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TPF 2006 269

Bundesstrafgericht · 2006-07-24 · Deutsch CH

Verdichtung des Tatverdachts.

Volltext (verifizierbarer Originaltext)

TPF 2006 269 269 TPF 2006 269

72. Auszug aus dem Entscheid der Beschwerdekammer in Sachen A. gegen Bundesanwaltschaft, Eidgenössisches Untersuchungsrichteramt vom

24. Juli 2006 (BB.2006.16) Verdichtung des Tatverdachts. Art. 44, 65 BStP Die Anforderungen an die Verdichtung der Verdachtslage mit zunehmender Dauer der Zwangsmassnahme dürfen nicht überspannt werden, insbesondere in Fällen, wo von Anfang an bereits ein eindeutiger Verdacht für eine bestimm- te strafbare Handlung besteht. Die Verfahrensdauer ist für sich allein kein Kriterium für den Konkretisierungsgrad des Tatverdachts, sondern ist zu den bereits vorgenommenen und noch vorzunehmenden Untersuchungshandlungen in Bezug zu setzen. Concrétisation des présomptions de culpabilité. Art. 44, 65 PPF Les exigences relatives à la concrétisation des charges en fonction de la durée de la mesure de contrainte ne doivent pas être excessives, en particulier dans les cas où des indices évidents de commission d’actes délictueux existent dès le départ. La seule durée de la procédure ne constitue pas un critère pour le degré de concrétisation des charges, mais doit être mise en relation avec les actes d’instruction déjà exécutés et ceux qui restent à accomplir. Intensificazione dell’indizio di reato. Art. 44, 65 PP Le esigenze poste all’intensificazione dell’indizio di reato man mano che au- menta la durata del provvedimento coercitivo non devono essere eccessive, in particolare nei casi in cui sin dall’inizio sussiste un chiaro indizio di un deter- minato atto punibile. La sola durata del procedimento non costituisce un crite- rio per il grado di concretizzazione dell’indizio di reato, ma deve essere messa in relazione con gli atti d’istruzione già effettuati e con quelli ancora da effet- tuare.

TPF 2006 269 270 Zusammenfassung des Sachverhalts: Im Strafverfahren gegen A. und Mitbeteiligte wegen Beteiligung an bzw. Unterstützung einer kriminellen Organisation (Art. 260ter StGB) und quali- fizierter Geldwäscherei (Art. 305bis Ziff. 2 StGB) verfügte die Bundesan- waltschaft umfangreiche Beschlagnahmen von Vermögenswerten – nament- lich Bankkonten und Grundstücke – der Beschuldigten und der von diesen beherrschten Gesellschaften. A. stellte im Rahmen der Voruntersuchung Antrag auf partielle Freigabe von Vermögenswerten und Öffnung der Ver- fahrensakten. Das Untersuchungsrichteramt wies diese Begehren mit Ver- fügung vom 6. März 2006 ab, soweit es darauf eintrat. Die Beschwerdekammer wies die Beschwerde von A. ab, soweit sie darauf eintrat. Aus den Erwägungen: 2.2 Soweit die Beschwerdekammer in Entscheiden betreffend Zwangsmass- nahmen grundsätzlich verlangt, dass sich die Verdachtslage mit zunehmen- der Verfahrensdauer zu verdichten habe (in Bezug auf Haft zuletzt in TPF BH.2006.11 vom 6. Juni 2006 E. 2.1, BH.2006.8 vom 24. April 2006 E. 2.1, BH.2006.5 vom 6. April 2006 E. 4.1), ist zu präzisieren, dass die diesbezüglichen Anforderungen nicht überspannt werden dürfen. Dies trifft insbesondere dann zu, wenn bereits in einem relativ frühen Stadium des Verfahrens ein eindeutiger Verdacht für eine bestimmte strafbare Handlung besteht. Geht es im Wesentlichen nur darum, Einzelheiten des Sachverhalts zu klären und die Akten beweismässig zu vervollständigen, kann nicht mehr eine erhebliche Verdichtung der Verdachtslage verlangt werden, um eine Aufrechterhaltung von Zwangsmassnahmen zu rechtfertigen. Sodann ist darauf hinzuweisen, dass die Ausgestaltung des Bundesstrafverfahrens mit gerichtspolizeilichem Ermittlungsverfahren, Voruntersuchung und Ankla- gestadium und den damit verbundenen unterschiedlichen Zuständigkeiten mit sich bringt, dass gewisse Verfahrensschritte ohne Einfluss auf das Be- weisergebnis sind. Dies trifft namentlich zu bei der Prüfung der Frage, ob ein Ermittlungsverfahren (Art. 101 Abs. 1 BStP) oder eine Voruntersuchung zu eröffnen (Art. 108 – 110 BStP), das Verfahren einzustellen (Art. 106 Abs. 1 und 120 BStP) oder Anklage zu erheben ist (Art. 125 BStP). Auch das Wahrnehmen von Parteirechten – namentlich des Rechts auf Aktenein- sicht (Art. 116 und 119 Abs. 2 BStP) und das Stellen von Beweisanträgen

