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64_II_237

BGE 64 II 237

Bundesgericht (BGE) · 1938-01-01 · Deutsch CH
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:?36

Versicherungsvertrag. N° 40.

werden, dass;sie im Sinne der Nichtversicherung erledigt

worden wäre" so kann nach Treu und Glauben der Beklag-

ten nicht zugemutet werden, dieses Risiko als stillschwei-

gend eingeschlossen gelten zu lassen. Zu einer gegentei-

ligen Interpretation zwingt auch Art. 33 VVG nicht;

denn zu den· Merkmalen der hier versicherten Gefahr

gehört eben auch, dass sie im Zusammenhang mit der Aus-

übung der leg ale n Arztpraxis stehe, welches Merkmal

dem Risiko eines Kunstfehlers bei der kriminellen Abtrei-

bung durch den Arzt fehlt.

b) Müsste aber das hier streitige Risiko nicht schon auf

Grund der Auslegung des Parteiwillens nach Art. 2 ZGB

als ausgeschlossen gelten, so würde dies aus Art. 20 OR

folgen, der gemäss Art. 100 VVG auf den Versicherungs-

vertrag Anwendung findet. Das durch den Versicherungs-

vertrag direkt geschützte Interesse, die ökonomische

Schadloshaltung des Arztes, ist zwar an sich ein erlaubtes.

Das Besondere des vorliegenden Falles liegt jedoch darin,

dass die Gefahr bei vorsätzlicher Begehung einer krimi-

nellen Handlung herbeigeführt worden ist.

Die Ver-

sicherung gegen dieses Risiko wäre nach Art. 20 OR nich-

tig, weil sie den Arzt vor den Folgen der Berufsfehler auch

dann zu schützen bestimmt ist, wenn diese im Zusammen-

hang mit dem Missbrauch dieses Berufes zur Begehung

eines Verbrechens passieren. Eine Gefahr aber, die nicht

ausdrücklich in die Versicherung eingeschlossen werden

könnte, weil an und für sich von gesetzeswegen nicht ver-

sicherungsfähig, kann auch nicht in einer generell gefassten

Klausel stillschweigend eingeschlossen sein.

Demnach erkennt das Bundesgericht :

In Gutheissung der Hauptberufung und Abweisung der

Anschlussberufung wird das angefochtene Urteil aufge-

hoben und die Klage abgewiesen.

Vgl. auch Ill. Teil Nr. 23. -

Voir aussi lIle partie n° 23.

Motorfahrzeugverkehr. No 41.

237

VI. MOTORFAHRZEUGVERKEHR

CIRCULATION DES vEHlCULES AUTOMOBILES

41. t1rteU der I. Zivüabteüung vom 19. Juli 19S8

i. S. «Zürich» Allgemeine Unfall-

und Baftpftichhersicherung A.-G. gegen Fischer.

Zusammenstoss zwischen Auto und Fahrrad.

Begriff des durch den B e tri e b eines Motorfahrzeugs her-

beige führten Unfalls, Art. 37 Abs. 1 MFG.

Ver s c h u 1 den s fra g e;

schweres Verschulden des Rad-

fahrers, leichtes Verschulden des Automobilisten, Art. 37

Abs.)} MFG.

Beweislastverteilung: Nach der Regel des Art. 37

MFG hat der Motorfahrzeughalter zu beweisen, dass er den

automatischen Richtungszeiger nicht zu früh

hinausgestellt hat.

