung gar
nicht gegeben gewesen seien. -
.
Zur Anhebung einer Beschwerde gegen den an der
ersten Gant erfolgten Zuschlag hatte der Beklagte
deshalb keinen Anlass, weil er ja nicht behauptet, dieser
Zuschlag sei zu Unrecht erfolgt, sondern im Gegenteil
den Standpunkt einnimmt, dass das Betreibungsamt den
Zuschlag zu Unrecht aufg€.hob en habe, -
ein Standpunkt, der nach dem Gesagten durchaus begründet ist
und, ebenso wie die in Erw. 1 konstatierte Diskrepanz
zwischen den Steigerungsbedingungen der ersten und denjenigen der zweiten Gant, zur Abweisung der Klage führt.
3. -
Dasselbe Resultat ergibt sich endlich auch auf
Grund der Erwägung, dass der Betreibungsbeamte nicht
berechtigt war, vom Beklagten die Bezahlung der, nach
Art. 81~ ZGB in Verbindung mit Art. 25 SchlT ZGB und
der Zivilkammern. N° 73 . .
413
.\rt. 219 Abs. 3 SchKG (neue Fassung) grundversieherten, fälligen Zinsen der letzten drei Jahre anders als
in Anrechnung auf den Zuschlagspreis zu verlangen, und
dass daher das an den Beklagten gestellte Ansinnen,
über den Zuschlagspreis von 15,000 Fr. hinaus noch
« den 1910.,1911. und laufenden 1912. Zins) zu bezahlen,
ungerechtfertigt war und die Inverzugsetzung des Beklagten ebenso hinderte, wie die in Erw. 2 hievor behandelte ZumuLung, eine in den Steigerullgshcdingullgen
nicht erwähnte Servitut zu übernehmen.
Nach der ausdrücklichen VorschrifL des Art. 13G
SchKG neuer Fassung haben die Sleigerullgsbcclingungen zu bestimmen, einerseits dass die füll i gen grundversicherten Forderungen (wozu nach Art. 810 ZGB die
drei leb:lell zur Zeit der KonkurseröfTllung oder deb
Pfundverwüri ullgsbegehrells verfallenen J ahresziuse gehören) (I vorweg aus dem Erlös zu bezahlen) seien, anderseits dass die !lieh t fülligen grundversicherten Forderungen (wozu der 1 auf eil cl e Zills gehört) dem Erwerber
überbunden werden. Wäre im vorliegenden Falle so verfahren worden, d. h. würen die Sleigerungbedingungen
nach Vorschrift des Bundesgesetzes aufgesleHt worden,
so ist selbstverständlich, dass der Beklagte berechtigt
gewesen wäre, die von ihm nachträglich geforderte Bezahlung zweier verfallener und des laufenden Zinses
über den Zuschlagspreis hinaus abzulehnen.
Anderseits müsste wohl, wenn die Steigerungsbedingungen die k 1 are und u n z w eid e n ti g e Bestimmung enLhalten hätten, dass die Zinsen über den Zuschlagspreis hinaus zu bezahlen seien, der Beklagte, der
auf Grund dieser, ihm bekannt gegebenen und von ihm
nicht durch Beschwerde angefochtenen Steigerungsbedingungen sein Angebot gemacht haben würde, hiebei
behaftet werden. Tatsächlich lassen nun aber d:e VO!T.
Betreibungsamt
im vorliegenden Falle aufgestellten
Steigerungsbedingungen eine klare und unzweideutige
Bestimmung über die Anrechnung der Zinsen vermissen.
