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78_II_161

BGE 78 II 161

Bundesgericht (BGE) ·II · 1952-07-12 · Deutsch CH
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Erwägungen (2 Absätze)

E. 1 _ Das angefochtene Urteil beruht auf der Ann~hme, dass das Automobil des Alfons Brühwiler zur Zeit des Unfalles nicht « im Betrieb» gemäss Art. 37 Abs. 1 MFG gewesen sei. Trifft das zu, so muss in der Tat die Klage abgewiesen werden, da der Versicherer des Hal~rs nur auf Grund jener Gesetzesbestimmung belang.~ar .lst u.nd alsdann auch ungeprüft bleiben kann, ob Bruhwiler eme unerlaubte Handlung begangen habe. .

E. 2 _ Hinsichtlich der streitigen Frage bekennt SICh

das' Bundesgericht zur sogenannten maschinentechnischen

Theorie indem es nach BGE 63 11 269 f davon ausgeht,

« dass das Motorfahrzeug sich dann im Betrieb befindet,

Motorfahrzeugverkehr. N0 31.

163

wenn seine maschinellen Einrichtungen, welche die dem

Motorfahrzeugverkehr

eigentümlichen

Gefahrenquellen

darstellen, also namentlich Motor und Scheinwerfer, im

Gange sind, wobei der Fortbewegung des Fahrzeugs durch

den Motor diejenige durch die eigene Schwerkraft zum

mindesten bei bewusster Ausnützung gleichgestellt werden

muss ». Entsprechend wurde durch den genannten Entscheid die Anwendbarkeit des MFG verneint in bezug auf

einen Unfall, der sich bei stillstehendem Wagen und ohne

irgendwelchen Zusammenhang mit dem Betrieb des Motors

oder einer andem maschinellen Einrichtung dadurch

ereignete, dass sich der Verletzte zum Einsteigen mit der

Hand am Türpfosten hielt und ein anderer Wageninsasse

in diesem Augenblick die Türe zuschlug. Gleich wurde

durch BGE 72 II 219 der Zusammenprall eines Radfahrers

mit einem stillstehenden und unbeleuchteten Lastwagen

beurteilt. Dazu ist BGE 64 II 240 nur scheinbar im Widerspruch. Dort wurde zwar ein momentan. stillstehendes

Automobil als im Betrieb befindlich angesehen, aber lediglich deshalb, weil sein Lenker es im vergeblichen Bestreben,

einen Unfall zu vermeiden, an einer Strassengabelung aus

der Fahrt plötzlich angehalten hatte. So wurde ausgeführt: « Der Zusammenstoss ereignete sich, weil das

Auto ... auf die Strassengabelung zufuhr, während gleichzeitig von der andem Seite der Radfahrer daherkam. Der

Zusammenstoss war also eine Verwirklichung der besondem, durch den Betrieb eines Motorfahrzeuges geschaffenen

Unfallgefahr, um derentwillen in erster Linie die Einführung eines vom gemeinen Recht abweichenden strengeren

Haftungsprinzips als notwendig erachtet wurde. » Voraussetzungen solcher Art sind hier nicht gegeben. Die Gesamtsituation, auf welche die Kläger besonderes Gewicht

legen, ist wesentlich verschieden von jener, die BGE 64 II

240 zugrunde lag. Brühwiler hat seine Fahrt nicht eines

äusseren, verkehrsbedingten Anlasses wegen unterbrochen.

Vielmehr brachte er seinen Jeep auf offener Strecke am

rechten Strassenrand zum Stillstand, um eine Kontrolle

164

Markenschutz. N° 32.

vorzunehmen. Er stellte den Motor ab, schaltete die Parklichter ein und hiess seinen Begleiter aussteigen: Derg~

stalt bildete der Wagen in der Dunkelheit ein. Hmderrus,

das mit der besonderen, durch den Betrieb emes Moto~

fahrzeugs geschaffenen Unfallgefahr nichts mehr gemem

hat.

Dispositiv
  1. Die Berufung wird abgewiesen und das Urteil des Kantonsgerichtes von Graubünden vom 18./19. Februar 1952 bestätigt. VII. MARKENSCHUTZ PROTECTION DES MARQUES DE FABRIQUE
Volltext (verifizierbarer Originaltext)

31. Urteil der I. Zivilabteilung vom 12. Juli 1952 i. S. Eheleute

Vogel gegen «Helvetia l) Sehweiz. Unfall- und Haftpßichtversicherungsanstalt.

Art. 37 Ab8. 1 MFG.

Zur Frage, wann sich ein Motorfahrzeug «im Betrieb» befindet.

Art. 37 al. 1 LA.

Quand y a-t-il «emploi» d'un vehicule a moteur ?

Art. 37 cp. 1 LA.

Quando c'e «uso» d'un autoveicolo ?

11

AS 78 TI -

1952

162

Motorfahrzeugverkehr. N° 31.