A. -

Der Gatte und Vater der Kläger, Josef Fischer,

Fabrikarbeiter und Landwirt, fiel am 9. Mai 1936 um

14~40 Uhr einem Verkehrsunfall zum Opfer, der sich unter

den folgenden Umständen zutrug : Fischer fuhr auf seinem

Fahrrad in rascher Fahrt die ziemlich abschüssige Dorf-

strasse in Hägglingen (Aargau) hinunter. Die Dorfstrasse

mündet in der Weise in die Strasse Dottikon-Hägglingen

ein, dass die erstere den rechten Arm einer Gabelung dar-

stellt, deren linken Arm und Gabelstiel die Strasse Dotti-

kon-Hägglingen bildet. Auf der letzteren kam gleichzeitig

von Dottikon her, also vom Radfahrer aus gesehen von

links, Gustav Zeiler in seinem mit drei Personen besetzten

Auto mit einer Geschwindigkeit von ca. 40 km. Er hatte

die Absicht, auf dem linken Arm der Gabelung in der

Richtung Hägglingen weiter zu fahren und verlangsamte

daher seine Geschwindigkeit etwas. Als er den daherkom-

menden Radfahrer erblickte, stoppte er sofort, so dass sein

Wagen beim Beginn der Gabelung, wo die Strasse sich

zufolge der Einmündung der Dorfstrasse, sowie der an

238

l'olotorfa.hrzeugverkehr. N0 41.

dieser Stelle ebenfalls von rechts einmündenden untern

Friedhofstrasse verbreitert, zum Stehen kam ... Fischer

fuhr mit grosser Wucht vorn links auf den stillstehenden

Wagen Zeilers auf. Er schlug mit dem Kopf auf den

Kühler auf und stürzte über diesen hinweg auf die Strasse,

wo er schwer verletzt liegen blieb. Sein Fahrrad wurde

6,40m zurückgeschleudert und gänzlich demoliert. Das

Auto wurde durch den Anprall ca. 20 cm zurückgeschoben.

Fischer erlag seinen Verletzungen in der folgenden Nacht.

Ein gegen Zeiler angehobenes Strafverfahren wurde

mangels Verschuldens {jingestellt.

B. -

Die Witwe ·und die sechs unmündigen Kinder des

getöteten Fischer erhoben gegen die « Zürich » Allgemeine

Unfall~ und Haftpflichtversicherungs A.-G., bei der Zeiler

für seine Halterhaftpflicht versichert ist, Klage auf Be-

zahlung von Scha-denersatz- und Genugtuungssummen im

Gesamtbetrage von Fr. 18,000.- nebst 5 % Zins seit

15. September 1936.

DieBeklagte beantragte Abweisung der Klage, da der

Unfall nicht· während des Betriebes des Motorfahrzeuges

erfolgt sei und zudem auf das ausschllessliche grobe Ver-

schulden des Radfahrers zurückgefiir.rt werden müsse.

O. -Das Bezirksgericht Bremgarten kam zum Schlusse,

es liege ein Betriebsunfall vor; an diesem treffe·den Verun-

fallten wegen seiner übersetzten· Geschwindigkeit ein ziem-

lich schweres Verschulden,aber auch der Autolenker sei

nicht schuldlos,weil er zu wenig weit rechts gefahren sei

rind weiler den automatischen Richtungszeiger zu früh

hinausgestellt habe, so dass er im kritischen Augenblick

bereits wieder zurückgefallen gewesen sei und der Radfah-

rer nicht habe' ersehen können, nach welcher Seite er aus-

weichen müsse. Das Bezirksgericht erklärte daher die

Versicherungsgesellschaft grundsätzlich als erSatzpflichtig

und setzte den an die Kläger zu leistenden Betrag' ex

aequo etbono auf Fr. 5000.- nebst 5 % Zins seit 15. Sep-

tember 1936 fest ..

D. -

Das Obergericht des Kantons Aargau, an welches

notorfahrzeugv"rkehr. Xo 41.