414
Entscheidungen
Die Bemerkung, dass « der 1910., 1911. und laufende
1912. Zins von dem darauf haftenden zu übe r-
n e h m e n und an das Betreibungsamt sofort zu bezahlen» sei, hätte, für sich allein genommen, allerdings
im Sinne der Nichtanrechnung auf den Zuschlagspreis
verstanden werden können. Allein die weitere Bestimmung, dass « der Steigerungserlös über die Hypotheken vom Käufer sofort
bar abzuzahlen» sei,
sprach entschieden gegen diese Annahme; denn vom
Standpunkte der Nichtanrechnung aus hätte gesagt
werden müssen, dass der Steigerungserlös « über die
Hypotheken und die verfallenen sowie laufenden Z ins e n hinaus » oder « ne b s t den verfallenen
und laufenden Zinsen» bar zu bezahlen sei. Dass der
Ersteigerer letzteres ohne weiteres deshalb habe annehmen müssen, weil es- im Kanton Nidwaldell « anerkanntes Gewohnheitsrecht » sei, die in bar zu bezahlenden, verfallenen und laufenden Zinsen nicht auf den
Kaufpreis anzurechnen, kann nicht zugegeben werden.
In dieser, durch das eid gen ö s si s c he Recht geregelten Materie bleibt für ein entgegenstehendes « kantonales Gewohnheitsrecht» und eine darauf zu gründende
Interpretationsregel kein Raum; sondern, wenn der
Wille des Ersteigerers auf Grund einer Norm des objektiven Rechts zu interpretieren wäre, so könnte diese
Norm nur die einschlägige Bestimmung des B und e s-
gesetzes sein, d. h. es wäre aqzunehmen, der Beklagte
habe die etwas undeutlich abgefassten Steigerungsbedingungen über die Anrechnung der Zinsen im Si n ne
des Art. 1 35 Sc h K G auslegen
müssen, wonach
(j fällige grundversicherte Forderungen..... vorweg aus
dem Erlös bezahlt» werden.
Hievon abgesehen, spricht endlich auch eine tatsächliche Vermutung dafür, dass derjenige, der an einer Steigerung ein bestimmtes Angebot macht, sich nur bis zur
Höhe des von ihm gebotenen Betrages verpflichten und
allfällig von ihm zu übernehmende oder zu bezahlende
der Zivilkammern. N° 73.
415
Schulden des bisherigen Eigentümers nur auf Rechnung des gebotenen Kaufpreises übernehmen oder
bezahlen will, da er ja keinerlei Veranlassung hat, fremde
Schulden ohne Anrechnung auf eigene Schulden zu bezahlen. Gerade im vorliegenden Falle ist eine solche
Bereitschaft des Ersteigerers zur Bezahlung der verfallenen und laufenden Zinsen ohne Anrechnung auf den
Kaufpreis umso weniger anzunehmen, als der Betrag
dieser Zinsen weder aus den Steigerungsbedingungen
ersichtlich war, noch auch nur den Interessenten anlässlich der Steigerungsverhandlung mündlich mitgeteilt
wurde, -
sodass also der Beklagte nach der Auffassung
des Betreibungsbeamten, indem er « 15,000 Fr.» bot,
tatsächlich nicht nur einen höhern, sondern sogar einen
ihm selber unbekannten höhern Betrag geboten haben
würde, was von einem auch nur einigermassen bedächtigen
Geschäftsmann im Zweifel nicht anzunehmen ist. Charakteristisch ist auch, dass der Litisdenunziat den Betrag
der zu bezahlenden Zinsen des hai b nicht angegeben
haben will, weil er damit gerechnet habe, dass « nicht
der ganze verschriebene Betrag gutgeboten werde », und
weil « eine Abrechnung über die Zinsen erst erfolgen»
könne, «wenn das Steigerungsergebnis bekannt» sei.
Wenn wirklich die Zinsen nicht auf den Kaufpreis anzurechnen, sondern vom Ersteigerer vorweg zu bezahlen
gewesen wären, so hätte doch die Höhe der bezüglichen
Barzahlung nicht von der Gutbietung oder Nichtgutbietung des « ganzen verschriebenen Betrages» abhängen
können. Die Nichtnennung des Betrages der bar zu bezahlenden Zinsen, mit jener Begründung, dass « eine Abrechnung über die Zinsen erst erfolgen» könne, « wenn das
Steigerungsergebnis bekannt» sei, musste deshalb die
Gantteilnehmer in den Glauben versetzen, dass der für
die Zinsen zu bezahlende Betrag im Steigerungserlös
illbegriffen sein werde.
