Sachverhalt
Laut Vereinbarung vom 19. Februar 1941 ver-
pfändete der Rekursgegner der Rekurrentin und deren
minderjährigen Kindern ausser zwei Inhaberschuldbriefen
« seinen Erbanspruch an die Hinterlassenschaft seines
Vaters» mit dessen Mitwirkung, indem der Vater die
Vereinbarung mitunterzeichnete;
B. -
Im Juli 1946 hob die Rekurrentin Betreibung auf
Verwertung der erwähnten Pfänder, an. Die beiden Schuld-
briefe wurden ihr auf Anrechnung an die Forderung
übereignet. Gegen die Androhung der Verwertung des
zukünftigen Erbanteils für die Restforderung beschwerte
sich der Schuldner mit dem Antrag auf Aufhebung der
Pfandbetreibung. Er machte geltend, ein noch nicht ange-
150
Sohuldbetreibungs. und Konkursreoht. N0 38.
fallener Erbanteil stelle kein verwertbares Vermögensstück
dar.
• O. -
Die untere Aufsichtsbehörde wies die Beschwerde
ab, weil auch unsichere Vermögenswerte verwertbar seien.
Die obere Aufsichtsbehörde hob dagegen die Verwertungs-
androhung (d. h. die Anzeige der angeordneten Verwer-
tung) mit Entscheid vom 14. Oktober 1947 auf. Sie
erklärte, vor dem Anfall der betreffenden Erbschaft habe
die Gläubigerin nur einen obligatorischen Anspruch auf
Pfandbestellung, und dieser sei nicht verwertbar. Dagegen
möge die vom Schuldner seinerzeit nicht angefochtene
Betreibung als solche bestehen bleiben, zumal sie auch
auf die Verwertung von Schuldbriefen gegangen sei.
D. -
Mit dem vorliegenden Rekurs hält die Gläubigerin
daran fest, dass die Beschwerde des Schuldners abzuweisen
sei; eventuell sei die Verwertung unter der Bedingung
zuzulassen, dass der Erblasser dazu einwillige.
Die Schuldbetreibungs- und Konkurskammer
zieht
Volltext (verifizierbarer Originaltext)
38. Entscheid vom 6. November 1947 i. S. Maurer.
Eine Erbanwartschaft nnterliegt nicht der Zwangsverwertnng,
anch'nicht als Pfand (Art. 636 ZGB).
Des esp&ances successorales ne penvent faire 1 'objet d 'nne exe-
cution forcee, IDeme si elles ont etedonnees en gage (art. 636 CO).
Delle aspettative successorie non soggiacciono all'esecuzione for-
zata anche se sono state date in pegno (art. 636 CC).
A. -
Laut Vereinbarung vom 19. Februar 1941 ver-
pfändete der Rekursgegner der Rekurrentin und deren
minderjährigen Kindern ausser zwei Inhaberschuldbriefen
« seinen Erbanspruch an die Hinterlassenschaft seines
Vaters» mit dessen Mitwirkung, indem der Vater die
Vereinbarung mitunterzeichnete;
B. -
Im Juli 1946 hob die Rekurrentin Betreibung auf
Verwertung der erwähnten Pfänder, an. Die beiden Schuld-
briefe wurden ihr auf Anrechnung an die Forderung
übereignet. Gegen die Androhung der Verwertung des
zukünftigen Erbanteils für die Restforderung beschwerte
sich der Schuldner mit dem Antrag auf Aufhebung der
Pfandbetreibung. Er machte geltend, ein noch nicht ange-
150
Sohuldbetreibungs. und Konkursreoht. N0 38.
fallener Erbanteil stelle kein verwertbares Vermögensstück
dar.
• O. -
Die untere Aufsichtsbehörde wies die Beschwerde
ab, weil auch unsichere Vermögenswerte verwertbar seien.
Die obere Aufsichtsbehörde hob dagegen die Verwertungs-
androhung (d. h. die Anzeige der angeordneten Verwer-
tung) mit Entscheid vom 14. Oktober 1947 auf. Sie
erklärte, vor dem Anfall der betreffenden Erbschaft habe
die Gläubigerin nur einen obligatorischen Anspruch auf
Pfandbestellung, und dieser sei nicht verwertbar. Dagegen
möge die vom Schuldner seinerzeit nicht angefochtene
Betreibung als solche bestehen bleiben, zumal sie auch
auf die Verwertung von Schuldbriefen gegangen sei.
