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70_IV_78

BGE 70 IV 78

Bundesgericht (BGE) · 1944-05-05 · Deutsch CH
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7s Strafgesetzbuch. NQ 19.

19. Urteil des Kassationshofes vom 5. Mai 1944 i. S. Slegrlst gegen. Staatsanwaltschaft des Kantons Basel-Land. Die Verkuppelung eines Kindes unter sechzehn Jahren zur Aus - übung des Beischlafs ist nur als Gehülfenschaft zu Unzucht mit einem Kinde (Art. 25, 191 Ziff. 1 StGB), nicht zugleich als Kuppelei (Art. 19S Abs. 2 StGB) zu bestrafen. Le fait de favoriser la. debauche d'qn enfant de moins de seize ans n'est punissable qu'a titre de complföite d'attentat 8. la. pudeur des enfants (art. 25, 191 eh. 1 CP), non pas en meme temps 8. titre de proxenetisme (art. 198 al. 2 CP). Chi favorisce la libidine d'una persona di eta minore. degli anni sedici e punibile soltanto per complicita in atti di libidine con un fanciullo (art. 25, 191, cifra 1, CP), e non contemporanea- .m~nte per lenoncinio {art. 198 cp. 2 CP). A. - Die Eheleute Siegrist erlaubten, dass Karl Fischler vom Januar 1943 an bei Besuchen wiederholt mit ihrem am 6. Juni 1928 geborenen Kinde Martha im gleichen Bett übernachtete und mit ihm geschlechtlich verkehrte. Nach- dem die Familie im März 1943 in den Kanton Basel-Land umgezogen war, nahm Fischler bei ihr Kost und Wohnung. Er erhielt eine eigene Schlafstätte, begab sich aber jeweilen im Einverständnis der Eheleute Siegrist zur Vollziehung des Beischlafs zu dem Mädchen ins elterliche Schlaf- zimmer ins Bett. Dafür gab er den Eltern des Kindes von seinem Monatslohn Fr. 275.- ab. B. - Am 21. Januar 1944 erklärte das Obergericht des Kantons Basel-Land als Appellationsinstanz die Eheleute Siegrist der Gehülfenschaft zur Unzucht mit einem Kinde (Art. 25, 191 Ziff. l StGB) und der Kuppelei (Art. 198 StGB) schuldig, beides begangen in Idealkonkurrenz. Das Gericht wandte Art. 68 Ziff. l StGB an und verurteilte den Ehe- mann Siegrist zu zehn, die Ehefrau zu acht Monaten Ge- fängnis und jedes zu zwanzig Franken Busse. C. - Gegen dieses Urteil haben sowohl die Verurteilten als auch die Staatsanwaltschaft des Kantons Basel-Land die Nichtigkeitsbeschwerde erklärt. Die Beschwerdeführer machen geltend, Art. 191 und Art.198 könnten nicht in Idealkonkurrenz verletzt werden. Die Staatsanwaltschaft Strafgesetzbuch. N° 19. 79 fügt bei, es sei lediglich die erstgenannte Bestimmung, in Verbindung mit Art. 25 StGB, anwendbar. Der Kassationshof zieht in Erwägung : Nach Art. 191 StGB ist unter anderem strafbar, wer ein Kind unter sechzehn Jahren zum Beischlaf missbraucht. Das hat Karl Fischler getan. Die Eheleute Siegrist haben ihm im Sinne des Art. 25 StGB geholfen, indem sie .ihm erlaubten, zu ihrem Kinde ins Bett zu gehen. Damit leisteten sie der Unzucht Vorschub. Vom März 194~ an taten sie dies aus Gewinnsucht, da sie die monatliche Ent- schädigung von Fr. 275.-, soweit sie. den Wert von Kost und Wohnung überstieg, als Gegenleistung für die Duldung des Geschlechtsverkehrs zwischen Fischler und dem Kinde betrachteten. Nach dem Wortlaut des Gesetzes träfe daher auf ihre Handlung an sich auch Art. 198 . StGB über Kuppelei zu, besonders Absatz 2, der eine verschärfte Strafe vorsieht für den Fall, dass die verkuppelte Person unmündig ist. Wo das Strafgesetzbuch von Unmündigen spricht, ver- steht es in der Regel alle zivilrechtlich unmündigen Per- sonen unter zwanzig Jahren, denn wenn es die nicht über sechzehn Jahre alten Unmündigen ausschliessen will, sagt es dies ausdrücklich, z.B. in Art. 192 und 194. Die Aus- legung nach dem Wortlaut ergäbe somit, dass Art. 198 Abs. 2 StGB alle Unmündigen erfassen würde. Die Aus- legung nach dem Zwecke schliesst dies jedoch aus, denn sowohl die Mindest- als auch die Höchststrafe sind nach Art. 198 Abs. 2 niedriger als nach Art. 191 Ziff. l in Ver- bindung mit Art. 25 und 65 StGB. Art; 198 Abs. 2 StGB droht drei Monate Gefängnis bis fünf Jahre Zuchthaus an, während Art. 191 Ziff. l Abs. l in Verbindung mit Art. 25; 65 und 35 Ziff. l StGB sechs Monate Gelangnis bis zwanzig Jahre Zuchthaus vorsieht. Das Gesetz kann nicht den Kuppler, der dem Beischlaf mit einem Kinde unter sech- zehn Jahren Vorschub leistet, nur nach der milderen Vor- schrift bestrafen wollen; das wäre unvernünftig, denn die