Von allen Gesichtspunkten !lus erscheint somit das
vom Betreibungsamt an den Beklagten gestellte Ansinnen,
416
74. Kreissrhreiben des BundesgerIchts
die verfallenen Zinsen pro 1910 und 1911, sowie den
laufenden Zins pro 1912 über den Steigerungserlös hinauszubezahlen, als ebenso ungerechtfertigt, wie
die in Erw. 2 behandelte Zumutung, die Existenz der
in den Steigerungsbedingungen nicht erwähnten Servitut
zu Gunsten der Zementfabrik Rotzloch anzuerkennen.
Damit aber fehlt es im vorliegenden Falle an der ersten
und hauptsächlichsten Voraussetzung des Art. 143 SchKG,
nämlich an dem Zahlungsverzuge des ersten Ersteigers.
Demnach hat das Bundesgericht
erkannt:
Die Berufung wird abgewiesen und das Urteil der
ersten Appellationskammer der Obergerichts des Kantons
Zürich vorn 4. Juli 1914 bestätigt.
Kreisschreiben des Bundesgerichts an die kantonalen
Aursichtsbehörden über Schuldbetreibung u. Konkurs. - Circulaires
du Tribunal federaI aux auLoriLes cantonales de surveillance
sur Ia poursuite pou dettes et la faHJite.
74. Xreisschreiben l~r . 7 an die kantonalen Aufsichtsbehörden
für Schuldbetreibung und Konkurs zu Ha.nden der Betreibungsä.mter, Xonkursbeamten und Konkursgerichte betr.
die Wirkungen des Rechtsstillstandes, vom 10. August 1914.
Der Bundesrat hat unterm 5. dieses Monats; gestützt
auf Ziffer 3 des Bundcsbeschluoses betr. Massnahmen
zum Schutze des Landes und zur Aufrech haltung der
Neutralität vom 3. Augu ~ t und unter Hinweis auf Art. 62
über Schuldbetreibung und Konkurs.
417
des Betreibungs- und Konkursgesetzes beschlossen, dass
bis zum 31. August 1914 für das Gebiet der ganzen
Eidgenossenschaft ein allgemeiner Rechtsstillstand zu gewähren sei~ Auf Wunsch des eidgenössischen Justiz- und
Polizeidepartements teilen wir Ihnen über die Wirkungen
dieses Rechtsstillstandes folgendes mit, damit Sie das
Publikum, bei dem hierüber vielfach noch unzutreffende
Vorstellungen herrschen, aufklären können:
1. Die Fälligkeit der eingegangenen Schulden wird
durch den Rechtsstillstand in keiner Weise berührt,
ebensowenig die Verpflichtung zu deren Bezahlung.
Auch besteht die Möglichkeit der gerichtlichen Einklagung von Forderungen in gleicher Weise wie vorher
und es laufen auch die Fristen im gerichtlichen Verfahren wie Sflnst.
2. Der Rechtsstillstand hat nur zur Folge:
a) Dass während seiner Dauer keine Betreibungshandlungen vorgenommen werden dürfen. Darunter versteht
die bisherige bundesgerichtliche Rechtsprechung alle
Handlungen 'der Vollstreckungsorgane (Betreibungsbeamte, Aufsichtsbehörden, Rechtsö1Tnungsrichter, Konkursrichter), welche geeignet sind. das Verfahren zur
zwangsweisen Befriedigung des Gläubigers aus dem
Vermögen des Schuldners einzuleiten oder weiterzuführen
und die die Rechtsstellung des Schuldners in der Betreibung berühren, also z. B. Anlegung von Zahlungsbefehlen, auch in der Wechselbetreibung, Pfändungsanzeigen, Pfändungen, Anzeigen von Versteigerungen, Auflegung der Steigerung~bedingungell, Versteigerungen und
sonstige Verwertungen, Ausstellung von Verlustscheinen, Rechtsöffnungsbewilligungen, Konkursandrohungen,
Konkurserklärungen auf Begehren des Gläubigers, Fristansetzungen im Widerspruchsverfahren und bei der
Anschlusspfändung u. s. w. Mietausweisungen gelten
nicht als Betreibungshandlungen. Hierüber müssen besondere Anordnungen der kompetenten Behörde vorbehallen werden.