beide Parteien appellierten, ging ebenfalls davon aus" dass

der Unfall mit dem Betrieb des Autos im Zusammenhang

stehe und daher das MFG anwendbar sei. In der Ver-

schuldensfrage nahm das Gericht an, dass die übersetzte

Geschwindigkeit des Radfahrers nur ein leichtes Ver-

schulden darstelle; denn er habe vor Ansichtigwerden des

Autos nur mit einer relativ entfernten Unfall m ö gl ich -

k e i t rechnen müssen, ein grobes Verschulden wäre aber

nur anzunehmen, wenn er trotz hoher Unfall w a h r -

sc he i n 1 ich k ei t so rasch gefahren wäre. Ein Ver:-

schulden des Automobilisten verneinte das Gericht. Zeiler

sei nach den von der Polizei aufgenommenen Lichtbildern

und Feststellungen am Augenschein eindeutig auf der

rechten Strassenhälfte gefahren .. Weiter nach rechts zu

fahren, sei er nicht verpflichtet gewesen, da er dann 'Gebiet

in Anspruch hätte nehmen müssen, das bereits zu der

Dorfstrasse und der untern Friedhofstrasse gehöre. Auch

hinsichtlich der Signalisierung liege kein Verschulden Zei-

lers vor, da der Nachweis dafür fehle, dass der von Zeiler

hinausgestellte Richtungszeiger zu ~ühzeitig wieder zu-

rückgefallen sei. Auf Grund dieser Erwägungen verpflich-

tete das Obergericht in Anwendung von Art. 37 Abs. 2

MFG die Versicherungsgesellschaft des Motorfahrzeug-

halters, den Klägern 70 % ihres gesamten, durch die

Leistungen der SUV A zuzüglich des von dieser gemachten

Abzuges wegen ·Selbstverschuldens.des Verunfallten nicht

gedeckten Schadens von Fr. 10,850.-, d. h. Fr. 7600.-

nebst 5 % Zins seit 15. September 1936, zu ersetzen.

E. -'-- Gegen das Urteil des Obergerichts vom 13. Mai

1938 hat die Beklagte. die Berufung an das Bundesgericht

ergriffen mit dem erneuten Antrag auf Abweisung der

Klage.

Die Kläger haben die Anschlussberufung . erklärt und

um Gutheissung der Klage im Betrage von Fr. 10,000.-

ersucht. Sie fechten die Feststellungder Vormstanz, dass

slch Zeiler eindeutig auf der rechten Strassenhälfte be-

fimdenhabe, als aktenwidrigan,. da sie mit der als

AS 64 II -

1938

16

:Afotorfahrzeugverkehr. N° 41.

zutreffend anerkannten Polizeiskizze im Widerspruch

stehe.

F. -

An der heutigen Hauptverhandlung haben die

Kläger ihre Anschlussberufung zurückgezogen und auf

Abweisung der Berufung und Bestätigung des angefoch-

tenen Entscheides angetragen.

Das Bundesgericht zieht in Erwägung :

I. -

Die Ansicht der Beklagten, die Anwendbarkeit des

MFG und damit der Grundsatz der Kausalhaft sei zum

vorneherein deshalb zu verneinen, weil das Auto Zeilers

im Moment des Unfalles stillstand und der Motor abge-

stellt war, ist von der Vorinstanz mit Recht abgelehnt

worden.

Gewiss befand sich nach dem sogenannten

maschinentechnischen Betriebsbegriff, dem sich auch das

Bundesgericht in seiner Rechtsprechung angeschlossen hat,

das Auto Zeilers im Momente des Zusammenstosses nicht

mehr im Betrieb, da die maschinellen Einrichtungen,

welche die dem Motorfahrzeugverkehr eigentümliche Ge-

fahrenquelle darstellen, also namentlich Motor und Schein-

werfer, nicht mehr im Gang waren (BGE 63 II S. 269,

S. 342; STREBEL, Anm. 7 ff. zu Art. 37 MFG). Allein das

ist nicht entscheidend, sondern massgebend ist, ob das

Unfallereignis in seiner Gesamtheit betrachtet auf den

Betrieb des Motorfahrzeuges zurückzuführen ist, und das

ist hier ohne Zweifel der Fall: Der Zusammenstoss ereig-

nete sich, weil das Auto Zeilers auf die Strassengabelung

zufuhr, während gleichzeitig von der andern Seite der

Radfahrer daherkam. Der Zusammenstoss war also eine

Verwirklichung der besondern, durch den Betrieb eines

Motorfahrzeuges geschaffenen Unfallgefahr, um derent-

willen in erster Linie die Einführung eines vom gemeinen

Recht abweichenden strengeren Haftungsprinzips als not-

wendig erachtet wurde.