TPF 2006 271 271 (Art. 102 Abs. 1 und 119 Abs. 1 BStP) – nimmt eine gewisse Zeit in An- spruch, ohne dass sich dies direkt auf das Beweisergebnis auswirkt. Zudem werden bestimmte Ermittlungshandlungen der Bundesanwaltschaft – wie etwa die Einvernahme des Beschuldigten – in der Voruntersuchung wieder- holt (vgl. Art. 118 BStP), ohne dass davon zwingend neue Erkenntnisse zu erwarten sind. Die Verfahrensdauer ist für sich allein mithin kein Kriterium bezüglich des Konkretisierungsgrades des Tatverdachts, sondern ist viel- mehr in Beziehung zu den bereits vorgenommenen und den noch (soweit absehbar) vorzunehmenden Ermittlungs- bzw. Untersuchungshandlungen (vgl. Art. 101 Abs. 2 und 113 BStP) zu setzen. Es wäre daher überspannt, bei Zwangsmassnahmen in jedem Stadium des Verfahrens eine in Relation zu einem früheren Stadium des gleichen oder eines vorangegangenen Ver- fahrensabschnitts verdichtete Verdachtslage verlangen zu wollen (vgl. zum Ganzen TPF BB.2006.11 vom 10. Mai 2006 E. 4.1). Allenfalls kann in einer langen Verfahrensdauer aber ein Verstoss gegen das strafprozessuale Be- schleunigungsgebot liegen. Dies kann eine Aufhebung der Zwangsmass- nahme zur Folge haben (vgl. TPF BH.2005.30 vom 21. Oktober 2005 E. 5). TPF 2006 271

73. Auszug aus dem Entscheid der Beschwerdekammer in Sachen A. gegen Bundesanwaltschaft, Haftgericht III Bern-Mittelland vom 3. August 2006 (BH.2006.18) Zuständigkeit zur Beurteilung eines Haftentlassungsgesuches; anwendbares Recht. Art. 52 Abs. 2 BStP Zur Beurteilung eines Haftentlassungsgesuches (Art. 52 Abs. 1 BStP) bei einer vom Bundesanwalt angeordneten Haft ist der eidgenössische Untersuchungs- richter zuständig (Art. 52 Abs. 2 BStP), nicht der kantonale Haftrichter gemäss Art. 47 Abs. 2 BStP. Anwendbar sind die Bestimmungen der BStP (E. 2.1–2.2). Compétence pour examiner une requête de mise en liberté; droit applicable. Art. 52 al. 2 PPF C'est le juge d'instruction fédéral qui est compétent pour connaître d'une re- quête de mise en liberté (art. 52 al. 1 PPF) relative à une détention ordonnée