80 Strafgesetzbuch. No 19. Tat des Kupplers zeichnet sich durch Gewinnsucht aus. Art. 198 Abs. 2 kann aber auch nicht mit Art. 191 Ziff. 1 und 25 StGB· ideell konkurrieren. Solche Konkur- renz läge nur vor, wenn nicht schon die beiden letztge- nannten Bestimmungen die Tat in jeder Beziehung er- fassen würden. Das einzige Tatbestandsmerkmal, welches in Art. 198, nicht aber in Art. 191 Ziff. 1 genannt wird, ist die Gewinnsucht des Täters. Damit diese bei der Straf-. zumessung berücksichtigt werden kann, braucht indessen Art. 198 nicht angewendet zu werden, da innerhalb des für die Gehülfenschaft bei Unzucht mit Kindern geltenden Strafrahmens, der bis zu zwanzig Jahren Zuchthaus reicht, der Gewinnsucht auch schon auf Grund. der allgemeinen Regel des Art. 63 StGB Rechnung getragen werden kann. Der Strafrahmen bliebe gleich, wenn Art. 198 Abs. 2 neben Art. 191 Ziff. 1 angewendet würde, denn nach Art. 68 Ziff. 1 StGB darf die Strafe beim Zusammentreffen von Strafbestimmungen nicht über das gesetzliche Höchstmass der durch die schwerste Bestimmung angedrohten Strafart hinaus verschärft werden. Und die Busse, welche Art. 198 Abs. 3 StGB dem Kuppler neben der Freiheitsstrafe androht, kann gegenüber dem gewinnsüchtigen Gehülfen der die Unzucht mit Kindern fördert, auch gestützt auf Art. 50 Abs. 1 StGB ausgesprochen werden. Die Vorinstanz hat daher die Strafe neu auszufällen, ohne Art. 198 StGB anzuwenden .. Demnach erkennt der Kassationshof : Die Nichtigkeitsbeschwerden werden gutgeheissen, das Urteil des Obergerichts des Kantons Basel.:Land vom

21. Januar 1944 wird aufgehoben, und die Sache wird zur Neubeurteilung im Sinne der Erwägungen an die Vor- instanz zurückgewiesen. Strafgesetzbuch. N° 20. 81

20. Extrait de l'arr@t de Ia Cour de cassation penale du 18 fevrier 1944 en Ia cause Mariot c. Ministere public du canton de Geneve. Se.duction. Les textes fran9ais et italien de l'art. l~.6 CP, ~elon lesquels Ie sedu,cteu.r abuse de la confiance ou de l mexpen~nce de sa victime, ont le pas su.r le texte allemand de cette dispo- sition. Verführung. Der französische u.nd der italienische Wortlaut d~ Art. 196 StGB, nach welchen der Verführer die Unerfahrenheit oder das Vertrauen seines Opfers missbraucht, gehen dem deut- schen Wortlaut dieser Bestimmu,ng vor. Seduzione. I testi francese ed italiano dell'art. 196 CP, ~econdo cui il seduttore abusa dell'inesperienza o della fiducia. della vittima, hanno il sopravvento sul testo tedesco.

a) II y a divergence entre le texte allemand d'une part et, d'autre part, les textes franc;ais et italien de l'art. 196 CP. Ceux-ci admettent l'existence du delit de seduction dans les cas ou l'inculpe a abuse ou de l'inexperience, ou de la confiance de sa victime. Celui-Ia, au contraire, exige Ia realisation de ces deux conditions cumulativement : le seducteur doit avoir abuse et de l'inexperience et de la confiance· de sa victime. Comme le Tribunal fäderal l'a dit dans son arret Procureur general du canton de Neuchatel contre S~rautmann, du ier octobre 1943 (RO 69 IV 179), les textes rediges dans les trois langues offi- cielles ayant une valeur egale dans toute la Suisse, il faut, en cas de divergence-, rechercher quel est le texte « juste >> selon les method(}S usuelles de l'interpretation, en droit penal aussi bien qu'en d'autres domaines du droit. A cet egard, l'ex~en des travaux preparatoires etablit ce qui suit en ce qui concerne l'art. 196 CP : Selon l'art. 127 de l'avant-prqjet de 1908, soumis a la 2e commission d'experts, le $educteur abuse de l'inexperience ou de la confiance de sa victime. La commission decida .tout d'abord de reni:Placer le mot « ou » par le mot « et >> (proces- verbaux, tome III, 'PP· 192 ss.), mais elle revint ensuite sur cette decision et retablit la condition alternative (proces-verbaux, tome IV, ~46), qui subsista jusque 6 AS 70 IV - 1944