2. -

Für den Fall der Anwendbarkeit der Haftungs-

grundsätze des MFG nimmt die Beklagte den Standpunkt

ein, dass ihre Haftpflicht wegen groben Verschuldens des

:Motorfahrzeugverkehr. No 41.

241

Getöteten dahinfalle, da den Automobilisten kein Ver-

schulden treffe.

Im Verhalten des Getöteten muss nun allerdings eine

sehr schwere Fahrlässigkeit erblickt werden. Die von der

Vorinstanz geäusserte gegenteilige Auffassung ist völlig

unhaltbar. Fischer fuhr mit weitübersetzter Geschwindig-

keit -

nach den Akten muss sie über 30 km betragen

haben -

die ziemlich abschüssige Dorfstrasse hinab gegen

die Gabelung zu, die nach den bei den Akten liegenden

Photographien zu schliessen, nicht völlig übersichtlich ist.

Er musste also damit rechnen, dass auf der Strasse von

Dottikon her plötzlich ein Auto oder ein sonstiges Hinder-

nis auftauchen könnte, in welchem Falle ein Zusammen-

stoss sozusagen unvermeidlich war; denn wie der nachher

eingetretene Unfall zeigt, war die Geschwindigkeit des

Radfahrers derart gross, dass er die Herrschaft über sein

Rad völlig verloren hatte. Er war bei Ansichtigwerden

des Autos weder im Stande, anzuhalten, noch auszuwei-

chen, sondern fuhr geradewegs in das Auto hinein. Wer

unter Umständen wie den vorliegenden mit derart über-

setzter Geschwindigkeit fährt, verletzt eine elementare

Vorsichtspflicht, deren Beachtung jedem verständigen

Menschen in gleicher Lage hätte einleuchten müssen, und

handelt darum grob fahrlässig (BGE 54 II S. 403; 62 II

S. 317; vgl. auch STREBEL, Anm. 105 zu Art. 37 MFG).

Trotz dem groben Verschulden des Getöteten kommt

jedoch eine völlige Befreiung des Halters von seiner Haft-

pflicht nicht in Frage, sondern nur eine Herabsetzung der-

selben, weil -

wiederum entgegen der Ansicht der Vor-

instanz -

ein wenn auch nicht sehr erhebliches Verschulden

des Autolenkers Zeiler anzunehmen ist.

Wie die Vorinstanz auf Grund des von ihr vorgenom-

menen Augenscheins festgestellt hat, befand sich das Auto

Zeilers im Moment des Zusammenstosses allerdings auf

der rechten Strassenhälfte. Die Kläger haben diese Fest-

stellung zwar als aktenwidrig angefochten. Da sie die An-

schlussberufung zurückgezogen haben, könnte sich fragen,

:?4:?

Motorfahrzeugverkehr. No 41.

ob damit uicht auch die Aktenwidl'igkeitsl'üge dahinfalle.

Diese Frage j,st zu verneinen, wenn mau, wie wohl richtig

sein wird, auch dem Berufungsbeklagten das Recht zur

Erhebung von Aktenwidrigkeitsrügen zubilligt (wie WEISS,

Berufung S. 270 Ziffer 3 und der dort erwähnte Entscheid

BGE 25 II S. 594 ohne weiteres als gegeben anzunehmen

scheinen). Die Frage kann indessen im vorliegenden Falle

unentschieden bleiben, da die Aktenwidrigkeitsrüge sich

ohnehin als unbegründet erweist (wa,s näher ausgeführt

wird).

Allein es kann der Vorinstanz nicht beigepflichtet wer-

den, wenn sie gestützt hierauf ein Verschulden des Zeiler

ohne weiteres verneint. Es wäre vielmehr ein Gebot der

Vorsicht gewesen, wenn Zeiler im Hinblick auf die Möglich-

keit des Auftauchens irgend eines andern Fahrzeuges aus

der untern Friedhof- oder der Dorfstrasse, statt hart an

der linken Grenze seiner Fahrbahn zu fahren, etwas weiter

nach rechts gehalten hätte. Dies wäre ihm ohne weiteres

möglich gewesen, ohne dass er die Achse seiner Stra,sse

hätte verlassen und Gebiet befahren mü,ssen, das bereits

zu den beiden Strasseneinmündungen gehört; denn da

sein Wagen nur 1.30 m breit ist, betrug sein Abstand von

dem parallel zur Stra,ssenachse verlaufend gedachten

Strassenrand immer noch 1.80 m. Wäre er etwas weiter

rechts gefahren, so wäre zum mindesten die Unfallgefahr

bedeutend geringer gewesen, wenn der Unfall nicht über-

haupt hätte vermieden werden können. Die Ausseracht-

lassuug dieser Vorsichtsma,ssnahme ist dem Autolenker

zum Verschulden anzurechnen.

