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77_IV_193

BGE 77 IV 193

Bundesgericht (BGE) ·IV · 1951-11-16 · Deutsch CH
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Volltext (verifizierbarer Originaltext)

44. Auszug aus dem Urteil des Kassationshofes vom 16. Novem-

ber 1951 i. S. Eheleute Btlhler gegen Byser.

An. 27 StGB gilt auch, wenn d8B Presserzeugnis geschäftlichen

Zwecken dient.

,

L'art. 27 OP s'applique aussi qua.nd la publication sert A des fins

eommerciales.

L'art. 27 OP e applicabile anche qua.ndo la pubblicazione serve a

degli scopi commerciali.

Die Firma Bühler-Meyer & Co., die einen Futterzusatz

vertreibt, erliess am 20. Mai 1949 in . der Schweizerischen

Milchzeitung ein Inserat, in welchem sie ihre Kunden vor

ihrem ehemaligen Handelsreisenden Ryser warnte, der

das Anstellungsverhältnis auf 1. April 1949 gekündet hatte

und in den Dienst einer Konkurrenzfirma getreten war.

Auf Klage Rysers verurteilte das Obergericht des Kantons

Appenzell-A.Rh. Paula Bühler, unbeschränkt haftende

Gesellschafterin der Firma Bühler-Meyer & Co., und ihren

Ehemann, den Prokuristen Willy Bühler, wegen unlau-

teren Wettbewerbs und übler Nachrede. Die Verurteilten

führten Nichtigkeitsbeschwerde.

Aua den Erwägungen des Kassationshofes :

Das Inserat vom 20. Mai 1949 ist in der Druckerpresse

erschienen, und die strafbaren Handlungen, welche die

Beschwerdeführer nach Auffassung der Vorinstanz damit

begangen haben (unlauterer Wettbewerb, üble Nachrede),

erschöpfen sich in dem Presserzeugnis. Daher ist auf das

Inserat Art. 27 StGB anzuwenden. Nach der Rechtspre-

-0hung des Kassationshofes, die nie näher begründet wurde

(vgl. BGE 73 IV 12), gilt diese Bestimmung auch für Be-

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AS 77 VI -

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Strafgesetzbuch. No 45.

kanntmachungen, die geschäftlichen Zwecken dienen und

daher den Schutz des Art. 55 BV (Pressfreiheit) gemäss

der Rechtsprechung der staatsrechtlichen Kammer (BGE

36 I 41, 42 I 81) nicht geniessen. Wenn auch gewisse

Schranken, die Art. 55 BV, so wie ihn das Bundesgericht

auslegt, dem kantonalen Strafgesetzgeber gezogen hat, dem

eidgenössischen Strafgesetzgeber beim Erlass des Art. 27

StGB Vorbild waren, so ist doch diese Bestimmung nicht

nur als Ausführungsvorschrift zu Art. 55 BV gedacht,

die ausschliesslich auf Tatbestände anwendbar wäre, für

die auch der verfassungsmässige Schutz der Pressfreiheit

gilt. Art. 27 StGB will darüber hinaus allgemein die straf-

rechtliche Verantwortlichkeit der Presse mit Rücksicht

auf die besondere Art der Begehung (Beteiligung mehrerer

Personen und Verbreitung des Erzeugnisses in grosser

Zahl)· teils verschärfen, teils mildern. Der Grundgedanke

der Bestimmung trifft für geschäftliche Bekanntmachungen

sogut zu wie für solche, die idealen Interessen dienen. Der

Wortlaut schliesst denn auch die geschäftlichen Bekannt-

machungen nicht aus, und auch die Gesetzesmaterialien

lassen den Schluss nicht zu, dass sie der Bestimmung nicht

unterstellt sein sollten. Art. 27 Ziff. 4 StGB behandelt die

Verantwortlichkeit für die in einem Anzeigeblatt oder im

Anzeigeteil einer Zeitung oder Zeitschrift erschienenen

Inserate. Da diese mehrheitlich Geschäftsreklame sind,

hätte der Gesetzgeber die geschäftlichen Bekanntmachun -

gen ausdrücklich von der Anwendung des Art. 27 ausge-

schlossen, wenn er das gewollt hätte.