Tatbestand :

Am späten Abend des 8. Mai 1948 fuhr der Gar~gist

Alfons Brühwiler in Begleitung eines Angestellten auf e~em

Jeep mit beladenem Anhänger von Samedan nach semem

Wohnort Bivio. Auf der geraden Strecke Samedan-Celerina

hielt er den Wagen am rechten Strassenrand an, stellte d~n

Motor ab und schaltete die Parklichter ein. Die RückseIte

des Anhängers blieb mangels eines Schlusslichtes unbeleuchtet. Während der Mitfahrer Brühwilers zur Kontrolle

der Ladung ausgestiegen war, kam aus Richtung ~amedan

in raschem Tempo und mit abgeblendetem Schemwerfer

ein Motorrad heran. Es stiess gegen den Anhänger des

Jeep und wurde umgeworfen. Sein Führer, Emil Vogel,

erlag den zugezogenen Sturzverletzungen. Dessen E~tem

belangten die Haftpflichtversicherung des (wegen WIderhandlungen gegen Art. 12 MFG, Art. 39 VO zum MFG

und BB vom 26. August 1946 betreffend Anhänger an

leichten Motorwagen strafrechtlich verurteilten) Brü~wiler

auf Schadenersatz. Das Kantonsgericht von Graubunden

wies die geltend gemachten Ansprüche ab, welchen ~ntscheid die Kläger mittels Berufung an das Bundesgencht

weiterzogen.

Das Bundesgericht zieht in Erwägung:

1. _

Das angefochtene Urteil beruht auf der Ann~hme,

dass das Automobil des Alfons Brühwiler zur Zeit des

Unfalles nicht « im Betrieb» gemäss Art. 37 Abs. 1 MFG

gewesen sei. Trifft das zu, so muss in der Tat die Klage

abgewiesen werden, da der Versicherer des Hal~rs nur

auf Grund jener Gesetzesbestimmung belang.~ar .lst u.nd

alsdann auch ungeprüft bleiben kann, ob Bruhwiler eme

unerlaubte Handlung begangen habe.

.

2 _ Hinsichtlich der streitigen Frage bekennt SICh

das' Bundesgericht zur sogenannten maschinentechnischen

Theorie indem es nach BGE 63 11 269 f davon ausgeht,

« dass das Motorfahrzeug sich dann im Betrieb befindet,

Motorfahrzeugverkehr. N0 31.

163

wenn seine maschinellen Einrichtungen, welche die dem

Motorfahrzeugverkehr

eigentümlichen

Gefahrenquellen

darstellen, also namentlich Motor und Scheinwerfer, im

Gange sind, wobei der Fortbewegung des Fahrzeugs durch

den Motor diejenige durch die eigene Schwerkraft zum

mindesten bei bewusster Ausnützung gleichgestellt werden

muss ». Entsprechend wurde durch den genannten Entscheid die Anwendbarkeit des MFG verneint in bezug auf

einen Unfall, der sich bei stillstehendem Wagen und ohne

irgendwelchen Zusammenhang mit dem Betrieb des Motors

oder einer andem maschinellen Einrichtung dadurch

ereignete, dass sich der Verletzte zum Einsteigen mit der

Hand am Türpfosten hielt und ein anderer Wageninsasse

in diesem Augenblick die Türe zuschlug. Gleich wurde

durch BGE 72 II 219 der Zusammenprall eines Radfahrers

mit einem stillstehenden und unbeleuchteten Lastwagen

beurteilt. Dazu ist BGE 64 II 240 nur scheinbar im Widerspruch. Dort wurde zwar ein momentan. stillstehendes

Automobil als im Betrieb befindlich angesehen, aber lediglich deshalb, weil sein Lenker es im vergeblichen Bestreben,

einen Unfall zu vermeiden, an einer Strassengabelung aus

der Fahrt plötzlich angehalten hatte. So wurde ausgeführt: « Der Zusammenstoss ereignete sich, weil das

Auto ... auf die Strassengabelung zufuhr, während gleichzeitig von der andem Seite der Radfahrer daherkam. Der

Zusammenstoss war also eine Verwirklichung der besondem, durch den Betrieb eines Motorfahrzeuges geschaffenen

Unfallgefahr, um derentwillen in erster Linie die Einführung eines vom gemeinen Recht abweichenden strengeren

Haftungsprinzips als notwendig erachtet wurde. » Voraussetzungen solcher Art sind hier nicht gegeben. Die Gesamtsituation, auf welche die Kläger besonderes Gewicht

legen, ist wesentlich verschieden von jener, die BGE 64 II

240 zugrunde lag. Brühwiler hat seine Fahrt nicht eines

äusseren, verkehrsbedingten Anlasses wegen unterbrochen.

Vielmehr brachte er seinen Jeep auf offener Strecke am

rechten Strassenrand zum Stillstand, um eine Kontrolle

164

Markenschutz. N° 32.

vorzunehmen. Er stellte den Motor ab, schaltete die Parklichter ein und hiess seinen Begleiter aussteigen: Derg~

stalt bildete der Wagen in der Dunkelheit ein. Hmderrus,

das mit der besonderen, durch den Betrieb emes Moto~

fahrzeugs geschaffenen Unfallgefahr nichts mehr gemem

hat.

Demnach erkennt das Bundesgericht:

Die Berufung wird abgewiesen und das Urteil des Kantonsgerichtes von Graubünden vom 18./19. Februar 1952

bestätigt.

VII. MARKENSCHUTZ

PROTECTION DES MARQUES DE FABRIQUE