Überdies muss die Frage der Signalisierung entgegen der

Meinung der Vorinstanz zu Ungunsten des Autolenkers

entschieden werden. Wenn die Vorinstanz nämlich er-

klärt, es sei nicht bewiesen, dass Zeiler den Richtungs-

zeiger zU früh hinausgestellt habe und deswegen ein Ver-

schulden nach dieser Richtung verneint, so geht sie von

einer unrichtigen Verteilung der Beweisla,st aus. Der

grundsätzlich kausal haftende Automobilist hat nicht nur

~Iot.()rfahrzeugverkehr. No 41.

U3

zu beweisen, dass er den Richtungszeiger hinausgestellt

habe, sondern auch, da,ss dieser im kritischen Moment, als

der Radfahrer das Auto erblickte und sich über das einzu-

schlagende Verhalten schlüssig werden musste, noch

hinausgestellt war. Da,s Risiko des vorzeitigen Zurück-

fallens des Zeigers geht also zu La,sten des Automobilisten.

Eine Vermutung für die Rechtzeitigkeit der erfolgten Sig-

nalisierung aufzustellen und gestützt hierauf die Beweis-

last umzukehren, wie die Vorinstanz dies getan hat, ver-

stösst gegen das Grundprinzip der Kausalhaft.

Diesen Teil des ihr obliegenden Entlastungsbeweises

hat die Beklagte nicht zu erbringen vermocht, so da,ss zu

ihren Uugunsten angenommen werden muss, Zeiler habe

nicht vorschriftsgemäss signalisiert.

Kein Verschulden des Zeiler liegt dagegen im Anhalten,

als er den Radfahrer erblickte. Dieses Verhalten entsprach

vielmehr genau der Vorschrift des Art. 25 MFG, und wenn

es trotzdem zum Zusammenstoss gekommen ist, so lag

der Grund hiefür vor allem in der fehlerhaften Fahrweise

des Radfahrers, der wegen seiner übersetzten Geschwin'<Ug-

keit von dem ihm gewährten Vortrittsrecht nicht mehr

Gebrauch machen konnte.

Verglichen mit dem Verschulden des R.adfahrers erweist

sich somit dasjenige des Automobilisten als geringfügig.

3. ~ Trifft den Verunfallten ein grobes Verschulden, den

Automobilisten dagegen nur ein leichtes, so ist die Ersatz-

pflicht der Beklagten zu ermässigen, wobei nach Art. 37

Abs. 3 MFG die gesamten Umstände, darunter auch die

soziale Stellung und die finanziellen Verhältnisse der Be-

teiligten, mit in Berücksichtigung zu ziehen sind (STREBEL,

Anm. 160 zu Art. 37 MFG). Danach darf, imbesondere im

Hinblick auf die prekäre Lage der Erstklägerin mit ihren

sechs unmündigen Kindern, die durch den Unfall des Er-

nährers beraubt worden sind, der von der Vorinstanz vor-

genommene Abzug von 30 % trotz der abweichenden

Beurteilung der Verschuldensfrage als ausreichend be-

trachtet werden. Dies führt, da die· Schadenshöhe als

244

1\larkellschutz. No 42.

solche nicht :mehr streitig ist, zur Bestätigung des ange-

fochtenen Urteils.

Demnach e:rke'nnt das Bundesge:richt :

Die Hauptbernfung wird. abgewiesen und das Urteil

des Obergerichts des Kantons Aargau vom 13. Mai 1938

wird bestätigt.