D. -
Mit dem vorliegenden Rekurs hält die Gläubigerin
daran fest, dass die Beschwerde des Schuldners abzuweisen
sei; eventuell sei die Verwertung unter der Bedingung
zuzulassen, dass der Erblasser dazu einwillige.
Die Schuldbetreibungs- und Konkurskammer
zieht in Erwägung:
'Ober eine noch nicht angefallene Erbschaft kann der
Anwärter nicht frei verfügen, sondern nur unter Mit-
wirkung und mit Zustimmung des Erblassers (Art. 636
ZGB). Diese Vorschrift ist um der öffentlichen Ordnung
und Sittlichkeit willen aufgestellt (BGE 42 II 193). Aus
dieser zivilrechtlichen Regelung folgt keineswegs die Zu-
lässigkeit eines zwangsweisen Zugriffes auf Erbanwart-
schaften. Wenn man in Art. 636 ZGB nicht geradezu eine
Sondernorm des Inhaltes sehen will, dass nur rechtsge-
schäftliche Verfügungen, und zwar eben nur unter der
erwähnten Voraussetzung, gestattet sind, dagegen keines-
falls Eingriffe der staatlichen Vollstreckungsgewalt, so
lässt Art. 636 ZGB die Frage nach der Zulässigkeit solcher
Eingriffe zum mindesten offen, ohne sie irgendwie im Sinne
der Bejahung zu präjudizieren. Bei dieser Betrachtungs-
weise ist die Entscheidung dem Vollstreckungsrechte selbst
anheimgegeben. Nun sind im allgemeinen blosse Hoffnun-
Sohuldbetreibungs· und Konkursreoht. N0 38.
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gen und Anwartschaften 'nicht der Zwangsverwertung
unterworfen, sie unterliegen also weder der Pfandungnoch
gegebenenfalls der Verwertung als Pfand (man denke an
verpfändete Sachen oder Guthaben, die dem' Verpfänder
erst in Zukunft aus einer bestimmten geschäftlichen Be-
tätigung anfallen werden; vgl. BGE 69 II 286). Ob es
davon gewisse Ausnahmen geben,kant:t, ist hier nicht zu
entsch~iden. Wie dem auch sei, wäre die Prandung bzw.
Pfandverwertung einer noch nicht angefallenen Erbschaft
(sowie deren Einbeziehung in eine Konkursm~sse) abzu-
lehnen. Einmal ist ein zwangsweiser Zugriff der staatlichen
Vollstreckungsorgane auf die Erbanwartschaft eine!;l
Schuldners, auch wenn sie verpfändet ist, aus dem Ge-
sichtspunkte der Moral zu verpönen. Es geht nicht an, in
erbrechtliche Beziehungen eines Schuldners durch solche
Gewaltausübung einzugreifen, bevor die betreffende Erb-
schaft eröffnet ist. Ein derartiger Eingriff muss von den
Beteiligten sowie von andern Personen, die davon erfahren,
als anstössig empfunden werden. Er könnte zudem zn
unlautern Machenschaften Anlass geben, die zu fördern
nicht, Aufgabe der' Staatsgewalt sein kann. Daher
sollte bereits die Anllebung einer Pfandbetreibung mit
Bezug auf eine Erbanwartschaft des Schuldners unter-
bleiben. Nachdem indessen im vorliegenden Falle der
Zahlungsbefehl 'seinerzeit nicht binnen der Frist des
Art. 17 SchKG in dieser Hinsicht angefochten worden ist,
muss es dabei sein Bewenden haben. Dagegen ist die recht-
zeitig angefochtene Verwertung unstatthaft. Um so mehr,
als einerseits nach dem Grund und Zweck von Art. 636 ZGB
auch bei einer Zwangsverwertung die Mitwirkung und Zu-
stimmung des Erblassers gefordert werden müsste, ander-
seits jedoch ein solches Vorgehen sich mit den zwingenden
Normen des Vollstreckungsverfahrens nicht vereinbaren
liesse. In der Tat ist weder eine Betreibung unter Mit-
wirkung des Erblassers denkbar, noch kann es eine von
seiner vorerst einzuholenden Zustimmung abhängige
Zwangsversteigerung -
die einzige Verwertungsart, die
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Schuldbetreibungs. und Konkursrecht. N° 39.
für eine Erbanwartsohaft in Betraoht käme ~ geben; und
insbesondere wäre es ausgesohlossen, einen Zusohlag an
den Vorbehalt der naohträgliohen Zuetimmung des Erblas-
sers zu knüpfen.
Demnach erkennt die Schuldbetr.- u. Konkurskammer :
Der Rekurs wird abgewiesen.