VII. MARKENSCHUTZ

PROTECTION DES MARQUES DE FABRIQUE

42. Auszug a.us dem Urteil der I. ZiTila.bteilung

vom 24. Mai 1938 i. S. Xeller gegen Xeller & Co.

M a r ke n rech t,

Firm enre c h t.

«Wollen-Keller» als

Marke und als Geschäftsbezeichnung.

1. Markenrecht an Zeichen, die an sich nicht schutzfähig sind,

sich aber durch langandauernden Gebrauch dur eh g e set z t

haben. Erw. l.

2. Firmenrecht.

Individualrecht an sog.

G e s c h ä f t s b e -

z eie h nun gen (enseignes).

Voraussetzungen und Gel-

tungsbereich. Erw. 3.

A. -

Die Klägerin betreibt in Zürich an zwei Geschäfts-

stellen mit VerkaufslokaJen unter der Firma « Keller & Cie

zum Wollenhof » ein Detailgeschäft für Woll- und Baum-

wollwaren, Bonneterie, Chemiserie und Garne. Sie ist

beim Publikum seit Jahrzehnten bekannt unter dem Na-

men « Wollen-Keller » und bedient sich dieser Bezeichnung

teils neben der eigentlichen Firma, teils ohne diese, auch

als Firmenschild an den beiden Geschäftsstellen, ferner

in der Zeitungsreklame, in Katalogen, in Prospekten, auf

Briefbogen, Rechnungen und Verpackungsmaterial. Am

2. Februar 1932liess die Klägerin die Bezeichnung Wollen-

Keller auch als Marke eintragen und zwar in Verbindung

mit einem Bild, das ein strickendes Mädchen darstellt.

1\'Ia,·kenschutz. No 42.

24;;

Der Beklagte eröffnete Mitte April 1937 in Aarau ein

Geschäft für Woligarne, Tricotagen und Strickwaren.

Dabei benützte er von Anfang an die Bezeichnung « Wollen-

Keller » oder « Wollen-Keller Aarau » zur Ankündigung

seines Geschäftes durch die Geschäftsschilder, durch Licht-

und Zeitungsreklame, ferner auf Rechnungen, Lieferschei-

nen, sowie auf Verpackungen und Umhüllungen von

Waren. Am 7. Juli 1937 liess er sich unter der Firma

« Wollen-Keller» ins Handelsregister eintragen.

B. -

Die Klägerin erblickt im Gebrauch der Bezeich-

nung Wollen-Keller durch den Beklagten einen Verstoss

gegen ihre Rechte aus Marken- und Firmenrecht, eventuell

die Verletzung eines ihr zustehenden Individualrechtes,

und zudem unlautern Wettbewerb. Sie hat mit der vor-

liegenden Klage verlangt, dass dem Beklagten verboten

werde, die Bezeichnung als Marke, als Firma und über-

haupt irgendwie für geschäftliche Zwecke zu verwenden.

Die Klage ist vom Handelsgericht des Kantons Aargau

durch Urteil vom 17. Februar 1938 geschützt worden.

Das Bundesgericht hat dieses Urteil bestätigt.

Aus den Erwägungen:

1. -

Die Klage stützt sich in erster Linie auf Marken-

recht. Die eingetragene Marke der Klägerin besteht aus

einer Kombination von Bild- und Wortzeichen.

Der

Beklagte benützt den einen Teil dieser Marke, die Worte

Wollen-Keller.

Damit dem einzelnen Bestandteil eines zusammenge-

setzten Zeichens Schutzfähigkeit zukommt,

muss er

selbst wesentlich und unterscheidungskräftig sein. Sicher

sind nun die einzelnen Worte « Wolle JJ, « Keller » für sich

allein nicht fähig, Warenzeichen im Sinne des Art. 1 MSchG

zu sein, da das erste Wort eine reine Sachbezeichnung ist

und das zweite einen sehr häufig vorkommenden Familien-

namen darstellt. Es würde sich also fragen, ob die Zusam-

menfügung der beiden Worte zum Begriff « Wollen-Keller»

eine eindrucksfähige Einheit hervorbringe, die geeignet